Die Wildnis als Schule des Lebens

Wildnispädagogik preist das einfache Leben...

Eine Person schaut aus einem großen Laubhaufen heraus und lächelt.
Bei Wildnisschulen steht die Naturerfahrung im Vordergrund. Bild: www.thiemo-boegner.de.

Wildnis ist ein romantischer Begriff. In ihm steckt die Sehnsucht nach unberührter Natur und »echtem«, einfachen Leben. Historisch handelt es sich dabei um ein westliches Phänomen: Aus der industrialisierten Zivilisation kommend, ermöglicht eine Auszeit in der Wildnis Selbsterkenntnis und Erdung, das Überwinden der empfundenen Entfremdung von der Natur. Oft wird in der Einschicht der Wildnis auch Einsicht und spirituelle Erleuchtung gesucht. Stilprägend war das Buch »Walden«, in dem der Philosoph Henry David Thoreau sein »Life In The Woods« beschreibt und von seinen Erlebnissen in einer einsamen, kleinen Hütte am Walden Pond (in Massachusetts) erzählt. Seit ihrem Erscheinen 1854 hat Thoreaus Sehnsuchtsprosa Generationen von zivilisationsmüden AussteigerInnen beseelt; die Hippies ebenso wie die frühe Umweltbewegung. Auch der Cabin-Chic auf Instagram und die neuerdings große Nachfrage nach literarischem Nature Writing lassen sich auf Thoreau zurückführen.

Wi.N.D. – Wildnisschulen-Netzwerk Deutschland

2001/2002 gegründetes Netzwerk von deutschlandweit 13 Wildnisschulen, die sich an gemeinsam erarbeiteten Standards orientieren.
wildnisschulen-netzwerk.de

Thoreau und die »Tracker Schools«

In seiner Tradition stehen auch die »Tracker Schools«, die sich seit den 1970er-Jahren erst in den USA ausgebreitet haben, später auch nach Europa. Zwar berief sich Tom Brown (geboren 1950 in New Jersey), der Gründer der berühmtesten Tracker School, Fährtenleser und Buchautor, nie explizit auf seinen einflussreichen Vordenker. Aber auch in vielen Wildnisschulen – wie sich die Tracker Schools im deutschsprachigen Raum manchmal nennen – lebt der Geist Thoreaus. Einer der allerersten, die die Lust am Lernen von der Wildnis und am einfachen Leben in den deutschsprachigen Raum brachten, ist Wolfgang Peham. Der mittlerweile 74-Jährige absolvierte 1995 einen Kurs in Amerika bei Tom Brown. Zurück in Deutschland überredeten ihn FreundInnen, ihnen das in der Neuen Welt Gelernte weiterzuvermitteln: Feuermachen ganz ohne Hilfsmittel, Wassersuchen und das Aufbereiten als Trinkwasser oder Übernachten am Waldboden. »Also organisierten wir ein Wochenende, zu dem zwanzig Leute kamen«, erinnert sich Peham. Noch am Sonntag habe ihn die Hälfte der TeilnehmerInnen gefragt, ob er nicht weitere Seminare organisieren könne. Seit 1999 schließlich ist er Vollzeitwildnislehrmeister. Längst betreibt sein Wildniswissen-Zentrum auch einen Waldkindergarten und an die 40 »Teamer« leiten von Hannover aus Workshops, Seminare, Kurse und mehrjährige Lehrgänge. Was bei Nachmittagen für Schulklassen, »Stadtfüchse«-Feriencamps im Naturpark und Basiskursen für Erwachsene beginnt, reicht über »Ancient Bushcraft«-Workshops (beispielsweise für natürliches Gerben) und Lehrgänge für Wildnispädagogik oder Fährtenlesen bis zu ausgedehnten Wildnistouren in der Slowakei (»Spuren im Schnee«), Schweden (»Auf den Seen im Land der Elche«), Kanada (»Fließen im Einklang mit der Schöpfung«) oder Namibia (»Kalahari Buschmann Experience«).

Ein Kind balanciert im Wald.
Wildnisschulen propagieren Respekt vor allen Lebewesen. Der Mensch ist Teil des ökologischen Netzwerks. Bild: Istock.com/Sanyasm.

