»Vorstellen können wir es uns nicht«

Der Klimawandel wurde in Bildern evident, meint Medienökologin Birgit Schneider. Sie hat ein Buch darüber geschrieben, wie sie wirken. Im Interview verrät sie, welche Bilder schaden und welche fehlen.

BIORAMA: Was halten Sie davon, wenn europäische Medien bei Hitzewellen über den Klimawandel berichten – mit Bildern von heißen Sommertagen?

BIRGIT SCHNEIDER: In der Klimawandelkommunikation ist das ein heikler Punkt. Was wir täglich erleben, ist das Wetter. Mittelwerte aus 30 Jahren Wetter bilden dann ein Klima, dies nehmen wir so natürlich nicht wahr. Aber Extreme wie die des vergangenen Sommers sind ein Anlass für die Frage, ob sie etwas mit dem Klimawandel zu tun haben. Sie nicht zu stellen, fände ich fast unlauter.

Die Wahrscheinlichkeit, dass ein solcher Sommer nicht »nur« Wetter war, sondern ein Anzeichen des Klimawandels, ist groß. Es ist bei jeder Anomalie einzeln zu beantworten, ob sie ein Anzeichen des Klimawandels ist. Auch der letzte kalte Winter ist keinesfalls, wie manche sagen, ein Indiz dafür, dass der Klimawandel doch nicht stattfindet, sondern hängt, im Gegenteil, mit dem Abschmelzen der Polkappen zusammen.

Für Laien, für KlimawandelskeptikerInnen sieht es allerdings unter Umständen so aus, als würde je nachdem, ob es jemandem gerade in die Argumentation passt, gesagt: Hinter diesem Wetterphänomen steckt jetzt der Klimawandel und hinter diesem nicht.

Was raten Sie Laien, die zweifeln?

Man kann natürlich in redlichen Zeitungen und Zeitschriften nachlesen, denen man vertraut. Aber wer zweifelt, muss weiter gehen. Klimawandel lässt sich auch nicht immer auf einfache Aussage reduzieren. Nach dem Prinzip »Check the messenger« kann man sich auch in nichtwissenschaftlichen Artikeln ansehen: Wer schreibt, was sind die Hintergründe des Mediums, wer finanziert es? Denn es ist einfach, einzelne Aussagen zu isolieren und zu sagen: Ha, da gibt es einen Gletscher, der wächst! Und da gibt es eine Insel, die wächst!

Birgit Schneider ist Professorin für Medienökologie am Institut für Künste und Medien an der Universität Potsdam und Autorin des Buches »Klimabilder.« Bild: ?

Mit der Insel, die wächst, meinen Sie Tuvalu. Können Sie erklären, wie der Diskurs hierzu abläuft?

2018 gab es eine seriöse Studie, die belegt, dass die Inselgruppe Tuvalu wächst. Ich finde interessant, dass die ohnehin schon klimaskeptischen Medien den Nature-Artikel aufgegriffen, eines der Argumente rausgepickt und von den anderen isoliert haben. Rosinenpickerei – dieser eine Umstand, dass diese Gruppe an Inseln im Schnitt um 2,9 Prozent wächst – lässt ja die anderen Klimawandelfolgen, die auf Tuvalu zu sehen sind, nicht verschwinden. Durch diese grobe, unlautere Vereinfachung sorgen diese Beiträge dann für Verwirrung und machen für manche Wissenschaft insgesamt unglaubwürdig.

Ist es kontraproduktiv, wenn WissenschaftlerInnen Laien andauernd darauf hinweisen, dass ein einzelner heißer Sommer oder ein schneeloses Weihnachtsfest, das sie beobachten, »nur« Wetter, aber nicht Klima bedeutet?

Die Mahnung zur Unterscheidung zwischen Klima und Wetter wirkt mitunter oberlehrerhaft. Geht aber mit anderen Fehlern in der Kommunikation einher. Wir sollten überlegen, mit welchem Wort wir den Klimawandel benennen. Wandel ist ja etwas Schönes. Der Gebrauch des Wortes Klimawandel ist ein Hinweis darauf, dass das Konzept gesellschaftlich nicht verstanden wird. Eigentlich ist die globale Erwärmung eine Wetterchaotisierung, die immer häufiger Extreme mitbringen wird. Das schwingt doch im Wort Klimawandel nicht mit. »Klimakatastrophe« ist auch abgenutzt, wäre aber besser als Klimawandel.

