Kulturkampf um den Wolf. Ein Kommentar

Während das bäuerliche Milieu um Weidetiere bangt, fehlt es an Aufklärung, flächendeckendem Herdenschutz – und genauen Anweisungen, wie sich allzu neugierige Wölfe »vergrämen« lassen.

Die Diskussion um die Rückkehr des Wolfs ist verbissen – und reicht von Romantik bis Panikmache. (Foto: Ralph Frank)

Was war die Schadenfreude groß. Endlich, ein Wolf vor den Toren Wiens! Erst verschwundene Katzen, dann ein gerissenes Schaf und schließlich, nach dem DNA-Test, die Gewissheit, dass es sich bei dem Raubtier wirklich um einen Wolf gehandelt hat. Damit war Anfang des Sommers genau das eingetreten, was zwar nur eine Frage der Zeit gewesen ist, was viele Wolfsgegner aber bereits hämisch herbeibeschworen hatten. Ihre Hoffnung: Solange sich der Wolf nur im Mühl- oder Waldviertel oder fernab in irgendeinem Salzburger Gau Ziegen und Schafe hole, werde sich an der Freude der Städter über die Rückkehr des Wolfs wenig ändern. Tauche der Wolf aber erst einmal im Wienerwald auf, dann werde fix Schluss sein mit der Willkommenskultur der Mountainbiker, verängstigter Nordic Walker und all der Freiluft-Yoga-Emanzen. Mal mehr, mal weniger explizit unterstellen Wolfsgegner all jenen, die Wölfen nicht automatisch mit Büchse und Blei zu begegnen gedenken, Naivität und urbane Dekadenz. Ein wenig bläst auch Stephan Pernkopf, der sonst besonnene Agrar- und Umweltlandesrat im Wien umgebenden Niederösterreich, in dieses Horn, wenn er in einer Pressekonferenz verlautbart: »Die Begeisterung für den Wolf steigt mit der Entfernung. Wir lassen uns aber nichts von den klimatisierten Wiener Büros vorschreiben.« Als ob nicht auch die allermeisten Traktorkabinen und Dienstwägen der AgrarfunktionärInnen längst klimatisiert wären.

Hagel, Dürre, Wolfsbesuch
Dabei kam Isegrim alles andere als überraschend. Während es in Niederösterreich erst 2016 – auf dem Truppenübungsplatz Allentsteig im dünn besiedelten Waldviertel – erstmals seit über hundert Jahren Wolfsnachwuchs gab, breitet sich der Wolf in Deutschland schon seit dem Jahr 2000 von Polen und Tschechien kommend in Sachsen und Brandenburg aus und ist mittlerweile auch in den meisten anderen Bundesländern angekommen. Die vom Auftauchen des intelligenten Raubtiers am intensivsten Betroffenen – extensiv Nutztiere haltende Biobetriebe – hätte es in Österreich also nicht unvorbereitet treffen müssen. Dass der Wolf auch vor Österreich nicht haltmachen wird, war seit mindestens zehn Jahren absehbar. Zeit genug also, um bessere Elektrozäune anzuschaffen, die Schafe, Rinder, Ziegen und Ponys vor Raubtieren schützen. Zeit genug, um sich ernsthaft mit Herdenschutzhunden zu beschäftigen, die solche Nutztiere gegen unerbetenen Besuch verteidigen. Zeit genug, Know-how zu importieren.
Schon klar: Jeder Betrieb, jede Gegend erfordert andere Maßnahmen. Doch wenn sich Getreide und Obst gegen Hagel und Dürre versichern lassen, dann sollte das bei Wolfsrissen auch für Fleckvieh, Brillenschaf und Scheckenziege möglich sein. Die lange Untätigkeit muss sich deshalb sowohl die Politik vorwerfen lassen, wie sie auch ein Totalversagen der bäuerlichen Interessenvertretung darstellt. Offensichtlich fühlt sich die Landwirtschaftskammer vor allem den intensiv wirtschaftenden Betrieben verpflichtet, deren Tiere das Tageslicht ohnehin nur dann sehen, wenn sie zum Schlachthof gefahren werden. Dass Elektrozäune, Hütehunde und Versicherungen eine Investition sind und laufende Kosten und Aufwand verursachen, ist klarerweise ein Argument – aber auch wieder keines, denn: Landwirtschaft ist nicht dem freien Markt unterworfen, sondern wird – was besonders für weniger intensive, kleinstrukturierte und Biolandwirtschaft gilt – besonders unterstützt, weil sie gesellschaftlich erwünscht ist. Dieser Schutzstatus beruht auf keinem Naturgesetz, sondern wurde erarbeitet, erstritten, errungen.

