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„Projekt Donauwasser“: Welche Landwirtschaft wollen wir?

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Erst 1907 mit Anstrengungen entwässert: das Marchfeld. Hier erinnert eine Gedanktafel an die Entwässerungsarbeiten in Baumgarten, Oberweisen, Zwerndorf und Stripfing – und an den 80. Geburtstag von Franz Joseph I. 110 Jahre später ist das Marchfeld die trockenste Gegend Österreichs. (Foto: Amrita Enzinger)

Donauwasser gegen die Dürre? Grünen-Politikerin Amrita Enzinger bezweifelt, ob das wirklich die zeitgemäße Antwort auf drängende Fragen ist. Ein Gastkommentar.

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Ad personam: Amrita Enzinger ist Landtagsabgeordnete der Grünen in Niederösterreich.

Donauwasser gegen die Trockenheit auf den Feldern im Weinviertel? Als Umwelt- und Naturschützerin sehe ich da schwerwiegende Gedankenfehler.“ (Amrita Enzinger)

Gastkommentar. Aufgrund der niedrigen Niederschläge gibt es heutzutage im Weinviertel relativ wenige Feuchtgebiete und die Landschaft gilt als ausgesprochen trocken. Das war jedoch nicht immer so. Während Erhebungen auch früher trocken-warme Biotope beherbergten, erstreckten sich in den Niederungen entlang von Pulkau, Thaya, Zaya, Schmida, Göllersbach, Weidenbach, Stempfelbach, Rußbach und anderer Bäche einst ausgedehnte Feuchtgebiete.

Ab dem Ende des 18. Jahrhunderts wurde damit begonnen, Gewässer zu begradigen und abzusenken. Die Bäche und Flüsse wurden zu Abzugsgräben degradiert, die das Wasser möglichst schnell ableiten. Dies sollte einerseits die Siedlungen gegen Hochwässer schützen und vor allem eine intensivere landwirtschaftliche Nutzung des Flussumlands ermöglichen. Nachdem bereits im 18. Jahrhundert einige Großgrundbesitzer damit begonnen hatten, wurden vor allem im 19. und 20. Jahrhundert mit finanzieller Unterstützung des Landes großflächig Flächen entwässert. Der Grundwasserspiegel wurde deutlich abgesenkt und das Weinviertel zu einem weitgehend trockenen Landstrich gemacht. Wertvolle Lebensräume wurden zerstört, viele Pflanzen- und Tierarten verloren ihre Lebensgrundlage.

Paradox: einst entwässert, jetzt dürr
Und jetzt soll laut Landwirtschaftskammer durch künstliche Bewässerung mit Donauwasser die Landwirtschaft im Weinviertel für die Zukunft fit gemacht werden. Das Paradoxe: Das einstmals für die Landwirtschaft ausgetrocknete Land soll nun wieder fruchtbarer gemacht werden. Man hat erkannt, dass die damaligen Eingriffe für die Landwirtschaft mehr Schaden angerichtet haben.

Mancherorts wähnt man sich im Marchfeld mittlerweile in der Wüste. (Foto: Enzinger)

Ab Ende des 20. Jahrhunderts wurde daher auch versucht – wieder mit finanzieller Unterstützung des Landes –, die ökologische und Hochwassersituation durch den Bau von Retentionsräumen, Gewässer-Aufweitung, die Schaffung von Kleingewässern und Erhöhung der Strukturvielfalt in Flussbetten und Uferbereichen wieder zu verbessern.

Künstlich geschaffener Lebensraum: der Marchfeldkanal. (Foto: Enzinger)

Das Weinviertel gehört zum relativ trockenen pannonischen Klimagebiet mit kalten Wintern und heißen Sommern. Die Prognosen auf Grund des Klimawandels sagen dieser Region einen Temperaturanstieg von + 1,8 Grad für die nächsten Jahre voraus. Das heißt konkret: Bis 2040 wird es anstatt der bisher 20 Tage im Jahr bis zu 50 Tage geben, an denen die Temperatur über 30 Grad steigt. Die großen Fließ-Gewässer führen auch auf Grund des Klimawandels und anderer Faktoren immer weniger Wasser (Donauwasser: mittleres Jahresniederwasser MJNQ 896 m3/s Pegel Hainburg; March: MJNQ 30,9 m3/s Pegel Angern; Donauwasser bei Rekord-Hochwasser ca.11.000 m3/s).

