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Gesucht: Laien-Forscher auf den Spuren des Wolfs

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Bereits neun Wolfsrudel gibt es allein in Niedersachsen. Im Rahmen einer gemeinnützigen Biosphere Expedition sollen nun Laienforscher Daten über ihr Verbreitungsgebiet sammeln. (Foto: Theo Gruentjens)

Bereits neun Wolfsrudel gibt es allein in Niedersachsen. Im Rahmen einer gemeinnützigen Biosphere Expedition sollen nun Laienforscher Daten über ihr Verbreitungsgebiet sammeln. (Foto: Theo Gruentjens)

Peter Schütte, Wolfsberater in Niedersachsen, erklärt im Interview warum es das Engagement ehrenamtlicher Laienforscher braucht, um die Akzeptanz für die Rückkehr des Wolfes zu erhöhen.

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In Niedersachsen leben acht der derzeit 46 deutschen Wolfsrudel. Außerdem gibt es Nachweise einzelner Wölfe sowie territorial lebender Fähen selbst in Gegenden, in denen Wildbiologen eine Ansiedelung von Wölfen eher ausgeschlossen hätten. Nun gibt es durch vermehrte Risse von Weidetieren auch einen messbaren Rückgang der Akzeptanz der Wölfe in der Bevölkerung. Warum braucht es nun Freiwillige, die Forstwege systematisch nach Trittsiegeln, Kot oder sonstigen Hinweisen auf Wolfsvorkommen absuchen?
Peter Schütte: Ende November wurden mehrere Wölfe im Landkreis Rotenburg nachgewiesen. Die mit dem Wolfsmonitoring beauftragte Landesjägerschaft geht nun von einem neunten Rudel in Niedersachsen aus. Grundsätzlich ist zu der angesprochenen Lebensraumstudie zu sagen, dass diese eine Berechnung auf der Basis verschiedener Parameter und somit natürlich nicht zu hundert Prozent auf die Realität übertragbar ist. Als eine sehr anpassungsfähige Tierart kann der Wolf dort leben, wo ausreichend Beutetiere und Rückzugsmöglichkeiten für die Welpenaufzucht vorhanden sind. Wölfe können aber dennoch auch in „wolfsuntypischen“ Regionen auftauchen, beispielsweise beim Durchwandern eines Gebietes auf der Suche nach einem neuen Territorium. Einen messbaren Rückgang der Akzeptanz von Wolfspräsenz sehe ich nicht, aber es gibt vermehrt auftretende Nutztierrisse, die in der Presse oftmals großes Aufsehen erregen. Diese geschehen vor allem in Gebieten, wo Wölfe sich neu ansiedeln. Wir haben nicht genügend Informationen über Lebensweise, Bewegungsmuster oder Genetik der freilebenden Wölfe, die ein aussagekräftiges Bild der Wolfspopulation bzw. ihrer dynamischen Entwicklung darstellen. Kenntnisse darüber sind aber essentiell, um ökologische Zusammenhänge, die Entwicklung der Wolfspopulation zu verstehen und schlussendlich auch das Wolfsmanagement inklusive des Herdenschutzes daran anzupassen.
Daher können systematisch geplante Feldkampagnen, die aktiv nach verwertbaren Wolfshinweisen suchen, sehr hilfreich sein, um in kurzer Zeit viele Informationen zusammen zu tragen. Dabei geht es um eine Ergänzung der bestehenden niedersächsischen Strukturen und zusätzliches Datensammeln nach dem international bewährten und vielfach ausgezeichneten System von Biosphere Expeditions.

 

Eine reisserische Schlagzeile in einer großen Tageszeitung kann Jahre der Aufklärungsarbeit in einem Tag zunichte machen.

