Entscheidend ist zu wissen, was man selbst überprüfen kann und wo aus Sicherheitsgründen professionelle Hilfe nötig ist. Bild: Unsplash, Tom Austin
Zum Frühlingsbeginn sind viele Fahrradwerkstätten überlastet. Das Ganzjahresradeln wird immer beliebter, die meisten holen jedoch nach wie vor erst mit den ersten warmen Tagen ihr Fahrrad aus dem Winterschlaf. Nicht jedes Fahrrad muss dafür in die Werkstatt. Ein grundlegender Frühjahrscheck lässt sich auch zu Hause erledigen, sagt Dominik Darnhofer, Techniker beim österreichischen Verkehrsklub ÖAMTC. Entscheidend ist, zu wissen, was man selbst überprüfen kann und wo aus Sicherheitsgründen professionelle Hilfe nötig ist. Das hängt vor allem damit ab, wie vertraut man mit der Technik des eigenen Rads ist.
Warum DIY nicht überall gleich einfach ist
Nicht jedes Fahrrad setzt für ein Frühjahrsservice zu Hause dasselbe Maß an technischem Know-how voraus. City- und Trekkingräder für den täglichen Gebrauch sind meist robust gebaut und technisch überschaubar. Mechanische Schaltungen, klassische Felgenbremsen und einfache Komponenten machen sie vergleichsweise DIY-tauglich. Sicherheitschecks und Basispflege lassen sich hier gut selbst erledigen. Moderne Rennräder oder Gravelbikes – sportliche Räder für Straße und Schotter mit breiteren Reifen – reagieren empfindlicher auf Verschleiß und falsche Einstellungen. Schaltung, Antrieb und Bremsen sind präziser und weniger fehlertolerant. Viele Arbeiten sind möglich, erfordern aber mehr Sorgfalt und ein gutes Gefühl für Technik. E-Bikes sind am komplexesten. Elektronik – oft kombiniert mit hydraulischen Bremsen – setzt dem Selbermachen klare Grenzen. Einfache Kontrollen sind sinnvoll, alles darüber hinaus gehört meist in professionelle Hände.
Sind Bremsbeläge stark abgefahren, müssen sie ausgetauscht werden. Bild: Istock.com/Piotr Wytrazek
Der erste Blick: Sicherheit vor Pflege
Unabhängig vom Radtyp steht zu Beginn immer die Sicherheit. Bevor geputzt, geölt oder nachjustiert wird, geht es darum, zu prüfen, ob das Fahrrad verlässlich funktioniert – egal ob Alltagsrad, Sportgerät oder E-Bike. »Viele Reifen, die den Winter über nicht gefahren wurden, verlieren an Luft. Das sollte man mit als Erstes überprüfen«, rät Darnhofer. Gegebenenfalls folgt dann Aufpumpen – und Platten flicken. Danach kommt der Griff zur Bremse. Beim kurzen Anrollen lässt sich leicht prüfen, ob die Hebel sauber greifen und ob sich ausreichend Druck aufbaut. Auch der Antrieb gehört zum Basischeck. Nach der Winterpause zeigt sich an vielen Rädern Rost an der Kette – vor allem dann, wenn sie nach winterlichen Stadtfahrten nicht gereinigt wurden. »Salz und Feuchtigkeit greifen die Kette besonders schnell an«, erklärt Darnhofer. Leichter Oberflächenrost lässt sich meist durch Reinigen und anschließendes Ölen oder Wachsen beheben. Ist die Kette trocken oder stark angegriffen, steigt der Verschleiß deutlich. Zur Sicherheitskontrolle zählen außerdem Beleuchtung und Reflektoren. Gerade im Frühjahr, wenn es morgens und abends noch dunkel ist, sollte geprüft werden, ob Lichtanlage, Dynamo oder Akku zuverlässig funktionieren und alle vorgeschriebenen Reflektoren montiert sind. Des Weiteren ist es laut Darnhofer wichtig, »E-Bike-Akkus vor dem Winter nicht im Kalten stehen zu lassen und nach dem Winter wieder aufzuladen und gegebenenfalls Systemupdates durchzuführen.«
»Wer noch nie selbst eine Bremse nachgestellt, die Gänge justiert oder den Antrieb kontrolliert hat, sollte diese sicherheitsrelevanten Arbeiten zunächst dem Profi überlassen.«
Dominik Darnhofer, Techniker ÖAMTC
Dominik Darnhofer ist Techniker beim österreichischen Verkehrsclub ÖAMTC. Bild: ÖAMTC/Postl.
