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Ethik an Schulen als österreichisches Dauerprovisorium

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Bild: Tyrolia Verlag

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Anton Bucher zeigt anhand eines ewigen Schulversuches, wie weit es mit der Trennung von Kirche und Staat tatsächlich bestellt ist.
Am Donnerstag war die kurze Pause vor der fünften Stunde eine Übung: Bau eines Gruselkabinetts. Vorhänge wurden zugezogen, Schnüre gespannt, ein Kassettenspieler angesteckt und jemand musste beim Lichtschalter stehen. Sobald der Religionslehrer die 6b betrat und zum Pult marschierte, ging das Licht aus, ein Gröhlen ging durch die Klasse, untermalt von Pink Floyds Grunzlauten (Pigs on the Wing, Part One: Got to be Crazy) und Papierkugeln fliegen durch die Luft. Es dauerte keine zwei Minuten, da lag DDr. Stadelhuber am Boden, er war gestolpert, hatte seine Brille verloren und brüllte, dass jetzt eine Ruh‘ sein soll. Als irgendwann das Licht wieder anging, war es niemand gewesen, der den Religionsunterricht stören wollte. Zur Strafe gab es dann kein Quiz, zu dem wir unsere Fragen sonst immer in eine Schachtel werfen durften und unser Herr Professor alles beantwortete: wie die Fläche einer Kugel zu berechnen ist, weshalb Maria schwanger wurde und ob die Onanie schädlich sei. Die meisten von uns hatten sich vom Religionsunterricht nicht abgemeldet, weil dies Auswirkungen auf die Betragensnote hätte, da mangels alternativer Angebote im Cafe gegenüber Versumpfungsgefahr bestand. Und Unternehmen in Tirol legten Wert auf eine christliche Haltung. Sonst bekommst du vielleicht keinen Job, hieß es.

Schulversuch ohne geregelten Lehrplan

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Seit 1997 wird an höheren Schulen ersatzweise zum Religionsunterricht ein Ethikunterricht angeboten. Dieser ist nach wie vor ein Schulversuch ohne geregelten Lehrplan, mit allen damit verbundenen Planungsunsicherheiten vor allem für jene, die sich zu einer Ausbildung als EthiklehrerIn entschliessen. Der Theologe und Pädagoge Anton A. Bucher skizziert in seinem im Tyrolia Verlag erschienen Buch die Debatten in Politik und Kirche und die verhärteten Fronten dazu. Der Religionsunterricht bleibe Primat, von dem man sich abmelden muss. Um nicht abzugleiten, werden Jugendliche im Ethikunterricht vor dem Bösen bewahrt. Ein Höhepunkt der Debatte war 2011 eine parlamentarische Enquete „Werteerziehung durch Religions- und Ethikunterricht in einer offenen, pluralistischen Gesellschaft“, mit wenig konkreten Ergebnissen und einem „demokratiepolitischen Fauxpas“: es wurde kein Repräsentant der Konfessionsfreien eingeladen, die immerhin die zweitgrösste Weltanschauungsgruppe in Österreich bilden. Auf Basis der Enquete legte die Bildungsministerin 2012 vier Modelle vor, vom Ethikunterricht als eigenständiges Fach, als Alternative zum Religionsunterricht bis zur Integration in andere Fächer. Beschlossen wurde politisch bis heute nichts, der Schulversuch „Ethikunterricht“ bleibt bis auf weiteres ein Dauerprovisorium.

Eine lästige Pflicht

Für meinen getauften aber atheistischen Sohn ist Ethik eine lästige Pflicht, ziemlich langweilig und unnötig, er hätte lieber mehr Informatikunterricht. Eine Befragung von 954 Ethik-SchülerInnen brachte ähnliche Einzelmeinungen zu Tage, sie gaben dem Fach dennoch recht gute Noten, weil der Ethikunterricht als locker, abwechslungsreich und wichtig eingeschätzt worden ist. Die Leitthemen des am Pädagogischen Institut in Salzburg ausgearbeiteten und weit verbreiteten Lehrplans klingen ja durchaus spannend: da geht es um die Entwicklung von Selbstbewusstsein (mit Fragen nach Lebenszielen, was ein geglücktes Leben ausmacht oder Wachsen und Scheitern durch Krisen), Leben lernen in Gemeinschaft (Familie, Freundschaft, Politik), um die Um- und Mitwelt (Ökologie, Grenzen des Wachstums und des Lebens) und um Begegnungen mit Werten und Spiritualität anderer. Mag sein, dass einige der Fragen erst später im Leben Relevanz erhalten, doch immerhin werden so Pfade gelegt und entsteht Raum für Diskurs, auch zu heiklen Themen wie Extremismus.

Autor Anton Bucher Bild: Tyrolia Verlag

Autor Anton Bucher
Bild: Tyrolia Verlag

Anton Bucher zeigt in seinem Buch auch das Dilemma der Kirche auf, weshalb sie einem unabhängigen Ethikunterricht nicht zustimmen will: „Ausschlaggebend waren und sind in dieser Debatte vor allem Eigeninteressen, speziell der Religionsgemeinschaften, die sich von ‚ihrem‘ Religionsunterricht, den der Staat bezahlt, letztlich religiöse Sozialisation und damit Nachwuchssicherung erhoffen, was vielfach als Stärkung des gesellschaftlichen Miteinanders angepriesen wird.“ Diese und weitere Vorteile, die die Kirche aus dem nach wie vor gültigen Konkordatsvertrag der Ära Dollfuß zieht, wäre eine weitere zu führende Debatte, die vermutlich mehr als ein Buch und eine Enquete benötigen würde.

In Buchers Buch vermisse ich einen Ansatz für eine synthetische Problemlösung, die über den Tellerrand der Ethik hinausblickt. Das Fach Politische Bildung wird in Österreich und der Schweiz ebenso stiefmütterlich behandelt, es gibt keine einheitlichen Lehrpläne und Ausbildungen und verkümmert oft hinter dem Geschichtsunterricht zu einem Auswendiglernen der Anzahl der Sitze im Nationalrat und im EU Parlament. Da geht es aber um mehr, wie im Ethikunterricht gilt es, Werthaltungen und Urteilsvermögen zu schärfen und den Prozess der Willensbildung in der Gemeinschaft zu verstehen. Daher heisst dieses Fach in Deutschland ja auch Gemeinschaftskunde, dieses könnte mit Ethik gut kombiniert werden. Und Religion bliebe ein Freifach, für alle die gläubig sind oder vertieftes Interesse zeigen. Österreich würde deswegen auch kein laizistischer Staat werden und durch einen Werteverfall zerbröseln, wie manche Würdenträger wohl befürchten, wenn der staatliche subventionierte Religionsunterricht keine Priorität im Lehrplan mehr geniessen würde.

Bald nach meiner Matura 1983 erfuhr ich übrigens vom Ableben unseres lebendigen Lexikons, wie wir unseren Religionslehrer auch gerne nannten, er verstarb an einem Herzinfarkt.

 

Der Ethikunterricht in Österreich
Politisch verschleppt – pädagogisch überfällig!
von Anton A. Bucher
erschienen im Tyrolia Verlag
Roland Alton-Scheidl unterrichtet u.a. Medien- und Wirtschaftsethik an der FH Vorarlberg und betreut das Online Portal „Ethify Yourself“.

 

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