Hitze gefährdet besonders Mütter und ihre Kinder
Hitze stresst den Körper von Schwangeren...
Text: Silke Jäger
In den meisten Ländern der Welt sorgt der Klimawandel für mehr als doppelt so viele Hitzetage, die für Schwangere gefährlich sind. 22 Tage pro Jahr waren das in Deutschland während der vergangenen fünf Jahre, 27 in Österreich: So oft war die Hitze so groß, dass sie ein Risiko für die Gesundheit von Schwangeren darstellte. Zu diesem Ergebnis kommt ein aktueller Bericht von Climate Central.
Climate Central ist eine Non-Profit-Organisation aus WissenschaftlerInnen und KommunikationsspezialistInnen. Sie sammelt Fakten über den Klimawandel und erklärt, wie er das Leben der Menschen verändert.
Derzeit endet circa eine von zehn Schwangerschaften mit einer Frühgeburt. Doch angesichts der Klimaprognosen rechnen WissenschaftlerInnen damit, dass Frühgeburten häufiger werden. Im Jahr 2033 könnten circa 15 Prozent der Geburten Frühgeburten sein. Oder anders gesagt: Fast jedes sechste Kind könnte zu früh auf die Welt kommen. Das zeigt eine im Juli 2023 veröffentlichte Studie des Universitätsklinikums Hamburg, die Einlingsschwangerschaften einer Hamburger Spezialklinik der Jahre 1999 bis 2021 untersucht und unter anderem Zusammenhänge zu den Wetterdaten für diesen Zeitraum geprüft hat.
Hauptursache für das gestiegene Frühgeburtsrisiko ist Hitzestress für werdende Mütter. Was bedeutet eine Frühgeburt für ein Kind, wieso macht Hitze Frühgeburten wahrscheinlicher, und wie lässt sich die Gesundheit von Müttern und Kindern im Klimawandel besser schützen?
Folgen einer Frühgeburt für das Kind
Eine Frühgeburt birgt verschiedene Gesundheitsgefahren sowohl für die erste Lebensphase als auch für das weitere Leben. Das Gesundheitsrisiko für Frühgeborene lässt sich anhand verschiedener Faktoren abschätzen.
Normalerweise dauert eine Schwangerschaft ungefähr 40 Wochen. Kommt ein Kind vor der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt, gilt es als Frühgeburt. Frühgeborene können nach der Dauer der Schwangerschaft und nach ihrem Geburtsgewicht in Kategorien eingeteilt werden.
Einteilung von Frühgeburten
Frühgeburten nach Schwangerschaftsdauer:
1. Extrem frühe Frühgeburt: Die Geburt findet vor der vollendeten 28. Schwangerschaftswoche statt
2. Frühe Frühgeburt: Die Geburt findet zwischen vollendeter 28. und 32. Schwangerschaftswoche statt
3. Mäßig frühe Frühgeburt (auch späte oder moderate Frühgeburt genannt): Die Geburt findet zwischen vollendeter 32. und vollendeter 37. Schwangerschaftswoche statt
Frühgeburten nach Geburtsgewicht:
1. Extrem niedriges Geburtsgewicht: Das Kind wiegt weniger als 1000 Gramm
2. Sehr niedriges Geburtsgewicht: Das Kind wiegt weniger als 1500 Gramm
3. Niedriges Geburtsgewicht: Das Kind wiegt weniger als 2500 Gramm.
Ein wesentlicher Faktor für die Abschätzung von Komplikationen ist der Reifegrad der Organe zum Zeitpunkt der Geburt. Dabei gilt grob: Je jünger und leichter ein Kind ist, desto höher ist sein Risiko für Komplikationen, zum Beispiel für einen Stopp der Lungenreifung. Dann kann die Lungenfunktion ein Leben lang eingeschränkt sein; das kann das Herz-Kreislauf-System dauerhaft belasten.
Generell haben zu früh Geborene ein höheres Risiko für Infektionen, Allergien und Asthma. Frühgeburten können die Entwicklung des Kindes aber auch insgesamt verzögern und mit Konzentrationsstörungen und schlechteren Schulleistungen zusammenhängen. Das betrifft auch Kinder, die als moderate Frühgeburten zur Welt kamen, wie die ABCD-Studie, eine aktuelle Studie an fast 12.000 Kindern in den USA, nahelegt.
