Kinder erlesen Europa

Wie erklärt man Kindern Europa? Erste Blicke über die eigenen Grenzen hinweg erhalten buchaffine Kinder früh, doch Titel, die ihnen die Sinnhaftigkeit der EU näherbringen wollen, gibt es zu wenige. Aber es gibt sie.

Bild: Irene Maria Gruber.

Zwei Sachbücher, zwei Zugänge

 »EU for you! – So funktioniert die Europäische Union« (W. Böhm/O. Lahodynsky, G&G Verlag, ab 13) erklärt die Institutionen der EU undwelche Entscheidungen dort getroffen werden – und warum das alles auch Kinder interessieren sollte. Zwei österreichische Europajournalisten liefern Sachwissen, wollen aber auch die Bedeutung der EU im Alltag erfahrbar machen. In Exkursen konkretisieren sie, wie schwierig und gleichzeitig notwendig Beschlüsse der EU sind; das Beispiel der Fischfangquoten etwa, die das Artensterben verhindern sollen, zeigt, dass die Entscheidungen oft auch in unser tägliches Leben eingreifen. Leider gleicht der informativste Titel, den es derzeit am Markt gibt, zu sehr einem Schulbuch.

»Wir machen Sommerurlaub am Mittelmeer und fahren Ski in den Alpen. Wir singen den Sommerhit auf Spanisch, essen heute Pizza und morgen Döner. Wir fiebern im Fußball mit Barcelona oder Liverpool und träumen davon, mal eine Weile auf Island zu leben. Europa? Ist die meiste Zeit ganz selbstverständlich da.«Was macht Europa aus? Was fürchten wir? Was wünschen wir uns von Europa und was hat die EU mit alledem zu tun? »Fragen an Europa«(G. Grotrian/S. Schädlich, Beltz & Gelberg, ab 12)beschäftigt sich mit 60 Fragen von Jugendlichen, die anhand von anschaulichen Grafiken und kurzen Texten beantwortet werden. Es geht darum, ein Gefühl für dieses vielfältige Europa zu entwickeln. Die EU ist nur für einzelne Kapitel von Belang.

Bild: Irene Maria Gruber.

Vielfalt ist positiv

»Frauenpower made in Europe« (P. Bachmann, Ars Edition, ab 10) porträtiert mutige, kluge und fantasievolle Europäerinnen aus diversen Lebensbereichen, darunter Hildegard von Bingen, Niki de Saint Phalle, Jane Goodall und Hannah Arendt – ein eindrucksvoller Beweis, wie vielfältig Europa ist. Interesse für die feinen Unterschiede der Länder weckt »Pinipas Abenteuer. Eine himmlische Pfannkuchensuche durch Europa« (M. Grolms/A. Kuhn, Gruhnling, ab 5). In Rom vermisst die Frittata schmausende Urlauberin Greta ihre Leibspeise. So begibt sich Freundin Pinipa auf Pfannkuchensuche, aber weder die spanische Tortilla oder die Crêpes in Frankreich noch die englischen Pancakes sind zufriedenstellend. Während der Reise entstehen eine Sammlung vieler – erstaunlicherweise sehr ähnlicher – Rezepte und ein wunderbares kleines Reisewörterbuch. Essen verbindet.

Bild: Irene Maria Gruber.

Musik und Bilder verbinden

Fern aller Sprachbarrieren ist die Musik wie eine zweite Muttersprache, und gemeinsam mit anderen zu singen – auch in Sprachen, die man nicht beherrscht – macht Sinn. »Singen verbindet« (F. Schlosser, Carus Verlag) ist eine feine Sammlung europäischer Kinderlieder in verschiedenen Sprachen. Wie die Musik wirken auch Bilder verbindend. »Zeichnen für einEuropa« (Scheffler, Beltz & Gelberg) ist ein Zeitdokument, für das 45 Illustratoren Bild und Text beisteuerten. Der in England lebende, aus Deutschland stammende Axel Scheffler, unermüdlicher Sprecher für das Projekt Europa und Kämpfer gegen den Brexit, schreibt: »Vielleicht kann dieses Buch weitere Dialoge in Schulen und Familien anstoßen – über Geschichte, Politik und die Zukunft, in der die Kinder einmal leben werden – und unterstreichen, dass Frieden, Demokratie und unsere Art, zu leben, niemals als selbstverständlich betrachtet werden sollten.«

Bild: Irene Maria Gruber.

Das Verbindende suchen, nicht das Trennende

Migration, ein für die EU heikles Thema, wird in vielen Kinderbüchern thematisiert, ein sehr gelungenes ist »Die Flucht«(F. Sanna, Nord Süd, ab 4). Aus der Perspektive eines Kindes wird vom Weg einer traumatisierten Familie aus einem Kriegsgebiet nach Europa erzählt. Im quirligen Buch »Alle da!«(A. Tuckermann/T. Schulz, Klett Kinderbuch, ab 5)wird unser reiches Zusammenleben dokumentiert. Den Kindern sei es egal, wer was ist oder wer woher kommt – für sie sei wichtig, etwas zusammen zu machen und aufeinander zu achten. »Vorurteile können entstehen, weil manche sich vor fremden Menschen fürchten. Die Angst kann richtig groß werden. […] Wer viel Angst hat, fürchtet Fremdes und Neues. Bei den meisten Kindern ist es anders: Sie sind neugierig auf alles Neue und wollen es kennenlernen.« Ähnlich verhält es sich vermutlich auch mit der Europäischen Union: Wenn uns etwas an ihr liegt, sollten wir unsere Kinder dafür begeistern.

Bild: Irene Maria Gruber.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #60 erschienen

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