Von Beeren und Bandwürmern

Wildpflanzen sammeln, Beeren naschen, Bärlauch pflücken: In Bodennähe können aber auch Eier des Fuchsbandwurms mit im ...

Beeren pflücken.
Welche Rolle spielen Wald und Wiese als mögliche Infektionsquelle mit dem Fuchsbandwurm? Bild: Istock.com/Mima88

In den vergangenen Jahren ist das Sammeln von Wildpflanzen wieder populärer geworden. Bärlauch, Beeren oder Wildkräuter landen zunehmend roh in Salaten oder Smoothies. Damit rückt auch eine Frage stärker ins Blickfeld: Welche Rolle spielen Wald und Wiese als mögliche Infektionsquelle? Der Fuchsbandwurm – im Fachjargon Echinococcus multilocularis – ist in Mitteleuropa präsent. Der Parasit zirkuliert hauptsächlich zwischen Füchsen und Nagetieren. Als ausgewachsenes Tier lebt der nur wenige Millimeter große Bandwurm im Dünndarm von Füchsen, vor allem des Rotfuchses. Auch der Mensch kann sich infizieren. Beispielsweise, wenn Eier des Parasiten über die Nahrung aufgenommen werden. In seltenen Fällen entwickelt sich daraus eine alveoläre Echinokokkose, eine langsam wachsende Lebererkrankung, die unbehandelt tödlich verlaufen kann. In den vergangenen 25 Jahren wurden in Europa rund 3000 Erkrankungen gemeldet. Die Fallzahlen steigen, bleiben insgesamt jedoch niedrig.

Fuchsbandwurm auf dem Vormarsch

»Ja, es wird mehr«, sagt Heimo Lagler, der an der Interdisziplinären Spezialambulanz für Echinokokkose an der Medizinischen Universität Wien PatientInnen mit Fuchsbandwurm betreut und darauf hinweist, dass die Krankheit unbehandelt im Laufe von zehn Jahren zum Tod führt. Vor rund 20 Jahren wurden in Österreich zwei bis drei Fälle pro Jahr, bei denen sich Menschen mit dem Fuchsbandwurm infizierten, diagnostiziert. Aktuell sind es Lagler zufolge etwa 20. Verändert habe sich dabei auch die Diagnostik in Österreich – früher seien überhaupt nur im Westen, in Tirol und Vorarlberg, Fälle diagnostiziert worden.

Geschützte Pflanzenarten

dürfen freilich grundsätzlich nicht entnommen werden, und in Naturschutzgebieten können strengere Regeln gelten.

Unklar ist, ob tatsächlich mehr Menschen erkranken oder ob die Erkrankungen früher lediglich nicht als Konsequenz einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm gebracht und nie diagnostiziert wurden.»Die Wahrheit liegt wahrscheinlich in der Mitte«, vermutet Lagler, und ergänzt: »In vielen Regionen gibt es heute jedenfalls mehr Füchse – und damit mehr potenziell infizierte Tiere.« In Deutschland trifft dies vor allem auf die südlichen Bundesländer zu. 2024 wurden in Bayern laut einer Statistik des Bayerischen Landesamts für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) 20 Fälle einer alveolären Echinokokkose gemeldet. Die Dunkelziffer der Ansteckungen dürfte aufgrund der langen Inkubationszeit weit höher sein. Zwischen Ansteckung und Diagnose können zehn bis zwanzig Jahre liegen. »Die meisten PatientInnen sind bei der Diagnose zwischen 40 und 60 Jahre alt«, sagt Heimo Lagler von der Medizinischen Universität Wien. Nach aktuellem Wissensstand entwickelt nur ein kleiner Teil der Personen, die Eier aufnehmen, tatsächlich eine klinisch relevante Erkrankung. Der Experte ordnet das vom Fuchsbandwurm ausgehende Risiko für den Menschen also als überschaubar ein: »Die Gefahr ist sehr gering, ich würde keine Angst davor haben.«

Alveoläre Echinokokkose

ist eine seltene parasitäre Erkrankung, ausgelöst durch den Fuchsbandwurm. Die Infektion erfolgt durch die Aufnahme von Wurmeiern, etwa über kontaminierte Hände oder Lebensmittel. Die Larven befallen meist die Leber und wachsen dort langsam über Jahre. Die Erkrankung ist in Österreich und Deutschland meldepflichtig.
Jemand pflückt Waldheidelbeeren.
Waldheidelbeeren wachsen bodennah und gelten daher als potenzielle Übertragungsquelle für den Fuchsbandwurm. Gründliches Waschen vor dem Verzehr wird empfohlen. Bild: Istock.com/ZachVW.