Es gibt allein in Niedersachsen über 100 ehrenamtliche Wolfsberater, die als geschulte Personen Kadaver gerissener Wild- und Nutztiere begutachten, die Hinweise aus der Bevölkerung sammeln und Öffentlichkeitsarbeit in Sachen Wolf machen. Das klingt eigentlich nach einer Menge: 100 PR-Beauftragte für den Wolf in einem einzigen Bundesland. Kommt das Wissen über den Wolf wirklich nur dann an, wenn man persönlich aufgeklärt wurde, oder woran scheitert’s?
Peter Schütte: Niedersachsen hat eine Bevölkerung von ca. 7,7 Mio Menschen. Sind da 100 Personen, die sich einem offensichtlich sehr polarisierenden Thema – wohlgemerkt hauptsächlich ehrenamtlich – widmen, viel oder gar ausreichend für ein so vielschichtiges Aufgabengebiet? Ich glaube nicht; ich bin ja selbst Wolfsberater. Wie die Kolleginnen und Kollegen versuche ich in meiner Freizeit ehrenamtlich in Sachen Wolfsmonitoring, Rissbegutachtung und Herdenschutz sowie Öffentlichkeitsarbeit aktiv zu sein. Dazu gehören z.B. unzählige Gespräche, Anfragen oder Vorträge. Da bleibt oftmals gar keine Zeit noch rauszufahren, um nach Spuren oder Losung zu schauen. Das Umweltministerium hat mit der Einbindung Ehrenamtlicher versucht, ein Netzwerk zu schaffen, dass sich in Fragen rund um die natürliche Wiederbesiedlung von Wölfen engagiert und das Thema in die Bevölkerung trägt. Das ist sicher ein guter Ansatz, ersetzt aber hauptamtliche Strukturen nicht, die letztlich aus den zur Verfügung stehenden Haushalten gestemmt werden müssen. Aus meiner Sicht ist in dem Bereich trotz Einrichtung des Wolfsbüros und neu geschaffener Stellen weiterhin Handlungsbedarf. Hinzu kommt, dass das Thema Wolf oft sehr emotional und teilweise postfaktisch diskutiert wird. Eine reisserische Schlagzeile in einer großen Tageszeitung kann Jahre der Aufklärungsarbeit in einem Tag zunichte machen. 100 Ehrenamtler, die Aufklärungsarbeit auf Basis von wissenschaftlich fundierten Wissen betreiben, sind da eher viel zu wenig, um solchen Effekten entgegenzuwirken.

Obgleich scheu sorgt die Rückkehr des Wolfes vielerorts für Verunsicherung. Das anpassungsfähige Raubtier, aber auch extensive Tierhalter braucht das Engagement von Umweltschützern.

Obgleich scheu sorgt die Rückkehr des Wolfes vielerorts für Verunsicherung. Das anpassungsfähige Raubtier, aber auch extensive Tierhalter braucht das Engagement von Umweltschützern. (Foto: Theo Gruentjens)

Ab 2017 sind in Niedersachsen jährlich zwei bis vier gemeinnützige Biosphere Expeditions geplant, auf denen interessierte Laien aktives Wolfsmonitoring betreiben sollen. Welche Daten können Laien sammeln, wie sind sie wissenschaftlich verwertbar?
Peter Schütte: Das Bemerkenswerte an einer solchen Expedition ist, dass begeisterungsfähige Leute zusammentreffen, die in ihrem Urlaub bereit sind, aktiv etwas zu tun. So werden beispielsweise in Kleingruppen (öffentlich begehbare) Forstwege abgelaufen und nach Hinweisen auf Wolfspräsenz abgesucht. Wer die Dimensionen der niedersächsischen Forsten kennt, weiß, wie mühselig und zeitraubend dies alleine wäre. Die Expeditionsteilnehmer werden in den ersten zwei Tagen geschult, z.B. nach welchen Hinweisen wir suchen, wie man sie erkennt, wie das entsprechende Datenblatt ausgefüllt wird oder in der Handhabung eines GPS. Dann geht es raus ins Gelände. Funde werden notiert, fotografiert und vom Wolfsberater oder Wissenschaftler begutachtet. Stellt sich ein verwertbarer Fund (Fährte, Losung, etc) heraus, wird dieser in die Datenbank des niedersächsischen Wolfsmonitorings integriert und abschließend dort von offizieller Seite bewertet. Die Erfahrung solcher Feldeinsätze mit Biosphere Expeditions zeigt, dass so Daten gesammelt werden können, die sonst nicht zur Verfügung stehen würden, schlicht weil niemand sie gesammelt hätte. Dabei ist das Prinzip ganz einfach. Ich führe hier gerne ein Beispiel aus dem Leoparden-Monitoring im Oman an: sechs Personen auf einem schmalen Bergpfad, kaum Vegetation, aber erst Person Nummer fünf hatte die Losung erspäht, die eines der dort vom Aussterben bedrohten Leoparden, wie sich später über die Genetik herausstellte.

