Gemüsegarten mit Weitblick

Marktgärtnereien versorgen ihre Umgebung durch »biointensiven« Anbau mit Gemüse, Kräutern und Beeren...

Eine Marktgärtnerei von oben.
Die Vernetzung der Market-Garden-Bewegung geht von Absdorf im Weinviertel aus. Bild: Grand Farm.

Vor dem Zaun steht ein Lastenrad im niedergetretenen Gras. Durch den Zaun hat den fremden Besucher Milo im Blick. Der siebenjährige Retrieverrüde ist immer mit dabei, wenn Alfred Grand in seinem weitläufigen »Grand Garten« werkt. Auf 8000 Quadratmetern wachsen darin 50 Kulturpflanzen – vor allem Gemüse, Salate, Kräuter und Beerenobst – und vermutlich ein Vielfaches an Wildpflanzen. Es ist früher Abend, die Arbeit des Tages getan. Milo streift nach kurzem Beschnuppern wieder durch die Beete. Und Alfred Grand hat Zeit, uns durch sein Reich zu führen. Seit 2019 gibt es dieses Gemüseparadies hier in Absdorf im Weinviertel. Seit damals vermarktet der Bauer seine Feldfrüchte mittels Biokiste im Abo. »Das funktioniert eigentlich von Anfang an ganz gut«, sagt der Landwirt, »mittlerweile haben wir 160 wöchentliche Abos«. Doch der Grand Garten ist mehr als bloß ein weiterer Betrieb, der erfolgreich sein Biogemüse verkauft. Er ist als Forschungsfarm angelegt, kooperiert mit der Wiener Universität für Bodenkultur ebenso wie mit dem Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl), der staatlichen Ernährungs- und Gesundheitsagentur Ages oder der niederländischen Agraruni Wageningen. Und der Grand Garten soll Modellcharakter haben für eine Vielzahl an ähnlichen Unternehmungen, die – geht es nach Alfred Grand und seinen MitstreiterInnen – künftig aus dem Boden gestampft werden: weltweit, österreichweit und natürlich überall in Niederösterreich.

Verein »Marktgärtnerei Österreich«

2022 in Niederösterreich gegründeter Zusammenschluss zur Vernetzung und Interessensvertretung. Vereinssitz ist in Kautzen im Waldviertel.
marktgaertnerei.at

Mehr Vielfalt, geringeres Risiko

Derzeit gibt es in Niederösterreich zwischen 30 und 50 Marktgärtnereien, schätzt Grand. Systematisch erfasst wird das nirgendwo. »Unser Ziel wären an die 500«, sagt der 54-Jährige. Möglich wären mindestens 1000 solcher Produktionsbetriebe, schätzt er: »Alleine für Wien würde es im Speckgürtel schon 500 brauchen.«
Bedarf gebe es gleich aus mehrerlei Gründen. Denn die Marktgärtnerei (international ist meist von einem »Market Garden« oder einer »Market Farm« die Rede) gilt als vielversprechende, weil besonders intensive, besonders widerstandsfähige und dabei gleichzeitig besonders nachhaltige Form der regionalen Versorgung mit pflanzlichen Lebensmitteln. Sie braucht wenig Fläche (meist wird weniger als ein Hektar bewirtschaftet), arbeitet kleinstrukturiert, verhältnismäßig low-tech und deshalb günstig und ohne großen Fuhrpark, Maschineneinsatz oder andere teure Investitionen. Der Boden wird kaum bearbeitet, der Fokus liegt auf dem Aufbau und Erhalt der Bodenfruchtbarkeit. Das speichert CO2, viel Wasser (Starkregen/Trockenheit) und durch die Direktvermarktung bleibt maximale Wertschöpfung im Betrieb und Arbeitskraft in der jeweiligen Region. »Als vergangenen Herbst nach den starken Unwettern die Felder vielerorts wochenlang nicht mit den schweren Traktoren befahren werden konnten, waren wir schon am Tag nach dem Regen wieder draußen und haben geerntet«, sagt Alfred Grand. Ernteverluste gab es kaum. Selbst Hagel blieb halbwegs verschmerzbar, weil er keine großflächige Monokultur betraf, sondern nur einige wenige Pflanzen wirklich zerstörte. Vielfalt am Feld streut das Risiko.

Ein Mensch steht in einer grünen Wiese.
Seit Kurzem ist Alfred Grand auch Umweltgemeinderat seiner Heimatgemeinde. In dieser Funktion hat er die Idee der Marktgärtnerei auch bereits im Gemeindebund vorgestellt. Bild: Thomas Weber.

Taskforce Marktgärtnerei

»Viele Marktgärtnereien werden von QuereinsteigerInnen betrieben«, sagt Felix Münster, Obmann des 2022 gegründeten Vereins »Marktgärtnerei Österreich«, »oft haben sie nicht einmal einen Traktorführerschein, betreiben aber effizient Landwirtschaft«. Der Verein wird im Juli 2025 auch die »Taskforce Marktgärtnerei« übernehmen. Diese von der Austria Wirtschaftsservice (AWS) geförderte Initiative bringt bislang bereits 90 Personen zusammen, die sich für das Thema interessieren. Engagierte Einzelpersonen ebenso wie VertreterInnen großer, wenn es um die Abnahme von Gemüse geht, auch mengenmäßig relevanter Institutionen, etwa aus der öffentlichen Gemeinschaftsverpflegung. »Gemeinsam wollen wir die Rahmenbedingungen so gestalten, dass diese Form der Landwirtschaft auch flächendeckend Wurzeln schlagen kann«, sagt Grand, »als Beitrag zu gesunder Ernährung, fruchtbaren Böden und lebendigen Regionen.« Fast alle der Marktgärtnereien sind biozertifiziert. Oft arbeiten sie mit ihrem regenerativen Anspruch, den Boden durch Mulchen und Komposteinsatz wiederherzustellen oder zu verbessern, aber über die gesetzlichen Anforderungen der EU-Bioverordnung hinaus. Im Grand Garten gelingt es, völlig auf chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel zu verzichten.
Wirtschaftlich hat sich das Prinzip der Marktgärtnerei – international wie in Österreich – bereits vielfach bewährt. Sogar ganz ohne Subventionen, wie Alfred Grand sagt, »weil die entsprechenden Rahmenbedingungen fehlen«.

