Die Zukunft hängt am gläsernen Faden

Allheilmittel Breitband: Was bringt ein Breitbandausbau im ländlichen Niederösterreich?

Bild: Istock.com/Halfpoint.

Allheilmittel Breitband: Was bringt ein Breitbandausbau im ländlichen Niederösterreich?

Im Herbst dieses Jahres werden die Weichen für die Zukunft des ländlichen Raums gestellt. Verantwortlich dafür macht Peter Parycek die sich verändernde Arbeitskultur: „Homeoffice-Konzepte werden seit Jahrzehnten diskutiert, wurden aber nur selten umfassend in Organisationen umgesetzt. Im Regelfall war es ein Privileg, aber beispielsweise die Buchhaltung von zuhause arbeiten zu lassen war vor der Pandemie so gut wie undenkbar. Zusätzlich ist mit der Pandemie eine völlig neue Meetingkultur entstanden. Seit der zweiten Welle ist meine Hypothese, dass uns Videokonferenzen breitflächig erhalten bleiben werden«, sagt der Leiter des Departments für E-Governance in Wirtschaft und Verwaltung an der Donau-Universität Krems.

Die geografische Entkoppelung der Arbeit sorgt, konträr zu den Befürchtungen von ArbeitgeberInnen, oftmals sogar für höhere Produktivität, wie eine Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PwC zeigte: Im Homeoffice stiegen Arbeitseffizienz und -zufriedenheit. Für Parycek ist damit eng verbunden, dass die Zeit von »command & control« nun endgültig abgelaufen sei. »Nicht zuletzt deshalb, weil gerade junge, hochqualifizierte Menschen nicht alleinig über materielle Anreize gewonnen werden können. Hier wiegen selbstorganisiertes Arbeiten und geringere und flexiblere Arbeitszeit sowie Ortsungebundenheit deutlich stärker.«

Aktuell sind viele Unternehmen mit der Ausarbeitung von Post-Pandemie-Homeoffice-Regelungen beschäftigt. Im Herbst wird sich zeigen, welche Organisationen zurück ins Büro rufen oder auf eine hybride Bürokultur setzen werden. Eine Umfrage Ende vergangenen Jahres unter niederösterreichischen Unternehmen zeigt, dass Homeoffice einen viel größeren Stellenwert bekommen wird. »Das deckt sich auch weitgehend mit den Präferenzen der Beschäftigten, die sich überwiegend zwei oder drei Tage Homeoffice erwarten«, erklärt Parycek.

»Wenn ich nur mehr zwei oder einen Tag im Büro sein muss, dann muss ich nicht mehr in der Nähe wohnen.«

Peter Parycek, Departments E-Governance der Donau-Universität Krems

Dabei gilt: je mehr Homeoffice, desto größer die Auswirkungen auf den ländlichen Raum. »Wenn ich nur mehr zwei oder vielleicht sogar nur mehr einen Tag im Büro sein muss, dann muss ich nicht mehr in der Nähe wohnen. Aus Studien weiß man, dass viele Menschen gern am Land wohnen würden und bereit sind, die Stadt zu verlassen.« Mittelfristig könnten Unternehmen Büros aus der Stadt abziehen und im ländlichen Raum ansiedeln. Voraussetzung für das Homeoffice im ländlichen Raum ist aber eine entsprechend schnelle Internetverbindung. Kein Internet, kein Homeoffice.

Glasfaser bis ins Haus

»Die Pandemie hat auch gezeigt, dass die bestehenden Bandbreiten längst nicht mehr ausreichen. Wenn die Eltern im Homeoffice arbeiten und die Kinder im Online-Unterricht sind, werden die Kapazitäten recht schnell knapp. Vor allem das Videostreaming verursacht große Datenmengen«, sagt Werner Reiter, Pressesprecher der Niederösterreichischen Glasfaserinfrastrukturgesellschaft (nöGIG). Das trifft in besonderem Umfang auf den ländlichen Raum zu, da sich kommerzielle AnbieterInnen auf die Versorgung jener Gebiete fokussieren, die auch Gewinne versprechen – also die Ballungsräume.

