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Die Wölfe und das Schweigen der Politik

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Vor einem Jahr war das eine kleine Sensation: Wölfe haben sich erstmals seit über 100 Jahren wieder in Österreich niedergelassen – am Truppenübungsplatz Allentsteig im Waldviertel. Seitdem gehen in Region und Jägerschaft die Wogen hoch. Die Betroffenen werden alleine gelassen. 

Die Bilder einer Wolfsfamilie, aufgenommen per Fotofalle am Truppenübungsplatz Allentsteig verbreiteten sich rasant im Netz. Es war der erste Fotonachweis der scheuen Tiere seit langer Zeit. Heute leben vier Erwachsene und fünf Jungwölfe im Waldviertel. In der Region gingen die Wogen hoch. Es geistern Gerüchte über vertuschte Wolfsrisse herum, und dass Naturschützer die Wölfe ausgesetzt hätten. Die emotionale Reaktion zeigt, dass die Menschen die Präsenz der Tiere nicht mehr gewohnt sind. Das letzte Wolfsvorkommen Österreichs war 1882 im steirischen Wechselgebiet erloschen. Der Wolf kehrt nach Mitteleuropa zurück. Freiwillig. Im benachbarten Deutschland leben heute rund 40 Rudel. Die scheuen Tiere ernähren sich hauptsächlich von Wildtieren wie Hirschen, Rehen und Wildschweinen. Ökologen bewehrten die Rückkehr der großen Beutegreifer positiv für die Entwicklung gesunder, stabiler Ökosysteme, da sie dabei helfen können, Verbiss-Schäden durch zu viele Rehe und Hirsche zu verringern. Die Waldviertler Wölfe stammen laut DNA-Proben aus Deutschland. Den Truppenübungsplatz Allentsteig als neue Bleibe zu wählen, war durchaus weise: Das Gebiet ist dank Schießbetrieb menschenleer und voller Wild. Ottokar Jindrich, Leiter des Referats Umweltschutz & Ökologie im Bundesministerium für Landesverteidigung, betont, dass die Wölfe „gewissermaßen unter militärischem Schutz stehen“ Alles paletti also? Nein.

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Alternative Fakten und Abschuss-Gerede

Österreich geht mit dem Wolf sehr „österreichisch” um. Anstatt, wie in der Schweiz, Elektrozäune und Herdenschutzhunde zu fördern, unternimmt Österreich vorsichtshalber nichts. Und die Politik ist auf Tauchstation. Stattdessen meldet sich der niederösterreichische Landesjägermeister zu Wort: „Beim Wolf ist das ähnlich wie bei Fischotter und Biber. Beide sind bewusst von Ökoaktivisten ausgesetzt worden. Und jetzt stehen wir vor unglaublichen Schadenssituationen und es muss gehandelt werden. Wir lehnen alles ab, was aus weltfremden Ökofantasien angesiedelt wird”, poltert Ex-Umweltminister und Oberjäger Josef Pröll im Kurier-Interview. Bei einer Tagung des Wildökologischen Forums Alpenraum im Mai 2017 tauchte gar die bizarre Behauptung auf, dass NGOs gezielt Zoo-Jungwölfe aussetzen würden. Das Fake-News-Zeitalter lässt grüßen. Christian Pichler, Artenschutzexperte beim WWF, stellt klar: „Weder bei Wölfen, noch bei Fischottern fanden Ansiedelungen statt. Die von Pröll kommunizierten Zahlen laufen ausschließlich unter dem Begriff ‚Jägerlatein‘. Tatsächlich leben aktuell sieben Wölfe in Niederösterreich, in ganz Österreich sind es zehn Tiere. Pröll spricht von 50. Diese Zahl entbehrt jeglicher Grundlage.” In der Schweiz und in Deutschland verengt sich die Diskussion auf das Thema Abschuss. In der Schweiz darf nach einem Prozentschlüssel geschossen werden. Macht Tötung Sinn? Oder bedient sie nur psychologische Bedürfnisse? “Diese Art der Bejagung ist zutiefst irrational, bedient Rachegelüste, ändert aber nichts am Problem,” erklärt Wolfs-Forscher Kurt Kotrschal. Der Abschuss einzelner Tiere könnte Rudelstrukturen durcheinanderbringen und Angriffe auf Herden steigern. Ohne Wolf und Herdenschutz wären in der Schweiz bis zu 10.000 Schafe pro Saison durch Abstürze, Schlechtwetter etc. verloren gegangen. “Mit Wolf und Herdenschutz sind diese Verluste stark zurückgegangen; Wölfe nehmen pro Jahr etwa 200 Schafe.” „Die Menschen sollten auf den Wolf vorbereitet sein“, sagt der Kamptaler Biobauer und Züchter seltener Nutztierrassen Willi Klaffl. Er hütet knapp 200 Schafe, Kühe mit Kälbern, Konik-Pferde, Ponies und Esel. Die Tiere weiden auch auf Naturschutzflächen, um artenreiche Wiesen und Überschwemmungsflächen vor dem Zuwachsen zu bewahren. „Ich habe keine Angst,“ sagt er, „ich hab ihn mir fast herbeigewünscht. Ich bin Biobauer. Und nachhaltiges Wirtschaften heißt leben mit der Natur. Und da gehört der Wolf dazu.“ Klaffl beschäftigt sich seit 15 Jahren mit dem Thema Herdenschutz. „Es sollte von Anfang an klar gestellt werden, dass die Wölfe da bleiben, dass sie mehr werden und dass es auch Probleme geben wird. Die Betroffenen brauchen Beratung. Und es braucht finanzielle Unterstützung für Weideviehhalter. Elektronetze kosten Geld. Wenn die Betroffenen alleine gelassen werden, dann wird sich die Stimmung eher aufschaukeln, wenn es zu Schäden kommt.”