Schafhalter trifft der Wolf mitunter als "Naturereignis". Nur Gelder, die Risse von Nutztieren kompensieren, ermöglichen seine dauerhafte Akzeptanz. (Foto: Theo Gruentjens)

Schafhalter trifft der Wolf mitunter als „Naturereignis“. Nur Gelder, die Risse von Nutztieren kompensieren, ermöglichen seine dauerhafte Akzeptanz. (Foto: Theo Gruentjens)

Werden die in Niedersachsen gewonnenen Daten auch auf andere Bundesländer umlegbar sein?
Peter Schütte: Ja, denn Niedersachsen kann mit den unterschiedlichen naturräumlichen Gegebenheiten und Bevölkerungsdichten in den Regionen ein Beispiel für andere Regionen Deutschlands sein. Die Wölfe der zentraleuropäischen Flachlandpopulation haben sich in Deutschland in den vergangenen Jahren von der Lausitz kommend in Richtung Nordwesten ausgebreitet. Immer wieder gibt es Wanderbewegungen, vor allem von den das jeweilige Rudel verlassenden Tieren. Um diese Entwicklungen und in erster Linie auch die Genetik der Gesamtpopulation im Blick behalten zu können, ist eine entsprechende Datensammlung, wie eben erwähnt, notwendig. Da die Wölfe sich nicht an Bundeslandgrenzen halten, müssen natürlich auch die Daten zusammengetragen werden. Dies geschieht seit 2016 in der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes für den Wolf (DBBW).

Bei Rissen von Nutztieren steht der Staat schlussendlich für das „Naturereignis“ Wolf an der Seite der Tierhalter.

Du bist selbst Wolfsberater. In Agrar- und Jagdmedien war der Wolf in den vergangenen Jahren immer wieder Thema. Vor allem extensive Bio-Rinder- und Schafhalter bangen um ihre Tiere. Ausgleichszahlungen, mit denen Bauern für gerissene Tiere kompensiert wurden, werden in manchen Gegenden ausgesetzt. Wie geht man als Wolfsberater mit den Sorgen und vermutlich auch dem Ärger von Tierhaltern um?
Peter Schütte: Gleich zu Anfang: Meine persönlichen Erfahrungen im Kontakt mit Tierhaltern dazu sind äußerst positiv. Ein Brennpunkt meiner Arbeit begründet sich in der Tatsache, dass vor allem in Gebieten, in denen sich der Wolf neu etabliert, vermehrt Übergriffe auf Nutztiere geschehen. Hier ist eine intensive Öffentlichkeitsarbeit und vielleicht auch praktische Unterstützung in Sachen dauerhafter Herdenschutz notwendig. Es gibt Fördermittel für Herdenschutzmaßnahmen und Kompensationszahlungen für Übergriffe auf Nutztiere. Ich denke, dies ist gut und richtig so. Höhe und Gegenstand dieser Förderungen werden wohl immer wieder für Diskussionen sorgen, aber schlussendlich steht der Staat hier für das „Naturereignis“ Wolf an der Seite der Tierhalter. Aber dennoch muss jeder Einzelfall genau angeschaut werden. Was waren die Ursachen für einen Übergriff auf Nutztiere? Gibt es Maßnahmen, die so etwas zukünftig verhindern? Wir dürfen nicht vergessen, dass es hier bei uns über 150 Jahre lang nicht notwendig war, Tiere auf der Weide vor dem Wolf zu schützen. Also muss dies erst wieder in die Praxis integriert werden. Ganz wichtig ist, anzuerkennen, dass jeder einzelne Fall eines Übergriffes für die jeweiligen Betroffenen eine schlimme Erfahrung ist. Je nach Betriebs- oder Haltungsform sind die vermeintlich etablierten Lösungen im Herdenschutz auch nicht immer anwendbar. Da ist Innovation, Flexibilität und Durchhaltevermögen auf allen Seiten erforderlich. Wir Wolfsberater versuchen, Weidetierhalter zu unterstützen, offene Ohren für deren Probleme zu haben, von Lösungsansätzen anderer zu berichten, Unklarheiten oder Missverständnisse aufzuklären.

