Die Fischerei hat ihre Kapazitätsgrenzen erreicht. Kann Aquakultur eine Antwort sein? Gibt es ökologische Varianten der 60-Millionen-Tonnen-Industrie?

Gut 3.000 Jahre alt sind die frühesten Belege für Fisch- und Meeresfrüchtezucht. Die Techniken bleiben im Groben lange Zeit die in der Antike entwickelten. Bis sich im 19. Jahrhundert Praktiken zur künstlichen Vermehrung etablieren und in den 1950er-Jahren die Entwicklung von Fischfutter in Granulatform Fischzucht in neuem Ausmaß ermöglicht. In den 1970er-Jahren erreichen die jährlichen Wachstumsraten erstmals Werte um neun Prozent, die sie auch die folgenden Jahrzehnte fortsetzen sollten.

Gleichzeitig war die »Fischproduktion« aus Wildfang in den 70ern auf ihrem weltweiten mengenmäßigen Höhepunkt – Seither sinken die Fangzahlen sukzessive. Gefangen wird Fisch auf viele verschiedene Arten, mehr dazu hier. Die Fangfischerei hatte ihre biologischen Grenzen erreicht und der Durchbruch zur Fischzucht im industriellen Stil war geschafft. Ungefähr im selben Zeitraum hat sich der Pro-Kopf-Verbrauch von Fisch verdoppelt – heute sind es durchschnittlich weltweit 20 Kilogramm, insgesamt rund 90 Millionen Tonnen jährlich. Mittlerweile, laut Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der uno seit 2013, stammt mehr als die Hälfte – 66 Millionen Tonnen – dieses Fisches aus Aquakultur. Diese Industrie hat 2012 mengenmäßig die weltweite Rindfleischproduktion überholt.

62 % des weltweiten Aquakulturfisches stammen aus China. Gleichzeitig wird ein Drittel der gesamten weltweiten Fischproduktion in China konsumiert.

Die Massentierhaltung unter Wasser hat, vor allem durch zu dichten Besatz, die Verfütterung von Antibiotika notwendig gemacht. Diese und der anfallende Fischkot verschmutzen vor allen in den Kulturen in offenen Netzen nun schon seit einigen Jahrzehnten im großen Stil die Gewässer. In Europa haben unter anderem Lachszuchten in Norwegen und Shrimps aus Thailand durch Antibiotika-Kontamination Schlagzeilen gemacht.

Nicht nur Lachs und Shrimps werden in Aquakultur gezüchtet, aber sie in den größten Mengen. Fischzucht in künstlichen und natürlichen Teichen, in Süß- und in Salzwasser, in Tanks an Land und in Netzen entlang der Küsten und sogar auf Hoher See – das alles wird als Aquakultur zusammengefasst. Und mehr: Denn nicht nur Zucht im engeren Sinne, also auch Vermehrung der Tiere in der Kultur, wird unter diesem Sammelbegriff subsumiert, sondern auch Anlagen, die sich darauf spezialisiert haben, junge Fische zu fangen und in Aquakulturen aufzuziehen. Fischmast, nennt sich das, und steht besonders in der Kritik.

Kleine Fische

Die Wildbestände der in Aquakultur gezüchteten Arten werden zumindest durch diese Form der Aquakultur also nicht geschont. Für ein Kilogramm Fisch und Meeresfrüchte aus konventioneller Aquakultur müssen zudem meist zwischen 2,5 bis 5 Kilogramm Fisch, üblicherweise aus Wildfang, verfüttert werden. Der Druck auf die hierfür benötigten Beutefische ist daher hoch, sie machen immerhin 30 % des globalen Fischfangs aus. Dabei nehmen sie eine zentrale Funktion in der Nahrungskette ein, indem sie sich unter anderem von Plankton ernähren.

In der EU stammen 80 % der Produktion aus der Fischerei und 20 % aus Aquakulturen oder Fischfarmen. – Europäische Kommission, Mai 2018

Raubfische essen in der Wildnis verschiedenste Organismen, in Aquakultur liefern derzeit sehr wenige Arten, Sardinen, Makrelen und Anchovis, den erheblichen Anteil für die Produktion von Fischmehl und Fischöl – Arten, die auch direkt vom Menschen verzehrt werden.

