Unsere kleinen und großen Farmen

Antibiotikaresistenzen, Massentierhaltung und Tiertransporte. Hat das miteinander und was hat Bio mit Biosicherheit zu tun?

Eine illustrierte Farm
2019 wurden 13.777.357 lebende Schweine zur Mast nach Deutschland importiert und 2.068.207 Tiere exportiert. Bild: Istock.com/MyonosotisRock, Istock.com/Vectorios2016.

Von welchen Tieren die nächste große Zoonose ausgehen wird, ist noch nicht fix. Davon, wie groß die Risiken sind, die von Tierkrankheiten für den Menschen ausgehen, haben wir inzwischen eine konkretere Vorstellung. Von den Gegenmaßnahmen weniger. Was tun, wenn es – irgendwie – um Wildtiere und auch Nutztiere geht, wenn ganz offensichtlich ein System krankt und man trotzdem irgendwo anfangen muss und möchte. 

Der Bilderbuchbauernhof

Die dominierende Idealvorstellung der Produktion tierischer Lebensmittel existiert nicht nur historisch und in der Fantasie: Es ist eine, wo unterschiedlichste Nutztiere, und von jeder Art möglichst wenige, zusammenleben, nur durch eine Mauer getrennt vom Lebensraum der LandwirtInnenfamilie. Ab und zu schaut der Fuchs auf einen Sprung über den Zaun vorbei. Der Fuchs kann eine Krankheit mitbringen oder auch nicht, meistens bleibt er nicht lang. Die Stalltiere sind manchmal auch krank, die möglichen Ursachen dafür so vielfältig wie die Konsequenzen.

Gleichzeitig werden weltweit 100.009.773 Tonnen Schweinefleisch produziert. (Die Zahlen stammen aus dem Jahr 2019.) Von keinem Tier wird mehr Fleisch gegessen. Wir EuropäerInnen sind mit unserem Pro-Kopf-Konsum vorne dabei, aber mit unserer Produktion von 150 Millionen Schweinen liegen wir sogar in absoluten Zahlen international an zweiter Stelle hinter China. Abschreckende Bilder der für diese Mengen zwangsläufig auch notwendigen Massentierhaltung begleiten uns schon lange, doch wir sehen sie in der Pandemie womöglich mit etwas anderen Augen. Der Zusammenhang zwischen der Massentierhaltung und der Zoonosegefahr ist allerdings ein indirekter und einer, der noch zu erheblichem Teil im Dunkeln liegt. Adi Steinrigl, Veterinärmediziner mit Spezialisierung auf Tierseuchendiagnostik, ist ob der Datenlage vorsichtig mit Erklärungen, warum Zoonosen häufiger werden.

»Im Moment schaut es so aus, als hätte das damit zu tun, dass sich die Lebensbereiche von Wildtieren und Menschen zu sehr überschneiden. Und dass Menschen international so mobil sind.« Langsam kennen wir die Geschichte: Die Rückzugsräume von Wildtieren wurden in den vergangenen Jahrzehnten immer kleiner: durch Ausdehnung von Siedlungsraum, aber maßgeblich etwa auch durch Zerstörung von Lebensräumen, etwa durch Abholzung. Biodiversität klingt nett als Ziel, benennt man ihren Effekt, nämlich Ökosystemleistungen, klingt ihre Notwendigkeit etwas mehr durch.

Prävention wovor?

Der Kontakt zwischen Wildtier, Nutztier und Mensch ist mitunter bei eigentlich artgerechter Haltungsform der Nutztiere größer. Steinrigl nennt die Weidehaltung als Beispiel: »Das ist in vielerlei Hinsicht das Gegenteil von Massentierhaltung. Doch hier ist das zoonotische Potenzial viel größer.« Die doppelte Umzäunung, die bei Freilandhaltung oft vorgeschrieben sei, habe genau diesen Hintergrund, Haustiere beziehungsweise Nutztiere von Wildtieren zu trennen. »Auch das ist letztlich Zoonoseprophylaxe.« Nämlich schon in der ersten Stufe des Übersprungs – vom Wildtier auf das Nutztier.

Das genannte zoonotische Potenzial beschreibt hier freilich die Möglichkeit der Übertragung und weniger die Mutationswahrscheinlichkeit zur Zoonose. Denn im Idealfall verhindern Biosicherheitsmaßnahmen schon den Eintrag eines Erregers in einen Betrieb. »Entweder ich rotte die Krankheit im Wildtier aus, aber dazu muss ich zuerst mal von ihr wissen. Oder ich überlege mir Maßnahmen, wie ich den Übersprung auf das Nutztier verhindere«, bringt Steinrigl die Präventionsmöglichkeiten im Anlassfall auf den Punkt. Doch die Anlassfälle sind viele und die Fälle, in denen keine der beiden Strategien flächendeckend funktioniert, auch.