Das soll sich jetzt ändern: »Unsere Aufgabe ist es, eine offene, öffentliche und zukunftssichere Netzinfrastruktur für den ländlichen Raum bereitzustellen. Unser Fokus liegt dabei auf Gemeinden mit weniger als 5000 EinwohnerInnen«, erklärt Reiter. 2016 startete das Pilotprojekt. Bis jetzt wurden 35.000 Betriebe und Haushalte in 15 Gemeinden ans Breitbandnetz angeschlossen. »Die Finanzierung für die nächsten 100.000 Anschlüsse ist gesichert. Aktuell wird in zwölf Gemeinden in Niederösterreich ausgebaut. Der Baustart für weitere ist schon im Juli. Pro Jahr können wir 30.000 Anschlüsse errichten«, sagt Reiter.

Wohlfühloase Homeoffice?

Mitarbeitende und Führungskräfte sind im Homeoffice zufriedener und weniger gestresst, so eine Studie der Wirtschaftsprüfungsagentur PwC. Fast neun von zehn aller Befragten wünschen sich einen Mix aus Büro und Homeoffice.

Die nutzbare Bandbreite einer Glasfaserleitung entspricht 19,2 Terabit. Damit können 150 Millionen Menschen gleichzeitig Musik streamen. Dank dieser Reserven stellt das Glasfasernetz eine zukunftssichere Investition dar. Da sich das Netz in öffentlicher Hand befinde, sei so auch langfristig eine hochwertige und nicht zuletzt kostengünstige Versorgung gesichert. »Der Stellenwert schneller Internetverbindungen macht sich im ländlichen Raum aber schon jetzt bemerkbar. Für Gemeinden ist das natürlich ein wirtschaftlicher Vorteil, wenn man eine flächendeckende Glasfaserverbindung bieten kann. Die Nachfrage nach Grundstücken im Waldviertel steigt, wenn ein Glasfaseranschluss vorhanden ist. Wer aufs Land zieht, will eine schnelle Internetverbindung haben.«

Breitband ist aber nicht nur ein Magnet für stadtfluchtbereite NiederösterreicherInnen in spe. Schon jetzt spielt es eine gewichtige Rolle für das Wirtschaftsleben am Land. Im Falle der Gmünder NBG gleich doppelt. Das Unternehmen stellt Glasfaserleitungen für den Weltmarkt her und ist für die größte Einzelinvestition im Waldviertel verantwortlich: 50 Millionen Euro flossen in den Bau der neuen Produktionsanlage.

Die Ortszentrale (POP oder Point of Presence) ist das Herzstück eines Glasfasernetzes der Gemeinde. Im März wurden binnen eines Tages ein solcher in der Gemeinde Aschbach-Markt errichtet. Bild: Screenshot von noegigi.at, 22.5.2021.

Glasfaser und Getreide

Auch in traditionelleren Wirtschaftsbereichen gewinnt die Digitalisierung in Österreichs Kornkammer zunehmend an Bedeutung. »Der schnelle Zugriff auf Daten verändert auch die Arbeitsweise in der Landwirtschaft. Möglich ist das aber nur mit einer guten Netzabdeckung. Noch gibt es im ländlichen Raum aber große Funklöcher«, sagt Heinrich Prankl, Leiter für Forschung & Innovation an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt Francisco Josephinum in Wieselburg. Während sich LandwirtInnen am eigenen Hof vielleicht noch mit WLAN behelfen können, scheidet diese Option am Feld aus. Hier ist dann der Mobilfunk gefragt und der ist wiederum auf das Breitbandnetz angewiesen. 4G ist dabei bei vielen Technologien ausreichend. 5G braucht es nur für datenintensive Anwendungen wie etwa autonomes Fahren.

»Von autonom fahrenden Maschinen sind wir zwar noch ein Stück entfernt, aber Precision Farming ist auf immer mehr Höfen in Niederösterreich ein Thema«, sagt Prankl. Das meint die zielgenaue und bedarfsgesteuerte Einbringung von Dünge- und Pflanzenschutzmitteln unter Berücksichtigung der Beschaffenheit der jeweiligen Felder: Vegetationsdichte, Nährstoffgehalt im Boden, Feuchtigkeit. Dabei helfen Satellitenbilder genauso wie Sensoren auf den Feldern und den Fahrzeugen. Österreichs LandwirtInnen steht, dort, wo es Empfang gibt, seit Anfang dieses Jahres ein kostenfreies RTK-Signal zur Verfügung. Dieses Korrektursignal ist notwendig, um eine zentimetergenaue Navigation bei der automatischen Lenkung von Traktoren zu erreichen. Ein Bild davon, was bereits jetzt alles möglich ist, kann man sich bei der »Innovation Farm« machen.

