Der digitale Mäzen

Auf der Crowdfunding-Plattform Patreon kann man Kreativarbeiter schnell, einfach und regelmäßig mit kleinen Beträgen unterstützen. Kann man so im Netz selbstständig und dauerhaft Geld verdienen?

Jack Conte hatte genug. Im Jahr 2013 war der Amerikaner ein verhältnismäßig erfolgreicher Indiemusiker mit über 150.000 Abonnenten auf seinem Youtube-Channel und Videos mit mindestens sechsstelligen Zuschauerzahlen. Doch eine Sache funktionierte nicht: die Monetarisierung. Youtube überwies Conte knapp 50 Dollar im Monat. Der Do-it-yourself-Mann ärgerte sich, nahm die Sache selbst in die Hand und gründete gemeinsam mit einem Partner die Crowdfunding-Plattform Patreon.

Vier Jahre später stellen auf Patreon über 50.000 Kreative ihre Arbeiten zur Verfügung. Vom Reiseblogger über Autoren bis zum Comiczeichner tummelt sich dort ein bunter Haufen von „Creators“, wie sie genannt werden. Anders als bei anderen Crowdfunding-Formen fließt die Unterstützung nicht in einmaliger Form, sondern regelmäßig. Ein Unterstützer zahlt also grob gesagt nicht 50 Euro, damit ein Projekt zustande kommt, sondern fünf Euro im Monat, damit es am Leben bleibt. „Im Englischen hat sich dafür der Begriff ,crowd sustaining‘ etabliert“, erklärt Crowdfunding-Experte Wolfgang Gumpelmaier. „Im Deutschen kann man es wohl am besten als eine Art Abo-Crowdfunding beschreiben: Man abonniert einen Kreativen, den man unterstützen will.“

Im Unterschied zu klassischen Mäzenen erhalten „Patrons“, wie die Unterstützer genannt werden, im Normalfall für ihren Beitrag etwas zurück. Das kann von exklusivem Content bis zu einem persönlichen Dankesschreiben gehen. Darüber hinaus bietet Patreon wie andere Plattformen die Möglichkeit, direkt mit seinen Fans in Kontakt zu treten.

Schwindende Werbeeinnahmen

Im deutschsprachigen Raum ist Patreon bislang eher spärlich angekommen. In den USA sieht das anders aus. Vor allem die Podcast- und Youtube-Szene nutzt die Plattform zunehmend als Einnahmequelle – vor allem seit durch Änderungen in der Werbe-Policy von Youtube die Einnahmen durch Werbung tendenziell zurückgehen. Das Technologiemagazin „The Verge“ bezeichnete Patreon deshalb unlängst als „the economic engine of internet culture“. Natürlich spiegeln sich in Patreon deshalb auch die klassischen Konflikte der Netzkultur wider, die auch die Diskussionen um Google, Twitter und andere beherrschen. Neu-rechte Gruppierungen in den USA entdeckten Patreon schon vor Jahren zur Finanzierung ihrer Aktivitäten. Es gab einige Sperrungen, aber wie viele Tech-Unternehmen hat Patreon ein relativ breites Verständnis von Meinungsfreiheit.

Patreon ist einfach für den Künstler, einfach für den Unterstützer, wächst rasant und zweigt relativ wenig von dem bereitgestellten Geld für sich selbst ab. Steht damit also die digitale Zukunft bevor, die Künstler unabhängig von individuellen Verkaufszahlen macht?

Ganz so einfach ist es nicht. Die Gesetze der Aufmerksamkeitsökonomie machen natürlich auch vor Patreon nicht halt. Das heißt: Die Leute müssen vor allem erst einmal wissen, dass es dich gibt. Wer seinen Auftritt über bereits bestehende, erfolgreiche Kanäle wie einen Youtube-Channel bewerben kann, hat einen Startvorteil. „Das gilt aber für allen Formen des Crowdfundings“, relativiert Gumpelmaier. „Wer selbst kein Netzwerk mitbringt, wird sich schwertun.“ Vor allem in den ersten Tagen einer Kampagne sollten die Unterstützer aus dem engeren Umfeld kommen, danach kämen meist erst erweiterte Netzwerke und später fremde Personen hinzu.

Die oberen Zehntausend

Schaut man sich die beeindruckenden Zahlen von Patreon ein wenig genauer an, offenbart sich ein altes Muster: Wer hat, dem wird gegeben. Von den knapp zehn Millionen Dollar, die Patreon aktuell im Monat ausschüttet, fließen knapp 26 Prozent an die obersten 640 Creators. Je weiter man die Kette hinabsteigt, desto kleiner werden die Beträge. Trotzdem hört man kaum Kritik vonseiten der Creators. „Patreon gibt uns zusätzliche Sicherheit“, sagt Elisabeth Steib von Kurzgesagt. Das Designstudio mit Sitz in München produziert hochwertige Erklärvideos. Mit seinen 9.500 Patrons lukriert Kurzgesagt knapp 30.000 Euro im Monat und gehört damit zu den Top 5 der Creators. Patreon habe Kurzgesagt ermöglicht, 2016 sein Team zu vergrößern. „Das Wichtigste an Patreon ist für uns, dass die Einnahmen regelmäßig und sicher kommen.“

Das ist letztlich wahrscheinlich der Knackpunkt. Kaum ein Account lebt von Patreon alleine, aber als eine von mehreren Einnahmequellen gibt es ein sicheres Standbein, selbst wenn es einen nicht alleine tragen kann. Vor allem, weil es keinen Schwankungen unterliegt. Als Teil des „digital shift“, also der Verschiebung von Monetarisierungswegen im digitalen Zeitalter, hilft Patreon Künstlern, unabhängiger von Einnahmeformen wie Werbung oder klassischen Vertriebswegen zu werden. Bis es sie ersetzen kann, dürfte es allerdings noch etwas dauern.


Hier hat sich der Autor mit dem Thema Veganer als Minderheit auseinander gesetzt.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #51 erschienen

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