Kamptal unter Strom

Mit Photovoltaik und Wasserkraft deckt die EEG »Kamptal Energie« fast den gesamten Strombedarf ihrer Mitglieder...

Eine Person verbaut PV-Zellen auf einer Fläche.
Einige Mitglieder der EEG Kamptal investierten selbst in eine Photovoltaikanlage. Bild: Istock.com/Eva Blanco.

»Wir sind EnthusiastInnen der Energiewende«, sagt Christian Hofmann. Der Niederösterreicher war bei der Gründung mehrerer Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG) federführend. Diese als Genossenschaften oder Vereine organisierten Zusammenschlüsse produzieren und verteilen Strom auf lokaler Ebene. Die von Hofmann mitgegründete EEG Kamptal ist eine besonders erfolgreiche Energiegemeinschaft. Anfang 2023 von einer kleinen Gruppe von Personen gegründet, zählt die Genossenschaft mittlerweile 128 Mitglieder, die fast vollständig mit gemeinschaftlich erzeugter Energie versorgt werden. Etwa zwei Drittel der Mitglieder sind Privathaushalte, hinzu kommen Landwirte und Gewerbetreibende.
Mit der Verbreitung des Konzepts Energiegemeinschaften rückt Energieautarkie auf regionaler Ebene in greifbare Nähe. Die gesetzlichen Grundlagen dafür wurden mit dem Erneuerbaren-Ausbau-Gesetz im Jahr 2021 geschaffen. Privathaushalte sind seither nicht mehr darauf beschränkt, den von ihnen erzeugten Strom zu verbrauchen oder Überschüsse ins Netz zu speisen. Zwei oder mehrere Personen können über Grundstücksgrenzen hinweg Energie produzieren, speichern, verbrauchen und verkaufen. In den vergangenen Jahren wurden österreichweit mehrere Hundert Energiegemeinschaften gegründet – allein in Niederösterreich bestehen derzeit um die 200.

Mehrere Personen sitzen an einem Tisch unter einem Glasdach mit vielen bunten Lampignons.
In den Kittenberger Erlebnisgärten, Schiltern, war im März Platz für die zweite Jahresversammlung der EEG Kamptal. Bild: Energiegemeinschaft Kamptal.

EnergieenthusiastInnen

Es existieren unterschiedliche Modelle von Energiegemeinschaften. Für die regionale Selbstversorgung am besten geeignet sind Erneuerbare-Energie-Gemeinschaften (EEG). Die TeilnehmerInnen – Privatpersonen, kleine Unternehmen und Gemeinden – müssen sich innerhalb des Versorgungsgebiets einer Trafostation befinden. Für die Benutzung des Netzes zur Verteilung des mit Photovoltaikanlagen, Windrädern oder Wasserkraft produzierten Stroms zahlen EEG aufgrund einer Verordnung der Regulierungsbehörde E-Control derzeit reduzierte Gebühren. Die Stromtarife sind deshalb in der Regel niedriger als bei großen Anbietern. Noch sind die wenigsten Energiegemeinschaften komplett autark. Die TeilnehmerInnen beziehen in Zeiten, in denen zu wenig Strom mit den EEG-eigenen Anlagen produziert wird, den zusätzlichen Bedarf aus dem allgemeinen Stromnetz.
Diese Form gemeinschaftlichen Produzierens und Verteilens von Energie hängt vom Engagement der Beteiligten ab. Es handelt sich um ein »offenes Projekt, bei dem alle mitmachen können«, sagt Hofmann. Viele werden zunächst Mitglieder der als Genossenschaft organisierten EEG, ohne selbst Energie zu produzieren. Bei den meisten steigert sich durch die Mitgliedschaft das Interesse an lokaler Stromerzeugung, und einige investieren dann selbst etwa in eine Photovoltaikanlage. Dadurch entsteht laut Hofmann ein »Nachbarschafts- und Communitydenken«, das ein wesentlicher Teil eines derartigen Projekts sei.

Genossenschaft

Die Erneuerbare-Energie-Gemeinschaft (EEG) Kamptal ist als Genossenschaft organisiert. Eine Genossenschaft ist eine freiwillige Gemeinschaft von natürlichen oder juristischen Personen, die gemeinsam wirtschaftliche Ziele verfolgen und dabei ihre Ressourcen und Risiken teilen. Wer der EEG Kamptal beitritt, muss mindestens einen Geschäftsanteil zum Preis von 100 Euro kaufen. Pro Zählpunkt zur Entnahme bzw. Einspeisung muss zudem ein einmaliger Einrichtungspreis (30 Euro) sowie ein monatlicher Mitgliedsbeitrag (3 Euro) bezahlt werden.

