Vlad Sokhin ist für sein Multimedia-Projekt »Warm Waters« seit Jahren in Ozeanien unterwegs. Der Fotograf berichtet von einem Wandel des Klimas, den er beobachtet, aber auch von einem seiner Art, diesen festzuhalten.

Mit der Dokumentation von Umweltveränderungen in der Pazifikregion hat Vlad Sokhin 2013 begonnen Ein Jahr später hat er auf Tarawa, Kiribati, einen bei Springflut schwimmenden 16-Jährigen fotografiert (Bild oben). Das Gebiet, das zu sehen ist, ist ein Teil eines ehemaligen Dorfes, wenige Reste von Häusern und Palmen sind zu sehen. Genutzt wird es bei Ebbe nun als Fußballfeld und als Parkplatz. Wenn die Flut kommt, parken die Bewohner ihre Autos um und kommen zum Schwimmen hierher. Der Fotograf sagt, das Foto »handelt vom Klimawandel, aber auch davon, wie er das Leben dieser Leute verändert«. Seit das Bild entstanden ist, ist er mehrere Male nach Kiribati zurückgekehrt, zuletzt im April dieses Jahres. Mit BIORAMA hat er darüber gesprochen, unter welchen Bedingungen welcher Typ von Foto entsteht.

BIORAMA: Erst auf den zweiten Blick bemerkt man, dass es sich auf dem Foto um ein überflutetes Gebiet handelt. Welche Informationsebenen hat dieses Bild?

Vlad Sokhin: Für mich sind da keine Informationsebenen. Das Foto ist ein Fenster zur Welt. Die Welt verändert sich – Das ist, was wir sehen. Wo kein Wasser war, ist jetzt Wasser. Die Menschen auf diesem Atoll leben kein modernes Leben, sondern in Pfahlhütten, ein wenig über Bodenniveau, sie halten Schweine und Hühner und schlafen in Hängematten. Bei Vollmond oder Neumond herrscht Springflut. Der Bub wohnt dort in der Gegend und ist schwimmen gegangen – abends, weil es tagsüber zu heiß ist. Das Bild zeigt keine besondere Emotion.

Fotografierst du den Klimawandel?

So hab ich begonnen. Mittlerweile interessiert mich eher das Leben der Communities, die betroffen sind. Diese Leute sind wie Pioniere, weil sie als erste stark vom Klimawandel betroffen sind. Deutlich stärker als wir in Europa – hinzu kommt: Wir Europäer haben einfach mehr Geld, um uns zu schützen.

Warm Waters ist ein Projekt darüber, wie wir Menschen langsam unseren Planeten zerstören, so weit wir das können. Und über Veränderungen im Allgemeinen und im Leben der Leute. Und über die Schönheit des Planeten.

»Positive Bilder kannst du nicht verkaufen. Es muss etwa los sein, du brauchst Sensation, das ist es, was die Magazine kaufen.« – Vlad Sokhin

Karte: BIORAMA.

Was sind die Perspektiven der Leute, die auf dieser Insel, Tarawa, leben?

Ich weiß ich es nicht. Ich habe oft versucht, diese Frage zu beantworten. Was wollen die Medien hören? Dass es die ersten Klimaflüchtlinge sind, dass es Resettlement braucht? Manche sagen, dass diese Inseln in 100 Jahren einfach verschwunden sein werden. In Wirklichkeit weiß es niemand. Die neue Regierung sagt dort derzeit: »Wir gehen überhaupt nirgends hin!«

Die meisten Leute dort, wollen einfach ein ökonomisch gesehen besseres Leben haben. Einige – Regierungen und Organisationen – nutzen diese Bilder, um mehr Awareness im Rest der Welt zu generiere für die Probleme dort. Aber das ganze ist auch ein Kampf um finanzielle Unterstützung.

Warum gibt es so wenige positive Bilder davon, wie Leute mit dem Klimawandel umgehen?

Es gibt sie schon, die positiven Bilder: In meinem Projekt zum Beispiel zeige ich, Menschen, die versuchen, etwa zu ändern, und auch, was sie ändern – Solarzellen installieren, Biogasanlagen bauen, Bäume pflanzen, die Bodenqualität verbessern. Da passiert viel in den letzten 20 Jahren. Nur: Bilder von glücklichen lächelnden Leuten, die sagen »Wir nützen jetzt Solarenergie!« lassen sich schwieriger verkaufen als Bilder von durch Stürme und Fluten zerstörten Dörfern.

Man muss auch sagen, dass schlimme Sachen passieren. Also wir als Fotografen müssen die Balance halten, die der Wahrheit entspricht, beide Seiten zeigen. Wir sollten nicht nur Horrorszenarien zeigen, mit denen wir die Leute überfordern, dann entsteht der Eindruck, es ist alles hoffnungslos.

Welche Fotos versuchst du zu machen, um den Klimawandel zu kommunizieren?

Früher habe ich zu viel nachgedacht, bevor ich zu fotografieren begonnen habe. Du recherchierst, kommst in ein Land, und da du weißt schon längst ganz genau, was du dort fotografieren willst und wirst. Aber dieser Zugang macht dich blind.

Schlechtes Wetter hat mich dazu gebracht, das zu ändern: Ich hatte für eine Reise schon alles recherchiert, aber aufgrund schlechten Wetters wurde mein Flug gestrichen und da habe ich eben versucht, Klimawandel anders zu zeigen. Du musst nicht nach den großen Ereignissen suchen. Auch Alltagsmomente oder andauernde Phänomene wie Dürre oder Hitze können Zeichen von Klimawandel sein, man muss nur achtsam sein.

Ich lasse mich einfach drauf ein und biete ein Fenster zu dieser Welt an – zur Frontlinie des Klimawandels, wie das gerne genannt wird. Die Menschen können mit diesem Bild umgehen, wie sie wollen. Sie können das Fenster auch einfach zumachen. Sogar Leute, die nicht an den Klimawandel glauben, können sich das Bild an die Wand hängen. Ich bin kein Aktivist mehr. Ich zeige nur: So sehe ich die Welt.

Vlad Sokhin im Interview zu seinem Multimedia-Projekt Warm Waters.
Vlad Sokhin auf Kiribati. Bild: Vlad Sokhin, privat.

Der Fotograf Vlad Sokhin bereist seit 2013 für sein Multimedia-Projekt »Warm Waters« Ozeanien. Mehr dazu hier.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #57 erschienen

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