Der Siloballen als Schwachstelle
Ja, was den Wolf angeht, war auch das Gros der bäuerlichen Betriebe selbst untätig. Da mögen die Bäuerinnen und Bauern im internationalen Vergleich deutlich jünger sein als anderswo: Ein Betrieb, der etwa die Mehrkosten eines verstärkten Elektrozauns oder die Anschaffung und Ausbildung eines Herdenschutzhunds durch Crowdfunding hereinzuholen versucht, hätte sich aber noch nicht hervorgetan. Das mag keine flächendeckende Lösung sein, um alle Herden des Hinterlands zu schützen, aber Tatsachen, Vorbilder und ein öffentliches Bild von Dringlichkeit hätten solche Eigeninitiativen wohl geschaffen. »Viele haben einfach immer noch nicht verinnerlicht, dass es nicht ausreicht, Weidetiere durch einen Zaun am Davonlaufen zu hindern, sondern dass es mittlerweile auch darum geht, zu verhindern, dass andere Tiere den Viechern zu nahe kommen«, meint ein hochrangiger Biofunktionär, der ausdrücklich nicht namentlich genannt werden möchte. Das wird in weiten Teilen Deutschlands nicht anders sein als in Österreich. Ein aktuelles Infoblatt des deutschen Bildungsinformationszentrums Landwirtschaft über »Vorbeugung vor Schäden durch den Wolf« weist darauf hin, dass auch auf vielen gesicherten Weiden »Schwachstellen« übersehen werden: etwa Senken und Unebenheiten, die es Wölfen ermöglichen, unter Zäunen durchzuschlüpfen. Oder Siloballen, Felsen und »Übersprungmöglichkeiten« als Begrenzung, welche zwar die Herde zusammenhält, für das Raubtier aber eine Rampe zum gedeckten Buffet darstellt.

Die Lammbratwurst als Lachnummer
Auf der anderen Seite tut es förmlich weh, zu beobachten, wie unbeholfen oft gerade vorbildliche Biobetriebe, die sich sonst um den Erhalt bedrohter Nutztierrassen verdient machen, um Verständnis für ihre Vorbehalte ringen. Zuletzt verbreitete sich etwa das Flugblatt für ein »Mahn- und Solidarfeuer gegen die uneingeschränkte Ausbreitung des Wolfes« des Altmühltaler Schnuckenhofs aus dem bayerischen Erasbach im Internet: als Lachnummer. Weil einerseits darauf hingewiesen wurde, dass Wölfe womöglich Schafe, Ziegen, den Hofhund gar fressen könnten, andererseits aber launig angemerkt wurde: »Für das leibliche Wohl ist gesorgt: Wir wollen Lammbratwürste und Lammkoteletts essen, bevor uns die Wölfe die Lämmer wegfressen.«
Besonders hinterwäldlerisch wird die »Diskussion« im Waldviertel von einem völkischen Provinzpolitiker angeheizt. Seinen Namen wollen wir – don’t make stupid people famous – aussparen. Sein Vorschlag: aus dem Ausland zugewanderte Wölfe einfach abschießen.
Auch der Vorstoß des Landes Niederösterreich, durch eine Novelle des Jagdgesetzes den Abschuss sogenannter Problemwölfe zu vereinfachen, ist eher populistischer Natur. Tatsächlich ist eine »Entnahme« – in der Praxis also der Abschuss – einzelner Tiere mit auffälligem und unerwünschtem Verhalten auch in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU vorgesehen, welche den strengen Schutz des Wolfs regelt. »Jahrelang wurde wenig bis nichts getan, um die Bevölkerung sachlich zu informieren und fachgerechten Herdenschutz zu ermöglichen«, kritisiert Christian Pichler, Wolfsbeauftragter des WWF. »Daher wird jetzt eine Sicherheitsgefährdung herbeigeredet, um Abschüsse von Wölfen zu rechtfertigen.« Gleichzeitig werde der EU-rechtlich gesicherte Artenschutz konsequent schlechtgeredet.