Wir dürfen nicht vergessen, dass es hier bei uns über 150 Jahre lang nicht notwendig war, Tiere auf der Weide vor dem Wolf zu schützen.

Im Herbst hast du für den NABU in Niedersachsen eine Herdenschutztagung auf Gut Sunder organisiert. Was war da Thema?
Peter Schütte: Die Bundesarbeitsgemeinschaft Wolf des NABU hat sich bereits 2014 des Themas Herdenschutz und seiner möglichen Maßnahmen im Rahmen einer Tagung angenommen. 2016 haben wir den Blick ins Ausland geworfen, vor allem in Gebiete, in denen bereits langjährige Erfahrungen mit dem Thema Herdenschutz vorliegen, wie beispielsweise in Kroatien, Norwegen, Türkei und der Schweiz. Am Wichtigsten erscheint mir, anzuerkennen, dass der Schutz von Weidetieren vor Wölfen ein dauerhaftes Thema bleiben wird und damit die Verantwortung von uns allen darin liegt, dies in unserer Gesellschaft zu verinnerlichen. Damit meine ich einerseits Tierhalter, aber auch die städtische Bevölkerung. Denn nur wenn ein gesellschaftlicher Konsens darüber vorliegt, dass sich der Mehraufwand für den Schutz von Weidetieren lohnt, da er eine Koexistenz von Nutztieren und Wölfen in Europa mittel- und langfristig möglich macht, kann auch eine generelle Bereitschaft entstehen, die dafür notwendigen Finanzen zur Verfügung zu stellen. Zurück zur Tagung: Wir konnten mit einigen Vorurteilen über versicherungstechnische Fragestellungen, z.B. zur Tierhalterhaftung bei Wolfsübergriffen aufräumen und lernen, dass eine intensive Auseinandersetzung mit Themen wie Zäunungen oder weitere Forschung zur Interaktion Nutztier/Wolf notwendig ist – und zwar auf kleinräumlicher Ebene. Es gibt keine Pauschallösungen!

Warum kann man nicht den Beruf des Hirten attraktiver machen?

Gab es bei der Tagung für dich auch überraschende Erkenntnisse oder Einsichten?
Peter Schütte: Ja, für mich die (nicht neue oder überraschende) Erkenntnis, dass in anderen Ländern, die Anwesenheit der großen Beutegreifer (Bär, Wolf, Luchs) Normalität ist – damit verbunden auch die Tierhalter und die Bevölkerung daran gewöhnt sind, diesen Tieren auch mal zu begegnen, was ja hierzulande immer noch entweder Begeisterungsstürme oder Panik verursacht. Das erwähne ich deshalb, weil es dort selbstverständlich ist, dass ein Hirte sein Herde „bewacht“. Natürlich ist die Haltungsform oft nicht vergleichbar mit hiesiger gängiger Praxis, aber warum kann man nicht den Beruf des Hirten attraktiver machen, vor allem so gestalten, dass es sich auch lohnt, Tiere zu halten. Das wäre doch ein Ansatz, denn in Zeiten von bio-zertifiziertem Fleisch sollte man doch den Tierhalter nicht vergessen! Darüber hinaus haben mich die Rissstatistiken beispielsweise aus Kroatien (mehr als 2000 gerissene Nutztiere) überrascht. Dagegen sind die Zahlen hier vor allem im Verhältnis zur Anzahl gehaltener Nutztiere sehr gering.

