Massentigerhaltung: Wie die Katze weltweit zum Problem wird

Auch wenn der Gedanke vielen Katzenfreunden nicht gefällt: Stubentiger gehören ins Haus. Ausflüge sollten an der Leine passieren. (Foto: Theresa Sarah Kaspar)

Einst hielt sie Maus und Ratte fern und half im Kampf gegen die Pest. Heute ist die Hauskatze vielerorts selbst zur Plage geworden. 600 Millionen Katzen vertilgen täglich Millionen Tonnen Fleisch – als Dosenfutter, aber auch seltene Singvögel und bedrohte Wildtiere.

Hinterhältige Killerkatzen mit Kindchenschema, die von ihren Haltern abgöttisch verehrt und hofiert werden; ein Parasit, der sich heimlich, über Katzenkot verbreitet, in unseren Gehirnen einnistet und einen Teil der Bevölkerung womöglich sogar geistesgestört macht; Straßenkatzen, die zu Großfamilien zusammengetan ganze Stadtviertel beherrschen und dort gnadenlos Vögeln, Insekten und Fledermäusen nachstellen – gehegt und gepflegt, gefüttert und beschützt von einer Katzenlobby, bestehend aus teils radikalen Veganerinnen, die Lokalpolitiker in Social-Media-Schlammschlachten dazu bringen, wissenschaftliche Fakten zu verleugnen, falls diese handeln und die verwilderten Raubtiere dezimieren wollen. Nein, wir finden uns nicht in Springfield, dem sattgelben Hirngespinst von Matt Groening, und der Heimat seiner skurril überzeichneten Simpsons-Familie wieder, sondern in jenem Paralleluniversum, in das sich Abigail Tucker für ihre Recherchen begeben hat. Für gewöhnlich berichtet die amerikanische Wildlife-Journalistin für das Smithsonian Magazine von Wildtieren aus aller Welt, oft genug von den letzten ihrer Art, etwa von Löwen, Tigern und anderen Großkatzen. Doch Tucker gesteht, selbst eine dieser „crazy cat ladies“ zu sein. Der Hauskatze verfallen, doch immer wieder um kritische Distanz bemüht schildert sie im Buch „Der Tiger in der guten Stube“ wie die Katzen erst uns und dann die Welt eroberten. Mit fasziniertem Befremden folgt man ihren Ausführungen. Denn obgleich belesene Katzenhalter, die nicht verdrängen, dass es sich bei ihrem Liebling um den Archtyp eines Raubtiers handelt, viele Sachverhalte bereits untergekommen sein dürften: die Geballtheit des global über das „Superraubtier Katze“ Zusammengetragenen ist einzigartig.

Als Kulturgeschichte einer höchst eigentümlichen Mensch-Tier-Beziehung, wie sie etwa der Wiener Philosophieprofessor Erhard Oeser bereits 2005 mit „Katze und Mensch“ versucht und vorgelegt hat, bleibt Tuckers Bestseller zumindest unvollständig – ihren angloamerikanischen Blick kann sie nicht überwinden. Das europäische Mittelalter etwa, in dem nicht nur Frauen als Hexen, sondern auch hunderttausende Katzen als des Teufels verfolgt und verbrannt wurden, bleibt nahezu ausgespart. Ebenso der Wendepunkt, an dem wir Europäer Katzen (wieder) zu schätzen begannen als zu Zeiten der Völkerwanderung mit der Wanderratte die Pest nach Europa kam und ganze Landstriche entvölkerte. Der Killerinstinkt, der Katzen heute mancherorts zur Plage macht – weil sie nicht nur aus Hunger, sondern auch zum Vergnügen tötet – war damals ein klarer Vorzug. „Angeblich sollen manche Katzen 7.000 Mäuse oder ungefähr 3.500 Ratten im Laufe eines Jahres getötet haben,“ schreibt Erhard Oeser.

Im Original ein New York Times-Bestseller: Abigail Tuckers Buch über den neuen König der Tiere, die Hauskatze.

