Warten auf das Wunschkind

Das passiert hinter den Türen einer Kinderwunschklinik. Yasmin Vihaus hat dazu für BIORAMA Fragen gestellt, die sie sich selbst vorher so nicht gestellt hat.

In der Kinderwunschklinik von Dr. Brunbauer hoffen Paare auf die Erfüllung ihres sehnlichsten Wunsches. Bild: Michael Mickl.

Auf dem Rezeptionstisch türmen sich kleine blassrosa Teedöschen, auf denen in schnörkelig-weißer Schrift »Wunschkind« zu lesen ist, abgesehen von diesem Detail wirken Eingangsbereich und Rezeption der Kinderwunschklinik Dr. Brunbauer auf den ersten Blick eher so, als könnte man sich hier für eine Beauty- oder Wellnessbehandlung anmelden: Holzfußboden, weiße Wände, skandinavische Designermöbel und abstrakte Kunst im Großformat runden das Ambiente ab, in dem Paare über lebensverändernde Entscheidungen nachdenken: Wollen wir eine künstliche Befruchtung?

Wer sich Gedanken über ein Kind und dessen Zeugung macht, hat selten eine Ordination, einen Warteraum oder gar eine Klinik im Kopf, sondern denkt viel eher an Abende zu zweit, die dann und wann zur heiß ersehnten oder überraschend entdeckten roten Linie auf dem Schwangerschaftstest führen. Solche Szenarien bleiben allerdings etwa sieben bis neun Prozent aller Paare mit Kinderwunsch in Österreich verwehrt. Die Ursachen für ungewollte Kinderlosigkeit sind vielfältig und können sowohl aufseiten des Mannes, also im Spermiogramm, als auch aufseiten der Frau, etwa durch Erkrankungen wie Endometriose, das PCO-Syndrom oder durch eine Anomalie der Eierstöcke, bestehen. Eine große Rolle spielt zudem auch das Alter und die abnehmende Fruchtbarkeit.

Zwischen Wollen und Können

Sich mit dem Thema Kinderlosigkeit oder abnehmender Fruchtbarkeit zu beschäftigen, fällt schwer, wenn man nicht betroffen ist. Mit 26 Jahren befinde ich mich zwar praktisch im perfekten Alter, meines Erachtens nach aber nicht in der perfekten Situation. Über das (Nicht-)Kinderkriegen denke ich nur dann nach, wenn ich genervt eine Werbeeinschaltung für digitale Ovulationstests wegklicke. Während die Werbeindustrie über meine wahrscheinliche Fruchtbarkeit scheinbar genauestens Bescheid weiß, blende ich diese Tatsache lieber aus.

Damit bin ich nicht alleine, weder in meinem Freundeskreis noch gesamtgesellschaftlich gesehen. Das Durchschnittsalter gebärender Frauen stieg seit den 80er-Jahren von etwa 24,7 auf 30,3 Jahre, der Zeitraum der Fruchtbarkeit hat sich jedoch nicht verlängert. »Man wird mit einer fixen Reserve an Eizellen geboren, die ab der Pubertät im Monatszyklus reifen. Spätestens wenn alle Eizellen verbraucht sind – das passiert meist zwischen 35 und 45 – ist eine Frau nicht mehr fruchtbar«, erklärt Mathias Brunbauer, Leiter einer Kinderwunschklinik im ersten Wiener Gemeindebezirk.

Zudem sei auch die Qualität der Eizellen entscheidend, so der Mediziner weiter: »Man muss bedenken: Die meisten Eizellen, die im Körper entstehen, sind eigentlich nicht gesund ausgereift. Wenn man 20 Jahre alt ist, ist eine von vier Eizellen gesund, mit 30 ist das noch ähnlich oder liegt vielleicht bei eins zu fünf, mit vierzig hingegen ist nur mehr eine von sechs Eizellen gesund.« Wie viele Eizellen noch vorhanden sind, lasse sich relativ einfach durch die Messung der Konzentration des sogenannten Anti-Müller-Hormons im Blut testen, dadurch ist wiederum eine Prognose zur Fruchtbarkeit ableitbar.

Darüber, in welchem Zustand sich die Eizellen befinden, gibt der Test jedoch keine Auskunft. Diese Untersuchung bietet in unserer planungsliebenden Gesellschaft eine gute Lösung für all jene, die über ihre Fruchtbarkeit Bescheid wissen wollen, sie löst das »Problem« –etwa gesellschaftliche Veränderungen, die zu einer immer späteren Familienplanung führen – nur bedingt. Ein negatives Ergebnis meine eigene Fruchtbarkeit betreffend würde mich zum Nachdenken bringen, meine aktuelle Einstellung in Bezug auf Familienplanung aber wohl dennoch kaum verändern.

Erste Behandlung:

Am 25. Juli 1978 wurde Louise Brown als weltweit erstes Retortenbaby in Barcelona geboren. Was vor 40 Jahren als Sensation galt, gehört heute zum medizinischen Alltag: Insgesamt gab es in Europa 2015 rund 800.000 Behandlungszyklen, aus denen 157.449 Babys entstanden sind.

