Betreten erbeten

Wie sieht die ideale Wiese aus, zum Beispiel zum Spielen?...

Eine wilde Blumenwiese.
So könnte eine perfekte Wiese aussehen, genau abhängig ist das allerdings von den regionalen Bedingungen. Bild: BIORAMA / Irina Zelewitz.

Eine Wiese wie aus dem Bilderbuch: üppig blühende Wildblumen, Schmetterlinge, Hummeln und Wildbienen. Das haben viele vor Augen, wenn sie an eine Alternative zum artenarmen, tiefgrün gedüngten und kurz getrimmten Rasen denken. Mit dem Wunsch, darauf auch Federball zu spielen, barfuß im Gras zu liegen oder den Kleinen eine Spielwiese zu bieten, lässt sich dieses Idyll aber leider nicht vereinen; zumindest nicht flächendeckend. Denn eine Wildblumenwiese ist zwar wunderschön und aus Sicht der Biodiversität auch optimal. Doch unpraktischerweise ist sie nicht trittfest.

Wie wird Saatgut von Wildpflanzen gesammelt?

Wer das Saatgut wilder Pflanzen sammeln möchte, braucht dafür eine Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde (auf Landkreis-Ebene). Dafür muss angemeldet werden, was wo gesammelt werden soll. Manche Behörden erteilen Genehmigungen für ein oder drei Jahre, manche für einzelne Arten. Die natürliche Fortpflanzungsfähigkeit eines Bestands muss gewährleistet bleiben.

Trittfest und natürlich: der Blumenkräuterrasen

Es gibt allerdings Kompromisse: schön anzusehen, artenreich und problemlos zu betreten. Am praktikabelsten ist das Anlegen eines Blumenkräuterrasens. »Der entspricht traditionellen alten Parkrasenflächen«, erklärt Maria Stark, Naturgartenplanerin und Landschaftsökologin aus dem Allgäu. Theoretisch würde sich dieser im Lauf der Jahre irgendwann von selbst einstellen. Im Garten lässt sich mit der richtigen Saatgutmischung allerdings nachhelfen, ohne jahrelang auf den Anflug der Samen warten zu müssen. »Wichtig ist es, bei der Saatgutmischung darauf zu achten, dass ausschließlich regionale, heimische Arten enthalten sind«, sagt die Naturgartenplanerin. Das sind in weiten Teilen Mitteleuropas neben Gräsern und Gänseblümchen beispielsweise Duftveilchen, die gemeine Braunelle, gelb blühender Hornklee oder der besondere Herbstlöwenzahn. Diese Arten bieten Insekten Pollen und Nektar. Maria Stark rät, darauf zu achten, »niemals im Baumarkt oder konventionellen Gärtnereien auf die bunten Samentütchen oder Gebrauchsrasenmischungen reinzufallen«. Denn wer wirklich gebietsheimische Wildblumen, Gräser und Kräuter aussäen möchte (die für spezialisierte, teils stark bedrohte Insekten von besonderer Bedeutung sind), kauft Saatgut, dessen Herkunft auch regional ausgewiesen ist. Nur dann passt es wirklich in den Naturraum, in dem es sich auch zu bewähren hat. »Im trockenen Weinviertel braucht man eine andere Mischung als im Voralpenland oder im Allgäu«, sagt Maria Stark. Sie weiß: »In Billigsaatgutmischungen aus dem Baumarkt sind meist auch filzbildende Samen des Zuchtgrases Festuca rubra rubra enthalten. Es sorgt dafür, dass es keine kahlen Stellen gibt, stirbt aber in trockenen Phasen ab, vermoost darunter und ist hässlich anzusehen. Aus Sicht der Baumärkte ist das durchaus sinnvoll, weil die Leute dann Kunstdünger und Vertikutierer kaufen. Möchte man das Zuchtgras wieder loswerden, gelingt das nur durch einen vollständigen Bodenaustausch.

Artenreiche Wiesen sind schön anzusehen und bieten Insekten Pollen und Nektar. Hier nascht ein Bläuling am Hornklee eines Blumenkräuterrasens. Bild: Luzia Marchsteiner.


«Die Witterung am Standort entscheidet darüber, wie häufig ein Blumenkräuterrasen gemäht werden muss. In feuchten Senken im Allgäu oder in alpinen Höhenlagen mit viel Tau kann das bis zu zehn Mal im Jahr sein, in trockenen Gegenden reicht fünf bis sechs Mal.

Rewisa-Netzwerk

Regionale Wildpflanzen Samen bezeichnet ein österreichisches Herkunftszertifikat für Regionalität von Pflanzen und Samen. Es ist staatlich kontrolliert und garantiert, dass diese bis zu einer ökologisch wertvollen Herkunftsfläche zurückverfolgt werden können. Es möchte Biodiversität durch regional angepasste Arten erhalten und fördern. Dafür wurde Österreich in zehn naturräumliche, »biogeografische« Regionen eingeteilt.
Umfasst 20 Gärtnereien und Baumschulen, nicht alle biozertifiziert.

