Alt, aber gut?

Secondhand, Vintage oder einfach nur gebraucht – viele Namen für alte Dinge, die immer beliebter werden. Nostalgie kann gut für Psyche und Umwelt sein.

Bild von einer Kleiderstange mit Second-Hand-Kleidung.
Laut Schätzungen des Umweltbundesamts werden in Deutschland durch Kleidung jährlich insgesamt 80 bis 400 Tonnen Mikropartikel freigesetzt. Bild:iStock.com/ZoneCreative.

Während die Musik-Streaming-Dienste weiter NutzerInnen gewinnen, kommt auch ein anderes Medium immer mehr in Schwung: die Schallplatte mit ihrem nostalgisch anmutenden Charme. Das Revival der Schallplatte ist kein Nischenphänomen der NostalgikerInnen. Es ist Teil eines Lifestyles, der Haptisches als etwas Exotisches in einer schon stark digital geprägten Umgebung schätzt. Und es ist ein Milliardengeschäft:
Während in Deutschland vor neun Jahren rund 700.000 neue und gebrauchte Exemplare verkauft wurden, stieg die Zahl mittlerweile auf 3,4 Millionen. Auch in Österreich hat sich in derselben Zeit der Umsatz durch Schallplatten verfünffacht. Ähnlich wächst auch das Geschäft mit Secondhandtextilien: Laut der Clean Clothes Kampagne, einem weltweit agierenden Netzwerk für eine faire Bekleidungsindustrie, wächst der Markt für Secondhandkleidung über 20 Mal schneller als der für neu produzierte Kleidung. Und während der analogen Fotografie vor zwanzig Jahren der Tod prophezeit wurde, bringt Kodak mittlerweile wieder neue Filme auf den Markt. 

Alt = umweltfreundlich?

Einmal vom Charme der Vintage-Welt in den Bann gezogen besteht die Gefahr, alles Alte durch die rosarote Brille zu betrachten. Nicht alles, was alt anmutet ist auch Secondhand. Dinge im »Retrolook« boomen. Mittlerweile setzten viele moderne KünstlerInnen wie beispielsweise Hozier, Kanye West und Billie Eilish wieder auf Vinyl. 
Doch auch gebraucht bedeutet nicht automatisch nachhaltig. Wie sieht es zum Beispiel bei Textilien aus? Laut einer Studie des Analyseunternehmens Global Data soll der Markt mit gebrauchter Kleidung bis 2029 erstmals das Geschäft mit neuwertiger Kleidung überholen. Eine große Veränderung, denn die Absatzzahlen für Textilien sind enorm: In Deutschland kaufen KonsumentInnen pro Jahr etwa 26 Kilogramm Textilien, davon sind zwölf bis 15 Kilogramm Bekleidung. Deutschland liegt damit weit über dem weltweiten Durchschnitt von acht Kilogramm. Bei Textilien hat vor allem die Herstellung große ökologische und soziale Auswirkungen. Der Einsatz von Pestiziden beim Anbau der global produzierten Baumwolle ist für rund 20 Prozent des weltweiten Insektizid- und Pestizidmarktes verantwortlich, in der Weiterverarbeitung der Baumwolle werden häufig schädliche Chemikalien verwendet, pro Kilogramm Textilien sind das bis zu einem Kilogramm Chemikalien, informiert das deutsche Umweltbundesamt. Allein der Kauf von Textilien und Bekleidung ist in Deutschland für knapp drei Prozent des durchschnittlichen Ausstoßes an Treibhausgasemissionen pro Person und Jahr verantwortlich. Hinzu kommen enorme soziale Missstände in der Textilproduktion. 

Kleidung

Eine Studie des Forschungsunternehmens Green Story zeigt, würde weltweit jedeR anstatt eines Neukaufs ein gebrauchtes Kleidungsstück kaufen, entspräche das einer Reduzierung des weltweiten CO2-Fußabdrucks um zweieinhalb Milliarden Kilogramm. Durch den Abrieb von Kunststofffasern wie Polyester gelangt auch von gebrauchter Kleidung ständig Mikroplastik in die Umwelt. Und wenn das Hipster-Hemd in Regenbogenfarben mal nicht mehr in ist, kommt es auch hier auf die richtige Entsorgung an! Weltweit wird jede Sekunde ein Müllwagen vollgepackt mit Textilien entweder deponiert oder verbrannt, so die Clean Clothes Kampagne. Statt aussortierte Klamotten in den Müll zu werfen, sollte man diese wieder in den Umlauf bringen, zum Beispiel über Onlineplattformen – oder noch besser: auf dem Flohmarkt oder über Kleidertauschbörsen, das reduziere den CO2-Fußabdruck des Kleidungsstücks, so Green Story, um 79 Prozent. Doch auch hier ist bei Weitem nicht alles rosarot. Einerseits landet immer häufiger Ware auf den Plattformen wie Vinted, die allem Anschein nach neu ist, auf der sogar noch das Etikett angebracht ist. Gleichzeitig wird Kleidung, die in Europa nicht mehr verkauft wird, häufig in den globalen Süden exportiert und hat dort einen negativen Einfluss auf den lokalen Textilmarkt – und die Umwelt. 

Laut der Clean Clothes Kampagne wächst der Markt für Secondhandkleidung über 20 Mal schneller als der für neu produzierte Kleidung. Die Clean Clothes Kampagne ist ein weltweites Netzwerk, das sich für faire Arbeitsbedingungen in der Bekleidungs- und Schuhproduktion einsetzt. Bild: iStock.com/SolStock.

