Raus für die Natur!

Obwohl das Wetter nicht immer dazu einlädt, ist die kalte Jahreshälfte die Zeit im Jahr, in der es im Natur- und Artenschutz besonders viel zu tun gibt.

Arbeit im Wald
Freiwillige entfernen junge Fichten zugunsten standortheimischer Laub-gehölze in der Nationalparkregion Sächsische Schweiz. Bild: BergwaldprojektEV.

Die Äste und Sträucher sind kahl, die Stauden müssen erst noch austreiben, viele Tier- und Insektenarten haben sich in ihre Winterquartiere zurückgezogen und bis auf wenige Ausnahmen wie Kolkraben und Fichtenkreuzschnabel, die im Winter brüten, beginnt die Paarungszeit der meisten Vögel erst später, im Frühling. Damit ist der Winter die perfekte Zeit im Jahr, um die Störung in sensiblen Ökosystemen durch Arbeitseinsätze möglichst gering zu halten. Der praktische Naturschutz lebt vom Einsatz freiwilliger HelferInnen. An öffentlichen Aktionstagen von Initiativen und Naturschutzorganisationen können sowohl Erwachsene als auch Kinder teilnehmen. Die Einsätze dauern nur ein paar Stunden, werden angeleitet und beinhalten oft mehrere Aufgaben, die sich vom körperlichen Anspruch her unterscheiden – so können sich alle einbringen. Das Einzige, was man braucht, ist arbeitsgeeignete Kleidung und Handschuhe.

Typisch für die Winterzeit sind Holzarbeiten, die zum Schutz der Vegetation und Tierwelt nur von Oktober bis Ende Februar stattfinden dürfen. Hecken und Bäume werden von dafür ausgebildeten HelferInnen zurückgeschnitten, wenn ihr Schattenwurf auf offenen Flächen mit lichtliebenden Arten zu groß geworden ist. Mithilfe ist erforderlich, indem das Schnittgut anschließend zu sogenannten Benjeshecken aufgehäuft wird, die künftig von Heckenbrütern wie Zaunkönig und Rotkehlchen als Nistplatz genutzt werden können und im darauffolgenden Herbst und Winter Siebenschläfern und Igeln als Lebensraum dienen. Eine andere häufige Maßnahme gegen die Verbuschung von Biotopen mit hochspezialisierten und lichtliebenden Pflanzenarten, auf Heideflächen und Feuchtwiesen ist das Entkusseln. Die sogenannten »Kusseln«, oft sind es die Sprösslinge von Kiefer und Birke, werden mit einer Hacke samt Wurzeln entfernt. Durch die fehlenden Blätter sind die Gehölze allerdings manchmal gar nicht so leicht zu erkennen. Was im Jahr zuvor übersehen wurde, wird dann auch mal mit Astscheren zurückgeschnitten oder die Säge kommt zum Einsatz. Auch in Mooren wird entkusselt, damit die jungen Bäume dem Moor kein Wasser entziehen. 


Benjeshecken sind aufgeschichtete Totholzstreifen aus dünnem Gehölzschnitt mit Ästen und Zweigen, auf denen sich nach und nach durch Samenflug Pflanzen ansiedeln und die Totholzhecke natürlich begrünen.
 
Wer diesen Vorgang beschleunigen will und sich eine blühende Benjeshecke wünscht, kann Kletterpflanzen wie Kapuzinerkresse und standortheimische Gehölze wie Schlehe und Holunder anpflanzen.