Netzwerk der »JägerInnen und SammlerInnen«

Gleich in Pehams allerersten Wochenendworkshops saßen einige TeilnehmerInnen, die kurz darauf selbst Wildnisschulen gründeten. Um Wissen auszutauschen und einander gegenseitig zu unterstützen, taten sich einige davon im Wildnisschulen-Netzwerk Deutschland (Wi.N.D.) zusammen. Derzeit umfasst es 13 Einrichtungen im ganzen Bundesgebiet. Diese unterscheiden sich teilweise stark. »Oft sind sie stark von der Gründerpersönlichkeit geprägt«, sagt Wolfgang Peham. Gemeinsam haben sie den Begriff der Wildnispädagogik geprägt. Peham selbst hatte mit diesem anfangs seine Probleme. »Was wir den Leuten vermitteln, kommt aus der Kultur der JägerInnen und SammlerInnen, nicht aus der Pädagogik«, sagt er. Auch vom klassischen Survival grenzt man sich eher ab: »Anders als bei Survivaltrainings geht es bei uns nicht ums Überleben, in Wildnisschulen geht es ums einfache Leben und um Naturerfahrung.« Das sieht auch Christa Bastgen so, die Sprecherin des Netzwerks Wind und selbst seit den späten 1990er-Jahren in der Natur- und Wildnisschule Teutoburger Wald aktiv. »Survival ist Kampf gegen die Natur. In einer Wildnisschule lernt man mit der Natur zu leben und draußen anzukommen«, sagt sie. Von einem Sonntagsspaziergang bei Sonnenschein unterscheidet sich das durch eine grundsätzliche aktive »Erdung« – und wohl auch durch das Verlassen der Komfortzonen des Alltags. Wird gemeinsam im Novemberwald übernachtet, dann ist es ein erklärtes Ziel, dass sich ein/e jede/r TeilnehmerIn beim Draußenschlafen wohlfühlt.

Nature Writing Festival Hamburg

Die Buchreihe »European Essays on Nature and Landscape« veranstaltet mit der Loki Schmidt Stiftung, den Öffentlichen Bücherhallen, der Deutschen Wildtierstiftung und der Universität Hamburg das erste europäische Festival zum boomenden Genre Nature Writing.
17.–21. Juni 2025
europeanessays.eu/festival

Vorwurf der kulturellen Aneignung

Aufmerksamkeit im Wildnisnetzwerk erregte 2023 eine Diplomarbeit: »Von der Sehnsucht nach Wildnis zum menschenverachtenden Denken. Von der Anschlussfähigkeit der Wildnispädagogik für extrem rechte Ideologien« von Josephine Burckhardt, verfasst an der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Die These: Wildnispädagogik könnte Anknüpfungspunkte für Rechtsextreme bieten und die »Erdphilosophie«, der sich manche Wildnisschulen verbunden fühlen, gewissermaßen Blut-und-Boden-Ideologie begünstigen. Zwar bleibt die Analyse der Masterarbeit vage (»Das Naturverständnis der Wildnispädagogik weist teilweise Gemeinsamkeiten mit dem völkischen Naturverständnis und dem Biologismus auf.«). Konkret kritisiert werden aber die hierarchischen Strukturen, die in manchen Wildnisschulen vorherrschen würden, der Personenkult und »eine absolutistische Sichtweise auf die Welt«. Auch sieht Burckhardt »die Wildnispädagogik sehr verstrickt mit der Problematik der kulturellen Aneignung, was jedoch von vielen Akteuren der Wildnispädagogik ausgeblendet wird.« Der Vorwurf: Symbole und Traditionen fremder Kulturen werden unkritisch übernommen, ohne Respekt für deren ursprüngliche Bedeutung oder ihren historischen Kontext. Diesem Vorwurf der kulturellen Aneignung kontert Christa Bastgen: »Die Grundlagen dessen, was ich weiß und weitergebe, habe ich als Kind im Dorf von den alten Leuten gelernt.« Sie selbst wuchs in einem Selbstversorgerdorf auf. Alte Handwerksfertigkeiten, Kräuterwissen und Ökolandwirtschaft sind der Ernährungswissenschafterin ein besonderes Anliegen. Anschlussfähigkeit für die extreme Rechte sieht Wolfgang Peham in der Praxis eher keine. »Ich selbst hatte in 30 Jahren ein einziges Mal zwei Neonazis am Lagerfeuer sitzen«, sagt er. »Als ich das bemerkt habe, habe ich das sofort abgedreht. Sie wollten wiederkommen, aber ich habe ihnen das nicht erlaubt – und auch im Netzwerk Bescheid gegeben und Namen genannt, damit alle gewarnt sind, wer da kommen könnte.« Sicherheitshalber findet sich auf der Website des Wildnisschulennetzwerks eine Klarstellung: »Wir als Wind-Wildnisschulen stehen und gehen für Toleranz, Gleichwürdigkeit, Offenheit und ein vielfältiges Miteinander. In unserer Philosophie und in unseren Veranstaltungen ist kein Platz für extremistische Perspektiven aus dem Bereich Politik, Religion und Weltanschauung.« Auch wenn es nicht als solches gedacht war – eine Teilnahme im Wind-Netzwerk könne diesbezüglich als Gütesiegel verstanden werden, meint Peham.