Auch in den Heidelandschaften Niedersachsens fühlt sich der Wolf wohl. (Foto: Theo Gruentjens)

Auch in den Heidelandschaften Niedersachsens fühlt sich der Wolf wohl. (Foto: Theo Gruentjens)

Den Aktivisten der vom NABU ausgehenden „Willkommen Wolf“-Initiative wird immer wieder eine romantische Sichtweise und die rosa Brille der Städter unterstellt. Kannst du diesen Vorwurf nachvollziehen?
Peter Schütte: Ich stelle immer wieder fest, dass die verschiedenen Interessengruppen gar nicht so weit auseinander liegen, wenn man miteinander spricht, nicht übereinander. Hinter “Willkommen Wolf“ steht der Schutz der Tierart Canis lupus. Dieser Schutz ist internationaler Konsens. Der NABU klärt die Öffentlichkeit über eine wiederkehrende Tierart und ihre Lebensweise auf. Es kann Probleme für Weidetierhalter geben, allerdings sind Anpassungsmaßnahmen im Bereich der Freilandtierhaltung möglich, diese stehen ebenfalls im Fokus der Aufklärungsarbeit des NABU. Probleme durch Wolfspräsenz kommen oftmals noch zu anderen Widrigkeiten der Tierhaltung hinzu und bringen so das Fass zum Überlaufen. Das ist sicher nicht jedem Städter bewusst. Dazu kommt vielleicht ein manchmal falsch verstandener Tierschutzgedanke, der nichts mit Naturschutz zu tun hat. Aber nochmal: wenn die Leute miteinander reden, statt übereinander, gibt es viele Schnittmengen und gemeinsame Interessen. Nur findet das leider viel zu selten statt.

Einmal abgesehen von der Bauernschaft: Wie steht der Rest der Bevölkerung zur Rückkehr des Wolfs?
Peter Schütte: Ich bin mit Weidetierhaltern bzw. deren Verbandsvertretern im Gespräch und oft höre ich; „Wir sind nicht gegen den Wolf“. Viele der Landwirte sehen nicht die Wiederbesiedlung der Wölfe als kritisch, sondern die damit verbundenen existentiellen Bedrohungen für Nutztiere und die häufig sehr kleinen Betriebe im Nebenerwerb. Diese haben meistens weder die finanziellen, noch die personellen Möglichkeiten, ihre Herden adäquat zu schützen. Daher würde ich diese Einteilung wie in der Frage formuliert nicht vornehmen. Im Jahr 2015 gab es eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts forsa, in der eine große Mehrheit der Bundesbürger (80 Prozent) es erfreulich fand, dass der Wolf wieder Bestandteil von Natur und Landschaft in Deutschland ist. Jeder Zweite (54 Prozent) verbindet mit dem Wolf positive Gefühle.

Zwei bis drei Biosphere Expeditions sollen in Niedersachsen das Verbreitungsgebiet der Wölfe erforschen helfen. Die dabei gewonnenen Daten sollen auch Rückschlüsse für andere Bundesländer ermöglichen. (Foto: Theo Gruentjens)

Zwei bis drei Biosphere Expeditions sollen in Niedersachsen das Verbreitungsgebiet der Wölfe erforschen helfen. Die dabei gewonnenen Daten sollen auch Rückschlüsse für andere Bundesländer ermöglichen. (Foto: Theo Gruentjens)