Intensivprogramm

Die Erfahrung, eine längere Zeit am Stück, jeden Tag draußen in der Natur sinnvolle Arbeit zu leisten, und zwar von morgens bis abends, wird vom gemeinnützigen deutschen Verein Bergwald e. V. ermöglicht. Das Bergwaldprojekt ist außerdem in Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Spanien und der Ukraine vertreten. Allein in Deutschland finden dieses Jahr an 76 Orten 160 Einsatzwochen statt. Bei den Einsätzen geht es um den Erhalt und die Pflege des Waldes, besonders des Bergwaldes, und die Verbesserung der ökologischen Situation vor Ort. ProjektteilnehmerInnen kümmern sich um Aufgaben wie Waldpflege, Entbuschung, Pflanzung, Zaunbau, Offenlandpflege, Moorwiedervernässung und Gewässerrenaturierung. Im Februar starten die ersten Einsatzwochen. Auf der Ostseeinsel Hiddensee im Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft und im Naturschutzgebiet Hainberg bei Fürth, der größten zusammenhängenden Sandtrockenrasenfläche Nordbayerns, sind etwa Biotoppflege und Entbuschung geplant, im Spessart eine Frühjahrsbepflanzung. Der Verein hat es sich aber auch zum Ziel gesetzt, zu einem besseren Verständnis für die Zusammenhänge in der Natur beizutragen.

In Hainburg Fürth liegt die größte zusammenhängende Sandmagerrasenfläche Nordbayerns. Da es in diesem Biotop extreme Temperaturunterschiede gibt, haben sich dort hochspezialisierte Pflanzen- und Tierarten angesiedelt. Sie werden durch die Offenhaltung der Fläche unterstützt. Bild: BergwaldprojektEV.

In jeder Einsatzwoche wird eine forstkundliche Exkursion mit den TeilnehmerInnen unternommen, in der es um die Besonderheiten des Einsatzortes geht. Peter Naumann, Diplomforstwirt und Vorstandsmitglied des Vereins Bergwaldprojekt, sagt, dass es bei den Projektwochen um unseren Bezug zur Natur geht: »Den TeilnehmerInnen wird die Bedeutung und die Gefährdung unserer natürlichen Lebensgrundlagen bewusst gemacht.« Welche Ziele in Bezug auf das Ökosystem mit verschiedenen Pflegemaßnahmen erreicht werden sollen, wird bei Arbeitseinsätzen grundsätzlich erklärt, das eigene Handeln wird sichtbar.

Termine vom Bergwaldprojekt e. V. einzelne Aktionstage und Naturschutz-Projektwochen für Erwachsene:
bergwaldprojekt.de
alpenverein.at/portal/berg-aktiv -> Bergwaldprojekte
karwendel.org
 
Für Kinder und Jugendliche:
naju.de

Im Karwendelgebirge in Tirol, dem größten Naturpark Österreichs, gibt es vergleichbare Aktionswochen und Bergwaldprojekte. Bei den Umweltbaustellen vom Alpenverein können sich Freiwillige jedes Alters bei Aufräum-, Umstrukturierungs- und Renaturierungsarbeiten im Wald oder auch auf der Alm einbringen, im Gegenzug bekommen sie Kost und Logis.

Verantwortung übernehmen, Prozesse beobachten

Baumpflanzung im Wald
Pflanzung von Weißtannen im Spessart. Bild: BergwaldprojektEV.

Streuobstwiesen und Bäche sind zwei Bereiche im Naturschutz, bei denen es die Möglichkeit gibt, sich regelmäßig um einen Abschnitt der Fläche zu kümmern. BaumpatInnen helfen zum Ende des Winters beim Gehölzrückschnitt und entfernen Mistelbewuchs bei Streuobstbäumen. Viele Städte und Gemeinden vergeben Bachpatenschaften zum Schutz von Gewässern. Regelmäßige Beobachtungsgänge werden gemacht und Missstände der Umweltbehörde gemeldet. Darüber hinaus führen die BachpatInnen Arbeiten im Bach aus, die zur Renaturierung beitragen. In Absprache mit der Organisation, die die Patenschaft verwaltet und zu den Maßnahmen berät, kann das Gewässerbett beispielsweise durch Steine und Totholz strukturiert werden und es werden standortgerechte Stauden und Bäume gepflanzt. Erlen sichern das Ufer gegen Abschwemmungen, da ihre Wurzeln bis tief unter die Bachsole reichen.

