Neun gute Argumente gegen Vertical Farming

Städteplaner, Architekten, Unternehmer und Investoren sehen im Vertical Farming eine innovative Teillösung für die Ernährung künftiger Stadtbevölkerungen, meint Alfred Grand. Als Landwirt sieht er das anders und hat uns erklärt, warum. Neun Nachteile von Vertical Farming.

Ist das kontrollierte Umfeld, das einen Verzicht auf Pflanzenschutzmittel ermöglicht, wirklich ein Vorteil? Wo liegen die Nachteile einer Lebensmittelproduktion ohne Erde, in Reinräumen, abgekapselt von den Vorgängen der Natur, gesteuert von Computerprogrammen und betreut von Robotern oder wenigen (fast sterilen) Menschen?

1. Keime

Keiner Industrie ist es je gelungen, Räume frei von Mikroorganismen zu halten. Bestes Beispiel sind Operationssäle in Spitälern, wo es große Probleme mit resistenten Keimen gibt. Es ist also nur eine Frage der Zeit, bis sich auch in die Vertical Farm Keime einschleichen, die kaum kontrollierbar sind. In der Natur kontrolliert sich alles über die Vielfalt, keiner kann sich extrem ausdehnen, weil jede Nische besetzt ist. Wenn man versucht alles abzutöten, können sich die überlebenden Bakterien ausbreiten, da sie niemand mehr daran hindern kann.

2. Mirobiom

Pflanzen nutzen die Gemeinschaft der Mikroorganismen in der Umwelt, das sogenannte Mikrobiom, um verschiedenste Lebensvorgänge zu steuern – hierzu gehören etwa die Nährstoffmobilisierung, aber auch die Krank-heits- und Schädlingsabwehr. Ohne Mikroorganismen, vor allem das Bodenleben, ist die Pflanze nicht mehr in der Lage, diese Steuerungstätigkeit auszuführen, der Mensch muss einspringen und alles kontrollieren.

3. Immunsystem

Aus der Sauberkeit ergibt sich ein weiterer Nachteil. Unser Immunsystem benötigt, ähnlich wie unsere Muskeln, eine permanente Belastung, ansonsten verkümmert es. Wie wir mittlerweile wissen, ist die besondere Hygiene ein Grund für die vielen Autoimmunerkrankungen und Allergien, die in der heutigen Gesellschaft auftreten. Als wichtiges Argument für Vertical Farming wird immer wieder ins Treffen geführt, dass die sauberen Lebensmittel besonders hochwertig für Kinder und ältere Menschen sind, wegen deren anfälligeren Immunsystems. Das ist nicht nur falsch, sondern geradezu gefährlich, da mit vermeintlich sauberen Lebensmitteln das Immunsystem nicht gefordert und damit auch nicht gefördert wird.

4. Sekundäre Pflanzeninhaltsstoffe

Pflanzen haben in der Evolution gelernt, mit verschiedensten Herausforderungen zurechtzukommen, sie müssen Nährstoffe aus dem Boden mobilisieren, oder sich gegen Krankheiten und Schädlinge wehren. Hätten sie über die Jahrmillionen keine Strategien entwickelt, mit diesen Problemen umzugehen, wären sie bereits ausgestorben. Sie bilden Bitterstoffe und Gerbstoffe aus und lagern Farbstoffe ein, um Schädlinge abzuwehren. Diese sogenannten sekundären Pflanzeninhaltsstoffe sind es, die sie für den Menschen zur wertvollen Nahrung machen. Pflanzen, die ohne Stress wachsen, sind keine hochwertigen Lebensmittel.

5. Energieverbrauch

Ein weiterer Nachteil des Vertical Farming ist der hohe Energieverbrauch: Sowohl für den Bau der Vertical Farm als auch für den Betrieb (Licht, Heizung, Be- und Entlüftung sowie Klimatisierung der Anlage) sind große Mengen an Energie notwendig. Laut einem Bericht von Autor Stan Cox vom Februar 2016 liegt der Stromverbrauch für die Produktion von einem Kilo Kartoffel-Trockenmasse bei rund 1200 KWh. Würde das gesamte in den USA produzierte Gemüse (Kartoffeln nicht miteingerechnet) in vertikalen Farmen produziert, würde allein für die Beleuchtung der Farmen die Hälfte der derzeitigen Stromproduktion der USA verbraucht.

6. Investoren

Solche Produktionsanlagen können nicht durch einzelne Bauernfamilien, sondern nur durch Investoren sichergestellt werden – eine Tatsache, die für mehr Abhängigkeit von Großkonzernen sorgt.

7. Ertragsausfälle

Wenn Vertical Farming maßgeblich zur Lebensmittelversorgung einer Stadt beitragen soll, müssen die Systeme eine Größe erreichen, die sie anfälliger für Ertragsausfälle durch Krankheitsdruck, aber auch durch einen Stromausfall, Sabotage, Terror oder die Insolvenz des Betreibers macht. Dezentrale, kleine Betriebe tragen hier zur Stabilität der Lebensmittelversorgung bei.

8. Automatisierung

Die Produktion in Vertical Farms ist auf hohe Automatisierung ausgelegt und wird daher nur wenige, spezialisierte Arbeitskräfte benötigen.

9. Mehrwert

Vertical Farming hat kaum einen Mehrwert. Eine kleinstrukturierte, stadtnahe Biogemüseproduktion produziert nicht nur hochwertige Nahrungsmittel, sondern fördert auch die Artenvielfalt (Thema Biodiversität!), speichert Kohlenstoff im Boden (Thema Klimawandel!), schafft Arbeitsplätze (Thema Industrie 4.0!) und Landschaft (Thema Naherholung und Tourismus!).

Innovationen im Bereich der Lebensmittelproduktion sind aufgrund der Herausforderungen, die uns in der nahen Zukunft bevorstehen, unbedingt notwendig. Sowohl die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung insgesamt, aber insbesondere die Tatsache, dass der Zuwachs besonders in den Städten stattfinden wird, erfordern nachhaltige Lösungen in der Lebensmittelproduktion.

Vertical Farming bietet viele Vorteile, wenn es mit industrieller Landwirtschaft, vor allem mit industriellem Gemüseanbau verglichen wird. Alternative Konzepte, wie Jean Martin Fortiers Market Gardening, finden weltweit immer größere Beachtung. Dabei wird auf Kleinflächen mit hoher Intensität Biogemüse erzeugt, ohne Traktoren, nur mit Handarbeit. So ein Garten wird nun auch in Absdorf auf dem Biobauernhof von Alfred Grand entstehen, um eine regionale Biogemüseproduktion aufzubauen, aber auch um solche Konzepte zu erforschen und an regionale Verhältnisse anzupassen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #53 erschienen

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