Was ist Klimawandelästhetik?

Klimawandelästhetik ist die Frage: Wie können Menschen den Klimawandel wahrnehmen und wie kann etwas so Unsichtbares sichtbar gemacht werden? Klimaforschung beginnt mit Rohdaten, Klimastationen sammeln ja Unmengen davon, aber erst durch Visualisierungen wird der Klimawandel sichtbar. Tendenziell richten sich Visualisierungen nicht an Laien, ohne Visualisierungen wäre das Klima so nicht erforschbar gewesen. Der Klimawandel wurde in Bildern evident.

Es heißt, dem Konzept des Klimawandels fehlt die plötzliche Brutalität von Naturkatastrophen. Warum ist es für Veränderungen notwendig, den Klimawandel sinnlich zu erleben?

Der Klimawandel muss aus der Ecke der Wissenschaften raus, es ist kein wissenschaftliches Thema, sondern ein gesellschaftlich-kulturelles Thema. Spätestens wenn etwas wirklich spürbar ist, etwa durch brechende Deiche, Fluten oder Dürre, gibt es starken Druck auf die Politik. In anderen Ländern ist das ja auch schon so. Aber erst, wenn das auch in den Industrienationen passiert, wird der Druck auf die Politik ausreichend groß werden. Und auch Bilder können dazu beitragen, zu verstehen, dass der Klimawandel schon da ist, nur seine Folgen noch kaum spürbar sind.

Sie sagen: Der Klimawandel hat nicht nur ein Darstellungs-, sondern auch ein Vorstellungsproblem. Im Bezug auf seine Auswirkungen?

Wenn wir uns vor ein Zukunftsszenario einer sehr rot gefärbten Erdkarte setzen, so wie sie in 100 Jahren sein könnte, wenn wir weitermachen wie bisher, dann wissen wir: Das ist möglich, aber vorstellen können wir es uns nicht. Diese Lücke können auch Bilder nicht schließen, so lange können wir die Bilder gar nicht ansehen. Weil sie Ängste auslösen, da greifen also auch psychologische Aspekte. Bilder können aber dazu beitragen, dass der Klimawandel spürbar ist und nicht als mögliches Zukunftsszenario wahrgenommen wird.

Ausgehend von der Wissenschaft muss eine größere Vielfalt an Bildern entstehen und so gesellschaftlich mehr Vorstellbarkeit erzeugen. Und zwar braucht jedes Land und die verschiedenen Gesellschaften eigene Bildwelten, es gibt nicht das eine große Bild für die ganze Welt.

Ed Hawkins hat seine Climate Stripes für Deutschland und jüngst auch für Wien veröffentlicht. Was ist hier zu sehen?

Ed Hawkings hat eine ganz einfache Bildsprache für eine Zeitstrahlgrafik gefunden, die Stripes könnten im Museum of Modern Art hängen. Er hat etwa zehn verschiedene Farben zwischen Blau, Beige und Rot gewählt, um zu zeigen, ob ein Jahr oberhalb oder unterhalb des Durschnitts des gesamten Zeitraums liegt. Da zeichnet sich auf frappierende Weise ab, dass schon die letzten 30 Jahre mit größerer Häufigkeit wärmer waren als die 100 Jahre zuvor. Es braucht aber weitere Bilder, um von diesem Wissen zum Handeln zu kommen.

Ed Hawkins‘ Climate Stripes für Deutschland: Sie beschreiben Abweichungen von der jährlichen Durchschnittstemperatur in Deutschland über den Zeitraum von 18889 bis 2017 gerechnet. Birgit Schneider kommentiert: »Dieses Bild entkräftet Behauptungen wie: Das ist ein stetiges, also ganz natürliches Auf und Ab. Weil man deutlich erkennt: Ein Fünftel der Streifen, die man sieht, ist rot, und die sind im Falle Deutschlands alle in den letzten 30 Jahren zu finden. Und die Tendenz ist: Es wird röter. Mehr Evidenz geht eigentlich nicht.«

Was ist Bildaktivierung?