Seit kurzem gibt es Wikiwolves.org, ein Netzwerk in dem sich Freundinnen und Freude des Wolfs organisieren, um betroffene Bauern zu unterstützen. Sie helfen – ebenfalls ehrenamtlich – etwa beim Errichten von Herdenzäunen, beim Bewachen des Viehs oder springen gar im Urlaub als Hirten ein. Braucht der Wolf in Deutschland ehrenamtliches Engagement, um dauerhaft überleben zu können?
Peter Schütte: Wölfe können in unserer Kulturlandschaft nur überleben, wenn die Gesellschaft deren Anwesenheit akzeptiert. Daher ist die Gesellschaft auch gefordert, Lösungen dafür zu erarbeiten. Wir haben – im Gegensatz zu unseren Vorfahren vor 200 Jahren – die technischen Möglichkeiten dazu. Daher ist ein solches ehrenamtliches Engagement, wie beispielsweise von Wikiwolves.org ein tolles Beispiel für ein Miteinander. Im Übrigen wird es ab Frühjahr 2017 ein ganz ähnliches Konzept des NABU Niedersachsen geben, um für noch mehr Bereitschaft zu werben, Herdenschutzmaßnahmen durchzuführen und diese dann in die Fläche zu bekommen.

Vor allem in der Jägerschaft wird immer wieder diskutiert, ob Wölfe, die nicht maßvoll bejagt werden, nicht langfristig die Scheu vor dem Menschen ablegen und dadurch ihr im Laufe von Jahrmillionen Koexistenz mit dem Menschen ihr natürliches Verhalten verlieren würden. Diese Überlegungen sind dir sicher nicht neu …
Peter Schütte: Der Abschuss eines Wolfes ist Verstoß gegen geltendes Recht. Der Wolf ist eine nach internationalem und nationalen Recht streng geschützte Tierart, die in ihrer zentraleuropäischen Flachlandpopulation weit vom Erreichen eines günstigen Erhaltungszustandes entfernt ist. Der günstige Erhaltungszustand ist die von der FFH-Richtlinie geforderte anzustrebende Untergrenze für eine Population einer besonders geschützten Art, sein Erreichen rechtfertigt keinerlei bestandesregulierende Maßnahmen durch den Menschen. Das natürliche Wechselspiel von Vermehrung, Zu- und Abwanderung und Sterblichkeit bestimmt die Bestandsgröße der Wolfspopulation. Als Spitzenraubtier hat der Wolf keine natürlichen Feinde in Form von anderen, größeren Tieren. Insbesondere die Verfügbarkeit von Nahrung ist entscheidend für die Zahl der Wölfe, aber auch Krankheiten können den Bestand verringern. In seinen Verbreitungsgebieten pendelt sich das Verhältnis zwischen Räuber und Beute ein, weshalb eine Regulierung durch den Menschen nicht notwendig ist. Darüber hinaus gibt es Erkenntnisse, welche fatalen Folgen eine Zerstörung der Sozialstruktur eines Rudels beispielsweise in der Beutegreifung, nämlich die Spezialisierung auf Nutztiere, haben kann. Alle anderen Annahmen über mögliche Verhaltensänderungen bei Wölfen in Folge von Bejagung halte ich für spekulativ und nicht hilfreich.

Gerade in jenen Ländern, die im Hinblick auf ihre Wolfspopulationen oft als vorbildlich genannt werden, gibt es mehr oder weniger konsequent eingehaltene Abschussquoten auch für Wölfe.
Peter Schütte: Vorbildlich in Bezug worauf? Auf eine dauerhafte Präsenz von Wölfen? Ja, es gibt europäische Länder, in denen Wölfe bejagt werden. Als Beispiele nenne ich Schweden oder die Slowakei. Die Bejagung soll dort die Akzeptanz von Wölfen in der Bevölkerung verbessern. Ich persönlich finde das äußerst fragwürdig und es widerspricht auch den Vorgaben und Zielen des europäischen Naturschutzrechtes, wie ich ja schon erwähnte. Diese Länder haben auch jetzt eine Untersuchung der EU am Hals. Aber auch dies ist letztlich eine gesellschaftliche Entscheidung. Ich frage mich allerdings grundsätzliche Dinge wie: Ist ein Jäger überhaupt in der Lage das Tier, das er klar ansprechen muss, um es zu schießen, zu beurteilen? Welches Geschlecht, wie alt, wie fit, darf es überhaupt getötet werden? Fälle in der Vergangenheit zeigen, dass oftmals Hunde mit Wölfen verwechselt wurden. Es erfordert sehr viel Erfahrung, einen gesichteten Wolf richtig einzustufen, ist es ein erwachsener Wolf, ein Jährling oder ein Welpe, der nach wenigen Monaten bereit sehr groß ist und auf Distanz kaum vom adulten Tier unterschieden werden kann. Ich bezweifle, ob eine Bejagung so durchgeführt werden kann.