35 Prozent Baby-Take-Home-Rate

Von einem unerfüllten Kinderwunsch spricht man laut Definition der WHO dann, wenn nach zwei Jahren ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft eingetreten ist. Dass schon diese zwei Jahre des ständigen Hoffens schwierig sein können, dass Sex, die vielleicht schönste Sache der Welt, zur Pflichtübung werden kann, erzählt Frau Klien*, die schon seit mehreren Jahren versucht, ein Kind zu bekommen: »Man plant irgendwann sehr genau, wann man Sex haben muss oder sollte. Sexualität wird Mittel zum Zweck und dementsprechend geht schon lange, bevor man eine Kinderwunschklinik betritt, meist jegliche Romantik verloren.«

Dr. Brunbauer versucht Paaren mithilfe künstlicher Befruchtung zu verhelfen.

Dr. Mathias Brunbauer. Bild: Michael Mickl.

Spricht man mit Paaren, die sich für eine künstliche Befruchtung entschieden haben, wird schnell klar: In den meisten Fällen verlangt das Prozedere allen Beteiligten viel Kraft und Durchhaltevermögen ab – psychisch, physisch und auch finanziell. Die Chance, durch eine InVitro-Fertilisation schwanger zu werden, liegt bei 50 Prozent – die wenig charmant titulierte »Baby-Take-Home-Rate« allerdings nur bei 35 Prozent pro Behandlungsdurchgang.

Später, später

Trotz zum Teil hoher Kosten gibt es nicht wenige Paare, die vier, fünf, sechs oder sogar sieben Versuche einer InVitro-Fertilisation innerhalb mehrerer Jahre auf sich nehmen. Während der Wartezeit auf das Ergebnis, auf den nächsten Termin, die nächste Behandlung bleibt die Zeit selbst als größter Feind oft im Hinterkopf, denn manchmal ist es auch das Alter, das zur Hürde wird. »Die meisten Paare, die zu uns kommen sind über 30. In diesem Alter ist bei Frauen die Eizellenreserve meist bereits kleiner, zudem nimmt auch die Qualität der Eizellen ab. Das ist vielen Menschen in der Form gar nicht bewusst«, erklärt Dr. Brunnbauer. Nicht wenige seiner Klienten haben lange studiert, wollten sich danach zunächst lieber auf die Karriere konzentrieren und sich erst dann den Wunsch vom eigenen Kind erfüllen.

Betritt man die Kinderwunschklinik, kommt man sich eher vor, also würde man gleich eine Wellness-Behandlung bekommen

Bild: Michael Mickl.

Genau diese Erfahrung musste auch Frau Liberi* machen. Die heute 42-Jährige entschied sich nach drei Fehlgeburten für eine künstliche Befruchtung und rät jüngeren Frauen, nicht zu lange abzuwarten: »Ich bin Ärztin und müsste eigentlich genau wissen, wie der Körper funktioniert. Aber das Studium dauert lange, dann folgt die Facharztausbildung und auch danach findet man immer einen Grund, die Sache rauszuschieben. Ich bin schon lange mit dem gleichen Mann zusammen und wir haben uns auch immer gedacht: Später. Es klingt dumm, aber es passiert wirklich, dass man es einfach versäumt oder sich immer denkt, es könnte zu einem späteren Zeitpunkt besser passen.«

Kosten:

Unabhängig vom Erfolg werden pro Behang je nach Institut und Methode zwischen 3.000 und 6.000 Euro fällig – eine Summe, die für einen Großteil der Bevölkerung keine Kleinigkeit ist. Während bei medizinischen Indikationen, die eine Unfruchtbarkeit des Mannes oder der Frau bedingen, in Österreich der IVF-Fonds etwa 70 Prozent der Behandlungskosten für bis zu vier Behandlungszyklen übernimmt, müssen Paare ohne medizinischen Befund oder jene, die sich über dem Alterslimit von 40 Jahren befinden, für die vollen Kosten aufkommen.

Das absolute Wunschkind

An dieser Stelle könnte man sagen: Aber es muss doch niemand ein Kind bekommen und damit haben all jene, die keine Kinder bekommen wollen, auch absolut recht. Nicht ohne Grund wird Verhütung als Mittel zur Selbstbestimmtheit (der Frau) gefeiert. Für Paare, die sich ein Kind wünschen, sieht die Situation allerdings ganz anders aus, wie Frau Liberi erzählt: »Diesen ›Rat‹, eben einfach kinderlos zu bleiben, bekommt man oft von absolut nicht nahestehenden Personen und ich finde das absolut anmaßend. Das wäre genauso, wie einem unglücklichen Single zu sagen: Na ja, dann bleibst du eben bis an dein Lebensende alleine.«

Für eine künstliche Befruchtung muss man pro Behandlung etwa 3000 bis 6000 Euro aufbringen.

Bild: Michael Mickl.