Die Niederösterreichische Landwirtschaftskammer will das Weinviertel und das südliche Wiener Becken mit Donauwasser bewässern. Damit beregnungsintensive Feldfrüchte –Nutzpflanzen wie Kartoffel, Zuckerrüben, Körnermais – auch in den kommenden Jahrzehnten mit gleichmäßiger Qualität und Menge für die Industrie zur Verfügung steht. Das wäre natürlich für die Landwirte ein Qualitätssiegel.
Ob die 600.000 Hektar großen Ackerflächen, die es in diesem Gebiet gibt, dann nur zu einem Drittel mit Donauwasser bewässert werden sollen, wie es jetzt in der Vorstudie aufgezeigt wird, sei dahingestellt. Die Kosten für die Pumpenanlagen, Wasserleitungen und Wasserauffangbecken, und Bewässerungsanlagen soll der Steuerzahler, die Steuerzahlerin bezahlen. Für die Entnahme des Wassers soll der Landwirt selbst aufkommen. Dadurch erhöhen sich natürlich die Fixkosten der Landwirte wieder. Die Feldfrucht wird teurer. Der Ertrag muss gesteigert werden. Der konventionelle Landwirt gibt sich noch mehr in die Abhängigkeit. Die Spirale für den Bauern dreht sich aus meiner Sicht weiter nach unten.

Angedacht sei eine Finanzierung eventuell durch ein Private-Partnership-Modell – mit Förderungen der EU.

„Als Umwelt- und Naturschützerin sehe ich einen schwerwiegenden Gedankenfehler“, meint Amrita Enzinger, Grünen-Politikerin und Autorin dieses Gastkommentars. (Foto: z.V.g.)

Als Umwelt- und Naturschützerin sehe ich da schwerwiegende Gedankenfehler:
Wenn in den kommenden Jahrzehnten Donauwasser in diesen Mengen für rund 200.000 Hektar Ackerland verwendet wird – auch bei Niedrigwasser –, dann wird es dem Donaustrom abgehen. Da rede ich noch nicht von den Wasserkraftwerken. Energieverbrauch ist ein eigenes Thema. Ich rede von rund 5 Prozent des Donauwassers, das sich natürlich auf die Ökologie und Limnologie des gesamten Stromes auswirkt. Auch auf die Ökologie des Nationalparks Donau-Auen. Und ich stelle die Frage, ob die Auswirkungen auf unsere Nachbarstaaten in all ihrer Gesamtheit abschätzbar sind. Gerade der ökologische Haushalt des Nationalparks ist ein ganz sensibler Bereich, der besonders bedacht gehört. Und eines liegt auch ganz klar auf der Hand, durch die regelmäßige Entnahme des Wassers wird die Donau in Folge wärmer werden.

Ebenfalls offen: Was passiert in der Region, in die das Wasser gepumpt wird, damit einige Landwirte ihre Feldfrüchte auch weiterhin Gewinn bringend verkaufen können. Wir reden hier meist nicht von Biolandwirtschaft. Wir reden von konventioneller Industrie.

Auf Wasser trifft man im Weinviertel und im Marchfeld heute kaum noch. Hier zu sehen: der Russbach. (Foto: Enzinger)

Donauwasser mit seiner jetzigen Wasserqualität wird die Fauna und Flora im Weinviertel verändern, das lässt sich nicht leugnen. Man wird sich die Gesteinsbeschaffenheit, den Unterboden der Acker ansehen müssen. Schwemmt das Donauwasser eventuell die Pestizide schneller in den Boden aus?
Mit dem künstlich geschaffenen Marchfeldkanal ist das Projekt Donauwasser nicht vergleichbar. Der Marchfeldkanal dotiert auch das Grundwasser, das als riesiger Pufferspeicher wirkt. Zudem ist die Wassermenge, die die Marchfeldbauern brauchen, gerade 1/3 von dem, was in Folge in das Weinviertel und südliche Wiener Becken befördert werden soll.

Es bleiben Fragen über Fragen: Was kostet dieses Projekt? Wer finanziert es? Wem nützt es wirklich? Was passiert mit der Umwelt? Nicht zuletzt die Frage, ob das aus heutiger Sicht überhaupt noch der richtige Weg ist – die konventionelle Landwirtschaft noch weiter zu industrialisieren? Oder sollten wir nicht einen ganz anderen Weg, einen wirklich nachhaltigen einschlagen?

 


Weiterlesen zum Thema? Im Interview hält Carl Manzano, Direktor des Nationalparks Donau-Auen, die Forderung der Bauern, ihre Felder mit Donauwasser zu beregnen für „grundsätzlich legitim“

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