Eine Person bläst auf leicht brennendes Holz.
Uralte Praktiken, elementare Erlebnisse: Beim »Schalenbrennen« wird durch Glut und Hitze aus einem Stück Holz eine Schale gebrannt. Bild: Erik Gross.

Wildnispädagogik vs. »Naturmentoring«

Auch die Wildnisschule Nawisho von Martin Fürst aus Niederösterreich – laut Selbstbeschreibung »purer, echter, ohne Lametta« – verweist auf ihre »klare Distanzierung von Esoterik, speziell brauner«. Besonders beliebt sind Fürsts Kurse bei Studierenden. Insgesamt wirkt die Wildnisszene in Österreich »akademischer« als in Deutschland – und setzt auf andere Begriffe. »Auch wenn beides eigentlich fast das selbe bedeutet: In Deutschland wird eher ›Wildnispädagogik‹ verwendet, in Österreich dominiert das ›Naturmentoring‹«, sagt Annette Baubin, die selbst Workshops in Sachen »Naturverbindung« hält und seit kurzem auch an der staatlichen Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik unterrichtet. Pragmatischer Name des von ihr geleiteten Seminars: »Einführung in die Methoden der Wildnispädagogik und des Naturmentoring«. Als Gastvortragende fungiert dort auch Stefanie Platzgummer, die als Umweltpädagogin in einem Waldkindergarten arbeitet und mit einem Studienkollegen den Verein Tiefwurzler gegründet hat. Er fungiert als Netzwerk für Umweltbildung und Naturmentoring, organisiert aber auch Sommercamps für Kinder und Jugendliche. Platzgummer ist die Wertevermittlung ein besonderes Anliegen. »Dankbarkeit ist zum Beispiel ein Thema«, sagt sie. »Wir versuchen allem, was da ist, Wertschätzung entgegenzubringen. Dem Baum, der uns an einem heißen Tag Schatten spendet, allem, was unser Leben bereichert. Wir propagieren Respekt vor allen Lebewesen. Der Mensch wird nicht über alles andere gestellt, der Mensch ist Teil des ökologischen Netzwerks.«

Im Text erwähnte Wildnisschulen

Wildniswissen (Hannover, Niedersachsen)
wildniswissen.de
Natur- und Wildnisschule Teutoburger Wald (Halle, Westfalen)
natur-wildnisschule.de
Naturverbindung (Krems, Niederösterreich)
naturverbindung.at
Verein Tiefwurzler (Korneuburg, Niederösterreich)
tiefwurzler.at
Wildnisschule Nawisho (Schottwien, Niederösterreich)
betreibt auch den Podcast »Durch die Augen eines Coyoten«
martinfuerst.com

Selbst wenn man sich – wie Stefanie Platzgummer oder Martin Fürst – von Esoterik explizit abgrenzt. Dieser holistische Ansatz wird von Außenstehenden schnell einmal als esoterisch aufgefasst. Verstärkt wird dieser Eindruck dadurch, dass es in den meisten Wildnisschulen weniger ums »Zerdenken« von Sachverhalten geht, sondern insgesamt eher ums Begreifen. »Naturverbindung entsteht nicht intellektuell, sondern durchs Ausprobieren«, sagt Wildnislehrmeister Wolfgang Peham. »Homo sapiens lernt durch persönliche Erfahrung.« Und es bleibt natürlich die Sehnsucht und damit ein starkes Gefühl, das die Menschen in die Wildnis und ihre Schulen treibt.

Das Wi.N.D. – Wildnisschulen-Netzwerk Deutschland – vernetzt Wildnisschulen um die gemeinsame Weiterentwicklung von Wildnispädagogik in Deutschland zu fördern.

Buchtipps

Das Cover von »Chesuncook«

»Chesuncook« von Henry David Thoreau, 2022, Jung und Jung.

Nach »Ktaadn« (1848/2017) und »Die Wildnis von Maine« (1864/2014) übersetzte und veröffentlichte der Salzburger Verlag Jung und Jung 2022 auch »Chesuncook« von Thoreau. Der ursprünglich 1858 in der Zeitschrift »The Atlantic Monthly« erschienene Text ist eine kritische, überraschend zeitgemäße Betrachtung über die Elchjagd in der nordamerikanischen Wildnis.

Das Cover von »Tierspuren Europas«

»Tierspuren Europas« von Joscha Grolms, 2021, Ulmer.

Mit 820 (!) Seiten das ultimative Buch über das Bestimmen und Interpretieren von Spuren und Tierzeichen, verfasst von Joscha Grolms (international tätiger Fährtenleser und Koleiter der Wildnisschule Wildniswissen). 

BIORAMA #96

Dieser Artikel ist im BIORAMA #96 erschienen

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