Erziehung durch Gummischrot?
Dass im Sommer 2018 im Grenzgebiet zu Tschechien ein zweites Wolfsrudel nachgewiesen wurde und es damit österreichweit geschätzt 30 Wölfe gibt, ist ein klarer Erfolg ebendieses Artenschutzes. Der führende Wolfsforscher des Landes, Kurt Kotrschal, sagt: »Kein Grund zur Panik. Aufmerksame Gelassenheit ist angesagt.« Die effizienteste Kontrolle des Wolfs sieht er keineswegs in Abschüssen, sondern durch eine Verringerung der viel zu hohen Wilddichte bei Rotwild und Wildschweinen und in der »Erziehung« etablierter Wolfsrudel durch Herdenschutz und Zäune. »Herdenschutz ist nie absolut, sondern macht es für Wölfe unattraktiv, Weidetiere zu erbeuten. Lokale Rudel, die Schafe in Ruhe lassen, können hilfreich sein, weil sie durchwandernde Wölfe fernhalten.« Dass allzu neugierige Wölfe in Niederösterreich nun mit Gummischrot vertrieben werden dürfen, sieht Kotrschal skeptisch. »Der Wert solcher Vergrämungsmaßnahmen ist eher psychologischer Natur; Menschen werden ermächtigt, was zu tun, aktiv etwas zu tun – und kommen so möglicherweise besser mit der Anwesenheit von Wölfen zurecht.«

Wenige Bauern wurden selbst initiativ: Auf dem Landschaftspflegehof von Willi Klaffl schützen Hunde die Waldschafe vor dem Wolf. (Foto: Thomas Weber)

 

Manch Biobauer möchte den Wolf »scharf bejagt« sehen oder gar »ausrotten«. Der WWF wiederum bekämpft die »Panikmache« – in 26 Sprachen. (Foto: Screenshot)

Andere stellen diese Anwesenheit prinzipiell infrage. »Man muss ganz nüchtern fragen: Wie viele Wölfe verträgt ein Land, das landwirtschaftlich und touristisch so intensiv genutzt wird wie Österreich«, meint etwa Niederösterreichs Landesjägermeister Josef Pröll. Und bezieht auf Nachfrage der Zeitung Die PresseUnd wie viele vertragen wir? – klar Position: »Nach meiner Meinung derzeit keine. Der Wolf hat uns in den vergangenen Jahrzehnten nicht gefehlt.«
Gedanklich weiter ist die Debatte um den Wolf in Spanien. Dort hat die Wildtierschutzorganisation Grefa im Sommer ein Label initiiert, das auf Produkten die »Beweidung mit Wolf« kommuniziert – und damit Bewusstsein für geringfügig teurere tierische Produkte schaffen möchte. Dass es durchaus möglich ist, durch geschicktes Marketing auch komplexe Zusammenhänge zu vermitteln, belegt in unseren Breiten der Erfolg der ARGE Heumilch, der es gelungen ist, sperrige Themen wie flächenbezogene und silofreie Milchwirtschaft als Qualitätsmerkmal zu verankern. Oder zuletzt das ganzheitliche Regionalmarketingkonzept »Reine Lungau«, das gemeinsam mit den Naturschutzbehörden des Landes Salzburg, der Salzburg Milch und dem WWF entwickelt wurde, um kleinen Biohöfen in Höhenlagen eine in jeder Hinsicht nachhaltige Grundlage zu schaffen.
Ernst zu nehmende Nachhaltigkeitskonzepte, Biolandwirtschaft, aber auch der naturnahe Tourismus werden die Existenz des Wolfs künftig jedenfalls mitdenken müssen. Sonst verdienen sie diese Bezeichnung nicht.

Geschützt: Mit dem Wolf leben lernen

Es gibt keine Kurzfassung, da dies ein geschützter Beitrag ist.

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