Share on Pinterest

Das Urkorn der Inkas

Share on Pinterest
Empfehle diesen Artikel










Submit
Gladys Caral Lopez, Quinoa-Bäuerin in Bolivien  Bild: Anapqui

Gladys Caral Lopez, Quinoa-Bäuerin in Bolivien
Bild: Anapqui

Quinoa erfreut sich zurzeit in der westlichen Welt sehr großer Beliebtheit. Das 6.000 Jahre alte Korn ist einer der wenigen Pflanzenarten, die in den Höhen der Anden gedeihen und wird von den dort lebenden indigenen Völkern schon seit ebenso langer Zeit kultiviert. Im internationalen Jahr des Quinoa – ausgerufen durch die Vereinten Nationen – ist Gladys Caral Lopez, Bäuerin und Genossenschaftsmitglied der bolivianischen Kooperative ANAPQUI auf Einladung der EZA, die Importorganisation für Fairen Handel, zu Gast in Österreich gewesen. BIORAMA hat sich mit ihr getroffen und über das „Wunderkorn“ Quinoa, Evo Morales und Bio-Landbau gesprochen.

 

Werbung

Parvin Razavi: Guten Tag Frau Lopez,  bei meiner Vorbereitung auf dieses Interview war einer meiner ersten Gedanken: Woher kommt denn das Saatgut, das sie für den Quinoa-Anbau verwenden?

Gladys Caral Lopez: Schönen guten Tag, ich komme von der Genossenschaft ANAPQUI, ich bin Quinoa-Produzentin und die Samen kommen von genau dort her, wo ich zu Hause bin, wo wir seit vielen tausenden von Jahren leben und Quinoa anpflanzen. Das heißt, wir verwenden unsere eigenen Samen. Mir ist es sehr wichtig hier zu betonen, dass die „quinua real“ die Königsquinoa aus unserem Gebiet kommt, vor allen Dingen in dem Zusammenhang, dass die US-amerikanische Universität in Colorado versucht hat, Quinoa-Samen patentieren zu lassen und wir daher unter Beweis stellen mussten, dass diese Samen aus den Ruinen unsere Vorfahren stammen. Diese Ruinen werden Jahr für Jahr von tausenden Touristen besucht, und man kann dort Mumien besichtigen, denen Gefäße als Grabbeigabe mitgegeben wurden, und in diesen Gefäßen sind Quinoasamen enthalten gewesen, und diese Quinoa sind genau die Samen, die wir auch heute noch verwenden und „quinua real“ nennen.

Der weltweite Einfluss von Monsanto und deren Kontrolle über Saatgut ist sehr groß, wie verhält es sich da in Bolivien?

Wir Quinoa-Produzenten haben da keine Informationen darüber, wir sind davon aber auch nicht betroffen. Wir wissen aber zum Beispiel, dass Monsanto Soja-Saatgut an Produzenten in Santa Cruz, einem Gebiet im Süden Boliviens, verkauft.

Wie lange sind Sie oder Ihre Familie bereits als Quinoa-Bauern tätig?

Meine Familie baut schon ganz lange Quinoa an, bereits meine Großeltern waren Quinoa-Bauern. Mein Vater war sogar Gründungsmitglied von ANAPQUI, die sich 1983 gegründet haben und als mein Vater verstorben ist, habe ich unser Land übernommen und  bin automatisch Mitglied in der Genossenschaft geworden.

Quinoapflanzen in Blüte Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

Quinoapflanzen in Blüte
Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

Die Böden in den Anden sind ja bekanntlich sehr karg und durch die vielen Jahre des Anbaus auch sehr ausgezehrt. Inwiefern hatte die Umstellung auf Bio-Anbau eine positive Auswirkung auf die Böden?

In dieser Zone wurde eigentlich schon immer biologisch angebaut, unser traditioneller Anbau kam immer schon völlig ohne Chemie aus. Aus dem simplen Grund, weil die Leute einfach auch gar nicht darüber Bescheid wussten, was es alles an chemischen Inputs gibt und in diesem Fall ist das Nicht-wissen manchmal sogar auch von Vorteil gewesen, weil man sozusagen diese ganze Bandbreite an chemischen Möglichkeiten gar nicht kennt. Allerdings konnten wir gegenüber unseren Kunden diese Produkte nicht als biologisch ausweisen, das heißt es war für uns notwendig, dafür ein Zertifikat zu bekommen und dazu musste man auch die ganze Dokumentation des Anbaus bereitstellen.

