Vögelzählen leicht gemacht

Die Faszination für die Vogelwelt galt lange als schrullig. In den Lockdowns wurde Birdwatching plötzlich zum Breitenhobby – auch in der Stadt. Über die meditative Kraft der Vogelbeobachtung.

Rotkelchen
450.000 VogelfreundInnen beteiligten sich im März an der Wahl zum »Vogel des Jahres«. Auserwählt wurde das Rotkehlchen. Bild: Istock.com/Andyworks.

Im Efeu an der Fassade gegenüber, in der Hundezone oder an der Futterstelle auf der Fensterbank: kein Ort, an dem sich nicht Vögel beobachten ließen. Naheliegend, dass während der Lockdowns I–III plötzlich Birdwatching als Beschäftigungstherapie entdeckt wurde. Als Hobby, das ohne viel Vorwissen auskommt, keinerlei Vorbereitung braucht, keine teuren Anschaffungen; und als abwechslungsreiche Aufgabe beim Spazierengehen. Denn Zeit war plötzlich im Überfluss vorhanden, die Mobilität eingeschränkt. All das schärfte den Blick für das Beachtenswerte in der unmittelbaren Umgebung – und lenkte ihn auf Vögel.

Während die einen meinten, in den Lagunen Venedigs Delfine erspäht zu haben, war das Gezwitscher draußen vor der Tür höchst real. Mit dem ersten Lockdown waren im zeitigen Frühling 2020 auch die Zugvögel in eine weitgehend lahmgelegte, verkehrsberuhigte Landschaft zurückgekehrt. Ideale Voraussetzungen zum Vogelbeobachten auch in der Stadt.

Erstmals online ermittelt: der Vogel des Jahres

Der Verkehrslärm ist längst zurück. Doch die Begeisterung fürs Birdwatching hielt auch im Winter an. Silvia Teich, die Pressereferentin des NABU in Berlin, spricht gar von einem »Extremrekord«, wenn sie von der »Stunde der Wintervögel« erzählt. Diese Aktion ruft jedes Jahr am Ende der Weihnachtsferien zum gemeinsamen Vogelzählen auf Balkons und in Gärten auf. 2005 im Großraum München vom Landesbund für Vogelschutz in Bayern gestartet, propagiert der NABU das Citizen-Science-Projekt mittlerweile deutschlandweit. In den vergangenen Jahren half es beispielsweise, das davor bereits punktuell beklagte Verschwinden des Haussperlings (»Spatz«) auch zahlenmäßig zu belegen. Die einstige Allerweltsart ist vielerorts ganz abhandengekommen.

Heuer war die Überraschung allerdings anderer Natur: 236.000 Menschen beteiligten sich Anfang 2021 am fröhlichen Vögelzählen. 2020 waren es 143.000 gewesen, im Jahr davor 138.000. Eben ein »Extremrekord«. Auch in Österreich, wo die Vogelbeobachtungsaktion von Birdlife getragen wird, blickten 2021 22.000 Augenpaare hinaus auf die Wintervögel (2020: 14.000). »Wir waren beeindruckt, denn Qualität ergibt sich bei dieser Aktion ja aus der großen Masse an Teilnehmenden«, sagt Silvia Teich. Langfristig möchten die NGOs so flächendeckend erfassen, welche Folgen der Klimawandel auf die Vogelfauna hat, welche Zugvögel im Winter vielleicht gleich ganz dableiben.

Um die Begeisterung der vielen neuen VogelfreundInnen weiter zu befeuern, ließ der NABU deshalb im März erstmals den »Vogel des Jahres« wählen. Publikumswirksam hatte man online einen »Wahl-O-Mat« vorbereitet. Wie vor einer Bundestagswahl konnte durch die Beantwortung weniger Fragen der Favorit unter den zehn Kandidaten ermittelt werden. Etwa ob sein Federkleid mit »Mut zu modischen Details« überzeugen solle oder ob man optisch doch eher den »funktionellen Casual-Style« – also ein gut getarntes Tier – bevorzuge. Mit deutlichem Abstand und 60.000 Stimmen wurde so das Rotkehlchen zum Vogel des Jahres gewählt. Der kleine Singvogel verkörpert die vom NABU als Wahlbotschaft formulierte Forderung nach »Mehr Gartenvielfalt!«. Insgesamt hatten 450.000 Personen votiert. Auch das ein »Extremrekord«.