Madigmachen

Die gute Nachricht: Während manche Fischarten wie der Thunfisch bis zum 20-Fachen ihres Schlachtgewichts an Beutefisch brauchen, gibt es andere Fische und Meeresfrüchte, bei denen dieses Verhältnis in nachhaltigen Aquakulturen bei 1:1,5 liegt. Gleichzeitig gibt es solche, die sich ohnehin pflanzlich ernähren – Friedfische wie Karpfen oder Schleien etwa – aber auch Raubfischarten, bei denen eine Umstellung auf komplett pflanzliche Ernährung derzeit schon möglich ist. Dass das Futter oft mehr als die Hälfte der Produktionskosten von Fisch aus Aquakultur ausmacht, ist bei steigenden Preisen für Beutefisch Anreiz, pflanzliche Alternativen zum Fischmehl oder dem Verfüttern von Frischfisch weiterzuentwickeln. Oder zwar bei tierischen Protein zu bleiben, aber hier den Fisch durch Insektenlarven zu ersetzen.

Der 4. Mai ist das errechnete Datum, seit dem Deutschland für den Rest des dieses Jahres auf den Import von Fisch und Meeresfrüchten angewiesen ist. Im Binnenstaat Österreich liegt es gar im Jänner.

In biozertifizierter Aquakultur dürfen keine Futtermittel aus Wildfang eingesetzt werden. Genauer gesagt: Der Fisch, der gefüttert wird, darf nicht zu diesem Zweck gefangen werden. Sondern das Fischmehl wird teilweise aus den (Filetier-)Abfällen der Biofischindustrie gewonnen, teilweise wird auch Beutefisch in Aquakultur produziert und so nicht den Gewässern entnommen. Durch eine artgerechte Besatzdichte ist es außerdem möglich, dass in nach EU-Bio-Verordnung zertifizierte Aquakultur auf den vorbeugenden Einsatz von Antibiotika verzichtet wird – und werden muss. Fische aus Bio-Aquakultur sind nicht genmanipuliert und dürfen auch nicht mit genmanipulierten Organismen gefüttert werden. Zudem ist der Einsatz synthetischer Farbstoffe verboten, die es für den Konsumenten schwieriger machen, frischen Fisch an Farbe und Geruch zu erkennen.

Um die Umweltbelastung weiter zu reduzieren, müssen auch die Futterreste und die Ausscheidungen der kultivierten Fische genützt werden, statt die Gewässer zu verschmutzen. Entweder sie werden im geschlossenen System gehalten und wieder zur Futtermittelproduktion verwendet – etwa als Dünger oder als Algennahrung. Oder sie werden, beispielsweise in Netzkäfigsystemen im Meer, durch umliegende Muschel- und Algenkulturen verstoffwechselt. Als Integrierte multitrophische Aquakulturen werden solche Systeme bezeichnet.

Jeder zweite in der EU konsumierte Fisch wird aus dem EU-Ausland importiert.

Derartige mehr oder weniger geschlossenen Kreislaufsysteme verbessern die Umweltverträglichkeit massiv. Doch nicht zuletzt da artgerechte, umweltverträgliche extensive Haltung in Kreislaufwirtschaft auch unter Wasser Platzverbrauch bedeutet, können Bio-Fisch und Meeresfrüchte nur die deliziöse Ausnahme auf dem von ökologischem Gewissen geprägten Speiseplan stehen.

Einige Aquakultur-Produkte sind, wenn man sie aus der richtigen Quelle bezieht, besser als ihr Ruf.
Vier Beispiele in der Gallery:


Greenpeace und der WWF haben Fischratgeber veröffentlicht, in denen abhängig von Art und Fanggebiet Auskunft darüber gegeben wird, ob die jeweilige NGO ihn zum Verzehr empfehlen kann.

Die Kriterien sind unterschiedlich strikt:
Greenpeace.de → Einkaufsradgeber
fischratgeber.wwf.de

Der WWF hat außerdem im Jahr 2010 gemeinsam mit der niederländischen Organisation »Sustainable Trade Initiative« den »Aquaculture Stewardship Council« (ASC) gegründet. Stark kritisiert wird der mittlerweile unabhängige asc unter anderem von Greenpeace, mitunter  auch vom wwf. Das asc-Siegel garantiert einen Katalog an Kriterien, der eigentlich nur als Mindeststandard angesehen werden kann und den doch der Großteil der Aquakultur- und Fischereiindustrie nicht erfüllen kann.

Naturland Zertifizierung für Zuchtfische: Das vom Naturland-Verband entwickelte Siegel für ökologische Aquakultur war Pionierarbeit. Es geht in seinen Anforderungen vor allem in puncto Futtermittel über die EU-Bioverordnung hinaus.

 

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #55 erschienen

Biorama abonnieren

VORGESCHLAGENE ARTIKEL DER REDAKTION