ANAPQUI hat vor einigen Jahren Normen für den nachhaltigen Quinoa-Anbau festgelegt. Um welche handelt es sich da konkret?

Vieles davon wird ganz selbstverständlich von den Menschen umgesetzt. Es war aber trotzdem ganz wichtig diese Normen nieder zu schreiben und präsent zu halten. Gerade in einer Situation, in der Quinoa sehr nachgefragt ist und dafür sehr hohe Preise bezahlt werden, ist die Versuchung für manche natürlich sehr groß, den Quinoa-Anbau auszuweiten. Es ist ganz wichtig immer einen Teil des Bodens ausruhen zu lassen, denn wenn man die Böden Jahr für Jahr bebauen würde, sinkt der Ertrag, die Pflanzen würden stetig kleiner werden und die Ernte würde dadurch enorm zurückgehen. Eine der Regeln besagt, dass die „barreras vivas“, ein niedriges Buschwerk zwischen den Feldern, das als Windgürtel dient, erhalten bleiben müssen. Bei uns gibt es sehr starke Winde und ohne diese natürlichen Windgürtel sind die Felder wesentlich ungeschützter. Außerdem wurde festgelegt, das pro Familie eine bestimme Menge Land für Lamas bereitgestellt werden muss,  denn die spielen eine wichtige Rolle im Quinoa-Anbau, ihr Mist ist ein wichtiger natürlicher Dünger für unsere Felder. Quinoa und Lamas können also nur miteinander gehen. Ein Teil der Felder sind für die Lamas, ein Teil wird bebaut und ein dritter Teil liegt ruhig, damit sich der Boden erholen kann.

Die Samenkörner der Quinuapflanze sind wahre Kraftkammern. Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

Die Samenkörner der Quinuapflanze sind wahre Kraftkammern.
Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

ANAPQUI bietet seinen Mitgliedern auch Fortbildungskurse in den Bereichen wie Buchhaltung, Verkauf und Vermarktung an, nehmen auch Frauen an diesen Fortbildungen teil?

Die Mehrheit, die diese Fortbildungen in Anspruch nehmen, sind Männer. Es liegt aber daran, dass die Frauen sich eigentlich kaum hinstellen und sagen: Ich gehe dahin. Die Frauen sind nach wie vor sehr stark in ihren traditionellen Rollen gefangen. Es ist nicht so, dass es ihnen unsere Führungskräfte, die Dirigentes, nicht erlauben würden, sie haben schlicht viel zu viel zu tun mit Haushalt, Kinder, Familie und Feldarbeit. Die Dirigentes wissen das auch, wirken aber nicht dagegen, bieten ihnen also keine Anreize dazu. Ich bin der Meinung, man sollte die Frauen zusätzlich motivieren, damit auch sie an diesen Fortbildungen teilnehmen – man könnte dies zum Beispiel, in dem man die Frauen auch finanzielle Unterstützt anbietet.

Versammlung von Quinuabäuerinnen, Anapqui Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

Versammlung von Quinuabäuerinnen, Anapqui
Bild: EZA Fairer Handel/Manfred Wimmer

Wie steht es denn um die junge Generation? Gibt es viel Abwanderung?

