Unsicher ist unsicher.

Drei Schweizer Wissenschaftler betreiben in ihrer Pension einen Blog, der helfen soll, eine Lösung zur Beseitigung radioaktiver Abfälle zu finden. Einer von ihnen, Marcos Buser, erklärt im Interview, warum die Tage der Kernenergie gezählt sind und wir uns mit dem Endlagern noch Zeit lassen sollten.

Bild: Istock.com/thall
So sieht (leicht) radioaktiver Müll aus. Bild: Istock/thall

Der Geologe und Sozialwissenschaftler Marcos Buser begleitete die nuklearen Entsorgungsprogramme der Schweiz seit fast fünf Jahrzehnten. Unter anderem als Mitglied in den Kommissionen, die für die Suche nach Standorten und die Entwicklung von Systemen zur Endlagerung des Schweizer Atommülls gebildet wurden. Die Lösungen rückten währenddessen allerdings in immer weitere Ferne, je mehr Erfahrungswissen man mit ausgedienten Brennstäben in den Zwischenlagern aufbauen konnte. Mit seinen Kollegen André Lambert und Walter Wildi hat er im Umgang mit nuklearem Abfall fehlende Ehrlichkeit und einen »mangelnden Sinn für Verantwortung unserer Gesellschaft und unseres Landes gegenüber den kommenden Generationen« festgestellt und daher 2015 begonnen, zu bloggen. 2019 ist Busers vorletztes Buch »Wohin mit dem Atommüll« bei Rotpunkt erschienen, weitere zur Frage der Endlagerung sollen folgen. Zwischen zahlreichen Terminen »im dauernden Unruhestand«, wie er sagt, nimmt er sich, gerade zu Besuch bei seiner Tochter in den Schweizer Alpen, Zeit für ein Telefonat über Unwissen und Sicherheit.

BIORAMA: Sie sind gerade in den Bergen, könnten Freizeit genießen. Warum betreiben Sie stattdessen mit Kollegen einen Blog und geben Interviews?

Marcos Buser: Wir sind 73, 74 und 75 und sind gut beinander und im Unruhezustand. Wir haben heute auf unserem Planeten einen ziemlichen Saustall. Abfälle, wohin das Auge blickt. Unsere, jedenfalls meine Motivation diesbezüglich ist, über den Blog einen gewissen Teil meines Wissens zu deponieren für die Zukunft, falls es jemand brauchen kann. Ich werde noch ein paar Jahre dabei sein, um auch noch ein paar Bücher zu schreiben. Ich habe mein ganzes Leben lang im Bereich Atom- und Sonderabfälle gearbeitet. Und ich habe Kinder und Enkelkinder und möchte diesem Wahnsinn etwas entgegensetzen.

Können Jüngere nicht sagen, was sie meinen?

Ich habe eine Familie unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen durchgebracht. Ich habe mir trotzdem den Luxus geleistet, zu sagen, was ich denke. Viele Junge können das kaum mehr. Die Spielräume sind kleiner geworden, es gibt es immer striktere Guidelines. Wenn die MitarbeiterInnen nicht sagen, was vorgegeben ist, und nicht spuren, werden sie gemobbt beziehungsweise entlassen.

Marcos Buser, André Lambert und Walter Wildi bloggen auf nuclearwaste.info

Kann beispielsweise die Internationale Atomenergiebehörde keine solchen unabhängigen Informationen zur Entwicklung von Endlagerstätten liefern?

Die IAEA war immer eine Institution der Pro-Seite. Sie ist auf Initiative der US-Regierung entstanden, weil früh die Herausforderung und die Gefahren der Proliferation – also der Weitergabe von bombenfähigem Material – erkannt wurden. Das hat in den 1940ern begonnen, in den späten 1950ern hat man dazu internationale Institutionen geschaffen, die das Mandat hatten, einerseits die friedliche Nutzung der Kernenergie voranzutreiben, aber auch die Proliferation zu regeln. Es braucht diesen internationalen Regulator. Dass dieser gleichzeitig die Kernenergie fördert, wie die IAEA es tut, ist ein Widerspruch in sich. Man will waffenfähige Materialien kontrollieren und schafft laufend neuen Nachschub.

Unter dem Dach der Uno besteht also, neben Organisationen wie dem Weltklimarat, eine Organisation, die staatlich finanziert die Verbreitung von Atomenergie zum Zweck hat?

