Interview: von Baby-Luchsen und Sensationen

Luchse sind in unseren Wäldern mehr als selten geworden, die Wildkatzen bekommt man heutzutage hauptsächlich in Zoos zu Gesicht. In Deutschland tut sich einiges, um für die vom Aussterben bedrohte Tierart einen neuen Lebensraum zu schaffen. Ole Anders, Koordinator des Luchsprojektes Harz, hat uns erzählt was man über Luchse wissen muss und warum die Geburt von fünf Jungtieren im Mai dieses Jahres großartig ist.

Unlängst hat ein junges Luchsweibchen beim Nationalpark Harz in Thüringen fünf Jungtiere zur Welt gebracht. Warum ist das eine kleine Sensation?

Die Luchsin hat die Jungtiere ein Stück außerhalb des Harzes im Norden Thüringens zur Welt gebracht. Es handelt sich dabei um den ersten dokumentierten freigeborenen Luchsnachwuchs auf Thüringischem Gebiet. Zudem sind 5 Jungtiere in einem Wurf beim Luchs extrem selten und kaum je nachgewiesen worden. Zumindest im Harz hat es einen solch großen Wurf noch nicht gegeben.

Am Anfang sind die Baby-Luchse schutzlos und dicht bei ihrer Mutter. Wie lange dauert es bis sie sich selbstständig bewegen und den Wald auf eigene Faust erkunden?

Etwa ab August/September beginnen die Jungtiere der Mutter zu Folgen. Diese führt sie zu den von ihr gerissenen Beutetieren. Im Herbst werden die Jungluchse zunehmend selbstständig und unternehmen auch schon einmal kurze Ausflüge auf eigene Faust. Sie brauchen aber noch bis Februar/März die Führung der Mutter.

Zu Beginn liegen die kleinen Luchse sicher und behütet in ihrem Bau. Welchen Gefahren sind sie ausgesetzt, sobald sie eigenständig unterwegs sind? Stellt der Verkehr nahegelegener Straßen eine potenzielle Bedrohung dar?

Wenn die Jungtiere 4 Wochen alt werden, lässt die Mutter sie zunehmend auch einmal alleine, um zu jagen. Die Jungen sind dann natürlich unter Umständen anderen Raubtieren ausgesetzt, wie Füchsen oder Mardern. Allerdings sind frühe Totalausfälle ganzer Würfe wohl selten. In späteren Lebenswochen sind es dann vor allem verschiedenste Infektionen, die zum Tode führen können. Sobald die Jungtiere sich von der Mutter trennen, beginnt noch einmal eine besonders kritische Phase. Neben dem Hungertod, innerartlichen Auseinandersetzungen und Infektionen bildet dann für die Abwanderer auch der Verkehr eine zunehmende Gefahr. Bei überfahrenen Luchsen handelt es sich häufig um solche Jährlinge.

Werden die Thüringer Luchsbabys dann Nahe des Nationalparks bleiben oder zu einem anderen Ort weiterziehen und ihr Territorium erweitern? Lässt sich das voraussagen?

Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit werden die Jungtiere im kommenden Frühjahr nach der Trennung von der Mutter abwandern. Da die jungen Luchse nicht im geschlossenen Harzwald sondern in der halboffenen Agrarlandschaft außerhalb des Mittelgebirges zur Welt gekommen sind, ist es besonders interessant, welchen Weg sie dabei einschlagen werden. Sollte sich dieser Weg dokumentieren lassen, könnte dies neue Erkenntnisse über die Ausbreitungschancen des Luchses in unserer Landschaft liefern.

Welche Faktoren haben in der Vergangenheit dazu beigetragen, dass die Zahl an Luchsen so drastisch gesunken ist und die Tiere vom Aussterben bedroht ist?

Der Luchs ist in Mittel und Westeuropa in den vergangenen Jahrhunderten intensiv vom Menschen verfolgt und in den meisten Regionen vor etwa 200 Jahren endgültig ausgerottet worden.

Wie viele freilebende Luchse sind deutschlandweit bekannt? In welchen Gebieten sind besonders viele Tiere anzutreffen?