Was sich zu Hause erledigen lässt
Viele Wartungsarbeiten sind bedenkenlos zu Hause machbar. Wer allerdings noch nie selbst eine Bremse nachgestellt, die Gänge justiert oder den Antrieb kontrolliert hat, sollte diese sicherheitsrelevanten Arbeiten zunächst dem Profi überlassen, betont Dominik Darnhofer. Bei Felgen- wie bei mechanischen Scheibenbremsen lassen sich die Bremsbeläge relativ einfach ausbauen und prüfen. Felgenbremsen greifen mithilfe von Bremsbacken direkt an der Radfelge, mechanische Scheibenbremsen erkennt man an der Bremsscheibe am Laufrad. Bremsbeläge und Bremsbacken können weiterverwendet werden, solange noch sichtbar Reibmaterial vorhanden ist. Das ist nicht mehr der Fall, wenn Belag oder Backe sehr dünn, ungleichmäßig abgefahren oder – im Fall von Scheibenbremsen – bereits blankes Metall sichtbar ist. In diesem Fall empfiehlt sich ein Austausch. Auch die Kette kann zu Hause kontrolliert werden. Mit einer einfachen Kettenverschleißlehre lässt sich feststellen, ob sie bereits gelängt ist. Als »gelängt« gilt eine Fahrradkette, wenn sich durch Abnutzung an Bolzen und Hülsen die Abstände zwischen den einzelnen Gliedern vergrößert haben. Der Stahl dehnt sich dabei nicht sichtbar, vielmehr nutzt sich das Material an den beweglichen Teilen ab, wodurch die Kette insgesamt länger wird. Läuft eine gelängte Kette weiter, schaltet das Fahrrad unzuverlässiger und auch andere Antriebsteile nutzen sich schneller ab. Bei mechanischen Schaltungen kann es zudem nötig sein, die Gänge nachzustellen, wenn sie nicht mehr sauber schalten, empfiehlt Experte Darnhofer: »Bei mechanischen Schaltungen kann es durchaus sein, dass der Gang unfreiwillig wechselt, wenn sie nicht richtig eingestellt sind.« Elektronische Schaltungen, die ohne Schaltseile auskommen, sind hier weniger anfällig. Tubeless-Reifen sind vor allem bei modernen Gravel- und Sporträdern verbreitet. Dabei kommt der Reifen ohne klassischen Schlauch aus und wird mit einer Dichtmilch abgedichtet. Wessen Fahrrad so bereift ist, sollte regelmäßig prüfen, ob noch ausreichend Dichtmilch im Reifen ist. Ist davon zu wenig im Reifen, verliert er häufig schleichend Luft oder wird nach dem Aufpumpen rasch wieder weich.
Hydraulische Felgenbremse: Bremst an der Felge statt an einer Scheibe, die Kraftübertragung erfolgt über Hydraulik statt über ein Bremskabel. Bild: Istock.com/Tarasov_Vl
Werkzeug: Wenig reicht oft aus
Für einfache Servicearbeiten braucht es kein umfangreiches Spezialwerkzeug. Dominik Darnhofer empfiehlt ein Grundsortiment an Innensechskant- (»Inbus«) oder Innensechsrundschlüsseln (»Torx«) – abhängig vom Fahrradmodell –, Schraubendreher, einen Seitenschneider, eine Kettenlehre sowie Kettenöl oder Wachs. Diese decken viele Arbeiten ab. Welche Schrauben verbaut sind, hängt vom Hersteller ab. Bei Carbonrahmen ist besondere Vorsicht geboten. Schrauben sollten hier immer mit einem Drehmomentschlüssel angezogen werden, um Schäden am Material zu vermeiden.
Wenig Werkzeug, großer Effekt: Innensechskant- und Innensechsrundschlüssel sowie ein Schraubendreher decken viele Basisarbeiten ab. Bild: Istock.com/Marikasan
Wann besser in die Werkstatt?
Nicht alles sollte man selbst erledigen. Besonders bei hydraulischen Bremsen rät Darnhofer zur Zurückhaltung. Statt eines sichtbaren Bremskabels führt hier eine geschlossene Leitung vom Hebel zur Bremse – die Bremskraft wird über eine Flüssigkeit übertragen. Diese Systeme arbeiten entweder mit Mineralöl oder – je nach Hersteller – mit Bremsflüssigkeit, die Wasser anzieht und regelmäßig gewechselt werden muss. »Wenn nicht korrekt entlüftet wird, kann Luft ins System gelangen«, warnt der Experte. Im schlimmsten Fall ist die Bremsleistung stark reduziert oder nicht mehr vorhanden. Wer sich bei solchen Arbeiten nicht absolut sicher ist, sollte den Weg in die Fachwerkstatt wählen. Hier gehe es um sicherheitsrelevante Komponenten, bei denen Fehler schwerwiegende Folgen haben können.
Frühjahrscheck zu Hause: Mit ein paar Handgriffen lassen sich viele Basisarbeiten vor der ersten Ausfahrt selbst erledigen. Bild: Istock.com/Stepan Khadzhi.
Wie oft ein professionelles Service sinnvoll ist
Für viele AlltagsradlerInnen ist ein Service einmal pro Jahr ausreichend, erklärt Dominik Darnhofer und betont: »Wer viel fährt oder in anspruchsvollem Gelände unterwegs ist, sollte das Rad häufiger kontrollieren lassen.« Unabhängig vom Jahresservice empfiehlt Darnhofer vor jeder längeren Fahrt einen kurzen Routinecheck: Funktionieren die Bremsen einwandfrei? Ist die Kette sauber und geölt oder gewachst? Und sind Licht und Reflektoren vollständig und einsatzbereit? Sind diese Punkte erfüllt, steht einer sicheren ersten Ausfahrt nichts im Weg – Helm, funktionierende Beleuchtung und witterungsgerechte Kleidung vorausgesetzt.
»Routinecheck: Funktionieren die Bremsen einwandfrei? Ist die Kette sauber und geölt oder gewachst? Und sind Licht und Reflektoren vollständig und einsatzbereit?«