Wer sich langfristig auf einer bestimmten Naturschutzfläche einbringen möchte, kann in lokalen Ortsgruppen der Naturschutzvereine mitmachen, die über die jeweiligen Landesverbände organisiert sind. Dort trifft man nicht nur auf Gleichgesinnte und hat schöne Naturerfahrungen an Orten, die für die Öffentlichkeit zum Teil nicht zugänglich sind, da das Verlassen der Wege in Naturschutzgebieten verboten ist; das Verantwortungsgefühl wächst mit jeder Aktion, so auch die Naturverbundenheit, und das motiviert, selbst bei Schneeregen rauszugehen. Über das Jahr hinweg werden die ökologischen Prozesse in der Natur greifbar oder überhaupt erst sichtbar, weil man sich im praktischen Naturschutz viel intensiver damit auseinandersetzt. In Deutschland und Österreich gibt es auch Fachgruppen auf lokaler und regionaler Ebene, beispielsweise zum Waldschutz, Fledermausschutz, auch eine Amphibiengruppe. Ein Erlebnis für die ganze Familie kann es sein, die Krötenwanderungen zu unterstützen, die in milden Jahren bereits im Februar in vollem Gange sind. Jedes Jahr zur Paarungszeit wandern sie zum Gewässer ihrer Geburt. Rechtzeitig müssen Schutzzäune aufgebaut und Amphibienleitsysteme von Laub und anderen Hindernissen befreit werden. Den ganzen Tag über wechseln sich freiwillige HelferInnen ab und tragen Kröten in Eimern sicher über vielbefahrene Straßen.

Infos zu Aktionstagen, Orts- und Fachgruppen zu den Themen Wald, Moor, Gewässer, Streuobstwiesen, Vogelschutz, Fledermausschutz und Amphibien:
bund.net
nabu.de
naturschutzbund.at
bluehendesoesterreich.at (eine Stiftung der REWE Österreich AG)

Kleine Maßnahmen, große Wirkung

Beim Wandern und Spazieren Müll einsammeln, das ist schnell erledigt. Wer das nicht nebenbei erledigen will, sondern maximale Aufräumleistung erzielen möchte, der findet online inzwischen in fast jeder größeren Stadt Gleichgesinnte und Termine, um gemeinsam das einzusammeln, was andere achtlos in der Natur zurückgelassen haben. Aber auch zuhause kann man einiges zum Naturschutz beitragen. Hecken und Gehölze mit Früchten sollten im Garten erst zum Ende des Winters zurückgeschnitten werden, da die Früchte für viele Tiere eine wichtige Energiequelle sind. Der Winter ist eine gute Zeit, um Nisthilfen aus Naturmaterialien für Insekten sowie Nistkästen für Vögel und Fledermäuse zu bauen und diese wettergeschützt anzubringen. Das Holz für die Kästen sollte aus FSC-zertifiziertem Anbau kommen und jedenfalls vollkommen unbehandelt sein. Für Schutz gegen Feuchtigkeit reicht es, die Außenflächen mit Leinöl einzureiben. Je nach Vogelart gibt es Unterschiede bei der Größe des Einfluglochs, bei Blau- und Tannenmeisen sollte es einen Durchmesser von 28 Millimetern haben, für Kohlmeisen, Kleiber und Trauerschnäpper 32 Millimeter, für Rotkehlchen hingegen muss die Nisthilfe halb offen sein. Sie werden im Winter als Schlafplatz aufgesucht und die Suche nach einem geeigneten Brutplatz beginnt bei vielen Vogelarten schon im Februar.

Auch mit Vogelbeobachtungen kann man zum Naturschutz beitragen, indem die Beobachtungen bei »Ornitho« gemeldet werden. Die über das Citizen-Science-Projekt gesammelten Daten werden von WissenschaftlerInnen ausgewertet.

BIORAMA #76

Dieser Artikel ist im BIORAMA #76 erschienen

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