Vogelbeobachtung als Flucht aus dem Alltag

Unter den neuen Vogelbegeisterten mag es das Rotkehlchen so zum household name geschafft haben. Für das Gros der Geflügelten fehlt den meisten aber Fundamentaleres als nur das Vokabular, mit dem sich routinierte Birdwatcher auf Plattformen wie »Ornitho« austauschen. Es fehlt vor allem auch an den Namen. Denn die wenigsten erkennen, was sich da am Futterhäuschen tummelt. »Eine meiner Hauptaufgaben ist es, Vögel zu bestimmen«, sagt Lisa Lugerbauer. Die 25-jährige Studentin der Zeitgeschichte ist bei Birdlife Österreich schon seit 2017 für Social Media zuständig, selbst aber »erst seit Corona wirklich stark in die Vogelbeobachtung reingekippt«. Wenn sie nicht am Bildschirm sitzt und mithilfe von Apps und Bestimmungsbüchern Arten auf eingesandten Fotos bestimmt, ist Lugerbauer selbst draußen mit dem Fernglas unterwegs. »Ich sehe die Vogelbeobachtung mittlerweile als eine Art Meditation – um dem Alltag zu entfliehen und abzuschalten.«

So ganz abzuschalten gelingt der Fridays-for-Future-Aktivistin dann aber doch nicht immer. Immerhin wird der Wienerin sogar bei ihren Familienbesuchen im ländlichen Oberösterreich immer wieder augenscheinlich klar, um wie viel weniger Vögel es im Vergleich zu ihrer Kindheit gibt. »Die Siedlung in meinem Heimatdorf ist stark gewachsen. Die Braunkehlchen sind mit den Hecken und Obstbäumen verschwunden.« Das Verschwinden der Arten ist einer der Gründe, warum sie sich für Biodiversität und Klimaschutz einsetzt. »In meinem Bekanntenkreis dränge ich auch darauf, weniger Bäume zu schneiden und mehr ›Urwald‹ im Garten walten zu lassen.«

Beruflich beschäftigt sie übrigens zumeist die Amsel. Auch die wäre ein Allerweltsvogel, wird aber kaum noch erkannt. »Ich denke, das liegt daran, dass Männchen und Weibchen unterschiedlich gefiedert sind und dass – meinem Gefühl nach – Amselmännchen öfter in Onlinemedien abgebildet werden«, sagt Lugerbauer, »sie sind mit ihrem gelben Schnabel wohl etwas attraktiver«.

Futterstation für Vögel
»My Bird Buddy«: Das smarte Futterhäuschen erkennt mittels AI Vögel und fotografiert sie in Selfie-Perspektive. Ende 2020 sammelte das Start-up des Slowenen Franci Zidar 2 Millionen US-Dollar zur Weiterentwicklung ein. Bild: My Bird Buddy.

Zur Unterstützung gibt es mittlerweile zwar diverse Apps und digitale Hilfsmittel. Und Ende 2020 sammelte das Start-up »My Bird Buddy« per Crowdfunding zwei Millionen US-Dollar ein, um sein digitales Futterhäuschen weiterzuentwickeln, das mittels künstlicher Intelligenz die Tiere beim Fressen bestimmt und fotografiert. Bislang bleiben Bestimmungsbücher mit ihren schematischen Darstellungen aber unerreicht – beziehungsweise liefern eine App ergänzend mit. Das Anfang 2021 erschienene »Handbuch Vögel beobachten« (Kosmos Verlag) des jungen Grazer Ornithologen Leander Khil ist für AnfängerInnen gedacht und kommt bewusst ohne jeglichen Anspruch auf Vollständigkeit aus. Stattdessen konzentriert es sich auf die Basics, auch auf vorbildliches Verhalten beim Vogelbeobachten, und setzt einen Schwerpunkt auf die Bestimmung schwieriger Arten. Dazu gehören beispielsweise »Intersex-Stockenten«, also Vogelindividuen, die sowohl männliche als auch weibliche Merkmale aufweisen. Diese hormonell bedingte Besonderheit klingt speziell, ist aber gar nicht so selten. Und so ein Vogel kann einem auch im Stadtpark oder am Gartenteich begegnen.

BUCHTIPPS:
»Handbuch Vögel beobachten«
Leander Khil über Ausrüstung und Technik, Vorbereitung und Praxis. Kosmos Verlag, 2021.

»Urban Birding«
David Lindo ist der Superstar des städtischen Birdwatchings. Das Buch des Briten: der ultimative Birding-Ratgeber für den Großstadtdschungel. Kosmos Verlag, 2018.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #72 erschienen

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