Jagd- und Mastwirtschaft

Kann Aquakultur den Hunger auf den König der Meere nachhaltig stillen?

Wie können wir unseren Hunger auf Thunfisch nachhaltig stillen.
Thunfisch zu züchten ist anspruchsvoll, doch in freier Wildbahn sind die Bestände maßlos überfischt. Kann Aquakultur die Lösung sein?

Es hat sich ausgefischt. Bald. Oder doch nicht? Bei dem, was in hiesigen Speisekarten und Supermarktregalen lapidar als Thunfisch zusammenfasst wird, handelt es sich um sehr verschiedene Arten, so weit so bekannt. Doch nicht nur hat der klassische Dosenthunfisch preislich wenig mit dem roten Thunfisch zu tun, der um bis zu 6.000 Euro pro Kilo auf japanischen Märkten gehandelt und zu Sushi verarbeitet wird, sondern auch die Bedrohungslagen der verschiedenen Thunfischarten und Populationen sind sehr unterschiedlich. Der Fangdruck, dem sie ausgesetzt sind, ist ein globaler und die Fangquoten sowie die Bereitschaft, sich ernsthaft für deren Einhaltung zu engagieren, schwanken fast mit den Launen der Tagespolitik.

Wie geht’s dem Thunfisch?

Durchschnittlich kostet ein Exemplar des Blauflossenthunfischs mehr als eine Tonne des klassischen Dosenthunfischs Skipjack. Und wenn ein Fisch auf dem Weltmarkt gehandelt wird und das Angebot so knapp ist, dass ein einzelnes Exemplar schon für über eine Million Euro über die Marktrampe gegangen ist, dann braucht man eigentlich gar nicht mehr nach dem Ausmaß der existenziellen Bedrohungssituation dieser Art zu fragen.

Gleichzeitig gibt es aus jüngster Vergangenheit erste Positivmeldungen, etwa zu den Thunfischbeständen im Mittelmeer, die sich unter die seit Jahren lauter werdenden Alarmrufe mischen, der Blauflossenthun wäre kaum mehr zu retten. Aber von vorne, denn: So einfach ist das mit dem Thunfischzählen nicht.

Axel Hein klärt uns über die Situation der Thunfiche auf.

Axel Hein ist Meeresbiologe bei der Naturschutzorganisation WWF.

»Man weiß noch zu wenig darüber, wie und wo sich die verschiedenen Thunfische fortpflanzen, und darüber, wie weit sie wandern. Der Atlantische Blauflossenthunfisch wandert jedenfalls Tausende Kilometer weit«, erklärt Axel Hein, Meeresbiologe der Naturschutzorgansiation wwf. Genauere Informationen über die unterschiedlichen Populationen seien jedenfalls notwendig, um zuverlässig zu beurteilen, welche Fangquoten – so sie denn dann auch eingehalten werden – das Tier vor Überfischung bewahren.

»Wir wissen vielfach zu wenig darüber, wie viel Thunfisch es überhaupt noch gibt. Hier eine bessere Datenlage zu schaffen ist dringend notwendig.« – Axel Hein, WWF-Meeresbiologe

Der meistgefangene Thunfisch ist der Echte Bonito, auch Skipjack Thunfisch genannt, die kleinste Thunfischart – als auch die mit dem größten Vorkommen. Und die, die am stärksten befischt wird. Seine Population ist immerhin so stabil, dass einige Produzenten das MSC-Zertifikat tragen. Aufgrund seiner schnellen Regenerationsfähigkeit ist er auch leichter nachhaltig zu bewirtschaften. Nachhaltig heißt hier im Bezug auf die Fangmethode, dass Fischerbootflotten, die via Echolot Thunfischschwärme ausmachen, die Fische mit selektiven Fangmethoden, bei denen kein Beifang gefährdeter Arten wie Haie oder Meeresschildkröten anfällt, fangen.

Besonders bedroht sind jedoch laut der Roten Liste gefährdeter Arten der IUCN (Internationale Union zur Bewahrung der Natur und natürlicher Ressourcen) der Atlantische Blauflossenthunfisch – verwirrenderweise auch als Roter Thunfisch bekannt – und der Südliche Blauflossenthunfisch. Die Bestände sind hier um bis zu 97 Prozent gesunken (im Vergleich zum unbefischten Niveau), aber, so stellt der wissenschaftliche Vorstand der Inter-American Tropical Tuna Commission (IATTC) fest, es sind in den vergangenen Jahren leichte Verbesserungen sichtbar.

Axel Hein warnt vor voreiligen Schlüssen: »Alle Blauflossenthunfische sind massiv unter Druck. In unserer Bewertung fällt er immer noch rot aus. Aufgrund der hohen Nachfrage muss man hier einfach sagen: Finger weg!« Vielfach überfischt sind auch der Großaugen- und der Gelbflossenthun. »Bei diesen Thunfischen sehen wir ähnliche Herausforderungen wie beim Blauflossenthunfisch, aber die Bestände sind vielerorts noch in einem besseren Zustand«, sagt Hein. Der Gelbflossenthunfisch ist übrigens jener Thunfisch, der in Europa häufig als Sushi serviert wird. Es dürfe, so der Experte, jedenfalls nicht der Eindruck entstehen, man könne den Blauflossen-Thunfisch wieder so befischen wie vor 20 Jahren.

Thunfischzucht ist nicht leicht. Eine Universität in Japan will dies durch den Complete Farmraising Cycle ändern.