Wer ein Kind will, nimmt auch eine mehrjährige Phase, bestehend aus Hochs und Tiefs, aus Hoffnung und Enttäuschung, aus medizinischen Behandlungen und finanziellen Herausforderungen in Kauf. Neben all diesen Faktoren, die die Behandlung direkt mit sich bringt, leiden viele Paare auch unter einem gewissen gesellschaftlichen Druck, wie Frau Liberi erzählt: »Ich habe ganz offen über meine Fehlgeburten gesprochen und dann von vielen Freundinnen und sogar Verwandten erfahren, dass sie ebenfalls Fehlgeburten hatten. Es herrscht so ein Druck, dass alles super klappen muss und wenn es nicht so ist, wird das total verheimlicht.« Genau aus diesem Grund möchte Frau Liberi eine Selbsthilfegruppe zum Austausch gründen – auch, um Raum für mehr Offenheit zu schaffen.

Die Auseinandersetzung mit den Ursachen, mit einer Vielzahl an Statistiken, mit verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, mit den Kosten und der Kostenrückerstattung ist ein langwieriger Prozess, der im steril-stylishen Warteraum selten seinen Anfang gefunden hat. Dabei steht er auch fast sinnbildlich für die größte Herausforderung: Das Warten – auf den richtigen Zeitpunkt im Zyklus, auf die Hormonbehandlung, auf die Entnahme, auf die Befruchtung, auf das Wiedereinsetzen der befruchteten Eizelle und vor allem auf einen positiven Schwangerschaftstest.

Selbst, wenn man in einem Alter ist, in dem die Fruchtbarkeit noch relativ hoch ist, ist nicht jede Eizelle gesund ausgereift.

Bild: Michael Mickl.

All das spielt sich in einem Umfeld ab, das nur wenig zur allgemeinen Vorstellung einer Kindszeugung passt, wie Frau Klien erzählt: »Man befindet sich in einer Klinik, es geht um einen medizinischen Eingriff, alle sind überfreundlich, aber letztlich ist es eine künstliche Situation. Man kann sich manchmal nicht ganz vorstellen, dass hier ein Leben entsteht, aber es passiert.«

»Es hätte früher einfach nicht gepasst.« – Frau Klien*

Sie kennt die Räumlichkeiten im Kinderwunschzentrum zum Goldenen Kreuz in Wien mittlerweile fast in- und auswendig. Drei Mal hatte sie dort eine InVitro-Fertilisation, drei Mal war die Hoffnung, ein Kind auf diesem Wege zu bekommen groß, drei Mal hat sie versucht, mit dem Thema abzuschließen. Einfach sei die Zeit nicht gewesen, bereut habe sie dennoch nicht, sich nicht früher über Kinder Gedanken gemacht zu haben, erzählt sie lachend: »Früher habe ich mir gedacht, mit 35 ist das Leben aus, und genauso habe ich gelebt. Mit meinem damaligen Partner wollte ich kein Kind, danach war ich Single, es hätte früher einfach nicht gepasst.«

Nachdem der unerfüllte Kinderwunsch bei der ersten Behandlung vor einigen Jahren zunächst auf das Spermiogramm ihres Partners zurückgeführt wurde, hat im Laufe der Zeit auch die Qualität ihrer Eizellen abgenommen. Aktuell wartet sie auf das Ergebnis der, wie sie sagt, wirklich letzten Behandlung – mit einer Eizellenspende. Bei Erscheinen dieser Ausgabe weiß sie bereits, ob die Befruchtung erfolgreich war.

* Name von der Redaktion geändert


Behandlungsmöglichkeiten im Überblick

  • Bei der intrauterinen Insemination (kurz IUI) werden die Spermien aufbereitet und durch einen dünnen Katheter direkt in die Gebärmutter der Frau eingebracht. Diese Methode eignet sich vor allem bei verminderter Spermienqualität oder zu geringer Anzahl an Samenzellen. Das Verfahren ist sehr einfach, die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liegt pro IUI-Zyklus bei ungefähr 10%.
  • Bei der InVitro-Fertilisation (kurz IV) kommt es zu einer Befruchtung außerhalb des Körpers. Nach der Stimulation der Eierstöcke werden die reifen Eizellen abgesaugt und im Labor mit den Samenzellen zusammengebracht. Nachdem die Befruchtung stattgefunden hat, wird der drei bis fünf Tage alte Embryo wieder in die Gebärmutter transferiert. Werden mehr Embryonen befruchtet als bei einem Versuch in die Gebärmutter der Frau rücktransferiert werden sollen, können diese tiefgefroren werden und für einen späteren Versuch (Kryoversuch) aufbewahrt werden.
  • Die intracytoplasmatische Spermien-Injektion (kurz ICSI) ist eine besondere Form der IVF, die grundsätzlich gleich abläuft – im Labor werden die Samenzellen im Gegensatz zur IVF unter einem Spezial-Mikroskop mittels mikrochirurgischer Geräte direkt in eine Eizelle injiziert. Damit sind auch bei schlechterer Spermienqualität gute Befruchtungsraten möglich.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #56 erschienen

Biorama abonnieren

VORGESCHLAGENE ARTIKEL DER REDAKTION