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Walter Benjamin für Kinder

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„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ von Pei-Yu Chang © 2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/Schweiz

Wer war Walter Benjamin? Ein deutscher Philosoph, Kulturkritiker und Übersetzer – und ein Mann, der auf seiner mühevollen Flucht vor den Nationalsozialisten einen geheimnisvollen Koffer mit sich trug. Die in Münster arbeitende Pei-Yu Chang hat mit ihrem Kinderbuch über Walter Benjamin ein beachtenswertes Kunstwerk für kleine Leser geschaffen.

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„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ von Pei-Yu Chang © 2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/Schweiz

Der Koffer, der gleichzeitig mit Walter Benjamin verschwand, ist – ebenso wie der Suizid des Philosophen – ein ungelöstes Rätsel der Wissenschaft. Die letzten Jahre Benjamins und seine Flucht von Deutschland über Frankreich nach Spanien machten die in Taiwan geborene Pei-Yu Chang neugierig. Schließlich nahm sie sich dieses schwierigen Stoffs an und gestaltete ihr erstes, äußerst beachtenswertes Kinderbuch. Es sei die größte Herausforderung gewesen, die Geschichte kindgerecht zu erzählen, resümiert Pei-Yu Chang.

„Es ist noch gar nicht so lange her, da lebte in einer großen Stadt ein außergewöhnlicher Mann namens Walter Benjamin“, beginnt Pei-Yu Chang die Erzählung. „Er war ein Philosoph und hatte brillante Ideen aller Art.“ Nähere Details zu Walter Benjamins Werk werden bewusst ausgespart. Die Flucht vor den Nationalsozialisten, die begannen, Benjamin in seinem Tun und Handeln einzuschränken, rückt in den Vordergrund: „Eines Tages aber entschied das Land, in dem er lebte, dass außergewöhnliche Ideen sehr, sehr gefährlich seien. Darum sollten alle Menschen, die solche Ideen hatten, verhaftet werden!“

„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ von Pei-Yu Chang © 2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/Schweiz

Die drei Soldaten, die im Buch zu sehen sind, tragen eine Armschleife mit einem dem Hakenkreuz ähnlichen Symbol. Die Nazis werden allerdings nicht beim Namen genannt, und Benjamin wird wegen seiner „Ideen“ verfolgt, nicht aufgrund seiner jüdischen Religion. Da aber die „brillanten Ideen“ nicht näher umschrieben sind, sind in diesem Begriff durchaus auch Benjamins religiöse und kulturelle Vorstellungen mitgemeint. Diese krassen Reduktionen könnten den einen oder anderen erwachsenen Leser irritieren, doch für die Autorin stand ganz klar im Vordergrund, die Handlung kindgerecht zu erzählen und ihr gleichzeitig einen zeitlosen Charakter mitzugeben: „Ich habe versucht, die Geschichte wie eine Parabel zu behandeln, dabei aber nicht die wesentlichen, wahren Elementezu vergessen. Durch die so entstandene reduzierte Struktur kann man ähnliche Erlebnisse in die Geschichte projizieren. Auch bei der Gewalt bin ich nicht ins Detail gegangen. Und das Rätsel um den Koffer ist eine gute Möglichkeit, die bedeutungsschwere Geschichte von den Flügeln der Fantasie tragen zu lassen.“

Während der ganzen Handlung steht ein sagenumwobener schwerer Koffer, dessen Inhalt für Benjamin wichtiger als sein eigenes Leben ist und alles verändern kann, im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mithilfe der mutigen Frau Fittko (Lisa Fittko) flieht Benjamin über die Berge ins Nachbarland, genauer auf der so genannten „F-Route“ über die Pyrenäen nach Spanien – sein Gepäck zurückzulassen kommt für den Mann nicht infrage. An der Grenze wird er aufgehalten und zum Umkehren aufgefordert. Walter Benjamin und sein Koffer verschwinden spurlos. In Wahrheit dürfte sich der Philosoph erschossen haben, der Verbleib des Koffers ist bis heute unklar. Die ungewöhnliche Geschichte wirft – wie Walter Benjamins Tod – viele Fragen auf. Es ist zu erwarten, dass Kinder nach der Lektüre mehr über diesen interessanten Menschen und sein Schicksal wissen wollen. „Der Wille und die Kraft, die Menschen aufbringen, um ihre Freiheit zu schützen. Das Mysterium um den verschwundenen Koffer. Aber auch die Parallele zu den unglaublichen Schicksalen, die Menschen derzeit erleben“, fasziniert Pei-Yu Chang an Walter Benjamins Leben. Eben diese Zeitlosigkeit und die Querverbindungen zu den aktuellen Flüchtlingskrisen, welche die Autorin durch ihren Erzählstil geschaffen hat, machen das Buch so lesenswert und wichtig zugleich.

„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ von Pei-Yu Chang © 2016 NordSüd Verlag AG, Zürich/Schweiz

Pei-Yu Chang, geboren 1979 in Taiwan, wurde erst auf Umwegen zur Illustratorin. Sie studierte Deutsche Kultur und Sprache sowie Deutsche Literaturwissenschaft in Taipeh und reiste anschließend um die halbe Welt, um sich selbst wiederzufinden: Als Kind wollte ich immer Künstlerin werden. Aus familiären Gründen habe ich dann aber Deutsche Literaturwissenschaft studiert. Kunst als Hobby reichte mir aber nicht. So habe ich entschieden, in Münster Illustration zu studieren.“ Das kürzlich im NordSüd Verlag erschienene Buch „Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ ist auch Pei-Yu Changs Abschlussarbeit für ihr Studium Kommunikationsdesign und Illustration an der Fachhochschule Münster. „Wachsame Augen, ein offenes Herz, Leidenschaft am Illustrieren und fleißige Hände“ sind jene Eigenschaften, die für Illustratoren laut Pei-Yu Chang unerlässlich sind. Die Collagetechnik verwendet die Künstlerin, die nach wie vor in Münster lebt, vor allem mit dem Hintergedanken, Elemente aus verschiedenen Techniken in einer Illustration unterbringen und mit den Bildern experimentieren zu können: „Bevor man die einzelnen Elemente einer Collage fixiert, kann man sie auch immer verschieben und austauschen. Das erlaubt mir, verschiedene Kompositionen und Formen auszuprobieren.“ An den detailverliebten Collagen und den geschickt gewählten Farben kann man erkennen, dass ihr das, was sie sich für ihre Abschlussarbeit vorgenommen hat, exzellent gelungen ist.

„Der geheimnisvolle Koffer von Herrn Benjamin“ von Pei-Yu Chang ist im  NordSüd Verlag erschienen. 48 Seiten. Für Kinder ab 4 Jahren.

Blickpunkt Umweltschutz und Nachhaltigkeit:

Druck: Livonia Print, Riga (Lettland)
Papier: aus verantwortungsvollen Quellen (FSC-Mix Label)
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