Das Virus, die Tiere, das Fleisch

Im Clinch mit der Evolution.

Schweine in einem Transportkäfig
China ist der weltweit größte Schweinefleischverbraucher, weswegen in der Nähe urbaner Gebiete riesige, mehrstöckige Schweinefarmen entstehen. Bild: Istoc.com/Somrerk Kosolwitthayanant.

In einem Gespräch über die Coronakrise landet man unweigerlich und immer wieder beim Fleisch. Man begegnet dem Aspekt auf unterschiedlichen Ebenen und in verschiedenen Kontexten. Bei der Frage nach der biologischen Herkunft, weil es sich bei der Krankheit höchstwahrscheinlich um eine von Tieren auf den Menschen übertragende handelt, bei der Frage nach der geografischen Herkunft, weil recht schnell ein Markt für Wildfleisch in Südchina identifiziert werden konnte, bei der Frage der Ausbreitung, weil sich die Schlachthöfe der Massentierhaltung als Brutstätten des Erregers erwiesen haben, und schließlich in der Diskussion um die Zukunft. Weil die nur funktionieren kann, wenn wir das System Fleisch radikal verändern.

Früher war alles anders. Ganz früher. Also vor dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, als unsere VorfahrInnen noch jagten und sammelten. Das war vor etwa 9000 Jahren. Damals kamen sich der Homo sapiens und seine Beute nur einmal wirklich nahe. Bei der Jagd. Dass dabei ein Virus seinen alten Wirt (das Tier) verlässt und sein Glück in einem neuen Wirt (dem Sapiens) versucht, war höchst unwahrscheinlich. Aber die Zeiten ändern sich, die Menschen wurden sesshaft und begannen, »ihre« Tiere zu domestizieren. Und genau hier beginnt das Drama.

Haus-Tiere

Die Ackerbäuerinnen und Ackerbauern der ersten Stunde holten sich die Tiere buchstäblich ins Haus und lebten auf engstem Raum mit ihnen. Ein eigenes Haus für Kühe, Schafe oder Schweine (heute als Stall bekannt)? Undenkbar. Außerdem sorgten Tiere, vor allem die großen Rinder, für warme Stuben. Aber alles hat seinen Preis, und der Preis für die konstante Versorgung mit Milch, Fleisch und Arbeitskraft war (und ist) ein hoher: Krankheiten, die von Tieren auf Menschen (und manchmal auch umgekehrt) springen und dort im Organismus massive Schäden anrichten. Die Liste dieser Zoonosen, so der Fachbegriff, liest sich wie das Who’s who der schlimmsten Seuchen in der Geschichte unserer Spezies: Aids, Tollwut, Gelbfieber, Ebola, MERS. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit auch SARS-CoV-2. Aber zum Beispiel auch die Masern. Sie waren dabei einer der ersten Kandidatinnen. Der ›Spillover‹, der Sprung über die Artengrenze, erfolgte laut einer neueren Studie von Sébastien Calvignac-Spencer vom Robert-Koch-Institut vor etwa 2500 Jahren. Vom Rind auf den Menschen. Manche dieser Übertragungen erfolgen direkt. Etwa durch Hautverletzungen aufgrund von Bissen oder Kratzern, wie etwa bei der Tollwut. Bei anderen ist ein Vektor, ein Überträgerwirt, notwendig, der den Erreger vom Reservoirwirt auf Menschen überträgt. Das ist auch der Grund, warum man sich und sein Zelt bei Reisen nach Afrika oder Südostasien mit stärkeren Pestiziden einsprüht als einen konventionell bewirtschafteten Getreideacker: um Stiche von zum Beispiel malariaübertragenden Mücken zu vermeiden.

Vor dem Hintergrund dieser Geschichte könnte man meinen, wir wären gewarnt gewesen. Waren wir auch. Nur hörten wir die Rufe nicht. Namhafte EpidemiologInnen warnen uns seit Jahrzehnten vor dem, womit wir im Moment konfrontiert sind. Einer von ihnen ist Rob Wallace, Epidemiologe, Evolutionsbiologe und Berater von Organisationen wie FAO, UNO und der US-amerikanischen Seuchenschutzbehörde (CDC). Was er sagte, klingt aus heutiger Sicht verblüffend prophetisch: »Das Establishment scheint bereit zu sein, einen Großteil der weltweiten Produktivität aufs Spiel zu setzen, die katastrophal einbrechen wird, wenn zum Beispiel in Südchina eine tödliche Pandemie ausbricht.«

Fledermäuse in einem Käfig
Der globale Markt für Wildtiere ist 88,8 Mrd. Euro schwer. Der Markt für Wildtiere in China betrug 2016 laut Chinese Academy of Engineering 66,6 Mrd. Euro. Bild: Istock.com/loeskieboom.