In Deutschland gibt es derzeit zwei größere Luchs-Vorkommensgebiete. Im Bayerischen Wald ist die Tierart seit den 1980er Jahren wieder vorhanden. Im Harz wurden zwischen 2000 und 2006 24 Luchse angesiedelt. Im Pfälzerwald ist im nächsten Jahr die Auswilderung von Luchsen geplant. Daneben gibt es immer wieder einmal Einzelnachweise in Sachsen in Nordrhein-Westfalen oder im Schwarzwald. Insgesamt dürften derzeit rund 150 – 200 Luchse in Deutschland leben.

Wie und mit welchen Mitteln versucht man, die Luchse wieder zu einem festen Bestandteil der deutschen Wälder zu machen?

Luchse sind recht „konservativ“ in ihrem Ausbreitungsverhalten. Anders als zum Beispiel Wölfe legen abwandernde Luchse eher selten viele hundert Kilometer zurück sondern versuchen den Kontakt zur vorhandenen und bekannten Population zu halten. Aus diesem Grund ist nicht davon auszugehen, dass der Luchs spontan aus Russland oder Skandinavien in unsere Wälder zurückkehrt. Will man die Tierart in Mitteleuropa also erhalten, so sind Auswilderungsprojekte ein fester Bestandteil des Maßnahmenkatalogs. Seit den 1970er Jahren haben in verschiedenen europäischen Ländern solche Projekte stattgefunden (Slowenien, Schweiz, Frankreich, Tschechien etc.), im Jahr 2000 dann erstmals auch in Deutschland.

Es darum, Vernetzungen zwischen den vorhandenen Vorkommen zu schaffen und den genetischen Austausch zu realisieren. Wir müssen solch großen und mobilen Tierarten wie dem Luchs, dem Rothirsch oder dem Fischotter auch weiterhin die Wanderung durch unsere Landschaft ermöglichen, trotz der vielen Verkehrswege. Grünbrücken und andere Querungshilfen können dabei nützlich sein.

Stehen die Chancen gut, dass dieser große Wurf der Beginn einer wachsenden Zahl der freilebenden Luchse in Deutschland ist?

Der Luchs ist eigentlich eine sehr waldgebundene Tierart. Wir hoffen dennoch darauf, dass es ihm gelingt, sich durch die Agrarlandschaft aus dem Harz heraus auszubreiten und Verbindungen zu den anderen bereits etablierten oder neu zu schaffenden Vorkommen herzustellen. Ein solch großer Wurf junger Luchse außerhalb des großen Mittelgebirgswaldes unterstützt diese Hoffnung. Ich sehe darin aber keinen „Startschuss“ für eine plötzlich rasant wachsende Luchspopulation sehen sondern lediglich ein weiteres Indiz dafür, dass diese Vernetzung von Luchsvorkommen in den kommenden Jahrzehnten tatsächlich gelingen kann. Es bleibt abzuwarten, wie viele Jungtiere aus diesem großen Wurf am Ende erwachsen werden.

Was kann der einzelne tun, um dem Luchs die Wiederansiedelung zu erleichtern?

Generell und ganz besonders in Thüringen ist es wichtig, dass alle Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Luchs an die zuständigen Stellen gemeldet werden. Nur so kann es gelingen, einen besseren Überblick über das Vorkommensgebiet und die Ausbreitungswege der Tierart zu erreichen. Während die Nationalparkverwaltung Harz in Niedersachsen und Sachsen-Anhalt diese Daten sammelt und auswertet, macht dies in Thüringen die Landesanstalt für Umwelt und Geologie.

Viele Menschen gehen gerne in Begleitung ihres bellenden Vierbeiners im Wald spazieren. Kann es gefährlich werden, wenn Hund und Luchs aufeinandertreffen?

Raufereien zwischen Luchsen und Hunden sind sehr selten. Dennoch gilt: Luchs sehen – Hund an die Leine. Eine Luchsin verteidigt ihren Nachwuchs gegenüber Menschen nicht, sehr wohl aber gegenüber freilaufenden Hunden.

Sind Luchse für den normalen Wanderer gefährlich?

Nein. In 15 Jahren haben wir im Harz keinen einzigen Fall gehabt, bei dem sich ein Luchs aggressiv gegenüber Menschen gezeigt hätte.

Vielen Dank für das Interview!

 

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Ole Anders
Koordinator Luchsprojekt Harz
Nationalparkverwaltung Harz
Außenstelle Oderhaus
37444 Sankt Andreasberg
Tel: 05582-9189-37
Mobil: 0170-2061123

www.luchsprojekt-harz.de
www.wilde-katzen.eu

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