Genau. Und das kann ja nicht sein! Man muss jetzt diese Rollen grundlegend hinterfragen. Was haben wir denn da alles gemacht? 

Ja, zu einer scharfen Kontrolle der waffenfähigen Spaltmaterialien! Aber ein genauso klares Nein zur Förderung der Atomenergie durch eine durch Steuergelder finanzierte internationale Kernenergieförderungsinstitution. 

Der IAEA Energy Outlook; Rohgrafik: Istock/roocomontoya.
Die Internationale Atomenergiebehörde (International Atomic Energy Agency, IAEA) skizziert in ihrem jährlichen Outlook zwei sehr unterschiedliche Szenarien für die weltweite Entwicklung der Kernenergie bis 2050. (Daten: »Energy, Electricity and Nuclear Power Estimates for the Period up to 2050, IAEA, 2021; Rohgrafik: Istock/roocomontoya.

Sie haben lange im Dienste einer sichereren Kernenergie gearbeitet. Wie halten Sie es nun mit der Atomkraft – braucht es Ausbau oder Laufzeitverlängerungen?

Nein, solange sich die grundlegenden Probleme – die Sicherheit und der Atommüll – nicht lösen lassen, ist der Einsatz von Atomkraft nicht zu verantworten. Punkt. Heute sind die Voraussetzungen für ein Weitermachen nicht gegeben. Auch die angekündigten neuen Reaktoren wie MSR (kurz für Molten Salt Reactor d. h. Flüssigsalzreaktoren, Anm.) oder andere SMR (Small Modular Reactors) lösen die Grundprobleme nicht: Sicherheit, Atommüll, Proliferation und Wirtschaftlichkeit. 

Bringen die Minireaktoren Fortschritt, der alte Bedenken gegenstandslos macht?

Die meisten Ideen hierzu sind bisher bestenfalls im Labor erprobt. Industrielle Erfahrung gibt es eigentlich nur bei den Leichtwasserreaktoren. Aber bei Brütertechnologie oder Flüssigsalzreaktoren sind die Erfahrungen im industriellen Massstab nur beschränkt vorhanden. Man hat kaum Erfahrungen zu den MSR und anderen kleinen Modellen, um ein solches Programm überhaupt zu starten.

Gibt es neue Technik, die die Risiken maßgeblich ändert?

Die neuen Reaktoren existieren vor allem auf dem Papier. Die betrieblichen Probleme werden sich rasch zeigen, sobald man diese Reaktorkonzepte umsetzt. Genau das ist ja auch beim EPR-Reaktor (European Pressurized Reactor) passiert. 

Er wurde in den höchsten Tönen gelobt, die konzeptuellen Probleme im Design zeigten sich während und nach dem Bau. Zeit- und Kostenüberschreitungen sind gewaltig und das Modell hat einen grundlegenden Konstruktionsfehler. Dies macht diesen Reaktortyp unsicher und völlig unrentabel. Der Öffentlichkeit wird aber weiterhin suggeriert, dass solche Reaktoren im industriellen Einsatz getestet wurden und quasi einsatzbereit sind. Das ist nicht der Fall. 

Die Internationale Atomenergiebehörde (International Atomic Energy Agency, IAEA)
skizziert in ihrem jährlichen Outlook zwei sehr unterschiedliche Szenarien für die weltweite Entwicklung der Kernenergie bis 2050. (Daten: »Energy, Electricity and Nuclear Power Estimates for the Period up to 2050«, IAEA, 2021.)

Wie erklären Sie, dass immer wieder Stimmen für einen Ausbau der Atomkraft plädieren?

Es ist die Antwort einer Interessensgruppe, die von staatlichen Subventionen lebt. Dabei ist klar: Vor 2035 werden die genannten neuen Reaktoren überhaupt nicht zur Verfügung stehen. Um die Elektrizitätsversorgung mit Atomkraft sicherstellen zu können, müssten Zehntausende solcher Reaktoren im Einsatz sein. Zur Klimawende werden neue AKW kaum etwas beitragen, und schon gar nicht rechtzeitig. Die Investitionen, die es hierzu bräuchte, sind gigantisch, das Programm schlicht unrealistisch. 