Ergebnisse der ABCD-Studie
Die Abkürzung ABCD steht für Adolescent Brain and Cognitive Development, übersetzt: Heranwachsendes Gehirn und kognitive Entwicklung. Die Forscher:innen wollten herausfinden, wodurch bestimmte Schwierigkeiten entstehen, die den Lernerfolg von Kindern und Jugendlichen beeinträchtigen. Das betrifft zum Beispiel den Wortschatz, die Lesefähigkeit, die Mustererkennung, das Gedächtnis und die Aufmerksamkeit. Dafür testeten sie neun- bis zehnjährige Kinder in diesen Bereichen.
Dabei stellten sie fest, dass Kinder, die in der 32. oder 33. Woche als moderate Frühgeburt zur Welt gekommen waren, häufiger Schwächen im Wortschatz sowie mit dem autobiografischen und dem kurz- und langfristigen Erinnerungsvermögen hatten. Auf die Testergebnisse hatten sozioökonomische Faktoren, wie zum Beispiel das Einkommen und Vermögen der Eltern, keinen Einfluss. Auch Verzerrungen durch genetische Faktoren rechneten die WissenschaftlerInnen aus den Ergebnissen heraus.
Allerdings stach den Forscher:innen etwas anderes ins Auge: Kinder, die zwischen der 28. und der 32. Schwangerschaftswoche geboren wurden, hatten weniger kognitive Defizite als zwischen der 32. und der 37. Woche geborene Kinder. Eine Erklärung dafür könnte sein, dass die frühen Frühgeborenen intensiver gefördert wurden.
Hitzestress erhöht das Risiko für eine Frühgeburt. Der Zusammenhang zwischen Frühgeburten und gefährlichen Hitzetagen im letzten Schwangerschaftsdrittel zeigt sich in vielen Ländern, zum Beispiel in China, Nepal, Südafrika, Burundi, Nigeria, Haiti und den USA. Aber auch in Europa nehmen Gesundheitsprobleme in der Schwangerschaft an Hitzetagen zu.
Wann ist Hitze für Menschen gefährlich?
Eine Gradzahl, ab der Hitze zur Gesundheitsgefahr wird, kann man leider nicht nennen. Ausschlaggebend ist die gefühlte Temperatur. Sie hängt auch von der Luftfeuchtigkeit und von den Windverhältnissen ab – und natürlich von der Konstitution einer Person.
Hitzestress belastet Mutter und Kind.
In einer Langzeitstudie untersuchen ForscherInnen des Hamburger Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) seit 2011, wie sich der Lebensstil einer werdenden Mutter auf die spätere Gesundheit des Kindes auswirkt. Das Ziel der Studie ist, molekulare Mechanismen zu entschlüsseln, die bereits vor der Geburt die Grundlagen für spätere Gesundheitsprobleme legen.
Mehr als 800 Schwangere haben an der sogenannten Prince-Studie teilgenommen. Prince steht für Prenatal Identification of Children’s Health, übersetzt: Vorgeburtliche Identifikation der kindlichen Gesundheit.
Unter den zahlreichen Einflussfaktoren, die die ForscherInnen dabei fanden, befindet sich auch Hitzestress. Dieser Stress entsteht, wenn der Körper der Schwangeren seine ganze Kraft darauf verwendet, sich selbst und den Körper des Säuglings zu kühlen und das Baby gleichzeitig zu versorgen.
Dabei steigt das Risiko für eine späte Frühgeburt in den ersten sieben Tagen nach einem Hitzetag. Das stellten ForscherInnen des UKE beim Vergleich von Geburtsdaten mit Wetterdaten fest. Blieb es länger als zwei Tage heiß, kam es vermehrt zu vorzeitigen Wehen – vor allem, wenn eine erhöhte Luftfeuchtigkeit das gefühlte Wärmeempfinden steigerte. Vorzeitige Wehen können eine Frühgeburt ankündigen.
Besonders gefährdet für eine Frühgeburt sind nach den Daten der Forschenden weibliche Babys. Warum das so ist und welche molekularen Mechanismen zu einem höheren Frühgeburtenrisiko führen, verstehen die WissenschaftlerInnen aber noch nicht ausreichend.
Zusammenspiel mehrerer Ursachen?
Was genau führt nun zu einem Anstieg des hitzebedingten Frühgeburtsrisikos? Über die genauen Mechanismen rätseln Forschende noch. Die Ursachenforschung ist schwierig, weil es aus ethischen Gründen nicht erlaubt ist, Schwangere absichtlich Hitzestress auszusetzen. Aus Stammzellforschung und Untersuchungen an Tieren leiten ForscherInnen vor allem drei Theorien ab.
