Vor lauter Symbol den Wald nicht sehen

Kann man einen Wald zum Symbol erklären? Oder bleibt ein Wald vielleicht doch ein Wald?

Bild: Leon Enrique.

»To call a spade a spade« lautet eine englische Redewendung. Mit ihr lässt sich einfordern, etwas als das zu bezeichnen, was es ist, zum Beispiel einen Spaten als Spaten oder einen Wald als Wald. Der Hambacher Forst zwischen Köln und Bonn wird häufig weniger als Wald, dafür immer öfter als Symbol bezeichnet. Als Symbol für die Umwelt, für den Widerstand gegen die Macht von Energiekonzernen oder für die Widersprüche zwischen klimapolitischen Absichtserklärungen und der Realität der Stromerzeugung aus Braunkohle. Zum Beispiel auch vom Chef jenes Konzerns, der ihn roden will und ihn möglicherweise auch roden wird: »Ob wir heute in Hambach mit der Braunkohleförderung aufhören oder nicht – der Hambacher Forst wird weichen müssen, denn wir brauchen die Flächen dort, um die Böschungen standfest zu machen«, erklärte Rolf Martin Schmitz, CEO von RWE, in einer Diskussionsrunde Ende September 2018. »Das heißt, der Wald ist wirklich nur ein Symbol. Es ist den Menschen auch klar, dass dieses Stück Wald nicht zu retten ist.« Außerdem habe das Unternehmen schon elf Millionen Bäume zur Rekultivierung gepflanzt. »Dieser Wald ist nicht zu ersetzen, durch keine Rekultivierung dieser Welt«, entgegnete ihm Antje Grothus, die Vorsitzende der Initiative zum Schutz des Walds. Hier trafen zwei Vorstellungen aufeinander. Und zwar jene, wonach der Hambacher Forst ein austauschbares Symbol für Wald ist, und jene, wonach er nicht bloß Symbol, sondern eben auch ein tatsächlicher, schützenswerter Wald ist. 

Nach einer Emnid-Umfrage waren im September 2018 drei Viertel der Deutschen dafür, den Hambacher Forst zwischen Köln und Aachen stehen zu lassen und ihn nicht zu roden, um die Braunkohle darunter abzubauen. In Nordrhein-Westfalen, wo der Wald liegt und in dem das Verbrennen von Kohle zur Erzeugung von Stahl und Strom jahrzehntelang quasi zum Teil der regionalen Identität erklärt wurde, sprachen sich gar 79 Prozent gegen die Rodung aus. Dass sich acht von zehn Leuten bei einer politischen Frage einig sind, kommt nicht allzu oft vor. Schon gar nicht, wenn es um Umweltschutz geht. Der niederländische Politologe und Raumplaner Maarten Hajer liefert eine Antwort auf die Frage, wie Positionen zum Umweltschutz mehrheitsfähig werden oder eben nicht. Für Hajer sind es anschlussfähige Storylines, die eine ganz zentrale Bedeutung haben, wenn es darum geht, Menschen in Umweltdiskursen hinter einer gemeinsamen Forderung zu versammeln. Solche Storylines verbinden Menschen zu dem, was er »Discourse Coalitions« nennt. Dabei ist es laut Hajer gar nicht so wichtig, dass die Angehörigen solcher Koalitionen dieselben Interessen haben oder dieselben Vorstellungen davon, worum es bei einer politischen Entscheidung geht. Viel wichtiger sei es, dass sie alle eine bestimmte Storyline für glaubwürdig halten. Eine Storyline funktioniert als verdichtete Erzählung, die in Diskussionen als eine Art Abkürzung benutzt wird, eben wie eine Art Symbol. 