Die Zeit anhalten

Während der Vintage-Kleidung vor allem das Aussehen den Charme verleiht, kommt es bei der analogen Fotografie und den Schallplatten vielmehr auf ein bestimmtes Gefühl an: das Gefühl der Entschleunigung. Schon aus rein praktischem Grund: dem Plattenspieler als Ort des Geschehens. Musikhören zwischen Bäcker und U-Bahn-Station oder ein schneller Wechsel zwischen Alben und Interpreten ist nicht möglich. Bei der analogen Fotografie führt die Limitation der Bilder durch den Film zu einer – in der Regel – sorgfältigen Auswahl der Motive und verleiht ihnen Besonderheit. Das Ergebnis lässt auf sich warten, der Prozess vom Einlegen des Films bis zum fertig entwickelten Foto kann schon mal mehrere Wochen oder Monate in Anspruch nehmen.

Analogkameras

Was macht hier die rosarote Brille? Die sitzt schief… denn eindeutig nachhaltig sind diese charmanten Begleiter gewiss nicht, doch auch die sie ablösenden Technologien schneiden nicht in allen Punkten besser ab. Für die Produktion von Filmen werden Rohstoffe wie Cellulose und Polyester benötigt, für die Entwicklung der Negative sind Chemikalien notwendig. Ein sparsamer Umgang ist also nicht nur aus finanziellen, sondern auch aus umweltschonenden Gründen wichtig. Zwar kann digital eine vielfache Menge der Bilder umweltfreundlich gespeichert und vor dem Druck, falls dieser überhaupt noch stattfindet, aussortiert werden, andererseits benötigt die Herstellung von Digitalkameras und SD-Karten Konfliktrohstoffe, deren Abbau und Handel nicht nur ökologische, sondern auch soziale, wirtschaftliche und politische Konflikte schürt. Die ständige technische Weiterentwicklung macht regelmäßige Neuanschaffungen notwendig und nicht nur die Produktion, sondern auch die Datenspeicherung benötigt Energie und trägt somit zur CO2-Belastung bei. 

Laut einer Erhebung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland e.V. (BUND) aus dem Sommer 2020 liegt die Summe aller CO2-Emissionen für Herstellung und Nutzung digitaler Geräte und Dienstleistungen in Deutschland bei 739 Kilogramm pro Jahr und Person, den größten Anteil hat dabei die Herstellung der Geräte mit 447 Kilogramm, der Energieverbrauch in der Nutzung macht 292 Kilogramm aus. Der Energieverbrauch im Internet für übertragene und gespeicherte Daten beträgt etwa 46 Kilogramm. Eine lange Nutzung der Geräte sowie der Kauf von gebrauchten Geräten und die Reparatur von Defekten sind wichtige Schritte, um den Konsum von Elektrogeräten so umweltfreundlich wie möglich zu gestalten. Einen Pluspunkt haben die analogen Kameras durch ihre lange Nutzungsdauer, da sie von LiebhaberInnen meist über Jahrzehnte genutzt und gepflegt werden und sie – zumindest noch – sowieso nur gebraucht gekauft werden können. 

Gar nicht so leicht, umweltfreundlich Musik zu hören: sowohl die Produktion von Schallplatten, als auch das Musikstreaming hat Auswirkungen auf den CO2-Fußabdruck. Bei Vinyl-LiebhaberInnen addieren sich diese Emissionen – denn nur Platte, hört niemand mehr. Bild: iStock.com/Maica.

Schallplattenspieler

Auch Schallplatten sind bezüglich ihrer Umweltbelastung nicht ganz einfach zu verurteilen. Die Universität Glasgow hat in einer Untersuchung am Beispiel der USA berechnet, dass die Produktion von Vinyls und CDs dort vor zwanzig Jahren fast 160 Millionen Kilogramm an Treibhausgasemissionen verursachte. Zum Vergleich: Das Musikstreaming im Jahr 2016 führte einen CO2-Ausstoß zwischen 200 Millionen und 350 Millionen Kilogramm herbei. Bei der Frage nach den Rohstoffen, in diesem Fall Plastik, schneidet der nostalgische Tonträger – wie zu erwarten war – schlecht ab. So wurden in den USA 1977, zur Hochphase der Schallplatte, in der Musikbranche rund 58 Millionen Kilogramm Plastik verwendet, 2016 sank diese Zahl auf acht Millionen. Wie weit sie in Zukunft durch die Popularität neuer Schallplatten wieder steigt, bleibt abzuwarten. Die Digitalisierung schont hier zwar auf den ersten Blick Ressourcen, führt aber gleichzeitig zu immer schnellerem und größerem Konsum. Doch setzt man die rosarote Brille einmal ab und ist gnadenlos ehrlich, werden die nostalgischen Geräte, selbst wenn alles gebraucht gekauft wird, nicht statt moderner Technologie, sondern als Ergänzung genutzt. Nur wer das Smartphone und die Digitalkamera zur Seite legt und auf Spotify und Co. verzichten würde, dürfte sich also mit den genannten Zahlen in eine umweltschonendere Vergangenheit davonträumen.

Träumen erlaubt

Das Wort »Nostalgie« setzt sich aus den griechischen Wörtern »nostos« (Heimkehr) und »algos« (Schmerz) zusammen, früher wurde sie als Nervenkrankheit behandelt. Heute wird sie als »sehnsuchtsvolle Hinwendung zu vergangenen Gegenständen oder Praktiken« bezeichnet und eher als positive statt negative Emotion wahrgenommen. Einem Beitrag in der britischen Fachzeitschrift »Review of General Psychology« zufolge soll sie sogar das Gefühl der sozialen Verbundenheit stärken und wie eine Art Schutz vor dem Gefühl existenzieller Bedrohungen wirken. Das Davonträumen in alte Zeiten tut der Psyche also gut – den Realitycheck und einen sparsamen Umgang dankt die Umwelt. 

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #70 erschienen

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