Wilde Formen

Das war 2009. Zehn Jahre später, Ende 2019, sickerten aus China die ersten Nachrichten über einen solchen Erreger durch. Rob Wallace, als Experte immer noch im Spiel, dazu: »Das Virus entstand am Endpunkt einer regionalen Lieferkette für exotisches Essen und setzte eine Übertragungskette von Mensch zu Mensch am anderen Ende der Stadt Wuhan in Gang.« Dabei ist anzumerken, dass unter »exotischem Essen« Wildtiere verstanden werden, die – teils lebend, teils geschlachtet und zerlegt – in einem bestimmten Teil des Marktes angeboten werden. Wallace dazu weiter: »Diese Tiere wurden nicht von der Ladefläche eines Lastwagens herab oder in einer dunklen Gasse verkauft. Die mittlerweile global tätige Wildfleischbranche wird immer formalisierter, größer und wird aus den gleichen Kapitalquellen gespeist wie die industrielle Produktion von Nutztierfleisch.« In China sind das die Schweine. Eine trennscharfe Unterscheidung zwischen Wildfleischmarkt und industrieller Massentierhaltung wird immer schwieriger, zumal »Wildfleisch« seinem Namen immer weniger gerecht wird. Unter der Bezeichnung ›Commercial Wildlife Farming‹ sind Betriebe zusammengefasst, in denen vormals wild lebende Tiere gezüchtet und gemästet werden.

Der Stall im 10. Stock

Die Kulturgeschichte des Fleischkonsums ist keine konstante Entwicklung. Vor allem, was die räumliche Nähe zwischen Mensch und Nutztier betrifft, ist im Lauf der Zeit eher ein oszillierendes Pulsieren zu beobachten als eine kontinuierliche Veränderung. Während die ersten Ackerbäuerinnen und Ackerbauern, wie bereits beschrieben, auf Tuchfühlung und engstem Raum mit ihren Nutztieren wohnten, leben ihre NachfahrInnen heute getrennt von ihnen. Zu dieser Trennung kam es bereits im Mittelalter, und sie hatte mit der Entstehung der Städte zu tun. Erst von Haus und Stall, später dann von Haus und Schlachtbetrieb, noch später verschwanden Zucht und Schlachtung gar aus den Dörfern und wanderten an den Rand der Städte.

In China wird diese Entwicklung gerade wieder umgekehrt. Die Politik holt die Schweine zurück in die urbanen Gebiete, und weil China weltweit der größte Schweinefleischverbraucher ist, sind dafür bizarre Maßnahmen erforderlich. Rund um Peking entstehen im Moment gigantische mehrstöckige Schweinefarmen. Gebäude, die von außen nicht von einem überdimensionalen Gemeindebau zu unterscheiden sind. Zehn Stockwerke, auf denen jährlich 150.000 Schweine gezüchtet und gemästet werden. Die Afrikanische Schweinepest hat aber ein Viertel des Schweinebestands Chinas dahingerafft, was in diesem Land zu einer veritablen Preis- und Versorgungskrise führte. Die Entwicklung zu Intensivierung und Produktivitätssteigerung ist einer der Gründe für die Entstehung der bizarren Schweinebezirke nahe den Metropolen. Ein anderer ist der Versuch, die Schweine vor dem Kontakt zu ihren wild lebenden Artgenossen zu schützen. Auch in Europa gelten Wildschweine als die zentralen Überträger der Schweinepest, nachdem die Infektionskrankheit 2007 auf einem Transportschiff aus Afrika zuerst Georgien erreichte, sich von dort aus zuerst im Kaukasus und schließlich 2014 auch in Mitteleuropa ausbreitete. Auch wenn die Afrikanische Schweinepest keine Zoonose ist und somit für Menschen ungefährlich: Es können auch unsere Nutztiere, sprich die Hausschweine, infiziert und Schweinemastbetriebe sowie Schlachthöfe zu Superspreader-Hotspots zwischen den Tieren werden. Womit wiederum eine viel größere und dauerhafte Nähe zum Menschen entsteht – doch derzeit wird dem Erreger kein zoonotisches Potenzial zugeordnet.

Schweine eng zusammengepfercht.
Chinas Anteil am österreichischen Schweinefleischexport 2019: 11 %. Wachstum gegenüber der Vorperiode: 494 %. Quelle: Statistik Austria (2020). Bild: Istock.com/N_U_T.

