ExpertInnen meinen …
1 Frage, 6 Expertisen...
Die Biobranche schlägt sich wacker durch diverse Krisen der vergangenen Jahre – doch der Boom hat einen Dämpfer bekommen, während die Gründe, die für biologische Wirtschaftsweise und Ernährung mit Biolebensmitteln sprechen, nichts an Gültigkeit einbüßen und die Probleme, die durch die weltweit verbreiteten Formen konventioneller industrieller Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion entstehen, immer riesiger werden. Wir haben uns in der Biobranche dazu umgehört, welche Herausforderungen absehbar die zentralen dieses Jahres sein werden – in Deutschland, in Österreich, in Europa und weltweit – und welche Ideen sie haben, diesen zu begegnen.
»Welche Herausforderung beschäftigt die Biobranche 2025 und wie soll dieser begegnet werden?«

Matthias Beuger,
Geschäftsleitung nationale Beziehungen, Nachhaltigkeit und Ernährung bei der Assoziation ökologischer Lebensmittelherstellerinnen und -hersteller (AÖL)
»Wir müssen die nächste Generation abholen, die die Mehrwerte von Bio zu schätzen weiss. Diese Generation beschäftigt sich jedoch vielmehr mit Ernährungsstilen, als wir es im Biobereich im vergangenen Jahrzehnt getan haben. Eigentlich schade, wenn man bedenkt, dass vollwertige Ernährung einmal im Zentrum stand.
Wir haben es etwa als Branche verpasst, die Ganzheitlichkeit zu erzählen. Vegan hat’s geschafft, über einen Ernährungsstil anderes mitzukommunizieren. Eigentlich ist eine Transformation unserer Ernährungsgewohnheiten angezeigt. Ganzheitliche Bilder einer gesunden und nachhaltigen Ernährung werden Bio in die Zukunft bringen. Wir müssen also von Bewegungen wie der Veganen lernen, wie wir neben eine ökologischen Landwirtschaft auch eine Transformation der Ernährungsgewohnheiten in die Mitte der Gesellschaft bringen. Dafür braucht es Ehrlichkeit im Umgang mit unseren Ressourcen und einfache Botschaften für die komplexen Mehrwerte einer vollwertigen nachhaltigen Ernährung.«
Uti Johne,
Inhaberin und Geschäftsführerin der PR-Agentur Modem Conclusa, spezialisiert auf Nachhaltigkeitskommunikation und die Biobranche.

»Ich habe vor 25 Jahren in der Branche begonnen, mit dem Ziel, dass Bio möglichst viele Menschen erreicht. Das haben wir in gewisser Weise geschafft, auch wenn Luft nach oben ist. Aber dadurch wächst der Druck auf die Hersteller,denn der Wettbewerb mit konventionellen Produkten stellt sie vor große Herausforderungen – sie reichen von Ernteausfällen aufgrund des Klimawandels bis hin zu Fachkräftemangel. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass die positiven Entwicklungen bei den Umsätzen von Biolebensmitteln, die sich Ende letzten Jahres abgezeichnet haben, anhalten werden. Angesichts der politischen Instabilität –auch in Mitteleuropa – halten sich viele mit Investitionen zurück. Die Herausforderung ist auch, dass der steigende Bioumsatz nicht mit einer wachsenden regionalen Produktion einhergeht.
Für den entsprechenden Anschub müssen wir positive Geschichten erzählen, die weniger Verzicht einmahnen, sondern eine Zukunft zeichnen, die Optionen bietet, um Trollen und Social-Media-Algorithmen den Wind aus den Segeln zu nehmen. Daher empfehlen wir allen unseren Kunden – Haltung zu zeigen, auch bei politischen Fragen. Wir sollten uns daran erinnern, wie klein alles vor 25 Jahren war – vielleicht fällt es dann leichter, auch zuversichtlich in die Zukunft zu blicken.«

Markus Kaser,
Vorstand Einkauf, Marketing und IT bei Spar Österreich
»Eine der größten Herausforderungen bei Biolebensmitteln ist die Verfügbarkeit der Rohware, zum Beispiel bei Bioeiern. Dies liegt oft an einer teilweise unnötigen Bürokratie, mit der Biobetriebe konfrontiert sind und die viele Produzenten abschreckt. Um diese Herausforderungen zu meistern, setzen wir auf innovative Ansätze wie die Kooperation mit Demeter und enge Zusammenarbeit mit unseren Partnern, um die Versorgungssicherheit mit Biolebensmitteln zu gewährleisten und gleichzeitig die hohen Standards der biologischen Landwirtschaft zu wahren.«
Josef Zotter,
Schokofabrikant, Bauernhofromantiker & Andersmacher