Der bedrohte Hambi 

Eine solche Abkürzung gibt es auch in den Diskussionen um den Hambacher Forst. Es lässt sich aus seinem Namen ganz hervorragend das Diminutiv Hambi bilden. Und Hambi wird von gigantischen Schaufelradbaggern bedroht. Wenn das keine anschlussfähige Storyline ist, was dann? Die Kommunikation über das Waldstück lässt erahnen, dass es ganz unterschiedliche Gründe für die Ablehnung der Waldrodung gibt, die sich gegenseitig nicht ausschließen, aber eben auch nicht alle identisch sind. Manchen GegnerInnen der Rodung geht es um den Erhalt des konkreten Waldstücks als Lebensraum für seltene Tierarten. Anderen geht es beim Protest darum, ein Zeichen gegen den Einfluss großer Konzerne zu setzen. Manche sehen in der Waldbesetzung einen überzeugenden Beitrag zum Kampf gegen den Kapitalismus. Und wieder andere bringt die allzu offensichtliche Unvereinbarkeit mit dem erklärten Ziel Energiewende zur Weißglut. Die Storyline vom bedrohten Waldstück verbindet die unterschiedlichen Aspekte zur Forderung, den Hambacher Forst Wald bleiben zu lassen, und die unterschiedlichsten AkteurInnen zu einer »Discourse Coalition«. Es steckt also durchaus einige Symbol-Qualität im Hambacher Forst. Und solche Symbole sind wichtig für politische Diskussionen.

In der Politik haben es das Klima und die Umwelt allgemein schwer: Sie haben nämlich keine eigene Stimme.

Im Wald mehr Symbol als Wald zu sehen kann das Debattieren über Umweltschutz allerdings auch erschweren. Wie soll man ernsthaft über den Schutz der Natur sprechen, wenn schon ein Wald mit 46.000 Bäumen, unzähligen Tieren und 20.000 Hektar Fläche nur noch ein Symbol für Natur sein soll? Viel konkreter als im Wald direkt an der Abbruchkante eines Braunkohle-Tagebaus lässt sich doch kaum für Umweltschutz streiten, sollte man annehmen. Wieso also vom Hambacher Forst als Symbol sprechen, statt anzuerkennen, dass man Natur eben dort schützen muss, wo sie stattfindet? Es gibt nicht wenige Leute, die es verlogen finden, dass drei Viertel der Deutschen gegen die Rodung eines Waldstücks sind, obwohl sie gleichzeitig kaum bereit sind, ihren gigantischen ökologischen Wohlstandsfußabdruck zu reduzieren. Und dass die RodungsgegnerInnen zu Tausenden an jenem Ort demonstrieren, der laut Umweltschutzverbänden ein schützenswerter Rückzugsraum für seltene Vögel ist, kann man ebenfalls als zynische Pointe von Umwelt-Symbolpolitik sehen. Zumal es eigentlich niemanden überraschen kann, dass RWE jenen Wald roden will, der vor Jahrzehnten zu genau diesem Zweck gekauft wurde. Macht all die Kritik am Protest den Wald zum Symbol oder bleibt er am Ende doch schützenswerter Wald? Umweltpolitische Diskussionen zu führen ist nicht leicht, wenn kaum jemand glaubwürdig für Belange der Umwelt eintreten kann, weil alle in einem strukturell umweltschädlichen System feststecken. Umso schwerer wird es, Umwelt zu schützen, wenn sie dort, wo sie ganz konkret bedroht ist, auf ihren Symbolcharakter reduziert wird, so als gäbe es irgendwo anders die echte, nichtsymbolische Umwelt.

Es heißt, der Hambacher Forst sei ein Symbol für die Umwelt oder ihren Schutz. Doch wo soll man Umwelt schützen, wenn sie dort, wo sie bedroht ist, zum Symbol erklärt wird? Bild: flickr.com/ Bluecloud9.

Kann die Umwelt Symbol für Umwelt sein? 

In der Politik haben es das Klima und die Umwelt allgemein schwer. Sie haben nämlich keine eigene Stimme. Auch der Hambacher Forst kann nicht selbst für seinen Erhalt eintreten. Wenn eine endgültige Entscheidung zugunsten seiner Rodung fällt, gerät mit dem noch verbliebenen Waldstück der allerletzte Rest des ehemals größten Walds im ganzen Rheinland unter die Bagger. Man kann darin ein Symbol sehen. Oder eben den Verlust eines Walds. Wenn umweltpolitische Debatten so weit abstrahiert werden, dass die Umwelt darin als Symbol für Umwelt vorkommt statt als Umwelt, wird daraus am Ende eine Diskussion auf einer Ebene, deren Ort schwer zu bestimmen ist. Dabei sind bedrohte Orte wie der Hambacher Forst gar nicht schwer zu bestimmen. Der letzte Rest vom Wald neben dem Tagebau lässt sich ganz leicht finden, sehen und sogar anfassen. Noch. 

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #58 erschienen

Biorama abonnieren

VERWANDTE ARTIKEL