Früher wurde Atomkraft mit dem Slogan beworben: »Wir werden die Wüsten fruchtbar machen und das Eis der Pole wird schwinden!« Heute, im Zeitalter der schwindenden Polkappen, sagen sie das Gegenteil: »Wir retten das Klima!« Dies zeigt, wie unglaubwürdig diese Industrie ist. Sie hat wirtschaftliche und verdeckte militärische Interessen und diese verfolgt sie. Sie verspricht etwas, ohne den Nachweis zu liefern, dass sie es überhaupt einhalten kann. 

Was wir erleben, ist die Schlussphase einer Industrie und einer Generation von WissenschafterInnen, die weiß, dass sie nicht mehr viel weiterkommen wird. Ich glaube wirklich, dass die Ära der Atomenergie bei uns mindestens für die nächsten 50 bis 100 Jahre zu Ende ist. 

Warum hat sich eine immer schon teure Technologie zur Stromproduktion jemals etablieren können?

In der Anfangszeit waren die EntwicklerInnen der Kernenergie noch relativ offen und unsicher, was die Schätzung von Kosten angeht. Hier war eine Entscheidung von General Electric in den USA folgenreich. Das Unternehmen hat 1963 ein Angebot für ein Kernkraftwerk unter den eigenen Errichtungskosten gelegt – eine Strategie, um sich einen Platz auf dem von der Kohleindustrie dominierten Markt zu schaffen. Das war Dumping. Aber es hat eine Euphorie ausgelöst, die zu über 100 neuen Aufträgen geführt hat – dem goldenen Jahrzehnt der Atomkraft. Da wurde das Geschäft durch die Menge dann auch kurz wenigstens rentabel. Die Finanzierung wurde allerdings schnell wieder kritisch und seit der Ölkrise 1973 wurde die defizitäre Technologie letztlich staatlich gefördert – in den USA und vor allem in Frankreich. Die Unterstützung erfolgt in solchen Ländern auch aus militärischer Überlegung. Dies sieht man klar, wenn man betrachtet, wer in Europa noch in zivile Atomkraft investiert: England und Frankreich. 

Die Nähe der zivilen zur militärischen Nutzung von Nukleartechnologie und Material ist in Ihrem Buch »Wohin mit dem Atommüll?«Thema. Ist die Atomtechnologie nach wie vor so besonders, dass sie ganz anders behandelt werden muss als andere Kriegstechnologie?

Ja, absolut. Einerseits aufgrund des Gegenstands: Es ist eine ganze Industrie, die Material produziert, das bombenfähig ist. Wer die Bombe hat, hat eine Macht, andere Staaten zu erpressen. Daran hat sich seit Beginn der Atomenergienutzung nichts geändert. Es ging immer um die Bombe. Das ist ein Risiko, das eine andere gesellschaftliche Behandlung der Technologie erfordert.

Es sind aber nicht nur die direkten Auswirkungen von Bomben zu beachten, sondern auch die Zeitdauer, während der diese Materialien zur Verfügung stehen. Wenn man solche Stoffe – es handelt sich um abgebrannte Brennelemente aus den Reaktoren, aus denen bombenfähiges Material gewonnen werden kann – in ein Endlager bringt, ist das Material für Hunderte und Tausende Jahre verfügbar. Daraus ließen sich auch in Zukunft Bomben bauen und wenn einschlägige Kräfte die Chance hätten, Zugriff auf ein solches Lager zu bekommen, würden sie auch sofort versuchen, dieses Material auszuheben. Nordkorea lässt grüßen. Der Iran. Saudiarabien. Die Energieproduktion durch Atomenergie sollte darum verboten und geächtet werden. 

Wie schätzen Sie das neue Endlagerprojekt in Finnland ein?

Das Projekt ist unausgereift und dient der Propaganda. Es spielt auch anderen Ländern in die Hand, damit alle tun können, als hätten wir eine Lösung. Man hat jetzt eine Baugenehmigung, aber das bedeutet doch nicht, dass es sich um ein funktionierendes Konzept handelt. Man kann davon ausgehen, dass das verfolgte Endlagerkonzept nicht funktionieren wird.

Warum?