Hart, aber bespielbar: der Blumenschotterrasen

Auch der sogenannte Blumenschotterrasen ist gut bespielbar. Dafür werden auf Schotter Wildblumen mit einem deutlich geringeren Gräseranteil ausgesät. »Blumenschotterrasen blüht ganz intensiv, ist noch etwas trittfester und sogar für Parkplätze nutzbar«, sagt Maria Stark. »Wo er am meisten befahren wird, gibt es kaum Bewuchs, der Rest ist intensiv bewachsen und blüht bunt, teilweise mit einem Blumenanteil von bis zu 100 Prozent.« Der Nachteil: »Wenn ein Kind auf Schotter stürzt, ist das natürlich etwas unangenehmer als bei normalem Rasen. Manchen ist der Blumenschotterrasen im Garten als Untergrund deshalb zu hart. Aber zum Boccia-Spielen beispielsweise ist er sehr gut geeignet.«

Saatgut der Rieger-Hofmann GmbH

Hierfür sammelt ein deutschlandweites Netzwerk an Partnerbetrieben. Die Vermehrung des gesammelten Saatguts erfolgt ungebeizt – teilweise auf Biobetrieben und teilweise konventionell. Unbehandeltes Saatgutgut darf auch im Biolandbau verwendet werden.


Durch beide Wiesentypen lässt sich der Wasserverbrauch im Garten wesentlich reduzieren. Egal ob man sich für einen Blumenkräuterrasen, einen Blumenschotterrasen oder auch einfach dafür entscheidet, den bislang monotonen Stoppelrasen langsam der Natur zu überlassen. »Auf üppigen, bislang überdüngten Böden empfiehlt es sich, den Boden abzumagern. Dazu wird einfach Quarzsand eingearbeitet«, sagt Luzia Marchsteiner vom Kompetenzzentrum »Natur im Garten« des Landes Niederösterreich. Auch sie empfiehlt, auf die Beschaffenheit des Saatguts und dessen regionale Herkunft zu achten – und deshalb bei Betrieben zu kaufen, die in der jeweiligen Region behutsam Wildpflanzen sammeln und vermehren. »Denn auch bei Wildpflanzen zählt nicht nur die Vielfalt der Arten, sondern auch die Vielfalt des genetischen Pools innerhalb einer Art.« In Österreich empfiehlt sie »Natur im Garten«-Betriebe, die mit unter dem staatlich kontrollierten Rewisa-Zertifikat für naturnahes Gärtnern arbeiten – darunter finden sich einige, die auch biozertifiziert arbeiten. So auch unter den Partnerbetrieben des Unternehmens Rieger-Hofmann aus Baden-Württemberg, das sich in Deutschland als Drehscheibe für die Vermittlung und Vermehrung »gebietseigener Wildpflanzen« etabliert hat. Es hat 90 Partnerbetriebe in ganz Deutschland – darunter jenen von Naturgartenplanerin Maria Stark –, die auf 2200 Vermehrungsflächen und 900 Hektar dafür sorgen, dass es für jede Region des Landes geeignetes Saatgut und heimische Pflanzen gibt.

Welches Blumenwiese für welchen Garten geeignet ist, ist auch abhängig davon, wie sie genutzt werden soll. Bild: Istock.com/Jeja.

Richtig Mähen

Aus den Beratungsgesprächen am Gartentelefon von »Natur im Garten« weiß Luzia Marchsteiner, dass sich die Anforderungen an eine Wiese oft im Lauf der Jahre ändert. Meist hat das damit zu tun, ob es im Haus kleine Kinder gibt. Ist ein Garten groß genug oder auch einfach nur gut strukturiert, ist Vielfalt auch punkto Rasentypen möglich: »Dann kann ein Teil als Kräuterrasen häufiger gemäht werden und zwischendurch bleiben höhere Wieseninseln mit Wildblumen stehen.« Dabei gilt: Mindestens zwei Mal im Jahr muss jede Wiese gemäht werden, einmal im späten Frühjahr und einmal im Herbst.


Wildsaatgut

Saatgutmischungen heimischer Wildpflanzen, speziell auch für Blumenkräuter- und Blumenschotterrasen bieten ausgewählte Gärtnereien an. Die folgenden sind biozertifiziert: 

Deutschland
syringa-pflanzen.de
rieger-hofmann.de
hof-berggarten.de
gaertnerei-strickler.de


Österreich
wildeblumen.at

Schweiz
ufarevue.ch

Einiges, das BIORAMA sonst noch über Blumenwiesen und Rasen geschrieben habt, findet ihr hier.

BIORAMA #84

Dieser Artikel ist im BIORAMA #84 erschienen

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