Schwüle Hitze ist für den Körper belastender, da bei hoher Luftfeuchtigkeit, wenig Wind und starker Sonneneinstrahlung die gefühlte Temperatur die gemessene Lufttemperatur übertrifft. Das erschwert die körpereigene Kühlung.
Das AutorInnenteam von Climate Central zählte für seinen Bericht in 247 Ländern die Tage, an denen lokal die maximale Temperatur höher lag als an 95 Prozent der Tage. Dazu verglichen sie die Werte mit einem Zeitraum zwischen 1991 und 2020. Nach Ansicht der ForscherInnen ergibt sich daraus ein Schwellenwert, ab dem das Risiko für eine Frühgeburt steigt. Für Deutschland heißt das: Der Klimawandel sorgte für zwölf gefährliche Hitzetage mehr pro Jahr, insgesamt 22 Tage zwischen 2020 und 2024 im Durchschnitt. Und in Österreich kamen gefährliche 17 Hitzetage dazu, eine Steigerung von über 60 Prozent auf insgesamt 27 Tage mit erhöhtem Risiko für Schwangere.
Vor allem, wenn die Temperaturen an mehreren Tagen hintereinander die errechnete Marke überschreiten, steigt die Gefahr für Frauen im letzten Schwangerschaftsdrittel. Dabei gilt: Je länger eine Hitzewelle dauert, desto höher ist das Gesundheitsrisiko für sie – übrigens auch für Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes, Krankenhauseinweisungen und Tod.
Theorie 1: Veränderter Blutfluss unter Hitzebedingungen
Bei Stress steigt die Herzfrequenz, dadurch wird die Plazenta weniger gut durchblutet. Dann gelangen weniger Sauerstoff und Nährstoffe zum Kind. Bei Hitze weiten sich die Gefäße, um mehr Wärme an die Umgebung abgeben zu können. Dazu kommt: Im letzten Drittel der Schwangerschaft, wenn Frauen bereits zugenommen haben und das Gewicht des Kindes auf die Hauptvene drückt, gelangt weniger Blut zum Herzen. Beides kann dazu führen, dass die Gebärmutter schlechter durchblutet und die Versorgung des Kindes beeinträchtigt wird, vermuten die Hamburger ForscherInnen.
Theorie 2: Gestörter Schlafrhythmus durch tropische Nächte
Fehlender Schlaf durch tropische Nächte verstärkt den Effekt weiter. Der Körper schüttet in dieser Situation weniger Schwangerschafts- und mehr Stresshormone, wie zum Beispiel Cortisol, aus. Diese Stresshormone können über die Plazenta zum Baby gelangen. Übersteigt die Konzentration der Stresshormone eine gewisse Schwelle, kommt es zu vermehrter Zellteilung im kindlichen Organismus. Dabei können Zellen sterben oder geschädigt werden, die wichtig für die Reifung von Organen und des Immunsystems sind. Das könnte die erhöhte Allergieneigung von Frühgeborenen erklären.
Theorie 3: Auslösung einer Entzündungskaskade auf zellulärer Ebene.
Hitzestress könnte ebenso einen Entzündungsvorgang in Gang setzen, wodurch vermehrt Prostaglandin ausgeschüttet wird. Dieses Hormon macht den Gebärmuttermund weicher. In Tierversuchen zeigte sich bei Hitze auch eine erhöhte Konzentration von Oxytocin, eines Hormons, das Wehen auslösen kann.
Wahrscheinlich wirken diese drei Faktoren zusammen und verstärken sich teilweise gegenseitig.
Oft fühlen sich Mütter von Frühgeborenen noch monatelang nach der Geburt gestresster, müder und aggressiver als Mütter, deren Kinder zum errechneten Termin geboren wurden.
Folgen einer Frühgeburt für die Mutter
Auch die Gesundheit der Mütter leidet unter einer Frühgeburt. Eine 2018 veröffentlichte Studie, die Daten von über 1000 Müttern aus den USA untersuchte, die an einer Langzeitbeobachtung teilgenommen hatten, belegte ein höheres Risiko für Bluthochdruck und koronare Herzkrankheiten (also Verengungen der Herzgefäße) für Mütter nach einer Frühgeburt. Ihr Risiko für Depressionen bleibt noch lange nach der Geburt erhöht.
