„Da Summa is aussi…“ – Die Schafe sind im Tal

Nationalparkschild im Innergschlöss (Bild: Edeltraud Günthör).

Im Nationalpark Hohe Tauern hält der Herbst Einzug. Unsere Autorin war dort im Gebirge unterwegs. 

 Früh morgens hört man nicht viel in Matrei in Osttirol. Nur die Glocken der Schafe läuten entfernt. Sie sind schon im Tal. Das Wetter ist schlecht, in den Bergen gab es schon Schnee. Knapp vier Monate haben die Tiere auf der Alm verbracht. Jetzt, zurück im Tal, werden sie vor dem Winter geschoren und verbringen die letzten Tage auf der Weide. Der Herbst zeigt sich von seiner trüben Seite und kündigt den Winter an. Der Tauernwind treibt Graupelschauer vor sich her. Trotzdem sind noch Wanderer im Innergschlöss unterwegs. Mit Mützen, Handschuhen und festen Schuhen trotzen sie dem schlechten Wetter.

Wanderer im Innergschlöss (Bild: Edeltraud Günthör).

 Unterschiedliche Interessen

Das Innergschlöss ist Teil des Nationalparks Hohe Tauern. Der Nationalpark erstreckt sich über insgesamt 1856 Quadratkilometer Fläche in den Bundesländern Tirol, Salzburg und Kärnten. Seit jeher treffen in diesem Gebiet unterschiedliche Interessen aufeinander: jene der Landwirtschaft, der Jagd, des Tourismus und des Naturschutzes. Der Nationalpark Hohe Tauern ist zum größten Teil auf Privatgrund errichtet. Der Spagat zwischen den Interessensgruppen ist ein schwieriger und das Miteinander nicht frei von Konflikten. Trotzdem bekommt man den Eindruck, dass es hier gelingt.

Die Schafe sind schon im Tal (Bild: Edeltraud Günthör).

 Almwirtschaft im Nationalpark

Ein Beispiel für das Miteinander von Naturschutz und Landwirtschaft ist das Nationalparkzertifikat für Almen. In Zusammenarbeit mit dem Nationalpark werden für die teilnehmenden Almen Maßnahmen entwickelt, die den Naturraum erhalten, gleichzeitig aber auch dessen Nutzung ermöglichen sollen. Die Bauern und Almgemeinschaften werden für den Mehraufwand finanziell unterstützt. Auf der Innergschlösser Kuhalm funktioniert das gut. 120 Kühe, 50 Kälber, 9 Pferde, 400 Schafe und 50 Ziegen weiden den Sommer über hier. Jetzt sind gerade noch vier gefleckte Kalbinnen im Stall. Ruhig warten sie darauf, von ihrem Besitzer ins Tal geholt zu werden. Peter Santner, der Obmann von der Agrargemeinschaft, erzählt vom schlechten Milchpreis der vergangenen Jahre. „Mit den nur 36 Cent pro Liter konnten wir den Betrieb hier oben kaum aufrechterhalten“, sagt er. Deshalb wurde vor einem Jahr die alte Almsennerei renoviert und mit dem heurigen Almauftrieb wieder in Betrieb genommen. Dort wird die Milch von der Innergschlösser Kuhalm zu Käse und Butter verarbeitet. Im nächsten Jahr sollen Almschweine dazukommen, um die anfallende Molke zu verwerten.

Kühe schon auf der niedrigeren Weide im Innergschlöss (Bild: Edeltraud Günthör).

Auf der Hofrat-Keller-Hütte

Von der Innergschlösser Kuhalm geht es über gewundene Straßen auf das Salzburger Gebiet des Nationalpark Hohe Tauern. Ranger Werner Schuh begrüßt seine Gäste mit einem besonnenen Lächeln im Obersulzbachtal. Er schultert das Teleskop. Die Wanderung geht los. Werner Schuh erklärt Flora, Fauna und Geologie dieser Gegend. Er zeigt die Spuren der Gämsen im Schnee und Gletschertöpfe. Das sind Vertiefungen im Gestein, die durch Wirbel im Schmelzwasser von Gletschern entstehen. Das Ziel der heutigen Wanderung ist die Hofrat-Keller-Hütte. Sie wurde 2016 vom Nationalpark gekauft und nur sehr reduziert wieder in Stand gesetzt. Es gibt zwar fließendes Wasser und eine Toilette, aber der Strom ist limitiert. Handyempfang gibt es hier nicht. Die Hofrat-Keller-Hütte wird als Basis für die Wildnis-Camps genutzt, die seit heuer angeboten werden. Zusammen mit Werner Schuh oder einem anderen Ranger können Gruppen die Natur in den Bergen so nah wie möglich erleben. Nach dem deftigen, selbstgekochten Essen kommt endlich die Sonne durch. Der Schnee glänzt und das Panorama, das sich hinter der Hütte auftut, ist fast kitschig schön.

Blick von der Hofrat-Keller-Hütte (Bild: Edeltraud Günthör).

 

Von Jägern und Wildtiermanagern

„Hätten wir diese Jagd nicht gepachtet, wäre es nicht einmal zu einer Diskussion mit den Jägern gekommen“, sagt Klaus Eisank. Wir sitzen in einer kleinen Hütte im Talschluss des Seebachtals. Das Licht ist schummrig, im Hintergrund knistert der Holzofen. Klaus Eisank ist für das Naturraum- und Wildtiermanagement im Nationalpark Hohe Tauern Kärnten zuständig. Mit am Tisch sitzt auch Wolfgang Schröder von der Technischen Universität München. Er und Klaus Eisank sind wesentlich an der Entwicklung der Kärntner Nationalparkreviere beteiligt. Abwechselnd lassen sie die vergangenen zwanzig Jahre Revue passieren. Sie erzählen von den anfangs verhärteten Fronten und wie daraus sehr langsam ein wechselseitiges Vertrauensverhältnis entstanden ist. Dann machen wir uns auf den Weg noch weiter in das Tal hinein. Abgestorbene Baumstämme liegen kreuz und quer, der Bach fließt ungehindert durch das Tal hindurch. Die Natur wird hier möglichst sich selbst überlassen. Die Hirsche, Gämsen und Steinböcke finden einen Rückzugsort vor. Sie lassen sich beobachten. So sehen auch wir heute ein Steinbockkitz und eine Gruppe von Hirschen in den Seitenhängen. Sie grasen in Ruhe.

Klaus Eisank, Nationalparkdirektor, Peter Rupitsch und Wolfgang Schröder (Bild: Edeltraud Günthör).

„Da Summa is aussi…“

Der Sommer ist vorbei im Nationalpark Hohe Tauern. Die Tiere sind im Tal, in den Bergen sind weniger Touristen unterwegs. Der Herbst ist schön hier, auch wenn er mit Graupelschauern durchs Land zieht.

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