»A Paradise for Businessmen«

Systemkritik: Der Film »Welcome to Sodom« ruft derzeit bildkräftig die Konsequenzen der Wegwerfgesellschaft ins Gedächtnis. Was macht unser Müll in Afrika?

Illustration: Andrea Bauernfeind.

Der Stadtteil Agbogbloshie der westafrikanischen Millionenmetropole Accra bildet die Lebensgrundlage für rund 6.000 Frauen, Kinder und Männer. Und zwar als Elektromülldeponie, die von den BewohnerInnen auch Sodom genannt wird. Das Wort Deponie wird dem Treiben an diesem Ort allerdings nicht gerecht. Elektroschrott bedeutet dort vor allem: Kupfer, Eisen, Aluminium. Und somit eine Einnahmequelle für diejenigen, die diese Rohstoffe von den anderen Bestandteilen der Geräte trennen. Die simplen Techniken, mit denen diese Materialien gewonnen werden, haben verheerende Auswirkungen auf Mensch und Umwelt, auf die Luft in Accra wie auch auf das Grundwasser.

Agbogbloshie ist nur einer von vielen solcher Orte. »Es gibt solche Deponien auch außerhalb Afrikas. In Indien und in China etwa«, erklärt Lisa Kernegger, Ökologin bei Global 2000. Der Elektroschrott, der sich auf diesen illegalen Deponien sammelt, ist auch, aber keineswegs nur aus der Region, in der sie sich befinden. In den vergangenen zwei Jahrzehnten ist ein System gewachsen, das darauf basiert, dass nicht nur Europa, sondern maßgeblich auch die usa und Asien Elektroschrott in den globalen Süden exportieren. Dies erfolgt meist getarnt als Export noch funktionierender Elektroaltgeräte. Wie viele von ihnen einmal in Österreich oder Deutschland in Gebrauch waren, lässt sich nur schwer schätzen.

Die Deutsche Umwelthilfe beispielsweise schätzt, dass jährlich 400.000 Tonnen Elektroschrott illegal aus Deutschland exportiert werden. »Ein Großteil davon geht nach Afrika. Dort führt dessen wiederum illegale Entsorgung zu verseuchten Landschaften, kranken Menschen und unwürdigen Arbeitsbedingungen«, so die Organisation für Umwelt- und Verbraucherschutz. Aber wie lassen sich verhältnismäßig gut ausgebaute Recyclingsysteme für  Elektroaltgeräte und gesetzliche Verbote des Exports von Elektroschrott mit diesen Exportmengen vereinbaren? Lisa Kernegger betont: »Ja, wir haben hier in Österreich, und auch in Deutschland, verhältnismäßig gut ausgebaute Systeme. Doch es werden auf diffuse Weisen Geräte zusammengekauft – online und offline – und diese dann international gehandelt.« Dass eines unserer Elektrogeräte in Afrika lande, sei wahrscheinlicher, als die meisten sich das vorstellten. Wenn sie genau wüsste, auf welchen Bahnen die defekten Altgeräte Europa verlassen, hätte sie schon Anzeige erstattet, sagt sie, sprich: Das weiß niemand so genau. Kernegger verweist auf nachgewiesene Fälle aus Deutschland und Spanien, in denen Geräte, die sich bereits im Recyclingsystem befunden haben, dieses sogar wieder verlassen haben und nach Afrika gelangt sind. 

Festzuhalten sei: Auch wenn unbekannt ist, wie viel auf den afrikanischen Deponien aus Österreich oder Deutschland stammt, sehr viel des Schrottes kommt aus Europa.

Der Elefant durchs Nadelöhr

Vermutlich mehrere Millionen Tonnen – wie kann Schrott in diesen Mengen unbemerkt die europäischen Häfen verlassen? Die Strafen für die exportierenden Unternehmen wie auch für die Prüfunternehmen, die falsche Unterlagen zur Verfügung stellen, seien zu niedrig, aber vor allem seinen die Kontrollen schlicht zu wenige, ist Kernegger überzeugt: »Das ist simpel: Ein Risiko muss sich rechnen. Wenn man selten erwischt wird, geht das auf. Wenn man die Zulassung verliert, gründet man eben ein neues Unternehmen.« Nur eine Handvoll Kontrolleure ist in den großen europäischen Häfen dafür bereitgestellt, stichprobenartige Kontrollen der Containerinhalte in diesem Bereich durchzuführen. Die Ökologin weist darauf hin, dass auch beim Beladen der Container ein alter Trick zur Anwendung kommt: Der Elektroschrott wird zuerst geladen, dann kommt gegen Ende noch ein bisschen funktionierende Gebrauchtware dazu und bei einer Überprüfung ist ohne eine komplette Entladung des Containers dann auch nur die Gebrauchtware sichtbar und zugänglich. In dieser und auch in anderer Hinsicht vergleicht Kernegger den Handel von Elektroschrott mit anderen nur illegal handelbaren Warengruppen, etwa Drogen, und fasst zusammen: »Man kann Geld damit verdienen, und womit man Geld verdienen kann, das findet seine Wege.«

