Welcher Klimawandel-Typ bist du?

Von den Alarmierten bis zu den Zweifelnden: Es gibt verschiedene Zugänge zum Thema Klimawandel. Eine halb ernst gemeinte Typologisierung.

Persönliche Zugänge zum Klimawandel sind komplex und vielseitig. Nicht jeder, dem das Thema politisch wichtig ist, versucht deshalb, seinen Lebensstil anzupassen. Und niemand wird automatisch zur großen Klimasünderin, weil ihr das Thema egal ist.

Im Jahr 2009 erschien die Studie »Global Warming’s Six Americas« der Yale University, die inzwischen als Klassiker der sozialwissenschaftlichen Forschung gilt. Die WissenschaftlerInnen versuchten sich an einer Typologisierung der US-BürgerInnen und identifizierten dabei sechs Teilöffentlichkeiten, die jeweils einen bestimmten, signifikant unterschiedlichen Zugang zum Thema Klimawandel haben. Die Teilöffentlichkeiten sind nicht zufällig verteilt, sondern korrelieren mit sozioökonomischen Merkmalen, mit Konsumverhalten, auch mit der Wahlentscheidung. So stehen in den USA Menschen, die den Klimawandel kritisch sehen, eher den RepublikanerInnen nahe. Und LeserInnen überregionaler Tageszeitungen wie der Washington Post sind eher überzeugt vom menschlichen Anteil an der globalen Erwärmung.

Die Yale-Studie war so überzeugend, dass sie auch in anderen Ländern durchgeführt wurde. Eine ähnliche Studie für Deutschland, die von ForscherInnen der Universität Zürich durchgeführt wurde, identifizierte dabei fünf Typen beziehungsweise Teilöffentlichkeiten. Hauptsächlich, weil der Anteil der aktiven LeugnerInnen des Klimawandels in Deutschland verschwindend gering ist. Diese Aussage stützt auch eine Studie, die im Mai 2018 in Nature Climate Change erschien: WissenschaftlerInnen untersuchten die Korrelationzwischen ideologischer Grundausrichtung und Einstellung zum Klimawandel. In den USA war der Zusammenhangzwischen konservativer Einstellung und Leugnen des Klimawandels extrem ausgeprägt, in Deutschland, Frankreich und Indien war er nicht vorhanden.

Die Ergebnisse der Studien geben KlimaaktivistInnen Hoffnung: Immerhin 42 Prozent der Deutschen gehören zu Gruppen, die der Klimawandel »besorgt« oder »sehr besorgt« macht. Die Teilöffentlichkeiten sind auch deshalb so interessant, weil sie verschiedene Ansatzpunkte für Klimaaktivismus geben. Die einen müssen eher informiert, die anderen eher motiviert werden. Jeder Mensch ist anders – beim Thema Klima gibt es aber durchaus Gemeinsamkeiten.

Die Alarmierten halten den Klimawandel für die größte Herausforderung für die Menschheit und sind immer bereit, diese Meinung öffentlich zu vertreten, gerne auch ungefragt. Sie haben ein hohes Klimabasiswissen, glauben den Erkenntnissen der Forschung, lassen sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn sich der wissenschaftliche Konsens in Detailfragen verändert. Alarmierte sind besorgt, wo sich die Erde und die Menschheit hinbewegen. Sehr besorgt sogar. Ihren eigenen Anteil daran sehen sie allerdings nicht. Alarmierte fliegen trotzdem auf Strandurlaub nach Thailand, weil es ja nicht ihre Schuld ist, dass die CO2-Schäden nicht im Ticket eingepreist sind. Den Klimawandel halten sie für eine »gesellschaftliche Aufgabe«, die die Gesellschaft lösen muss. Nicht sie.

Die Vorsichtigen verfügen über ein Klimabasiswissen und sehen den Klimawandel als Problem. Sie sind allerdings persönlich nicht besonders besorgt. Es erscheint irgendwie alles so weit weg. Die Vorsichtigen unterstützen den Klimaschutz auf abstrakte Weise und finden es gut, wenn sich Parteien das Thema auf die Fahnen schreiben. Ihre Wahlentscheidung treffen sie aber nicht danach. Sie wären schon bereit, ihren Lebensstil zu ändern, wenn es irgendwann mal notwendig sein sollte. Die Frage, ob dieses »irgendwann« nicht eigentlich schon da ist, stellen sie sich aber lieber nicht. Die Vorsichtigen bilden nicht nur die größte Gruppe der (europäischen) Öffentlichkeit, sondern sind für den Klimaaktivismus so etwas wie der Hometrainer, der seit Jahren in der Garage steht: Sie tun aktuell nichts, sind aber theoretisch aktivierbar.

Die beunruhigten AktivistInnen unterscheiden sich von den Alarmierten dadurch, dass sie tatsächlich versuchen, in ihrem eigenen Leben gegen den Klimawandel aktiv zu werden. Sie kaufen sich ein Elektroauto, dämmen ihr Haus oder engagieren sich in einer NGO. Sie wissen, dass es große Lösungen für den Klimawandel braucht, aber irgendwo müssen diese großen Lösungen ja mal anfangen. Die beunruhigten AktivistInnen haben statistisch gesehen eine hohe Bildung, einen guten Job und ein hohes Einkommen. Was zu einem Paradoxon führt, das die beunruhigten AktivistInnen auch nicht auflösen können: Weil sie sich ein Auto leisten können und oft beruflich fliegen, haben sie meist einen größeren CO2-Fußabdruck als viele Unbeteiligte (siehe unten) mit niedrigem Einkommen.

Der Klimawandel ist den Unbeteiligten nicht wichtig, auch weil sie – so fair muss man sein – in ihrem Leben meist konkretere Sorgen haben. Die Unbeteiligten nehmen den Klimawandel abstrakt als Problem wahr, aber das Thema schafft es in der Liste der Probleme nicht auf die relevanten Plätze. Sie konsumieren häufig Medien, denen der Klimaschutz ebenso kein großes Anliegen ist. Die Gruppe der Unbeteiligten ist groß, und sie gehört aus sozioökonomischen Gründen nicht zu den größten Klimaschädlingen. Für den Klimaschutz wären die Unbeteiligten nicht per se verloren. Allerdings kommen die meisten AktivistInnen aus anderen Schichten, haben von der Lebensrealität der Unbeteiligten wenig Ahnung und geben gern Tipps wie »Verzichten Sie auf Fernreisen« oder »Kaufen Sie Ihr Biofleisch direkt beim Schlachter«. Danke.

Die Zweifelnden glauben nicht wirklich an den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel oder bezweifeln ihn zumindest stark. Sie sehen sich selbst als Teil einer Avantgarde, die Widerstand gegen eine Mainstream-Phalanx leistet, die aufgehört hat, Fragen zu stellen. Die Zweifelnden stellen immer »nur Fragen«, aber meistens bloß bei wissenschaftlichen Erkenntnissen, die ihnen nicht in den Kram passen. »Das Internet« halten sie für eine glaubwürdige Quelle, traditionelle Medien eher weniger. Die Zweifelnden haben immer eine Halbinfo (»Im Mittelalter war es im Mittel schon mal wärmer«) im Ärmel, die sie ohne Kontext fallen lassen können. Sie wissen zwar theoretisch, dass es einen Unterschied zwischen Wetter und Klima gibt. Wenn aber im Dezember irgendwo auf der Welt ungewöhnlich niedrige Temperaturen herrschen, posten sie trotzdem »So sieht also die globale Erwärmung aus« auf ihren Twitter-Accounts.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #57 erschienen

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