Einen dreilebenden Wolf wird man nur mir sehr viel Glück beobachten können. Seine Trittsiegel oder seine Losung lässt sich allerdings auch von aufmerksamen Wanderern ausmachen. (Foto: Theo Gruentjens)

Einen dreilebenden Wolf wird man nur mir sehr viel Glück beobachten können. Seine Trittsiegel oder seine Losung lässt sich allerdings auch von aufmerksamen Wanderern ausmachen. (Foto: Theo Gruentjens)

In den alpinen Gegenden – von Frankreich über Italien, über die Schweiz, Österreich bis nach Bayern – forderten Bauernverbände im Spätsommer die Alpen als wolfsfreie Zone, um kleinstrukturierte, extensive Viehwirtschaft zu erhalten. Gibt es ähnliche Initiativen auch in Mittel- und Norddeutschland?
Peter Schütte: Es gibt immer wieder Forderungen, Deiche oder küstennahe Gebiete als „wolfsfreie Zonen“ zu deklarieren. Da stellen sich mir verschieden Fragen zur eventuellen Durchführbarkeit. Aber ich hinterfrage auch die für diese Forderung angeführten Gründe, nämlich, dass Herdenschutzmaßnahmen in diesen Gebieten nicht umsetzbar seien. Ich denke, an dieser Stelle hat man noch nicht alle Möglichkeiten durchdacht. Ich kenne einige innovative Ideen, die Zeit und Hartnäckigkeit benötigen und auch Umstellungen beispielsweise in der Beweidung. Aber mit einem kategorischen „Das-geht-nicht“ möchte ich mich nicht abfinden. Aber Voraussetzung ist natürlich auch hier, dass Gelder bereitgestellt werden müssen, um Maßnahmen auszuprobieren.

Zurück nach Niedersachsen: Wie wahrscheinlich ist es, dass man als Laienforscher bei einer Wolfs-Expedition einen frei lebenden Wolf zu Gesicht bekommt?
Peter Schütte: Die Erfahrungen der letzten Jahre in Deutschland zeigen, dass Wölfe in der Regel Menschen aus dem Weg gehen. Wir betreiben im Zuge der Expedition in erster Linie Monitoring, keine Tierbeobachtungen. Daher ist nicht unbedingt von Sichtungen auszugehen. Aber ausschließen kann ich es nicht. Ich werde auf jeden Fall mein Fernglas immer griffbereit haben.


Weiterlesen?
Eine Reportage über eine Teilnahme an einer Biosphere Expedition auf den Spuren von Wolf, Luchs und Bär in der slowakischen Hohen Tatra gibt es hier.
Der Wolf ist in BIORAMA immer wieder Thema. Beschäftigt haben wir uns etwa bereits mit dem Einsatz von Herdenschutzhunden, dem seit über 100 Jahren ersten Wolfsrudel in Österreich oder der Initiative „Willkommen Wolf“ – ihren Sprecher Markus Bathen haben wir ausführlich interviewt. Ebenso den Vorarlberger Bio-Bauern und Rinderzüchter Simon Vetter („Der Bauer, die Wölfe und das Vieh“). Außerdem hat uns Verhaltensforscher Kurt Kotrschal „8 gute Gründe, keine Angst vor dem Wolf zu haben“ genannt.

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Thomas Weber

Herausgeber

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