Ja, es gibt Migration, vor allem in den Jahren in denen das Quinoa ganz wenig wert war, gab es sehr viel Migration. Eben weil die jungen Leute überhaupt keine Chancen mehr im Hochland gesehen haben. Das hat sich aber in den letzten Jahren wieder etwas geändert. Mit dem Quinoa-Boom der letzten Jahre kommen manche von ihnen auch wieder zurück. Aber die Anziehung durch die Städte sind klarerweise sehr groß. Anhand meiner Familie kann ich ihnen ein Beispiel nennen, denn wenn die Kinder in die Stadt ziehen, dann verändert sich auch ihre Mentalität. Unsere große Liebe zur Mutter Erde, ist uns sehr wichtig. Wenn die Jungen aber in die Stadt ziehen, tragen sie zwar diese Liebe noch in ihrem Herzen, aber in der Stadt geht das verloren und sie kommen verändert zurück. Plötzlich wollen sie mit Traktoren das Land bewirtschaften, um noch mehr Profit heraus zu holen und sie sehen den Boden nur mehr als eine Ressource, die ausgebeutet werden kann. Das macht mir eigentlich sehr viel Angst und gefällt mir überhaupt nicht. Bei uns in ANAPQUI gibt es aber Prinzipien, die nicht verletzt werden dürfen und klar festgelegt sind. Für uns Mitglieder ist die Erde keine Ressource, die man einfach ausbeuten kann, sondern unsere Lebensquelle. Die Erde hat uns hervorgebracht und was wir aus der Erde entnehmen, das müssen wir ihr auch wieder zurückgeben. Es gibt allerdings viele, die nicht verstehen, warum es so wichtig ist, die Erde zu schützen und zu pflegen. Wir von Anapqui halten uns aber an diese Regeln, wir kämpfen dagegen an, dass die Erde ausgebeutet wird.

Der Salar de Uyuni, unweit der Quinoafelder. Bild: EZA

Der Salar de Uyuni, unweit der Quinoafelder.
Bild: EZA

Mit Evo Morales wird Bolivien von einem Indio regiert. Wie hat sich unter Evo Morales die Situation der indigenen Völker in Bolivien verändert?

Es hat sich ein wenig verändert. Die indigene Bevölkerung wird jetzt besser unterstützt, die Idigenas sind besser geschützt, ihr Selbstwert hat sich verbessert. Aber all das reicht noch lange nicht, um Jahre, Jahrzehnte, ja Jahrhunderte der Unterdrückung unseres Volkes aufzuheben. Es braucht noch ganz viele Evos, damit wir diese unglaublich festsitzende Krankheit der Unterdrückung wieder loswerden.

Welche Prinzipien sind ihnen wichtig?

Obwohl wir immer eine Hierarchie hatten, also der König und das Volk, waren wir auch immer eine Einheit. Es gibt einen gegenseitigen Respekt und die Pflege der Mutter Erde ist uns sehr wichtig. Wir lieben Mutter Erde und alles was sie uns gibt, daher versuchen wir auch im Einklang mit ihr zu leben. Unsere Götter sind die Sonne, der Mond und Mutter Erde. Es gibt einen 3-Satz der Quechua, der sogar in die bolivianische Verfassung festgesetzt wurde: Sei nicht faul. Sei kein Dieb. Lüge nicht.

Diese Malerei befindet sich auf dem Gebäude der Quinoa-Verarbeitungsanlage der Genossenschaft und zeigt die „Whipala“, die Fahne der Indígenas. Bild: EZA

Diese Malerei befindet sich auf dem Gebäude der Quinoa-Verarbeitungsanlage der Genossenschaft und zeigt die „Whipala“, die Fahne der Indígenas.
Bild: EZA

Eine abschließende Frage noch: Kommt der etwas teurere Preis des Quinoa, das es zum Beispiel hier im Weltladen zu kaufen gibt, auch wirklich den Bauern in den Anden zugute?

Ja! Seit drei Jahren sind die Preise für Quinoa ganz enorm gestiegen und davon profitieren auch wir endlich. Aber all die Jahre davor und obwohl fair gehandelt, haben wir von dem Profit durch den Verkauf und den hohen Preis für Quinoa kaum profitiert. Wir Quinoa-Bauern konnten daher nur ein sehr bescheidenes Leben führen. Dies hat sich aber wie gesagt in den letzten Jahren sehr verbessert.

Vielen Dank für dieses Gespräch Frau Lopez! 

 

ANAPQUI ist der Zusammenschluss von mittlerweile 12 regionalen, Quinoa produzierenden Genossenschaften um den Salar de Uyuni, einem ausgetrockneten Salzsee im Südosten Boliviens. Gegründet wurde Anapqui 1983 um die Abhängigkeit von den Zwischenhändlern zu beenden. Mit diesem Schritt sollte die Verarbeitung und Vermarktung von Quinoa in die eigenen Hände genommen und die wirtschaftliche Situation der Quinoa-Produzenten verbessert werden.

Und HIER geht’s zu zwei Quinoa-Rezepten von Parvin Razavi!

Share on Pinterest
Empfehle diesen Artikel










Submit

Das könnte dich auch interessieren...