Ansteckung durch Wildpflanzen

Die Eier des Fuchsbandwurms werden über Fuchskot ausgeschieden. Sie können an Erde und auf Pflanzen gelangen, an Tierfell haften oder durch Niederschlag auf Pflanzen gelangen. Die Ansteckung erfolgt über den Mund – etwa über ungewaschene Hände oder Lebensmittel werden die Eier aufgenommen. »Aufpassen heißt vor allem: waschen«, sagt Lagler. Eier des Fuchsbandwurms wurden auf verschiedenen essbaren Pflanzen nachgewiesen. Anstecken kann man sich theoretisch mit allem, was bis zur Kniehöhe wächst und roh gegessen wird: von Beeren über Kräuter bis zu Pilzen. In vielen Fällen bleibt unklar, wo genau sich Betroffene angesteckt haben. Wenn weder ein Hund im Spiel war noch direkter Kontakt zu Füchsen bestand, erscheint der Verzehr roher Wildpflanzen als plausible Erklärung – auch wenn sich das im Einzelfall kaum nachweisen lässt.

Füchse

sind Hauptwirte des Fuchsbandwurms und scheiden die Eier des Parasiten über den Kot aus. Wildtiere sollten nicht gestreichelt, gefüttert oder an menschliche Nähe gewöhnt werden. Abstandhalten reduziert das Infektionsrisiko und schützt zugleich das Tier.

Symptome einer Ansteckung

Eine Erkrankung, die mit dem Befall durch den Fuchsbandwurm einhergeht, verläuft schleichend. Müdigkeit, Oberbauchbeschwerden oder erhöhte Leberwerte können erste Hinweise sein. Häufig wird sie zufällig entdeckt, etwa wenn im Ultraschall oder in der Computertomographie (CT) eine Raumforderung in der Leber auffällt. »Es kann im Bild wie ein bösartiger Tumor aussehen«, erklärt Heimo Lagler. Die Diagnose erfolgt durch weiterführende Untersuchungen, unter anderem mittels Gewebeprobe. Der Verzehr ungewaschener Wildpflanzen allein ist aber noch kein Grund, sich vorsorglich untersuchen zu lassen – eine Abklärung eines möglichen Befalls durch den Fuchsbandwurm erfolgt in der Regel erst, wenn Voruntersuchungen den Verdacht nahelegen – etwa wenn in bildgebenden Verfahren eine Leberveränderung auffällt.

Vorsicht beim Kontakt mit Wildtieren

Viel mehr als beim Wildpflanzensammeln spielt der direkte Kontakt mit Wildtieren im Übertragungsgeschehen eine Rolle. Füchse sollten grundsätzlich nicht berührt werden – weder lebende noch tote Tiere. Auch Haustiere können sich infizieren, wenn sie in Kontakt mit Fuchskot kommen oder infizierte Nagetiere fressen. Regelmäßige Entwurmungen reduzieren dieses Risiko deutlich, die Übertragung vom Haustier auf den Menschen sei aber generell sehr selten, sagt Lagler. Über die Infektionswege, die den Wurm zum Menschen bringen, weiß man statistisch unterfüttert sehr wenig: »Wir konnten nie klar nachvollziehen, wo sich jemand angesteckt hat«, sagt Lagler. Es gebe PatientInnen mit wenig Naturkontakt ebenso wie Menschen, die viel Zeit im Wald verbringen und nie erkranken. Ein erhöhtes Risiko besteht vor allem für Personen mit direktem Kontakt zu Füchsen oder Fuchskot wie zum Beispiel JägerInnen oder WaldarbeiterInnen. Sie sollten beim Umgang mit erlegten Füchsen Einweghandschuhe tragen, auch eine FFP2-Maske bietet einen guten Schutz gegen die infektiösen Eier des Fuchsbandwurms. Zuhause sollte Kleidung mit mindestens 60 Grad gewaschen werden, Hände und Werkzeug gründlich gereinigt werden. Füchse sind allerdings längst nicht mehr nur im Wald unterwegs. In vielen Regionen streifen sie auch durch Siedlungsgebiete. Offenes Tierfutter oder leicht zugängliche Abfälle können sie anlocken. Damit kann Fuchskot auch in Gärten oder auf Wiesen in Wohnnähe vorkommen. Entscheidend bleibt im Wald wie im Garten der Kontakt mit kontaminierter Erde und der sorgfältige Umgang mit Lebensmitteln, die darauf wachsen.

Fuchskot erkennen

Als Allesfresser hinterlassen Füchse gut erkennbare Spuren: Fuchskot ist dunkelbraun bis schwarz, wurstförmig mit spitz zulaufenden Enden, etwa zwei Zentimeter dick und zwei bis acht Zentimeter lang. Der Kot ist häufig fest und eher trocken, in frischem Zustand stark riechend und oft durchsetzt mit Insektenresten, Samen, Fellhaaren oder kleinen Knochen von Nagetieren.
Wer solche Merkmale in unmittelbarer Nähe von bodennah wachsenden Pflanzen entdeckt, sollte Abstand halten und dort nichts pflücken.