»Wir haben eine gute Gesetzgebung, aber es gibt zu wenig Kontrolle.« – Lisa Kernegger, Ökologin bei Global 2000

Die Quote stimmt

In Österreich ist man stolz darauf, die Recyclingquote, die sich die Mitglieder der EU verordnet haben, mit 63 Prozent – derzeit noch – überzuerfüllen, auch in Deutschland geht es sich noch mit Ach und Krach aus. Sehr zufriedenstellen kann das noch nicht. Um den Anteil weiter zu steigern, wird derzeit vor allem auf Aufklärungsarbeit gesetzt. Und hier nicht nur auf Information zu sachgerechter Entsorgung, sondern auch auf eine umfassende Sensibilisierung für den Wert eines Produkts und der enthaltenen Rohstoffe. Nicht zuletzt, weil es unrealistisch scheint, dass wir uns unseren Elektromüll in Europa künftig sehr bald einfach behalten, auch wenn das Bewusstsein für den Wert der im Schrott enthaltenen Rohstoffe auch in Europa zunimmt und die Technologien zu deren Recycling laufend verbessert werden.

Ghana ist einer der weltweit größten Importeure von Elektroschrott. Vom Hafen Thema ist es noch eine Autostunde bis zur Hauptstadt Accra, in deren Stadtteil Agbogbloshie der Film »Welcome to Sodom« gedreht wurde. Bild: welcome-to-sodom.de.

Angebot und Nachfrage

Lisa Kernegger weist einmal mehr auf den systemischen Charakter des Problems hin: So etwa beim Produktdesign, das oft bewusst auf Wegwerfprodukt ausgelegt sei, von gezielten Anstrengungen punkto Reparierbarkeit und Upgradefähigkeit ganz zu schweigen. »Da sind natürlich auch die ProduzentInnen gefordert. In den Handys sind teilweise die Batterien verklebt! Stellen wir uns mal ein Auto vor, bei dem die Reifen oder die Autobatterie angeklebt wären. Und wenn davon etwas kaputt ist, muss ich das Auto wegschmeißen.« Hier kämen aber auch die KonsumentInnen ins Spiel, die ihre Rechte einfordern müssten. Last, but not least: die Gesetzgebung. Kernegger hat eine lange Wunschliste: Erstens solle Langlebigkeit als Kriterium für Produktdesign durch gesetzliche Ge- und Verbote gestützt werden. Ein Anfang wäre, endlich ernsthaft gegen die geplante Obsoleszenz vorzugehen. Zweitens müsse auf EU-Ebene eine Reuse-Quote her. Für deren Einhaltung wäre, wie auch bei der bestehenden Recyclingquote, der Nationalstaat verantwortlich. Und in einem weiteren Bereich unterstützt Global 2000 einen auch andernorts beliebten Ansatzpunkt: eine Senkung der Mehrwertsteuer auf Reparaturen. Reduce! ist auch hier das Credo, noch vor reuse! und recycle!

Elektroschrott ist einer der am schnellsten wachsenden Müllberge. Einer Studie der Vereinten Nationen aus dem Herbst 2018 zufolge wird die Menge des weltweit anfallenden Elektroschrotts von 44,8 Millionen Tonnen bis zum Jahr 2021 auf über 52 Millionen Tonnen ansteigen.

Der Film »Welcome to Sodom« zeigt vordergründig prototypisch einen Ort, an dem diese Tonnen zum Teil landen werden. Während die Bilder aus Agbogbloshie vermitteln, unter welch widrigen Bedingungen Menschen sich noch einrichten können, laufen im Subtext eine Systemkritik der kapitalistischen Wegwerfgesellschaft und Porträts ihrer VerliererInnen. Und doch gilt dieser Ort,  wie ein Protagonist des Films es formuliert, als »Paradise for Businessmen«.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #58 erschienen

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