Guter Kunststoff, schlechter Kunststoff.

Der Gründer des Plastikfreisiegels Flustix, Malte Biss, erweist sich im Interview als Freund des Kunststoffs – dort, wo er gebraucht wird. Und er plädiert dafür, stärker zwischen Kunststoffen verschiedener Qualität zu differenzieren.

Lange schien ein Verbot von Wegwerfplastik in der EU etwa so greifbar wie ein Stopp der Förderungen von Atomstrom. Und nun kommt es doch, auch wenn der Begriff Einmalplastik noch sehr eng gefasst ist: Zumindest das Europäische Parlament hat im Oktober für ein Verbot bestimmter Einwegprodukte aus Plastik gestimmt. 

Malte Biss, Gründer des Unternehmens Flustix, das plastikfreie Produkte auszeichnet, hat den Gesetzgebungsprozess auf EU-Ebene teils aus der ersten Reihe verfolgt. Mit BIORAMA hat er über die Stärken und Schwächen der derzeitigen Gesetzeslage gesprochen und darüber, wohin die Reise mit dem Plastik noch gehen wird.  

Flustix-Siegel: Nicht bei allen Produkten ist auf den ersten Blick erkennbar, ob sie Kunststoff enthalten. Flustix hat daher ein Siegel entwickelt und auf den deutschen und den österreichischen Markt gebracht, erste Produkte sind im Handel. Eines der Siegel zeichnet plastikfreie Verpackung aus, auch wenn der Inhalt Kunststoff enthält.

BIORAMA: Welche Probleme löst die Einwegplastik-Richtlinie?
Malte Biss: Die Wirtschaft und die Industrie haben schon reagiert. Rewe und Lidl haben gleich freiwillig Plastikstrohhalme aus dem Sortiment genommen, noch bevor das EU-Parlament abgestimmt hat.

Welche Probleme löst sie nicht?
Ein Problem: Bis 2021 löst sie direkt mal gar nichts, erst dann wird die RL auch rechtlich greifen. Aber grundsätzlich: Die Richtlinie wird nicht verhindern, dass meine in der Region produzierte Tomate in Plastik verpackt ist, obwohl das nicht notwendig ist. Die Richtlinie wird auch nicht das große Müllproblem lösen, das durch mehrfach verpackte Produkte entsteht. 

In anderen Weltregionen gibt es schon längst bestimmte Plastikverbote. Wie lange wird schon ernsthaft auf EU-Ebene über ein Verbot von Einwegplastik diskutiert? 
Seit 2015, und im Jahr 2017 wurde es konkret. Die EU-Kommission hat sich vor allem für unsere Definition von Plastikfreiheit interessiert.

Warum bedeutet plastikfrei in der Definition von Flustix nicht 100% plastikfrei?
Kunststoffe wurden in den letzten Jahrzehnten so inflationär und sorglos von uns verwendet, dass diese überall in unserem Leben und Alltag zu finden sind. Da wir die Kreislaufwirtschaft befürworten, beispielsweise bei Papier und Kartonage, mussten wir auf 99,5 Prozent gehen. Ansonsten könnten wir keinen Recyclingkarton mehr als Verpackung auszeichnen, denn im Recyclingprozess können Mikroplastikpartikel oder Kleberreste nicht ausgefiltert werden. Die maximal 0,5 Prozent dürfen aber einzig durch Kontaminationen bedingt sein.

Malte Biss, Gründer von Flustix. Bild: privat.

Wie viel von dem, was möglichschien, wird nun in der Richtlinie vermutlich umgesetzt? 
Sie hat eine tolle Signalwirkung, aber alles steht und fällt letztlich damit, wie die Mitgliedsstaaten sie umsetzen. Parallel wird es spannend zu sehen: Wie viele Lücken gibt es noch? Insgesamt kratzt die EU-Richtlinie vorerst an der Oberfläche. 

In Deutschland geht man hier mit dem neuen Gesetz schon weiter (Deutsches Verpackungsgesetz, tritt mit Januar 2019 in Kraft, Anm.): Wenn ein Produzent einen Kunststoff verwendet, der nicht wieder in den Kreislauf zurückführbar ist, dann muss er künftig eine Gebühr zahlen. Strohhalme und Q-Tips sind nur Symbole. Auch in diesem Gesetz gibt es wieder Lücken, aber immerhin trägt es dem Umstand Rechnung, dass es um die Qualität der Kunststoffe geht. 

Ist Recycling die Lösung? 
Es braucht noch, bis alternative Werkstoffe im großen Stil für die Industrie vorhanden sind. Recycling der derzeitigen Werkstoffe ist eine Übergangslösung. 

In der geplanten Dimension eine Übergangslösung?
 Recycling ist derWeg zum Ziel. Seit wir den Kunststoff erfunden haben, haben wir zehn Milliarden Tonnen davon produziert. Das ist ein Berg, so groß wie der Mount Everest. Von acht Milliarden davon wissen wir nicht, wo sie hin sind. Ein Elektroauto besteht zu 50% aus Kunststoff. 

Warum sollte das kein Recyclingkunststoff sein? Weil Recyclingkunststoff teurer ist als neuer?
China wird in fünf bis zehn Jahren viel höhere Recyclingraten haben als wir in Europa. Und es wird den Weltmarkt mit Rezyklaten überschwemmen. Das wird spannend. 

Flustix kennzeichnet nicht nur plastikfreie Produkte, sondern berät auch Unternehmen bei der Umstellung ihres Sortiments. 

Wir sind keine Ingenieure. Viele Unternehmen interessieren sich dafür, bei ihren Produkten auf Plastik zu verzichten, und für ein Siegel – aber dabei, wie das aussehen könnte und wie man da hinkommt, brauchen sie Unterstützung. Ein Unternehmen brauchte etwa eine Lösung dafür, wie es Verpackungen verkleben kann. Denn Kleber haben oft eine Polymerbasis (Kunststoffbasis, Anm.). Wir konnten eine Lösung aus Faltkarton finden, also auf den Kleber verzichten, nun hat das Unternehmen innerhalb eines Vierteljahres umgestellt. 

  • Die weltweite Kunststoffproduktion betrug 2016 jährlich 335 Millionen Tonnen, davon entfielen 60 Millionen Tonnen auf Europa – zwei Millionen mehr als im Jahr zuvor. 
  • Europa steht damit als Erzeugerstandort mit einem Fünftel der weltweiten Produktion im internationalen Vergleich auf Platz zwei hinter China. 
    Die weltweite Nachfrage nach Kunststoff ist 2017 erneut deutlich gestiegen. In Europa ist Mitteleuropa Hauptabnehmer von Kunststoff, hier mit rund 25% Deutschland, gefolgt von Italien (14%) und Frankreich (10%). 
  • Der größte Kunststofferzeuger im Detail:
    2017 wurden in Deutschland rund 21,8 Millionen Tonnen Kunststoff erzeugt, darunter 1,9 Millionen Tonnen Rezyklate. Zur Herstellung von Kunststoffprodukten wurden 14,4 Millionen Tonnen Kunststoff benötigt. 6,2 Millionen Tonnen Kunststoff sind als Abfall angefallen.
40,9% der in Europa anfallenden Kunststoffverpackungen werden recycelt, 38,8% werden energetisch verwertet, sprich verbrannt. Quelle: PlasticsEurope, Report »Plastics – the Facts 2017«.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #58 erschienen

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