Die EEG Kamptal deckt 90 Prozent des Energiebedarfs ihrer Mitglieder. Dieser Erfolg der EEG Kamptal liegt auch an der Teilnahme von fünf Kleinwasserkraftwerken aus der Region. Deren BetreiberInnen bezeichnet Hofmann als »HeldInnen der Energiewende«, da sie die Kraftwerke während der letzten Jahrzehnte mit viel Enthusiasmus und Idealismus erhalten haben. Für die EEG Kamptal erweitern sie den Energiemix und sind ein wesentlicher Grund dafür, dass die Genossenschaft ihre Mitglieder zu beinahe hundert Prozent mit Energie versorgen kann: Die unterschiedlichen Energieformen liefern zu unterschiedlichen Zeiten Spitzenwerte. Während im Sommer viel Sonnenenergie produziert wird, liefern die Wasserkraftwerke in der kalten Jahreszeit mehr Energie. Die Wasserkraftwerke tragen mengenmäßig viel zur Energiebilanz der EEG Kamptal bei. Allerdings lässt sich am Energieprofil auf der Homepage der EEG ablesen, dass die tagsüber produzierenden PV-Anlagen zusammen etwa die fünffache Menge an Strom erzeugen. Auch dafür sei die EEG gut, sagt Christian Hofmann, »um zu verstehen, wie die Region funktioniert«.

PionierInnenarbeit

»Wir sind die Biolandwirte in der Energieversorgung«, sagt Hofmann und meint damit, dass eine »intrinsische Motivation«, konkret eine gehörige Portion Idealismus, eine wichtige Voraussetzung sei, um an einem derartigen Projekt mitzumachen. Diese Motivation speise sich aus einem generellen Interesse an regionaler Versorgung. Viele Menschen wollen wissen, woher das, was sie konsumieren, kommt und wie es produziert wird – auch beim Strom. Und im Gegensatz zu großen Stromanbietern, bei denen auch importierter Atomstrom Teil des Energiemix sei, »ist bei Ökostrom aus EEG immer Ökostrom aus der Region drin«, sagt Hofmann.

Eine Person trägt einen Banner vor ein Haus, auf dessen Dach sind PV-Zellen zu sehen.
Jeden Zentimeter genutzt: das Hausdach als Stromkraftwerk. Bild: Energiemeinschaft Kamptal.

Neben idealistischen Motiven gibt es für die Mitglieder auch handfeste Gründe, sich an einer EEG zu beteiligen. Sowohl die Einspeise- als auch die Bezugstarife sind stabil und aufgrund der Netzkostenrabatte günstiger als bei großen Anbietern. Hinter all dem steckt viel ehrenamtliches Engagement, technisches Wissen, das Einzelne der Gemeinschaft zur Verfügung stellen, sowie das über die vergangenen Jahre gesammelte Know-how. »Bei der ersten Gründung war Scheitern eine Option«, sagt Hofmann. Damals wusste keiner der Beteiligten, wohin die Reise gehen würde. Mittlerweile haben sich viele EEG etabliert und professionalisiert und unterstützen einander durch das Teilen von Erfahrungen. Die EEG Göttweigblick, Traisental und Kamptal, bei denen Hofmann mitarbeitet, haben einen gemeinsamen Förderverein gegründet. Dieser beschäftigt zwei Angestellte, die für die bürokratische Abwicklung zuständig sind – von der Aufnahme neuer Mitglieder über die Abstimmung mit dem Netzbetreiber bis hin zur Abrechnung. Energiegemeinschaften sind komplexe Unternehmungen mit vielen Beteiligten und einem beträchtlichen bürokratischen Aufwand. Der Förderverein finanziert die beiden Angestellten aus Mitgliedsbeiträgen sowie aus Überschüssen, die von den Genossenschaften erwirtschaftet werden. Diese Professionalisierung ermöglicht es diesen EEG auch, das Modell weiterzuentwickeln. Derzeit erprobt man gerade E-Ladestationen und prüft Optionen für Batteriespeicher. Hofmann, der als Konsulent auch bei regionalen Energieprojekten in Tschechien und Deutschland die österreichischen Erfahrungen mit regionaler Energieerzeugung teilt, ist überzeugt: »Wir leisten hier PionierInnenarbeit.«

Einige der am häufigsten gestellten Fragen zum Thema EEG und anderen gemeinschaftlichen Energieerzeugungsformen haben wir hier beantwortet.

BIORAMA Niederösterreich #15

Dieser Artikel ist im BIORAMA Niederösterreich #15 erschienen

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