Regionalität: So weit das Auge reicht

Das Regionalfenster funktioniert ähnlich wie ein Gütesiegel, ist aber keines. Es gibt die Herkunft an, sagt aber über Qualität nichts aus.

Das »Regionalfenster« zeigt an, in welcher Region in Deutschland ein Produkt hergestellt wurde. Was eine Region ist und wie sie definiert ist, können HerstellerInnen des jeweiligen Produkts selbst entscheiden. So wird das Regionalfenster für jedes Produkt angepasst. Das Label zeigt allerdings nur an, dass ein Produkt in der angegebenen Region hergestellt bzw. verarbeitet wurde – Qualitätskriterien werden nicht miteinbezogen. Was das Besondere am Regionalfenster ist, erklärt Madeleine Altenhein, beim Regionalfenster für Kommunikation verantwortlich.

BIORAMA: Das Regionalfenster möchte ganz explizit kein Gütesiegel sein. Warum nicht – und was ist es dann?
Madeleine Altenhein: Regionalität ist ein sehr komplexes Thema, weil es viele unterschiedliche Einstellungen dazu gibt: Jeder hat eine andere Definition dafür und es ist schwierig, einen allgemeinen Begriff zu finden. Wir sind zu dem Schluss gekommen, eine flexible und verständliche Kennzeichnung zu entwickeln, die individuell anpassbar ist – also kein Logo. Wir wollten, dass es für die VerbraucherInnen selbsterklärend ist.


Das Regionalfenster versteht sich nicht als Gütesiegel, weil es nicht die Qualität, sondern die Herkunft von Produkten anzeigt.
Foto: Regionalfenster.

Wie haben Sie »regional« definiert?
Die Region muss innerhalb Deutschlands liegen und kleiner als Deutschland sein. Dann gibt es verschiedene Möglichkeiten: Man kann sich an die politisch-administrativen Grenzen von Bundesländern oder Landkreisen halten. Die zweite Möglichkeit ist, einen Kilometerradius zu nennen. Die dritte Möglichkeit ist es, Regionen, die sehr emotional behaftet sind – beispielsweise das Rheinland oder die Bodenseeregion –, als Herkunftsort anzugeben.

Das Futter für Nutztiere kommt oft aus Südamerika. Saisonarbeitskräfte, die teilweise aus dem Ausland rekrutiert werden, werden in der Landwirtschaft mit niedrigen Löhnen eingesetzt. Fließen auch solche weitergehenden Aspekte in Ihre Definition von »regional« ein?
Wir haben seit Längerem Arbeitsgruppen, die sich damit beschäftigen, wie wir diese Aspekte ins Regionalfenster inkludieren können. Bisher gibt es die Möglichkeit, die Herkunft von Futtermitteln freiwillig anzugeben, aber verbindlich ist es momentan nicht möglich – sonst gäbe es wahrscheinlich nur sehr wenige Fleischprodukte, die von sich behaupten könnten, regional zu sein.

Welche Mindeststandards müssen Produkte erfüllen, um mit dem Regionalfenster-Label versehen zu werden?
Monoprodukte müssen zu 100 Prozent aus der angegebenen Region stammen. Bei zusammengesetzten Produkten müssen die Hauptzutaten und alle wertgebenden Zutaten zu 100% aus der angegebenen Region stammen. Die regionalen Zutaten müssen mindestens 51% der Gesamtzutaten ausmachen. Allerdings wird Wasser, wenn es die Hauptzutat ist, nicht miteingerechnet, denn sonst wäre ja auch Coca-Cola regional.

Das Regionalfenster wird für jedes Produkt individuell erstellt. Dabei können die HerstellerInnen entscheiden, wie sie die »Region« definieren.
Foto: Regionalfenster.

Warum sollte man Produkte aus der Region kaufen?
Mit dem Kauf regionaler Produkte wird die heimische Wirtschaft gestärkt und die Bäuerinnen und Bauern werden motiviert, weiter hier anzubauen. Außerdem haben regionale Produkte viel kürzere Transportwege und können frischer verkauft werden, weil sie mehr Zeit zum Reifen haben. Kürzere Transportwege sind zudem besser für die Umwelt.