Viren in Massen

Zur Klärung vergleicht er den Schweinebetrieb mit einem Kindergarten: Wie Kinder, die die ersten Male in den Kindergarten kommen, würden auch Ferkel in einem neuen landwirtschaftlichen Betrieb am Anfang häufig krank. Die Ferkel bekommen dagegen, wie der in einer Gemeinschaftspraxis in Ingolstadt praktizierende Veterinärmediziner und Politiker Rupert Ebner in seinem Buch »Pillen vor die Säue« beschreibt, prophylaktisch Antibiotika. Denn es werden Tiere von unterschiedlichen Betrieben zugekauft und zusammengebracht. »In dem Augenblick, in dem drei Wochen alte Ferkel aus Niederösterreich, wo sie produziert werden, nach Niedersachsen, wo man sie mästet, transportiert werden, sorgt spätestens der Transportstress für ein deutlich erhöhtes Erkrankungsrisiko. Dann wird ein Antibiotikum zwangsweise notwendig«, sagt Ebner. Seine Antwort ist der geschlossene Betrieb, wenn Ferkel dort gemästet werden, wo sie zur Welt kommen, könnten Antibiotika und Medikamente in relevantem Ausmaß eingespart werden.

Von Risiken und Nebenwirkungen

Mit oder ohne Antibiotikagabe: Wenn eine Infektionskrankheit auftritt, macht es natürlich einen Unterschied, ob 20 Schweine oder 20000 Schweine gemeinsam gehalten werden.

Je mehr Wirte auf engem Raum, desto größer die Chance des Virus auf Veränderung – auf Mutation. Ob ein Virus wirklich auf den Menschen überspringt, weiß man immer erst nachher. In Laborstudien kann man feststellen, ob man zum Beispiel Zellkulturen von Menschen mit einem bestimmten bei Schweinen festgestellten Virus infizieren kann. Mitunter zuvor schon sehe man es an den Personen, die mit den Tieren in Kontakt kommen: LandwirtInnen, TierbesitzerInnen, SchlachthofmitarbeiterInnen.

Biosicherheit: Eine Frage der Haltung

Das Risiko dafür bzw. die Maßnahmen, die verhindern, dass Krankheitserreger in einem Betrieb auftreten und sich dort verbreiten, werden als Biosicherheit (oder als Bestandteil davon) bezeichnet. Sie hat abhängig von Tier, Rasse und Haltungsform jeweils andere Voraussetzungen. Die Biosicherheit hängt sowohl bei Betrieben mit als auch jenen ohne Freilandhaltung vom Betriebsmanagement ab. Und über dieses Betriebsmanagement in puncto Biosicherheit geben Gütesiegel und Kleingedrucktes auf Produktverpackungen oder Auszeichnungen in der Gastronomie nur begrenzt Auskunft.

Bauer sucht Sau

Dass allerdings Betriebsmanagement gleichzeitig an natürliche Grenzen stößt, wo das Betreuungsverhältnis zwischen landwirtschaftlicher Arbeitskraft und Tier aus den Fugen gerät, wiederholt Rupert Ebner inzwischen seit Jahrzehnten. Er glaubt nicht, dass bei Schweinemasteinheiten ab 5000 Tieren der Betreuungsschlüssel akzeptable Bedingungen bieten kann: »Die Mensch-Tier-Relation muss trotz der Systeme zur Überwachung der Futteraufnahme, die es heute gibt, passen.« Denn es bräuchte immer an einem bestimmten Punkt einen Menschen, der diese Daten ausliest und sich entsprechend um das Tier kümmert. »Für mich ist das ein ganz großer Kompromiss, wenn ich sage, bei Milchkühen ist eine vernünftige Obergrenze 300 und bei Sauenhaltung 250 und bei Masteinheiten für Schweine sollte mit 5000 genug sein.«

Davon ist die Realität meilenwert entfernt. Und dem Veterinär Ebner zufolge hat damit zusammenhängend der haltlose Einsatz von Antibiotika in der Schweinemast begonnen. Dieser Boom habe Ende der 80er-Jahre stattgefunden und seither habe sich kaum etwas verändert. Denn Antibiotika würden erstens nach wie vor überhaupt nur teilweise zur Heilung von Krankheiten eingesetzt, sondern vielmehr auch zur Wachstumsförderung. »In Europa weniger, doch weltweit – etwa auch in den USA – ist es noch üblich, dass Antibiotika in niedriger Dosierung standardmäßig ins Futter gemischt werden, weil eben dann die täglichen Zunamen besser sind.« Zweitens würden Antibiotika nicht gezielt eingesetzt, sondern auf unterschiedlichste Weisen fehldosiert. Vor allem, weil sie nicht nur kranken Tieren verabreicht werden, sondern nach wie vor zentral ins Futter oder Trinkwasser gemischt würden.