Es handelt sich bei dem eingelagerten Material um hochreaktive Abfälle, die Radioaktivität und viel Wärme abstrahlen. Enthalten ist ein Gemisch von Substanzen, das sich dauernd verändert, das wieder zerfällt, um neue Reaktionen einzugehen. Der Abfall ist sehr heiß und wirkt auf die Kanister und auf die ganze Lagerumgebung. Das ist bei Granit vielleicht weniger dramatisch als bei Tongestein. Aber dramatisch genug, um zu sagen: wir haben keine Garantien über den Lagerungsprozess. Man hat viel berechnet und modelliert, aber nichts davon wurde im industriellen Maßstab erprobt und durch langfristige Überwachung abgesichert.

Man hat die Endlagerung immer nur aus der Geologie betrachtet. Wenn wir Barrieren bauen, können wir sicherstellen, dass sich ein Endlager über eine Million Jahre nicht verändert. Aber was man hat die Entwicklung an der Oberfläche nicht miteinbezogen. Nämlich die Entwicklung der Gesellschaft und ihrer technologischen Möglichkeiten. Heute haben Sie beispielsweise finanzierbare Maschinen im Bergbau, die problemlos in einem oder zwei Jahren einen Schacht von über 10 Metern Durchmesser zwei Kilometer in die Tiefe  bauen können. Dies lässt für die Zukunft und das heutige Konzept der Endlagerung Schlechtes erahnen. Ein paar hundert Meter Tiefe schützen ein Endlager in der Zukunft nicht.

Marcos Busers Buch »Wohin mit dem Atommüll?« ist 2019 erschienen. Bild: Rotpunktverlag.

Also ist Endlagerung unmöglich?

Ja, im Moment ist ein langfristig sicheres Endlager nicht machbar. Vor 20 Jahren habe ich dieses Konzept noch mitgetragen. Aber inzwischen hat sich gezeigt, dass solche Konzepte nicht ausgereift sind. Seit 2002 häufen sich die Unfälle, ein Projekt nach dem anderen scheitert und muss saniert werden. Für Abermilliarden. Asse II, Morsleben, Stocamine. Dann der schwere Unfall im Endlager für militärische radioaktive Abfälle aus dem Bombenbau in Amerika, dem WIPP (Waste Isolation Pilot Plant). Wenn ein Konzept verfolgt wird, das immer wieder nicht funktioniert, muss es hinterfragt werden. Dies wird aber von den zuständigen Institutionen nicht gemacht. Im Gegenteil: Der heute verfolgte Pfad der Endlagerung wird weiter unterstützt, weil man schon so viel Geld reingesteckt hat.

Ich verweise gerne auf unsere Vorstellungen zu Sondermülldeponien vor 50 Jahren. Da hat man auch gesagt: Das sind Hochsicherheitsdeponien, da passiert nichts. Und mittlerweile werden sie ausgehoben und saniert, eine nach der anderen, weil die Schäden an Grundwasser und Umwelt so gravierend sind. Diese Abfälle werden – zumindest teilweise – inzwischen anderen und erfolgreichen Behandlungsmethoden zugeführt. Das dürfte bei den sogenannten Endlagern genauso passieren, sollten sie überhaupt umgesetzt werden. 

Gibt es international gesteigertes Interesse an der Endlagerung von Atommüll auf eigenem Staatsgebiet?

Es findet eine wissenschaftliche Konkurrenz statt, eine Art Rennen zwischen den Nationen. Mir kommt es vor wie an den Unis, alle wollen die Ersten sein und die Lorbeeren ernten. Es geht um den Ehrgeiz, irgendeine Lösung präsentieren zu können. Aber nicht so sehr um eine möglichst sinnvolle Lösung des eigentlichen Problems für die künftige Welt.

Wohin mit dem Atommüll?

Ich denke, wir sollten weiterforschen und die Brennelemente in sicheren Zwischenlagern über die Zeit bringen, bis sie kühler sind und man sie besser behandeln und anders und dauerhafter verfestigen kann. Bis dahin – in 100 bis 300 Jahren – dürften zumindest bessere Lösungsansätze zur Endlagerung vorliegen.  

Marcos Buser. Bild. Rotpunkt Verlag.
Marcos Buser. Bild. Rotpunkt Verlag.

Marcos Buser war u. a. Mitglied der EKRA-Expertenkommission für das Schweizer Endlagerkonzept (1999–2002) und der Eidgenössischen Kommission für nukleare Sicherheit (2008–2012). 

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