Dieser Artikel erschien in der ersten Niederösterreich-Ausgabe von BIORAMA.

Welche Folgen hat die Präsenz der Wölfe auf dem Truppenübungsplatz?

Christian Kubitschka, Leiter der Stabsgruppe Nachhaltigkeit und Raumnutzung beim Bundesheer in Allentsteig, erzählt: „Das Rudel lebt im Zentrum des Sperrgebiets, in einem Revier von ca. 1.000 – 1.500 Hektar.” Im Unterschied zu den Hirschen seien die hier in den 70er-Jahren eingebürgerten Mufflons nicht so wehrhaft und eine leichte Beute. Ihr Bestand wurde stark dezimiert. Und: Früher seien bis zu 150 Hirsche auch am helllichten Tag auf den Schießbahnen gestanden. Das gäbe es jetzt nicht mehr. Kubitschka ist Jäger, und meint: „Es wäre sinnvoll, entsprechend der Nachweise, wie intensiv die Besiedelung durch Wölfe ist, eine Förderung einzurichten. Wenn die Betroffenen nicht unterstützt werden, dann könnte die Stimmung eine Tages kippen.“ WWF-Wolfsexperte Christian Pichler warnt vor einer Blockadehaltung gegen Herdenschutzmaßnahmen. Im Waldviertel wäre Herdenschutz mit Elektrozäunen vergleichsweise einfach, aber es brauche eine finanzielle Unterstützung. Die Ausbildung von Herdenschutzhunden dauert Jahre und Hirten gibt es kaum mehr. Derzeit gibt es in Österreich keine finanzielle Unterstützung für den Herdenschutz. In Niederösterreich deckt eine Versicherung der Jägerschaft nachgewiesene Schäden.

Bild: Matthias Schickhofer

Der Wolf und die sieben Forderungen

Während der Biorama Fair Fair im Mai 2017 in Wien diskutierten Bio-Tierhalter, Wolfsforscher und NGOs über den Umgang mit dem Wolf. Alle Diskutanten – Max Rossberg (European Wilderness Society), Helena Kunes (Biobäuerin), Lena Schaidl (Wildtierökologin und Jägerin) und Willi Klaffl (Halter von Bio-Vieh und Herdenschutzhunden) – fühlten sich von der Politik komplett allein gelassen. Ein Statement lautete: „Die Politik stellt sich tot und hofft offensichtlich darauf, dass endlich irgendwas passiert – weil dann kann man die Wölfe einfach abschießen lassen.“ Die Runde einigte sich auf sieben Forderungen an die Politik (siehe Kasten). Kasten: Sieben politische Forderungen zur Rückkehr des Wolfs:

1. Es braucht ein bundesweit einheitliches Monitoring aller Wolfssichtungen.

2. Es sollte eine einheitliche Regelung zur Kompensation von Wolfsrissen geben; auch ist es nicht zumutbar, dass die Jägerschaft Wolfsrisse entschädigen muss.

3. Der Wolf ist als Naturereignis zu betrachten – daher sollte es unterstützende Maßnahmen zum Herdenschutz geben.

4. Es sollte Kulanzlösungen für unklare Schäden geben.

5. Es müssen Regularien wie das Tierschutzgesetz an die Präsenz des Wolfs angepasst werden.

6. Es sollte eine einheitliche Öffentlichkeitsarbeit zum Thema Wolf mit mehreren Experten betrieben werden.

7. Studenten, Freiwillige oder Zivildiener sollten nach französischem Vorbild zu Hirten ausgebildet werden.


Der ausführliche Forderungskatalog findet sich hier.

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