Warum brauchen wir überhaupt Bilder in der Kommunikation von Klimawandel? Sie können zeigen, dass man etwas tun muss, und Ideen und dadurch Handlungen entstehen lassen. Von Bildern können Gedanken und Handlungsimpulse ausgehen.

Sie sagen, besonders plastische, evidente und prägnante Bilder über den Klimawandel können nicht nur das Wissen in die Köpfe bringen, sondern auch Einstellungen und politische Haltungen beeinflussen. Welche Bilder sind das?

Es muss schon jeder auch die Schreckensbotschaften gesehen haben – nur Lösungen zu zeigen bringt’s auch nicht. In Wiederholung nur immer und immer wieder dieselben Probleme aufzuzeigen auch nicht. Von Klimawandelfolgen haben wir genügend Bilder. Wir bräuchten mehr Bilder, die erklären, was der Klimawandel ist, und solche, die Szenarien zeigen. Die zeigen, was im negativen Sinn passieren könnte, und welche, die zeigen, was getan werden kann.

Die Bilder, die wir brauchen, gibt es noch kaum. Sie zeigen menschliches Handeln und lokale Lösungen, was Politik vor Ort tun kann. Wie sieht denn die große Transformation aus, wie eine Welt, die die Energiewende schafft? Die Bilder, die ich da sehe, reichen mir nicht.

Wie können die weltweiten klimapolitischen Zusammenhänge und das Auf und Ab in der Geschichte des Planeten dargestellt werden, ohne Einzelne zu entmutigen?

Das ist vielleicht zu viel verlangt. Wenn wir noch so sehr an der Kommunikationsstrategie feilen, wir können das Problem nicht wegreden. Wir brauchen keine Bilder, die dafür sorgen, dass alle zuhause recyceln, sondern Bilder, die dafür sorgen, dass stetig gesellschaftlicher Druck auf die Politik aufgebaut wird, damit klimapolitische Themen nicht immer außen vor gelassen werden.

Sie sprechen von einer Gefahr des Zoomens auf einzelne oder lokale Situationen. Worin besteht hier das Problem?

Man nennt das auch Downscaling. Wir haben ein globales Problem, das zu Recht in globalen Zusammenhängen erklärt wird. Zoomen ist allerdings eine Top-down-Sicht, mit einem globalen Blick und ebensolchen Lösungsansätzen überall auf der Welt reinzuzoomen und mit demselben Werkzeug zu arbeiten, mit Universallösungen. Ich würde mir wünschen, dass wir uns das große Ganze ansehen und dann vor Ort mit der lokalen Bevölkerung nach Lösungen suchen.

Ein aus dem Weltall sichtbares Beispiel: In Indonesien, vor Jakarta, wird von einer niederländischen Firma ein Wall gebaut. Das ist eine technokratische Lösung für ein Problem. Weil sie das Wissen vor Ort ignoriert. Man hätte auch Mangroven pflanzen können, die seit Jahrtausenden die Küsten schützen.
(Anm. d. Red.: Schon derzeit wird Jakarta von einem Wall geschützt. Der Bau eines größeren, 32 Kilometer langen Dammes, »Giant Sea Wall«, um die Bucht von Jakarta ist geplant.)

Ihrem Buch sind zwei Zitate vorangestellt. Eines von Karl Valentin: »Alle reden vom Wetter, aber keiner unternimmt was dagegen.« Was kann gegen den Klimawandel getan werden?

In den Geisteswissenschaften analysieren wir, für die Lösungen sind wir nicht zuständig. Jede und jeder kann etwas dafür tun, die Probleme stärker auf die politische Ebene zu bringen. Und wenn es um Bilder geht: Man sollte vorsichtiger damit umgehen, auch JournalistInnen sollten vielleicht nicht ganz so schnell mit der Bildauswahl sein.

Birgit Schneiders »Klimabilder –
Eine Genealogie globaler Bildpolitiken von Klima und Klimawandel«, 2018.

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