Wie aber haben nun die Katzen die Welt erobert? Relevant wurden sie für uns Menschen erst spät – als durch die Erfolge von Ackerbau und Viehzucht im Haus gelagerte Vorräte vor Mäusen und Ratten zu schützen waren. Mit dem Hund verband den Menschen damals bereits eine jahrtausendelange Partnerschaft – als Jagdgefährte und Wachhund. Ein wirklicher Partner und an sozialem Austausch interessiertes Wesen ist die Katze bis heute nicht geworden. Sie blieb ein an Haus und Hof, heute immer öfter an die Wohnung bezogenes „Haus“-Tier. Genau in dieser Funktion gelangte sie gemeinsam mit Mäusen und Ratten im Fahrwasser des Menschen bis in die entlegensten Winkel der Welt – auf den Kundschafts- und Handelsschiffen der Kolonialmächte. Im 15. Jahrhundert bekamen Schiffseigner ihre Fracht im Fall einer Zerstörung durch Ratten nur dann ersetzt, wenn nachweislich Katzen an Bord waren.

Gerade auf einsamen Inseln – seit Charles Darwin als Labor der Evolution bekannt – räumten und räumen sie mit der urtümlichen Tierwelt auf. Wo selbst ein einzelnes Raubtier problematisch ist, werden ein Kater und eine Katze, die im Extremfall binnen vier Jahren bis zu 20.000 Nachkommen haben können, schnell zur Katastrophe für Arten, die keine Chance hatten, sich an die Anwesenheit von Raubtieren anzupassen. In vielen Weltgegenden – u.a. in Tasmanien, Australien und Neuseeland, aber auch in Südafrika – ist die sogenannte „feral cat“, also die verwilderte Hauskatze, längst der Gegner von Ökologen und Umweltschützern. Australien schätzt verwilderte Hauskatzen als für die eigene Artenvielfalt gefährlicher ein als die Klimakrise und die Erderwärmung.

Abigail Tucker, Wildlife-Journalistin und Katzenbuch-Autorin.

Doch auch die gemeine Hauskatze ist nicht gänzlich unproblematisch. Selbst wenn sie immer öfter ein Dasein als Wohnungskatze fristen muss. Als archetypischer Fleischfresser verdrückt eine Katze täglich 60 Gramm Fleisch. Auf hochwertiges Protein angewiesen, kann sie nicht darauf verzichten. Allein die hochgerechnet 100 Millionen Katzen Nordamerikas vertilgen täglich das Fleisch von 3 Millionen Hühnern – und tragen durch den zu Dosenfutter verarbeiteten Fischwildfang zum Leerfischen der Meere bei. Genauso wie Rinder, die mit Getreide und Soja gefüttert werden, steht das Heer an Hauskatzen damit in unmittelbarer Nahrungsmittelkonkurrenz zum Menschen. Bei weltweit 600 Millionen Hauskatzen ist das nicht zu vernachlässigen. Zumal sich die Zahl der Katzen zwischen 1986 und 2016 verdoppelt haben dürfte – ohne dass eine Trendumkehr absehbar wäre.

Wobei sich selbst gut gefütterte Tiere nicht aufs Dosenfutter beschränken wenn sie ins Freie dürfen. „Beim Überqueren der Türschwelle geht mit ihr eine schlagartige Verwandlung vor sich“, schrieb Erhard Oeser 2005. „Aus der auf den Menschen bezogenen Hauskatze wird ein freies, wildes Tier, wachsam und nicht auf fremde Hilfe angewiesen.“ Das ist tagsüber so – und ganz besonders nachts.

Und während die Miezekatze draußen ihre Runden zieht und sich höchstens vor Autos oder Uhus in Acht zu nehmen hat, tappen Arten- und Umweltschützer im emotional verminten Gelände. Schließlich gibt es kaum jemanden, der Katzen nicht süß findet. Dieses Dilemma darzustellen ist Abigail Tucker mit ihrem Buch hervorragend gelungen.

Abigail Tucker: „Der Tiger in der guten Stube. Wie die Katzen erst uns und dann die Welt eroberten“ ist 2017 im Theiss Verlag erschienen.

Weiterlesen zum Thema? Wir haben ein ausführliches Interview mit Abigail Tucker geführt.

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