Ist es ökologisch vertretbar, Kinder zu kriegen? Nein …

... sagt Kulturblogger Christian Köllerer. In Zeiten der Überbevölkerung brauchen wir weltweit nicht mehr, sondern weniger Kinder.

Christian Köllerer weiß, was die Überbevölkerung für unser Klima bedeutet.
Kinder haben eine weitaus größere Auswirkung auf das Klima, als Flug- oder Autoreisen. Bild: SanyaSM auf istock.com.

Kinder sind für die meisten von uns ein sehr emotionales Thema. Alleine die Frage, ob Kinder aus ökologischer Sicht vertretbar sind, klingt unanständig. Aus dieser Perspektive ist freilich die Größe der Population immer eines der Kernkriterien. In der Natur regelt sich diese Angelegenheit idealerweise von selbst – zu viele Individuen reduzieren das Nahrungsangebot und erhöhen die Fressfeinde.

Das größte ökologische Problem ist die Überbevölkerung

Der Mensch setzt dank seiner Technik diese natürlichen Mechanismen erfreulicherweise außer Kraft – ein großer Freiheitsgewinn. Das Ergebnis lässt sich freilich am explodierenden Bevölkerungswachstum festmachen: In einigen Jahren werden acht Milliarden Menschen diesen Planeten bevölkern. Der Ressourcenbedarf steigt exponentiell an, weil die Mittelschicht weltweit stark wächst – speziell in den riesigen Ländern China und Indien.

Jedes Kind ist ein neuer Konsument

Jeder dieser neuen Menschen will sich entwickeln und am Leben der modernen Gesellschaft teilhaben. Die wenigsten Jugendlichen wollen Biobauern oder buddhistische Mönche werden. Die meisten messen ihren eigenen Erfolg an materiellen Gütern. Was bedeutet das für die Umwelt?

Ein Kind verbraucht 58,6 Tonnen CO2 pro Jahr

Schwedische Forscher nahmen den Rechenstift zur Hand, um diese heikle Frage mit Fakten zu untermauern. Als Meta-Studie angelegt fassen die Schweden Erkenntnisse anderer Studien zusammen (in diesem Fall 39). Diese Methode gilt wissenschaftlich deshalb als deutlich aussagekräftiger als eine einzelne Untersuchung.

Das wichtigste Ergebnis: Jedes Kind verbraucht pro Jahr 58,6 Tonnen an CO2. Untermauert wird diese 2017 in »Environmental Research Letters« veröffentlichte Meta-Studie mit einigen anschaulichen Beispielen.

Kinder verbrauchen im Jahr knapp 60 Tonnen CO2.

Vor allem in Ländern wie Indien oder China ist das Bevölkerungswachstum extrem. Bild: pixabay.com.

Andere Maßnahmen können das Bevölkerungswachstum nicht kompensieren

Der Verzicht auf ein Auto spare pro Jahr vergleichsweise geringe 2,4 Tonnen CO2. Keine Flugreisen reduzieren die Bilanz um 1,6 Tonnen. Eine fleischlose Ernährung um weitere 0,8 Tonnen. Autoverkehr, Flugreisen und Ernährung sind aber bereits die größten Hebel für einen nachhaltigen Lebensstil.

Kleinere ökologische Maßnahmen stehen nämlich in überhaupt keinem vernünftigen Verhältnis mehr zum zusätzlichen CO2-Verbrauch eines Kindes: Um diesen zu amortisieren, müssten beispielsweise 684 Erwachsene ein Leben lang brav ihren Müll recyclen.

Die unbequeme Wahrheit also ist: Es gibt in Zeiten der weltweiten Bevölkerungsexplosion eigentlich keinen nachhaltigeren Lebensstil als auf Kinder zu verzichten. Wer keine Kinder in die Welt setzt, tut der Umwelt so viel Gutes, dass er auf mühsame Kleinigkeiten wie etwa Müllrecycling besten Gewissens verzichten könnte. Sogar die eine oder andere Flugreise und ein regelmäßiges Steak wären aus dieser Sicht vertretbar.

Vorhandene Ressourcen auf bereits geborene Kinder konzentrieren

Statt die Überbevölkerung anzuheizen, wäre es demnach wesentlich sinnvoller, die vorhandenen Ressourcen auf die bereits geborenen Kinder zu konzentrieren: Ohne Bildung kein ökologisches Bewusstsein. Je gebildeter Frauen sind, desto weniger Kinder bekommen sie, wie wir wissen.

Selbstverständlich werden die meisten Menschen aus ökologischen Gründen nie auf Kinder verzichten. Genauso wenig wie sie heute auf ihre Autos und ihre Flugreisen verzichten. Trotzdem schadet es nicht, diese provokanten Fakten zu kennen:

Eine ökologisch bewusst lebende Großfamilie ist für das Klima nachweislich schädlicher als ein Single mit einem nicht nachhaltigen Lebensstil.

Christian Köllerer ist Literatur- und Philosophiewissenschaftler.

Christian Köllerer. Bild: Jürg Christandl.

Christian Köllerer ist Literatur- & Philosophiewissenschaftler.

BIORAMA #56

Dieser Artikel ist im BIORAMA #56 erschienen

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