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Erinnerungskultur 2.0.

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Bild: Wikimedia Commons / Fotograf: Dalbéra, Jean-Pierre – CC BY 2.0

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Ein Team junger Historiker hat für das Projekt „Heute vor 75 Jahren“ die Geschehnisse  vor, während und nach der Reichspogromnacht aufgearbeitet. Im „Liveformat“ wird tages- und uhrzeitgenau Geschichte vermittelt – auf Twitter. Was wir am 9. November 2013 schreiben, ist am 9. November 1938 passiert“, so die Historiker. Wir haben Moritz Hoffmann (@moritz_hoffmann) gebeten, uns das Projekt genauer zu erklären. Weil: das Nicht-Vergessen, das In-Erinnerung-rufen und aus der Vergangenheit für die Zukunft lernen – auch das ist Nachhaltigkeit.

 

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BIORAMA: Worum geht’s beim Projekt „Heute vor 75 Jahren“?

Moritz Hoffmann: Wir wollen die Ereignisse und Taten der Reichspogromnacht zeitlich korrekt und tagesaktuell nacherzählen – also immer genau 75 Jahre später. Dabei stand für uns von Anfang an fest, dass es nicht nur um die Verbrechen der tatsächlichen Pogrome gehen kann, sondern eben auch Vor- und Nachgeschichte als Kontext dazugehört, wie es das geschichtswissenschaftliche Handwerk erfordert. Wir wollen damit an die Ereignisse erinnern und historisches Wissen vermitteln. Gleichzeitig ist es für uns auch ein Experiment, ob es überhaupt möglich ist, solche komplexen und schrecklichen historischen Phänomene in dieser Medienform darzustellen.

Welche und wie viele Personen betreuen den Twitter-Account bzw. haben wissenschaftliche Vorarbeit geleistet?

Wir sind insgesamt fünf Historiker, teils im Studium, teils gerade fertig. Wir arbeiten gleichberechtigt, wobei ich die Endredaktion übernehme. Die anderen vier legen dabei einen Fokus auf regionalgeschichtliche Aspekte an ihren jeweiligen Wohnorten in Thüringen, dem Rheinland, dem Rhein-Main-Gebiet und dem Münsterland. Genaueres dazu findet sich auch auf unserer Homepage www.9nov38.de.

Wie wird das Projekt finanziert?

Weder verdienen wir Geld mit dem Projekt (wir schalten weder Werbung noch haben wir z.B. einen Flattr-Account), noch geben wir viel aus – die geringen Buch- und Serverkosten bezahlen wir alle aus unserer eigenen Tasche.

Wie wird diese Art der Aufarbeitung in Historiker-Kreisen angenommen?

Das Online-Feedback ist bislang unter Nichthistorikern wie auch Historikern sehr positiv – allerdings sind das ohnehin jene, die neuen Medien aufgeschlossen gegenüber sind. Grundsätzlich gibt es unter uns HistorikerInnen oft Vorbehalte gegenüber dem Internet, bisher wurde mir aber keinerlei negatives Feedback zukommen gelassen.

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Was können bzw. sollen die Leute, die ihrem Twitter-Account folgen, lernen?

Sie sollen sich in den etwa zwei bis drei Wochen, die der Account regelmäßig aktiv ist, immer wieder an das Geschehen erinnern und reflektieren, was passiert ist. Wir wollen nicht missionieren, das können wir auch gar nicht, weil der Klick auf „Folgen“ natürlich immer freiwillig ist. Aber wenn die Menschen sich Gedanken über unsere Geschichte machen und vielleicht ein paar neue Zusammenhänge erfahren, ist unser vorrangiges Ziel schon erreicht.

Welche Position nehmen Sie und ihr Team ein? Treten Sie als Beobachter auf, als Zeitzeugen, Täter oder Betroffene? 

Wir sind Historiker, und das bleiben wir auch auf diesem Account. Wir sind also Beobachter aus der Retrospektive, wir betrachten Opfer und Täter gleichermaßen, solange das die Quellen und der Forschungsstand hergeben.

Auf welche Schauplätze fokussieren Sie? Wie entscheiden Sie, was Sie twittern, wenn zeitlich an mehreren Schauplätzen etwas passiert?

Wir haben einige regionale Schwerpunkte (Rheinland, Rhein-Main-Gebiet, Münsterland und Thüringen) aufgrund der MitarbeiterInnen, grundsätzlich versuchen wir aber alles unterzubringen, was relevant für den Inhalt ist. Am 9. und 10. November wird es deswegen zwangsläufig zu einem hohen Tweet-Aufkommen kommen, wir hoffen dieses Problem schlicht sprachlich lösen zu können.

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Bild: Screenshot twitter.com/9Nov38

Gibt es auch Zusammenhänge oder Geschehnisse, die Sie mit 140 Zeichen nicht vermitteln können?

Ja, gerade Zusammenhänge und Kontextualisierungen sind auf 140 Zeichen kaum zu machen – deswegen haben wir nachträglich, letzten Sonntag, noch unsere Homepage www.9nov38.de gestartet, um auch auf solche Dinge über ein Blog eingehen zu können.

Wie reagieren Sie auf Interaktionen mit dem Account innerhalb der Twitter-Community? Gibt es die?

Der Account @9Nov38 ist ausschließlich für die historischen Tweets gedacht – also gibt es dort weder Antworten noch Favs oder Retweets. Wir behalten die zahlreichen Rückmeldungen aber im Auge und treten ggfs. mit den Usern über unsere eigenen Accounts in Kontakt.

Wie lässt sich die zeitliche Abfolge, die sie ja auch mit dem Projekt suggerieren, recherchieren?

Für sehr viele Ereignisse gibt es zum Glück recht genaue Zeitangaben. Wo es diese nicht gibt, achten wir bestmöglich auf Plausibilität. Und wenn wir diese nicht herstellen können, dann veröffentlichen wir den Tweet auch nicht. Wir möchten keine historische Belletristik betreiben.

Lässt sich diese Art der Geschichtsaufarbeitung auch auf lange historische Einschnitte wie z.B. den 1. Weltkrieg umlegen? Kurz gesagt: Könnte man den 1. Weltkrieg nachtwittern?

Derzeit wird dies meines Wissens nach mit dem Zweiten Weltkrieg auf Englisch schon versucht – ich bin da skeptisch. Wir stoßen zu fünft mit etwa 100 Wochenarbeitsstunden schon für wenige Tage und Wochen an unsere Grenzen, auf vier Jahre angelegt dürfte dies ohne finanzielle Unterstützung (d.h.: bezahlte Stellen) kaum machbar sein. Ich bin aber gerne bereit, mich vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

 

Twitter: @9Nov38
Website: http://9nov38.de

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1 Reaktion

  1. November 7, 2013

    […] Ich will, dass man sich daran erinnert. Zwingen kann und will ich niemanden dazu, wie Moritz richtig bemerkt hat, kann man dem Account folgen oder es sein lassen. Wenn man ihm folgt, kann man sehen wozu Menschen […]