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Land of Plenty – Die Geschichte der Lebensmitteltafeln

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Bild: Magdalena Parker, WEBN 2009/flickr.com – CC BY-ND 2.0

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Lebensmitteltafeln sind allgegenwärtiges Zeugnis für die Zunahme von Armut. Die Idee für das auf Freiwilligkeit basierende Spendensystem ist bereits 50 Jahre alt und stammt wie viele antistaatliche Sozialinitiativen ursprünglich aus den USA.

1979 beschloss der amerikanische Geschäftsmann John van Hengel, nach 16-jähriger Leitung der ersten amerikanischen Food Bank – einem Lagerhaus für lagerfähige Lebensmittelspenden in Phoenix/Arizona – seine Erfahrung an andere weiterzugeben. Er gründete mit staatlicher Hilfe den gemeinnützigen Verein Second Harvest, um die Idee der Lebensmitteltafeln national und international zu verbreiten. 2008 ging daraus eines der profiliertesten Non-Profit-Unternehmen der USA hervor: Feeding America versorgt einkommensschwache Einzelpersonen und Familien mit dem, was sie zum Überleben und darüber hinaus brauchen.

Der Dachverband ist in den USA die größte Hilfsorganisation zur Bekämpfung von Hunger. Die Mitglieder versorgen jedes Jahr 37 Millionen US-Amerikaner mit Nahrungsmitteln, darunter fast 14 Millionen Kinder und 3 Millionen alte Menschen. Mit mehr als 200 beteiligten Tafeln, die mehr als 61.000 Essensausgaben unterstützen, setzt sich Feeding America im ganzen Land aktiv gegen Hunger in jeder Gestalt ein. Tausende von Unternehmen, von Coca-Cola und Kellog bis zu unzähligen kleinen Firmen, sind als Spender in das System der privaten Hungerhilfe eingebunden. 2010 wurde bespielsweise die Handelskette Wal-Mart zum »Donor of the Year« gekürt, nachdem das Unternehmen dem Netzwerk 35 hochmoderne LKWs gestiftet hatte.

Private Hungerhilfe

Feeding America hat auch maßgeblichen Einfluss auf die Struktur und strategische Ausrichtung der Anti-Hunger-Bewegung in Amerika, weil es inzwischen etwa 90 Prozent aller größeren Food Banks vertritt und über ausreichend Ressourcen verfügt, um sich äußerst effiziente Public-Relations- und Marketing-Profis sowie eigene Forschungs- und Planungsabteilungen leisten zu können.

Bild: Feeding America

Bild: Feeding America

Allein im nationalen Büro in Chicago sind 170 hauptamtliche Mitarbeiter beschäftigt, die wichtige logistische Funktionen für ihre Mitgliedsorganisationen übernehmen. So betreibt Feeding America eine Art Börse für Großspenden der Lebensmittelindustrie und sorgt dafür, dass die Waren innerhalb kürzester Zeit auch dort landen, wo es eine Nachfrage gibt. Die Zentrale von Feeding America und die beteiligten Tafeln schaffen und vergeben unabhängig voneinander Identifikationsnummern, um die nahezu 1.400 Tonnen Lebensmittel, die jährlich durch ihr Netzwerk laufen, nachzuverfolgen und zu managen. Diese Identifikationsnummern oder Lagerhaltungseinheiten variieren von Tafel zu Tafel und erhöhen die Produktnachverfolgbarkeit.

Die in dieser Form einzigartige Datensynchronisationsinitiative verbessert Lagerverwaltung, Transport und Lebensmittelsicherheit hinsichtlich der Nachverfolgbarkeit sowie Nährwertanalysen hinsichtlich Nährwertangaben, Inhaltsstoffen und Allergenen. Wer Mitglied- bzw. Partnerorganisation werden will, muss sich einem komplexen Zertifizierungsverfahren unterziehen, das professionelle Standards in Bezug auf technische Ausstattung und Management sowie die Einhaltung einer Reihe anderer Qualitätsanforderungen garantieren soll. Im Gegenzug für die zu zahlenden Mitgliedsbeiträge, deren Gesamtsumme sich jährlich auf mehr als zehn Mio. US-Dollar beläuft, hilft der Dachverband dabei, dass die Medienaufmerksamkeit und die Spenden nicht versiegen und verspricht, dass eine materielle Grundversorgung gesichert ist.

Fragwürdiger Wohltätigkeitsmythos

Trotz einer starken Bürgerrechtsbewegung in den 60er- und frühen 70er-Jahren konnte in den USA ein mit der europäischen Sozialhilfe vergleichbares Sicherungssystem für mittellose Alleinstehende politisch niemals durchgesetzt werden. Mit der »Welfare Reform« Mitte der 90er Jahre wurde zusätzlich der zuvor garantierte Rechtsanspruch von mittellosen Familien mit Kindern auf Hilfe zum Lebensunterhalt abgeschafft. Auch das von den Einzelstaaten verwaltete System der Arbeitslosenversicherung ist chronisch unterfinanziert und bietet aufgrund minimaler Leistungen und kurzer Dauer nur beschränkten Schutz bei Jobverlust. Lediglich das bundesweite »Food Stamp Program« gehört zu den wenigen Wohlfahrtsleistungen, die die staatlichen Kürzungen der vergangenen Jahre überstanden haben. Die 1971 eingeführte Sozialförderung wird jährlich von über 40 Mio. Personen in Anspruch genommen. Bezugsberechtigt sind Familien mit Kindern, deren Einkommen nicht wesentlich über der Armutsgrenze liegt.

Bild: Magdalena Parker, WEBN 2009/flickr.com – CC BY-ND 2.0

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Food Aid war aber schon zu Zeiten der Großen Depression Mitte der 30er Jahre von der US-amerikanischen Regierung als Hungerhilfe und später als Korrektur der landwirtschaftlichen Überproduktion entdeckt worden. Derzeit verwaltet das Landwirtschaftsministerium selbst mehr als 20 Programme zur Bekämpfung der Ernährungsunsicherheit und zeichnet auch maßgeblich für die erfolgreiche Ausbreitung unabhängiger, gemeinnütziger Lebensmitteltafeln in den USA verantwortlich. Ein zu dieser Entwicklung oft geäußerter Vorwurf lautet, dass diese privaten Einrichtungen der Aufrechterhaltung eines »Wohltätigkeitsmythos« von Freiwilligenheeren dienten, der die Eigenverantwortung der Betroffenen schwäche und zur Banalisierung der strukturellen Ursachen der Armut im Land beitrage. Dennoch kann in der sozialpolitischen Diskussion der Armutsverhältnisse in den USA nicht genug betont werden, welche wichtige Rolle die unzähligen antistaatlichen, autonomen Bürgerinitiativen zur Gründung von Armenküchen gerade in der Krise der vergangenen Jahre gespielt haben.

Bild: Feeding America

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In Österreich feierte soeben die Wiener Tafel ihr 15-jähriges Bestehen, die selbst aber keine Ausspeisungsstellen betreibt, sondern die eingesammelten Lebensmittel über Sozialeinrichtungen verteilt. Den laut Statistik Austria mehr als einer Mio. Armutsbetroffenen stehen außer in der Bundeshauptstadt lediglich in Salzburg, Vorarlberg und Burgenland weitere Tafeln zur Verfügung. Somit bleibt dieses privat organisierte Zusatznetz für Ernährungssicherung hierzulande auch 50 Jahre nach seiner Erfindung ziemlich löchrig.

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