150.000.000 Audiostreams gleichzeitig

Oder 19,2 Terabit. So groß ist die nutzbare Bandbreite einer Glasfaserleitung. Eine 4000 Meter lange Glasfaserleitung dämmt das Licht dabei so stark wie 5 mm dickes Fensterglas.

Nicht bei allen Betrieben wird der Einsatz solcher Technologien Sinn machen. Prankl ist sich aber sicher, dass alle LandwirtInnen von einem digitalen Farm-Management-System profitieren. Diese Apps bündeln alle Informationen über den Betrieb am Smartphone und dienen der Dokumentation und Planung von Arbeitseinsätzen. »Selbst bei einem kleinen Hof habe ich damit eine optimale Übersicht und kann überall und jederzeit nachschlagen, was ich zum Beispiel auf diesem Feld vor vier Jahren gemacht habe. Damit lassen sich bessere Entscheidungen treffen.« Zumindest dann, wenn man gerade Empfang hat.

Aus dem ehemaligen Bene-WErk in Waidhofen an der Ybbs wurde der Beta-Campus. Er will mehr als Co-Working-Space sein, nämnlich Ort des Wohnens, Arbeitens, Lernens, Forschens und Netzwerkens. Bild: beta campus Waidhofen/Ybbs.

Allheilmittel Glasfaser?

Das Breitband wird zwar nicht alle Probleme des ländlichen Raums lösen, kann aber die wirtschaftliche Entwicklung fördern. Das Vorhandensein von Glasfaserinfrastruktur kann ein Argument für Betriebsansiedelungen sein und ist Grundlage für die Digitalisierung des bestehenden Geschäfts. Davon profitieren letztlich auch die Ortskerne. Zwar lässt sich der Donut-Effekt – die Entleerung der Ortskerne – nicht einfach mit einem Glasfaseranschluss stoppen. Aber ein Shared Office in zentraler Lage kann ein wichtiger Impulsgeber der Ortskernaktivierung sein. Ein Haus im Grünen bedeutet nicht automatisch, dass man dort auch ungestört arbeiten kann oder will. Viele Menschen vermissen den sozialen Kontakt im Homeoffice oder verlassen zum Arbeiten lieber die eigenen vier Wände. In Niederösterreich ist in den letzten Jahren darum eine Vielzahl solcher Shared Offices, die sich den Leerstand in den Ortskernen oder gut gelegenen Industriebrachen zunutze machen, entstanden.

Ohne Breitband kein 5G

4G aber auch nicht. Die Sendeanlagen stellen zwar die drahtlose Verbindung her – bei 5G zehnmal schneller als bei 4G –, sie selbst sind aber nicht schnurlos. Ohne Glasfaserinfrastruktur gibt es keinen leistungsfähigen Mobilfunk.

»Wenn es gelingt, dass diese auch noch zusätzliche kulturelle und soziale Aufgaben erfüllen, kann das zur Belebung von verwaisten Ortskernen beitragen. So könnte das Shared Office das Wirtshaus von morgen werden«, sagt Parycek. Solche multifunktionalen Nutzungen werden auch bereits praktisch umgesetzt: Im Vollbetrieb wird der Beta-Campus auf dem Areal des ehemaligen Bene-Werkes in Waidhofen an der Ybbs nicht nur Shared Offices, sondern auch das Polytechnikum Waidhofen samt Labors, Werkstätten und Wohnraum beherbergen. Bereits jetzt bietet man einmal die Woche Nachmittagsbetreuung für Kinder an. In St. Andrä-Wördern mutierte das ehemalige Gestüt seit 2015 zusehends zum »Dorfplatz«: Rund um den Co-Working-Space finden sich die Hofküche, die sich um den Mittagstisch kümmert, aber auch Werkstätten und zahllose Events: vom Repair-Café über die Bluegrass-Folk-Session bis hin zum Pubquiz.

Bei dem ist der Einsatz des Internets für gewöhnlich nicht erlaubt. Das zeigt schon, das Breitband wird nicht alle Probleme des ländlichen Raums lösen. Es ist aber unwahrscheinlich, dass es für die großen Herausforderungen Lösungen geben wird, die darum herumkommen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #72 erschienen

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