Manchmal ist der Ressourcenverbrauch bei der Lagerung von regionalen Lebensmitteln höher als jener beim Transport von importierten Waren. Da fragt man sich: Was bringt denn »regional« überhaupt?
Wir haben sehr viele saisonale Produkte im Angebot. Es kommt da immer auf das Produkt an, ob es saisonal ist und – wenn es importiert wird – woher es kommt und wie lange die Transportwege konkret sind. Andererseits verbessern sich die Lagermethoden immer mehr, es kann effizienter und kostengünstiger gelagert werden.

In welchem Verhältnis stehen »regional« und »bio« beim Regionalfenster?
Geschätzt sind momentan zwischen fünf und zehn Prozent der Produkte biozertifiziert. Es gab bei uns auch Diskussionen darüber, ob wir eine besondere Kennzeichnung für Bioprodukte machen sollen, aber das ist aktuell viel zu aufwendig. Zudem wollen wir keine Konkurrenz zu bereits existierenden Biosiegeln sein.

Wie läuft der Kontrollprozess für Regionalfenster-zertifizierte Waren ab – wie oft und wie wird kontrolliert, ob die Produkte tatsächlich regional hergestellt wurden?
Zuerst werden die angemeldeten Produkte und die beteiligten Betriebe durch unsere Geschäftsstelle geprüft. Auch die Etiketten werden kontrolliert, andere auf dem Etikett zu findende Aussagen zur Regionalität dürfen nicht im Widerspruch zur Auslobung im Regionalfenster stehen. Dann werden die Unterlagen an eine zugelassene Kontrollstelle weitergegeben, die einmal jährlich prüft, ob die Aussagen zur Regionalität auch in der gesamten Lieferkette eingehalten werden. Zusätzlich zu den jährlichen Audits führen die unabhängigen Kontrollinstitute auch Stichproben durch.


Das Label wird vor allem für Lebensmittel verwendet, aber auch Zierpflanzen und Blumen werden damit gekennzeichnet.
Foto: Regionalfenster.

Steht das Regionalfenster nur produzierenden Betrieben zur Verfügung oder könnten auch Rewe oder Dennree ihre Produkte mit Regionalfenster-Angaben versehen?
Auch der Handel kann das Regionalfenster beantragen. Derzeit haben wir viele Produkte, die vom Handel angemeldet werden. Auch bei den Handelsunternehmen wird die komplette Kette durch ein unabhängiges und mehrstufiges Prüf- und Sicherungssystem kontrolliert – der abpackende Betrieb und die Vorstufen.

Die Regionalfenster-Auszeichnung ist freiwillig. Immer wieder gibt es Diskussionen über verpflichtende Herkunftsangaben. Wie stehen Sie dazu?
Es ist so: Die Entwicklung des Regionalfensters wurde vom Bundesministerium angeregt, aber es wird von einer privatwirtschaftlichen Initiative vergeben – dafür darf rechtlich keine Verpflichtung eingeführt werden. Zudem glauben wir, dass eine Vorschreibung des Regionalfensters nicht umsetzbar ist: Für viele Produkte würde das nicht funktionieren, weil die HerstellerInnen gar keine Rohstoffe aus Deutschland verarbeiten. Und die, die regionale Rohstoffe verwenden, erfüllen auch nicht alle unsere Kriterien.

Foto: Holger Gross.

Madeleine Altenhein, Kulturanthropologin mit Schwerpunkt Europäisierungsforschung und Nahrungsethnologie, arbeitet seit 2013 für das Regionalfenster. Derzeit ist sie Kommunikationsverantwortliche der Regionalfenster Service GmbH.

Der Verein hinter dem Label wurde 2012 privatwirtschaftlich gegründet und wird vom deutschen Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft ideell, aber nicht finanziell unterstützt.

Das Regionalfenster wird von einem Verein getragen und seit Anfang des Jahres vergibt eine ergänzend zum Verein gegründete GmbH das Zeichen. Zu den Mitgliedern des Vereins gehören unter anderem Bioverbände und LebensmittelhändlerInnen.

Was bedeutet Regionalität?

Was heißt regional? Unser Umgang mit Regionalität ist eine Geschichte voller Missverständnisse, gut gemeinter Fehleinschätzungen und gezielter Falschinformation. Wer sich beim Einkauf nicht ausschließlich vom Preis leiten lässt, achtet auf die Herkunft der gekauften Ware. Aber woran erkennt man die – und wie stark wirkt sich die Produktionsmethode, die Region und der Transport etwa auf die Klimabilanz eines Produkts aus?

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #61 erschienen

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