Thunfische sind so anspruchsvoll, dass sowohl in Mast als auch in Zucht penibelst auf ihre Bedürfnisse in den unterschiedlichen Entwicklunsstadien eingegangnen werden muss.

Thunfisch ist kompliziert

Damit sich die Bestände stabilisieren, müssen die – etwa von einigen Mittelmeeranrainern aufgrund der drastischen Situation nach der Jahrtausendwende beschlossenen – Fangverbote und -quoten beibehalten werden, so der Befund des Meeresbiologen. Mit ein Grund dafür, dass es einen langen Atem braucht, damit sich die Blauflossenthunfischbestände erholen können, ist deren spätes Reproduktionsalter. Der Rote Thun braucht drei bis fünf Jahre, um geschlechtsreif zu sein. Ein erheblicher Teil der Thunfische wird – vor allem im Thunfischlaichgebiet Mittelmeer – gefischt, bevor er dieses Alter erreichen kann und pflanzt sich also gar nicht fort.

Doch bei Weitem nicht der gesamte Fang landet direkt auf unseren Tellern. Da sich Thunfisch schwer züchten lässt – die Idee, diese überfischte Art in Aquakultur zu züchten, ist bei den erzielbaren Preisen fast so alt wie naheliegend –, wird gemästet. Das heißt: Roter Thunfisch wird als Jungfisch – oder mittlerweile auch als Larve – gefangen und jahrelang in schwimmenden Netzgehegen gemästet. Fast ein Worst-Case-Szenario für Umwelt- und Artenschutz, das in den EU-Mittelmeeranrainerstaaten recht üblich ist.

»Bei einem Fisch, der Tausende Kilometer mit bis zu 80 Stundenkilometern zurücklegt, ist es selbstverständlich nicht artgerecht im engeren Sinne, ihn in kleinen Käfigen zu halten.« – Axel Hein

Gleichzeitig wird – wohl in erster Linie aus ökonomischem Interesse – seit Jahrzehnten daran getüftelt, Blauflossenthunfisch zu züchten, also in Aquakultur zu reproduzieren und so Fische heranzuziehen, ohne laufend Fisch aus dem Meer zu entnehmen.

Thunfischarten gibt es viele. Was man im Supermarkt als Thunfisch kauft, hat wenig mit dem typisch roten Thunfisch zu tun.

Die kommerziell bedeutsamsten Thunfischarten.

In Japan, wo sonst?

Die japanische Kindai-Universität hat sich an die Spitze der Unternehmungen zum »Complete Farmraising Cycle« von Blauflossenthunfisch gesetzt. In den 1970ern wurde hier mit den Forschungen dazu begonnen, wie Tunfisch ohne laufenden Einsatz von Wildfang gefarmed werden kann. Bis ins Jahr 2002 sollte es dauern, bis die ersten in Gefangenschaft aufgezogenen Tunfische sich auch dort fortpflanzten.

»Complete farmraising cycle«

Wenn sich die Fische fortgepflanzt haben, werden die befruchteten Eier an der Wasseroberfläche eingesammelt und in Becken an Land, die in puncto Temperatur, Strömung usw. kontrolliertere Aufzuchtbedingungen zulassen, gehalten. Nach 40 Tagen entwickeln sich aus den Larven Jungfische. Diese werden dann für rund drei Jahre zurück ins Meer, in schwimmende Netzgehege, gebracht. Jetzt sollten sie etwa einen Meter lang und 30 bis 50 Kilogramm schwer sein und damit reif für den Verkauf und den Teller – bis auf wenige Ausnahmen, die zur Reproduktion behalten und in separaten Tanks gehalten werden, sich nach vier bis fünf Jahren fortpflanzen und so wieder Eier für die Aufzuchttanks an Land produzieren.

Mittlerweile – die Zahlen stammen aus dem Jahr 2017 – werden aus diesen Eiern 60.000 Jungfische produziert und diese dann in einer Aufzuchtstation in Offshorenetzen großgezogen. Derzeit überleben bis zum Mastalter 3.500 bis 4.000 Fische. Diese rund 1.000 Tonnen Blauflossenthunfisch werden von der Universität in Kooperation mit einer Handelsfirma vermarktet und finanzieren so einen Teil der Forschungsarbeit.

Wie wird gefüttert?

Eine kommerziell rentable Zucht von Blauflossenthunfisch scheint in greifbarer Nähe. Das setzt allerdings einerseits voraus, dass es dann noch erschwingliches Futter für diese Fische gibt, und andererseits, dass die Marktpreise nicht fallen. Bei Zweiterem besteht derzeit wenig Grund zum Zweifel, das Fischfutter jedoch könnte noch rarer werden.

Denn der räuberische Blauflossenthunfisch braucht das 15 bis 20-Fache seines Mastgewichts an Futter. Das ist alles andere als ein gutes Verhältnis von Input an tierischem Eiweiß zu Output. Gefüttert bekommen die Blauflossenthunfische ausgerechnet ihre nahen Verwandten, die Makrelen. Rentabel wird die Thunfischzucht wohl erst, wenn der Räuber zum Verzicht auf Fisch bewegt werden kann. Die Forschung an Thunfischnahrung aus pflanzlichen Proteinen läuft auf Hochtouren – vielversprechend sind etwa Soja und Mais. Doch selbst wenn das gelingen sollte, wird der Verzehr von Blauflossenthunfisch nur nachhaltiger, nicht nachhaltig.

Mehr zum Thema Aquakultur findest du bei BIORAMA hier und zu Aquaponik hier

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #55 erschienen

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