Ein Garten, darin ein Folientunnel, viele grüne Kisten und ein Golden Retriever.
Angebaut und geerntet wird im Freiland wie im Folientunnel, der einerseits empfindliche Pflanzen (z. B. Paradeiser) schützt, andererseits die Saison aufs ganze Jahr verlängert. Bild: Thomas Weber.

»Funktionelle Artenvielfalt«

Was punkto Vielfalt und Biodiversität möglich ist, zeigt sich aber nicht nur am Gemüsefeld und im Folientunnel. Das gesamte Areal des Grand Garten ist zwar eingezäunt. Gefräßige Rehe müssen als Fressfeinde draußen bleiben. Aber bereits Feldhasen schlüpfen immer wieder durch den Zaun. Für alle kleineren Arten ist er ohnehin durchlässig. Für Falken und Schleiereulen wurden sogar eigens Sitzstangen und Nistkästen eingerichtet. Mäusefresser sind im Gemüsegarten besonders willkommen. Immer wieder spricht Grand von »funktioneller Artenvielfalt«. Sogar Hund Milo leistet seinen Beitrag zur Schädlingsbekämpfung und gräbt immer wieder, wo er Mäuse riecht. Innerhalb des eingezäunten Areals wird der Garten außerdem von einem abgetrennten, mehrere Meter breiten Biodiversitätsstreifen flankiert; gewissermaßen als permanente Ausgleichsfläche. Diese Hecke mit Wildgehölzen und Bäumen alter Obstsorten, die gemeinsam mit der Organisation Arche Noah ausgesetzt wurden, ist ein Rückzugsraum für Arten, denen in der reinen Kulturlandschaft wenig Platz bleibt. Weil sich in den vergangenen Jahren immer wieder ein Wiedehopf im Grand Garten sehen ließ, wurde im Winter mit lokalen BirdwatcherInnen ein Nistkasten für den bodenbrütenden Vogel aufgestellt. Bei unserem Rundgang zeigt sich allerlei Getier, sogar der eine oder andere Kiebitz und eine Schar der selten gewordenen Rebhühner. »Manches ist für mich schon ein Wunder«, sagt Alfred Grand, als wir durch die Wiese stapfen, und bleibt vor einem Ameisenhaufen stehen. »Rund um uns ist, so weit wir sehen, Agrarwüste.« Er deutet über den Zaun des Gartens hinaus, fragt: »Woher kommen da plötzlich die Ameisen oder die Zauneidechse, die wir gerade aufgescheucht haben?«

»Grand Garten«

2019 gegründete Forschungsfarm, Demonstrationsbauernhof und Marktgärtnerei in Absdorf im Weinviertel. Zahlreiche, teils internationale Forschungsprojekte.
grandfarm.at

Was Marktgärtnerei nicht kann

Auch auf andere Fragen gibt es noch keine Antworten. Beispielsweise: Wohin mit all dem Gemüse? Gerade zur Haupterntezeit im Sommer und Frühherbst gibt es immer wieder saisonale Überschüsse, die gelagert oder im Falle besonders guter Ernten auch verarbeitet werden müssen. Vielen der kleinen Betriebe fehlt dafür das Know-how und die Infrastruktur. Angedacht wird, die Lagerproblematik regional genossenschaftlich zu lösen.

Ein Mensch steht in einem Garten, daneben ist ein Golden Retriever.
Biobauer Alfred Grand gemeinsam mit Milo, seinem Golden Retriever, im »Grand Garten«, einer Marktgärtnerei mit Forschungsanspruch und Modellcharakter. Bild: Thomas Weber.

Was hingegen bereits klar ist: Ausschließlich von Gemüse aus Marktgärtnereien werden wir uns auch künftig nicht ernähren. Selbst wenn es in Niederösterreich irgendwann einmal wirklich 1000 solcher Betriebe geben sollte. Denn tierische Lebensmittel wirft das Prinzip Marktgärtnerei keine ab. »Auch wenn einige Betriebe erfolgreich Legehennen integrieren«, sagt Alfred Grand. Auch die Grundzutaten für Brot, Tofu oder Sonnenblumenhack werden weiterhin auf klassischen Weizen-, Soja– oder Sonnenblumenfeldern wachsen. »Solch klassische Ackerkulturen wie Getreide, Zuckerrüben, Sonnenblumen oder Soja«, sagt Alfred Grand, »die sind auch in Zukunft nichts für uns MarktgärtnerInnen.« Im Grand Garten wird im Sommer freilich trotzdem die eine oder andere Sonnenblume blühen. Der Vielfalt und der Schönheit wegen.

Porträts weiterer Marktgärtnereien gibt es unter anderem in der BIORAMA BIOKÜCHE 2025.

BIORAMA Niederösterreich #15

Dieser Artikel ist im BIORAMA Niederösterreich #15 erschienen

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