COVER Pillen vor die Säue

»Pillen vor die Säue«, das Rupert Ebner gemeinsam mit der Literaturwissenschaftlerin Eva Rosenkranz verfasst hat, trägt den Untertitel »Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden«.
2021, Ökom.
Bild: Oekom Verlag.

Reduktionen auf dem Papier

Dass laufend niedrigere Höchstgaben von Antibiotika und Voraussetzungen für deren Verabreichung beschlossen werden, beeindruckt Ebner wenig. »Die Hauptproblematik bei der Resistenzenentwicklung ist ja eine falsche Dosierung. Wenn Sie richtig dosieren und wirklich die Zielkeime töten, entstehen kaum Resistenzen. Die entstehen, wenn Bakterien das gerade so überleben. Und ihre Genetik, die sie zu diesem Gerade-Überleben gebracht hat, an ihre nachfolgenden Generationen weitergibt.«

Er zweifelt daran, dass wir derzeit schon einen Rückgang der Antibiotikabehandlungen in der Tierhaltung erleben: »Wir haben überhaupt keinen Anhaltspunkt, keine Zahlen zum Antibiotikaeinsatz, mit denen wir was anfangen können. Der glaubwürdige Index wäre: Wie viele Tage im Mastleben eines Tieres steht es unter Antibiotika.« Wenn man diese Zahlen erheben würde, ist sich Ebener sicher, würde sich zeigen, dass sich in den vergangenen Jahren nur die Verabreichungsart verändert hat, nicht aber der Antibiotikaeinsatz im Verhältnis zur Mastdauer. »Es sind auch die insgesamt verabreichten Tonnen zurückgegangen. Aber die Tonnen sind kein Maßstab für die Häufigkeit der Antibiotikatherapie bei Tieren.« Das dazugehörende bekannte Problem und die eigentliche Quintessenz in Ebners Buch: Der Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung ist ein wesentlicher Grund für steigende Antibiotikaresistenzen bei Menschen. Der Weg in die »post-antibiotische« Gesellschaft würde einen Verlust der Behandelbarkeit vieler unserer Krankheiten bedeuten: »Wenn wir keine wirksamen Antibiotika haben, dann gibt’s auch keinen Gelenksersatz, keinen Organersatz, keine Tumortherapie in der jetzigen Form und keinen Herzkatheter. Das wurde über Jahrzehnte verharmlost, weil man immer dachte, man findet nächste Woche wieder neues Antibiotikum. Aber das hat sich halt als unwahr herausgestellt.«

Ob es mehr an den Haltungsformen liegt, die Bio vorschreibt, oder an den BiolandwirtInnen, die mutmaßlich mehr Sensibilität für den Erhalt der Gesundheit durch ein breiteres Werkzeugset haben, will Ebner nicht beurteilen. Doch eines sei klar: »Es gibt viele Unterlagen, die stützen, dass im Biobereich Antibiotikaeinsatz um ein Vielfaches niedriger ist als in der konventionellen Landwirtschaft. Das muss man der Biobranche wirklich hoch anrechnen.«

Zoonosen beschränken sich nicht auf Viren, sondern auch Bakterien, Parasiten und Pilze können zwischen Tieren und Menschen übertragen werden. Unter den vielen Erregern, die das können, fällt es manchen doch einfacher als anderen. Bei der Afrikanischen Schweinepest konnte hier bisher auf keine der beiden Weisen zoonotisches Potenzial festgestellt werden.

Und bei SARS-CoV-2 gibt es bisher keinen Hinweis, dass Schweine sich infizieren ließen.

Auch wer durch den eigenen Fleischkonsum – oder in geringerem Ausmaß auch Sojakonsum – nicht zur Zerstörung von Regenwald und somit Lebensraum und Biodiversität beitragen möchte, ist mit Bio gut beraten. Denn: In der europäischen Biolandwirtschaft müssen in Schweinemastbetrieben zu 95 Prozent Biofuttermittel (vor allem Soja) eingesetzt werden und bei den Verbändesiegeln etablieren sich sukzessive sinkende Maximalquoten für den Einsatz von Import-Biofuttermitteln.

Adi Steinrigl ist Veterinärmediziner mit Spezialisierung auf Tierseuchendiagnostik. Er forscht in der Abteilung Molekularbiologie am Institut für veterinärmedizinische Untersuchungen der österreichischen Agentur für Ernährungssicherheit – AGES.

Rupert Ebner

Der Veterinärmediziner und Grünpolitiker Rupert Ebner war schon Vizepräsident der Bayerischen Landestierärztekammer und Umwelt- und Gesundheitsreferent von Ingolstadt.
Heute ist er Leiter von Slow Food München.
Bild: Rupert Ebner.

Mehr zu unserem Lieblingsfleischtier und wie wir es halten, findest du unter anderem in unserer Ausgabe 72 und online zu Bio-Schweinemast und hier zu Trends bei (Wild-)Tierhaltung und Zoonosen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #72 erschienen

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