»Wenn ich mich 30 Jahre zurückerinnere, da hat das Biobrot nur trocken geschmeckt, das wir in Graz bekommen haben – aber wir haben es trotzdem gegessen, weil wir es cool gefunden haben. Ich war gerade auf einer Süßwarenmesse – da redeten alle über Nachhaltigkeit, aber kaum jemand über Qualität. Wir waren in den Jahrzehnten dazwischen als Branche schon so weit – aber qualitativ gibt es derzeit einen Rückgang. Weil wir übersehen haben, dass bei aller fortschrittlichen Verpackung der Inhalt in den Hintergrund gerät. Man hat wirklich vergessen, wie Bio schmeckt, warum es gesünder ist, dass es weniger industriell verarbeitet wird. Wir haben uns als Branche in Nebensächlichkeiten verloren. Wenn wir uns mit dem Discounter matchen wollen, werden wir Bio nicht weiterentwickeln. Der verkauft nur etwas, das schon gut geht. Wenn ich mir den Gesamtumsatz ansehe von Bio, bringt das Wachstum im Lebensmitteleinzelhandel derzeit wohl eher eine Verschiebung als eine Vergrößerung der Biomärkte. Ich habe aber nun wirklich die Sorge, dass uns international die Biobauern bald abspringen – alle jammern über die Bürokratie.
Wir haben als Strategie, dass wir zuerst über den Geschmack reden, dann über Bio, dann über fair. Wir müssen die Leute wieder in die Landwirtschaftsbetriebe und zu den Produzentinnen holen. Letztes Jahr haben 300.000 BesucherInnen unsere Schokoladenproduktion und den »Essbaren Tiergarten mit Öko-Speck-Takel«besichtigt. Unser Beitrag muss lauten: Produkte geil machen, darüber sprechen und das herzeigen, denn das ist wie überallanders auch in der Biobranche die Aufgabe.«

Julia Zotter,
Nächste Generation bei Zotter Schokolade
»Ich hab zwei Blickwinkel – einerseits schaue ich in Richtung Rohstoffhersteller, andererseits auf unseren Absatzmarkt: Bei den Rohstoffen haben wir in der Biobranche wirklich das Problem der gestiegenen Umweltbelastungen. Die Biobranche muss sich zusammensetzen und fragen: Welcher Grenzwert wird in Zukunft realistisch sein? Für EndverbraucherInnen klingt das so, als wäre Bio kontaminiert – aber wir sprechen eben von einem Grenzwert Null als Bedingung für die Zertifizierung, und das während die Messungen immer genauer werden und die Umweltverschmutzung größer. Bei konventionellen dürfen die Belastungen viel höher sein und das sind sie auch – aber das weiß ja kaum wer. Oft ist die Quelle der Umweltverschmutzung die Landwirtschaft selbst – etwa durch Überdüngung. Gleichzeitig treibt der Klimawandel die Schädlingsanfälligkeit in die Höhe und das wiederum den Pestizideinsatz.
Die Besonderheit von Bioprodukten und ihren Inhaltsstoffen ist die hundertprozentige Rückverfolgbarkeit, die nur Bio garantiert – ich kann mir die Lieferkette jedes Rohstoffs anschauen. Auf diese Form des Storytellings verzichten viele. Es ist gut, dass Bio in der Mitte angekommen ist, damit wir irgendwann die Welt in Bio ernähren – aber daher besteht auch die Herausforderung darin, zu erzählen, was Bio besonders macht.«
Lia Carlucci,
Lia Carlucci, Geschäftsführerin des Food Campus Berlin

»Politische Instabilität ist international ein großes Thema. In Europa müssen wir leider davon ausgehen, dass der Aufwind für rechte Parteien dazu führt, dass Subventionen verstärkt in die konventionelle Landwirtschaft fließen.
Der Fachkräftemangel trifft auch die Biobranche – doch dem können wir gezielt begegnen: durch Ausbildung, betriebliche Weiterbildung und vor allem klare Kommunikation. Arbeitgeber müssen immer wieder betonen, dass Bio sinnstiftende Arbeit bedeutet – etwas, das über 90 % der ArbeitnehmerInnen wichtig ist.
Die Kaufkraftverluste der letzten Jahre sind auch weiterhin spürbar und setzen die Branche weiter unter Druck. Als Reaktion darauf setzt der deutsche Lebensmitteleinzelhandel zunehmend auf günstige White-Label-Produkte aus dem Ausland – und drückt damit indirekt auch die Standards für Bioqualität.
Und es gibt noch eine weitere Herausforderung: Aufklärung. Bio wird immer noch in der breiten Gesellschaft mit verstaubten Klischees assoziiert. Dabei geht es um nichts anderes als Zukunftssicherung– um eine Landwirtschaft, die unser Überleben sichert und unser Ernährungssystem enkelfähig macht. Diese Geschichte müssen wir erzählen. Noch lauter, klarer und überzeugender.«
Mehr darüber, wie sich die Biobranche im Lebensmitteleinzelhandel über die Jahre geändert hat, gibt es hier.
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