Klimaresiliente Gesundheitssysteme sind sowohl auf Extremwetterereignisse vorbereitet als auch in der Lage, mehr chronisch Kranke zu versorgen. So steigt zum Beispiel durch den Klimawandel die Zahl der AllergikerInnen.
Was tun?
Wie kann man Schwangere vor den Folgen des Klimawandels besser schützen?
Erstens ist wichtig, dass die Gesundheitsversorgung möglichst gut auf den Bedarf von Schwangeren an Hitzetagen vorbereitet ist. Deshalb plädieren verschiedene Berufsverbände der Gynäkologie und Geburtshilfe dafür, die Prävention von Schwangerschaftsproblemen durch Hitzestress voranzutreiben. Das heißt: Der Treibhausgasausstoß muss sinken – je schneller und stärker, desto besser für die Gesundheit.
Zweitens müssen kommunale und überregionale Regierungen die Anpassung an den Klimawandel vorantreiben. Dazu gehört insbesondere die Begrünung von Städten. Mehr Schatten und niedrigere Temperaturen in Grünanlagen reduzieren den Hitzestress an heißen Tagen. Parks sind aus vielen Gründen gut für die Gesundheit, auch weil sie soziale Kontakte fördern und Zellen verjüngen. Sie sind regelrechte Jungbrunnen. Zudem sollen Hitzeaktionspläne besonders gefährdeten Gruppen helfen, rechtzeitig klimatisierte öffentliche Räume aufsuchen zu können.
Drittens müssen die Auswirkungen des Klimawandels auf Schwangerschaft und Geburt besser erforscht werden. Das fordern MedizinerInnen, zum Beispiel: Wie wirken sich hohe Feinstaub- und Ozonkonzentrationen auf die Gesundheit von Mutter und Kind aus? Beeinflusst Hitze die Organentwicklung im Mutterleib? Wie hängen Schwangerschaftskomplikationen mit den höheren Temperaturen zusammen?

Viertens muss das Gesundheitssystem klimaresilienter und nachhaltiger werden. Dazu gehört auch, Hebammen und GynäkologInnen stärker bei der Entwicklung von Hitzeaktionsplänen einzubeziehen und Frauen und Schwangere als Risikogruppe mitzudenken. Derzeit müssen Schwangere noch viel zu oft mit überhitzten Kreißsälen zurechtkommen. Außerdem sorgt chronischer Personalmangel für zusätzlichen Stress: Es bleibt kaum Zeit für die Bewältigung der normalen Aufgaben. Wenn Schwangere bei Hitze mehr Fürsorge brauchen, zum Beispiel zur Abkühlung des Körpers und zur Stabilisierung des Kreislaufs, fehlt dafür häufig die Zeit.
Fünftens muss notwendiges Wissen über Hitzestress in der Schwangerschaft ein fester Teil von Ausbildung und Studium der Gesundheitsberufe werden.
Fachleute bescheinigen dem deutschen Gesundheitswesen, derzeit nicht ausreichend auf die Auswirkungen der Klimakrise vorbereitet zu sein. Die Deutsche Allianz Klimawandel und Gesundheit unterstützt Gesundheitseinrichtungen bei der dafür notwendigen Transformation. Dazu entstand das Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (Klimeg). Es bietet Materialien, Workshops und Beratung an. Auch in Österreich gibt es noch Luft nach oben. Ein Klimaresilienzplan, wie ihn etwa Kanada oder Schweden haben, soll erarbeitet werden. Grundlage dafür ist ein Bericht, den das österreichische Bundesministerium für Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz 2024 in Auftrag gab. Ein Zielkatalog zeigt den Weg dorthin auf.
»Guter Hoffnung« zu sein – ein altmodischer Ausdruck für Schwangerschaft – fällt unter diesen Umständen nicht gerade leicht.
Düstere Klimaprognosen erhöhen das Stressniveau für Schwangere noch aus anderen Gründen: Wenn (kriegerische) Konflikte und wirtschaftliche Probleme zunehmen, steigt auch die Zukunftsangst. So steht bereits für Kinder, die noch gar nicht geboren sind, die Gesundheit auf dem Spiel und es werden schon früh die Weichen in Richtung Krankheiten gestellt – und das, obwohl diese Entwicklung mit einem ambitionierteren Klimaschutz vermeidbar wäre. »Guter Hoffnung« zu sein – ein altmodischer Ausdruck für Schwangerschaft – fällt unter diesen Umständen nicht gerade leicht.
Neben Kindern und Schwangeren leiden auch alte Menschen besonders unter Hitzewellen.
BIORAMA #97
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