Verwechslungsgefahr und Risiko

Neben Parasiten kann die Angst vor giftigen Doppelgängern für Unsicherheit bei WildpflanzensammlerInnen sorgen. Bei den im deutschsprachigen Raum gängigen essbaren Wildbeeren ist die Verwechslungsgefahr mit stark giftigen Arten gering. Bei Walderdbeeren gibt es mit der Scheinerdbeere einen Doppelgänger, dessen Verzehr zwar nicht giftig, aber ungenießbar ist. Problematischer sind Pilze oder Bärlauch. Bärlauch wird häufig mit giftigen Maiglöckchen oder Herbstzeitlosen verwechselt, viele Pilzarten haben giftige Doppelgänger. Auch sie können – wie jede tief wachsende Wildpflanze – theoretisch mit dem Fuchsbandwurm kontaminiert sein. Das Risiko für eine Ansteckung bleibt hierbei aber niedrig. »Die Wahrscheinlichkeit, dass man sich beim Beerensammeln mit dem Fuchsbandwurm ansteckt, ist sehr gering«, sagt Lagler. Wer einfache Hygieneregeln beachtet, reduziert das Risiko weiter – Hände waschen, Früchte reinigen, Abstand zu Wildtieren halten und sie nicht anfüttern und so an menschlichen Kontakt gewöhnen.

Jemand hält Bärlauch in der Hand.
Bärlauch wird oft roh verzehrt. Wie alle bodennah wachsenden Pflanzen sollte er vor dem Essen sorgfältig gewaschen werden. Das Risiko einer Verwechslungsgefahr mit giftigen Doppelgängern ist aber größer als das einer Infektion mit dem Fuchsbandwurm. Bild: Istock.com/KatarinaGondova

Tipps zum Sammeln von Wildpflanzen

Wer Wildpflanzen sammelt, bleibt mit ein paar Grundregeln auf der sicheren Seite. Wilde Heidelbeeren wachsen an niedrigen Sträuchern, meist kniehoch oder darunter. Die Beeren sind dunkelblau bis schwarz und einzeln an kurzen Stielen befestigt. Im Gegensatz zu Kulturheidelbeeren aus dem Handel ist ihr Fruchtfleisch violett und färbt deutlich ab. Himbeeren sitzen als weiche Sammelfrüchte aufrecht am Strauch. Reife Früchte lösen sich leicht vom Zapfen und sind innen hohl. Unreife Beeren bleiben fest haften. Walderdbeeren sind deutlich kleiner als Gartenerdbeeren, leuchtend rot und stark aromatisch. Die Samen sitzen außen auf der Frucht. Beim Pflücken gilt: Nur eindeutig erkennbare Arten sammeln. Beeren nicht vom Boden auflesen. Auch wenn es verlockend ist, sollten tief wachsende Früchte nicht direkt im Wald gegessen, sondern vorher gründlich unter fließendem Wasser gewaschen werden. Das reicht laut Experten wie Heimo Lagler aus, um das Risiko einer Ansteckung mit dem Fuchsbandwurm zu minimieren. Die Beeren sollte man bis dahin luftig, aber stoßgeschützt transportieren. Durch Erhitzen auf über 80 Grad werden die Eier sicher inaktiviert. Wer sich unsicher ist, sollte Früchte also lieber zu Marmelade kochen, Pilze anbraten und Bärlauch vor der Verarbeitung zu Pesto kochen. Denn die Temperaturen eines haushaltsüblichen Gefrierfaches reichen nicht aus, um die Eier des Fuchsbandwurms zuverlässig abzutöten. Das Risiko einer Ansteckung mit dem Fuchsbandwurm ist real, bleibt beim Sammeln von Wildpflanzen jedoch überschaubar – entscheidend ist der Umgang damit.

Heimo Lagler

Heimo Lager ist Leiter der interdisziplinären Spezialambulanz für Echinokokkose an der Medizinischen Universität Wien. Bild: Feel Image/Matern.

Wildpflanzen sammeln: Was ist erlaubt?

In Österreich und Deutschland ist das Sammeln wild wachsender Beeren, Pilze oder Kräuter in Wäldern und freien Landschaften für den persönlichen Bedarf grundsätzlich erlaubt. Nicht zulässig ist jedoch das gewerbliche Sammeln ohne Zustimmung der EigentümerInnen. Einschränkungen gelten in Naturschutzgebieten, auf gesperrten Flächen sowie für geschützte Pflanzenarten. Rechtsgrundlagen sind in Österreich das Forstgesetz und die Naturschutzgesetze der Bundesländer, in Deutschland das Bundeswaldgesetz und das Bundesnaturschutzgesetz.
ris.bka.gv.at
bmleh.de

BIORAMA #102

Dieser Artikel ist im BIORAMA #102 erschienen

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