Grünbrücken: Alles, was keine Flügel hat

Vom Wechsel bis in die Karpaten sollen sich Hirsch, Reh und Hase, Wolf, Luchs und Bär künftig entlang von Korridoren bewegen. Grünbrücken erhalten auch über Autobahnen hinweg den genetischen Austausch.

Grünbrücken können für Hirsch, Reh, Hase, Wolf, Luchs und Bär den genetischen Austausch erhalten.
Autobahnen sind für Wildtiere unüberwindbare Barrieren. Grünbrücken sollen ihnen helfen, die Straße sicher überqueren zu können. Bild: istock.com / aquatarkus.

Vor Flüssen, selbst vor großen Strömen schrecken Wildtiere selten zurück. Eindrucksvoll belegen das etwa Beobachtungen von Hirschen, die nachts die Donau durchrinnen. Stark befahrene Schnellstraßen allerdings und mancherorts auch Zugtrassen stellen häufig unüberwindbare Barrieren dar, vor allem Autobahnen, welche in Österreich durchgängig eingezäunt sind, um Wildunfälle zu vermeiden. Weshalb es den Radios zu Recht eine Verkehrsmeldung wert ist, sollte sich doch einmal eine Wildsau auf die Autobahn verirren. Eine Kollision mit einem Auto bringt alle Beteiligten in Lebensgefahr.

Dennoch: Aus wildtierbiologischer Sicht ist es wichtig, dass Verkehrsadern nicht den genetischen Austausch zwischen Teilpopulationen dies- und jenseits einer Autobahn durchtrennen. Gesetzlich sind deshalb für neu errichtete Strecken schon länger Grün- oder Wildbrücken, Tunnels, Talquerungen oder landschaftsverbindende Bachdurchlässe vorgesehen.

Wildbrücken werden an Wanderkorridoren von Tieren errichtet. Die Platzierung muss gut gewählt werden, da sie Engstellen sind.

Fuchs bei Vollmond: Aufgeblitzt von der Wildkamera auf einer frisch bepflanzten Querungshilfe. Wanderer*innen sollten Grünbrücken auch tagsüber meiden. Bild: ASFINAG.

Auch bestehende Strecken werden ausgebaut. „Wir haben derzeit rund 70 Querungen mit einer Breite zwischen 15 und 80 Metern in unserem Straßennetz, die Tieren eine ausreichende Querungsmöglichkeit bieten“, sagt Alexandra Vucsina-Valla von der für Autobahnen und Schnellstraßen zuständigen ASFINAG. Zusätzlich wird die Infrastrukturgesellschaft bis 2027 insgesamt 16 weitere Querungen errichten. Allein in Niederösterreich gibt es bislang 27 Wildbrücken – sechs davon im Landesstraßennetz, 21 im Hoheitsgebiet der ASFINAG.

Weiße Streifen, Grüner Rand

Auch wenn er landläufig noch gebräuchlich ist, die Forschung hat sich mittlerweile vom Begriff der „Wildbrücke“ verabschiedet. Üblicherweise wird der Überbegriff Grünbrücke verwendet. „Der Terminus Wildbrücke würde implizieren, dass es nur um das Wohl des jagdbaren Wilds geht“, erläutert Alfred Frey-Roos vom Institut für Wildbiologie und Jagdwirtschaft (BOKU), „doch es geht um Landschaftsvernetzung, die für Mäuse und Igel oder Grillen genauso wichtig ist.“

Wobei sich die Landschaftsvernetzer aus gutem Grund am Leittier Rotwild orientieren, also an Hirsch und Hirschkuh. „Rotwild braucht viel Raum, seine Wanderungsbewegungen sind telemetrisch gut erfasst und auch international gut mit Daten belegt. Und es ist von Vorteil, dass es als Art nicht nur den Wald, sondern auch offenes Gelände nutzt und sich gern entlang von Hecken, Wassergräben und Büschen bewegt“, so Alfred Frey-Roos. Allesamt Strukturen, die auch für andere Arten wichtig sind. „Deshalb modellieren wir die Landschaft für das Rotwild.“

Grünbrücken zu bauen ist teuer, deswegen ist jede mit Wildkameras ausgestattet.

Der Lebensraum von Reh (im Bild: ein Rehbock) und Feldhase ist vergleichsweise eng und überschaubar. Weitaus mobiler ist das Rotwild. Es braucht viel Raum, weshalb der Hirsch zum Leittier der internationalen Landschaftsvernetzung geworden ist. Bild: ASFINAG.

Unten Autos, oben Trockenrasen

Ob eine Grünbrücke wirklich angenommen wird, entscheidet einerseits ihre Lage. „Vorzugsweise werden sie an ausgewiesenen Wanderkorridoren von Tieren errichtet“, so Alexandra Vucsia-Valla. Anderseits die Gestaltung: Je breiter, desto besser. Und obgleich in der Mitte ein durchgehendes Band frei gehalten und regelmäßig gemäht werden muss – zu beiden Brückengeländern hin braucht es dichtes Buschwerk und Hecken. Bis diese dicht genug verwachsen sind werden die Geländer gleich nach dem Bepflanzen meist mit Holzparavents oder behelfsmäßigen Tennisplatzmatten verhangen, damit die nachtaktiven Tiere beim Queren nicht von Autos geblendet werden.

„Grünbrücken sind extremste Engstellen und Nadelöhre, die deshalb hervorragend platziert sein müssen. Aber auch das Hinterland muss passen.“ Leitstrukturen dies- und jenseits der Grünbrücke sind beispielsweise Hecken- und Blühstreifen, Brachflächen oder Bäche, an denen Tiere entlang wandern.
Wertvoll sind Grünbrücken auch, weil sie als sogenannter Trockenrasenstandort einen interessanten Lebensraum für einen sonst selten gewordenen Landschaftstyp darstellen. Auf angebrachten Steinhaufen finden sich auch Eidechsen und Schlangen wohl.

Grünbrücken hießen früher Wildbrücken. Das impliziere aber, dass es nur um das Wohl jagdbarer Tiere ginge.

Auch für kleinere Tiere, wie Feldhasen, Mäuse oder Igel, können Grünbrücken von Vorteil sein. Bild: ASFINAG.

Weil Grünbrücken teuer sind – jeder Bau kostet an die 4,5 Millionen Euro –, gibt es an jeder einzelnen Monitoring mit Wildkameras. Und aus Slowenien ist deshalb ein Bär bekannt, der sich regelmäßig auf einer Grünbrücke querendem Rotwild auflauert. „Durch die geringe Dichte an Bären und Wölfen, die wir bei uns haben, ist das aber kein Problem“, meint Alfred Frey-Roos. „Die Raubtiere sind nicht ständig vor Ort und für den genetischen Austausch ist es unerheblich, dass einzelne Tiere gerissen werden.“

„Grünbrücken sind Engstellen. Auch das Hinterland muss passen.“ – Alfred Frey-Roos, Landschaftsvernetzer (BOKU)

Als problematisch schätzt Frey-Roos hingegen ist die voranschreitende Zersiedelung und den schleichenden Ausbau von mehrspurigen und umzäunten Umfahrungsstraßen ein; auch in Niederösterreich, wo etwa südlich von Hollabrunn erst vor kurzem ein bestehender Korridor dicht gemacht wurde. Obgleich Österreich international zu den Vorreitern gehöre, wäre es wünschenswert, dass gerade bei Umfahrungsstraßen und Umbauten bestehender Trassen Querungshilfen gebaut würden. Denn: „Es entstehen ständig neue Hindernisse.“

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #2 erschienen

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