Klar ist: Die Afrikanische Schweinepest hat massive Auswirkungen auf unsere Fleischversorgung. In Deutschland trat sie im Spätsommer 2020 erstmals auf, in Österreich beobachtet man die Lage in den Nachbarstaaten mit Argusaugen: In der Nähe von Brandenburg fanden JägerInnen ein verendetes Wildschwein, das, wie sich schnell herausstellte, mit der Afrikanischen Schweinepest infiziert war. Damit ist Deutschland praktisch über Nacht ein wesentlicher Absatzmarkt weggebrochen. Länder wie China, Korea oder Japan reagieren in der Regel höchst sensibel, wenn es um Lebensmittelsicherheit geht. Ein einziger amtlich bestätigter ASP-Fall reicht, um den gesamten Import von Schweinefleisch aus diesem Land zu stoppen. Und diese Länder importieren so gut wie alles, was vom europäischen Schwein übrig bleibt, wenn sich der heimische Markt an den Keulen, Filets und Koteletts bedient hat. Also Köpfe, Ohren und Füße, und zwar in so großen Mengen, dass der Einfluss dieser Länder auf den Fleischpreis enorm ist. Der dadurch entstehende Preisdruck führt unweigerlich auch zu einem Kosten- und auch Wachstumsdruck.

Die Bekämpfung der Seuche ist unserem Kampf gegen Covid-19 nicht unähnlich: Abgrenzung, Quarantäne, Hygieneregeln, die Suche nach einem wirksamen Vakzin. Einziger Unterschied: die Notkeulung. Tritt in einem Betrieb ein Fall auf, gibt es auch für den Rest des Tierbestands am Hof keine Überlebenschance.

Corona, die Lupe für den Stachel im Fleisch

Die Pandemie nahm von einem Wildtiermarkt in Südchina aus ihren Lauf. Die Bilder von den Marktständen in Wuhan gingen in den ersten Monaten des Coronajahres 2020 weltweit durch die Medien. Wir werden also darüber nachdenken müssen, wie mit diesen Märkten künftig umzugehen ist. Der Markt in Wuhan selbst wurde zwar zuerst geschlossen und dann desinfiziert, mittlerweile aber wieder eröffnet. Der informelle Charakter dieser Märkte macht es oft schwer, gewisse Mindeststandards anzuwenden sowie rechtliche Kriterien wie Genehmigungen, Steuern, Regulierungen, Kontrollen und eine Mindestausbildung von Marktanbietern durchzusetzen. Hier ein entsprechendes Regulativ zu finden und das strikte Verbot der Vermarktung sowohl von gefährdeten Arten wie auch von Tieren, denen VirologInnen ein hohes zoonotisches Potential zuschreiben, wären notwendige erste Schritte.

In Europa lenkte Covid die Aufmerksamkeit auf eine andere Stelle. Hier, vor allem in Deutschland, haben sich die größeren Schlachthöfe als Brutstätten für das Virus entpuppt. Das hat zwar nichts mit den Tieren selbst zu tun, sehr wohl aber mit den Arbeitsbedingungen der ArbeiterInnen, die für wenig Lohn in hygienisch fragwürdigen Absteigen hausen, um sicherzustellen, dass unser Fleisch‹ auch billig genug angeboten werden kann. Genau betrachtet ist dieses Problem ein grundlegendes. Niemand wäre verwundert gewesen, hätten sich die Substandardquartiere polnischer ErntehelferInnen oder SpargelstecherInnen als Infektionsherde erwiesen. Erwischt hat es aber Schlachthöfe und fleischverarbeitende Betriebe, und der Fokus des öffentlichen Interesses fiel dabei eher auf eine klaffende Wunde als auf einen wunden Punkt.

Ein weiterer Punkt sei zum Abschluss noch erwähnt, der ausschließlich mit unserem Lebensstil (indirekt jedoch sehr wohl auch mit dem System »Billigfleisch«) zu tun hat. Der massive Anstieg unserer Lust auf Fleisch hat zu einer nicht minder massiven Zunahme an Zivilisationskrankheiten geführt. Präziser formuliert: Die Zunahme des Fleischkonsums erhöht das Risiko, an einer (oder mehrerer) dieser Krankheiten zu erkranken. Letztlich erhöhen – womit wir wieder beim Thema Corona wären – Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen (Krankheiten, die allesamt mit Fleischkonsum in Verbindung gebracht werden) das Risiko für einen »schweren Verlauf« bei einer Infektion mit SARS-CoV-2.

Die Fleischindustrie hat gezeigt, dass sie auf schmerzliche Weise systemrelevant ist, und SARS-CoV-2 hat uns deutlich vor Augen geführt, dass unser Umgang mit Nutztieren und unser Fleischkonsum ein Irrweg sind. Es wird darum gehen, eine Form der Landwirtschaft zu finden, die einen Ausweg aus der Krise bietet. Und die Zeit drängt.

Seriöse weiterführende Informationen gibt es unter anderem bei der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) und der Welternährungsorganisation der UNO (Food and Agriculture Organization, FAO).

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #72 erschienen

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