Wie geht das gute Leben? Die Wandeltreppe zeigt neue Möglichkeiten

Bild: flickr.com/Digo_Souza – CC BY-ND 2.0

Bild: flickr.com/Digo_Souza – CC BY-ND 2.0

Die Wandeltreppe ist eine Projektgemeinschaft, die sich für die Gestaltung zukunftsfähiger Lebensweisen einsetzt. Mit der Initiativenlandkarte haben sie eine Karte geschaffen, wo beispielhafte Initiativen aus Vorarlberg präsentiert werden. 

„Wach werden für neue Möglichkeiten“ ist das Motto – und mit der Wandeltreppe soll genau das gelingen. Doch wie genau funktioniert das Projekt aus Vorarlberg und wie kamen die Organisatoren und Organisatorinnen dazu? BIORAMA hat sich mit den Initiatoren der Wandeltreppe unterhalten.

BIORAMA: Wandeltreppe ist eine Abänderung des Wortes „Wendeltreppe“ und steht für einen Kultur-, System- und Bewusstseinswandel. Wohin soll der Wandel führen?

Nina: In eine Welt, in der alle Menschen genug zu Essen und Energie zur Verfügung haben, keine Angst um ihr Leben haben müssen und zudem die Erde nicht weiter ausgebeutet wird, sondern wieder heilen kann. Es sollen auch alle Menschen Zugang zu einer angemessenen Gesundheitsversorgung haben. Jeder Mensch soll eine ihm sinnvolle Tätigkeit nachgehen dürfen.

Florian: Kurz gesagt zu einem „guten Leben“ für alle.

Adrian: Meiner Meinung nach soll das Ganze entschleunigen und entschärfen, sozusagen erste Notfallmaßnahmen. In weiterer Folge soll fair miteinander umgegangen werden – weltweit. Nicht nur zwischen Individuen, sondern international, zwischen Gruppen, Ethnien, Religionen.

Es sollen die Möglichkeiten geschaffen werden, dass jeder selbstbestimmt leben kann und dass es im Bewusstsein der Menschen verankert ist, dass es nicht auf Kosten von anderen geht. Im Gegensatz zur Situation, die wir jetzt haben, wo einige wenige die Möglichkeiten haben, tun und lassen können, was sie wollen und die große Mehrheit eben nicht.

Wie geht Wandeltreppe vor, um das zu erreichen?

Florian: Unser Konzept ist nicht wirklich ausformuliert. Wir gehen einen Schritt nach dem anderen und sehen dann weiter, was sich als nächstes zeigt. Das Symbol der Treppe ist im Grunde unser Konzept. Stufen gestalten für den Übergang in eine zukunftsfähige Lebensweise. Unsere Aktivitäten sollen konstruktive Impulse in diese Richtung aussenden.

Nina: Unser erstes Projekt ist die Initiativenlandkarte. Diese ist entstanden, um unseren Mitmenschen zu zeigen, dass es schon viele Projekte in unserer Gegend gibt, die die Welt mit- und umgestalten möchten. Sie stehen allen offen und laden dazu ein, sich aktiv zu beteiligen.

Adrian: Für mich geht es um Bewusstseinsbildung. Im Vertrauen und in der Hoffnung, dass viele Menschen ermutigt werden. Dass sie sehen, dass es schon vieles gibt und sich beteiligen am Wandel, den man sich vorstellt.

Bild: Wandeltreppe

Bild: Wandeltreppe

Was ist das Problem am jetzigen System?

Adrian: Du meinst wohl: „Warum IST das jetzige System DAS Problem?“

Nina: Es ist nicht das Wohl der Erde und der Menschen im Mittelpunkt unseres Handelns.

Florian: Wirtschaftliche Rentabilität steht im Fokus der Überlegungen. Das hängt sicher auch mit den derzeit geltenden „Spielregeln“ zusammen, durch die man auf eine intakte Natur oder ein erblühendes Gemeinwesen nicht allzu viel Rücksicht nehmen kann. Dies zumeist aus dem Grund, dass es sich einfach nicht „rechnet“. Also keinen schnellen und in Geld messbaren Gewinn abwirft.

Nina: Obwohl wir uns bewusstseinsmäßig nur schwer im „Jetzt“ aufhalten können, leben wir als ob es kein Morgen gibt. Ich finde die Sichtweise der nordamerikanischen Ureinwohner wegweisend, wichtige Entscheidungen immer dahingehend zu treffen, welche Auswirkungen diese auf die nächsten sieben Generationen haben könnten.

Florian: Ja, das Problem hängt sicher auch mit der derzeit propagierten Sichtweise zusammen in der das Individuum als isoliertes und von der Welt unabhängiges Einzelwesen wahrgenommen wird. Das steht im krassen Gegensatz zur indigenen Perspektive in der alles als Teil des „großen Netz des Lebens“ gesehen wird. In diesem Netz ist die gesamte Schöpfung auf’s Innigste miteinander verwoben und das, was einem Teil widerfährt, wirkt sich auch auf das Ganze aus. Von diesem Standpunkt aus betrachtet wäre es absolut irre von gesellschaftlichem Fortschritt zu sprechen, wenn für diesen die Natur geplündert und das Leid von Menschen einfach so in Kauf genommen wird.

Von Gemeinschaftsgärten bis hin zu freien Medien werden viele Initiativen aufgelistet. Magst du uns einen kurzen Überblick geben, welche Initiativen es sind und wie sie zum Wandel beitragen?

Florian: Angefangen hat alles mit dem Start des Gemeinschaftsprojekts „Garten unser“ im Jahr 2012. In diesem sind wir alle Drei aktiv und über diesen haben wir auch Bekanntschaft zu ähnlichen Projekten in der Gegend geknüpft. Es war schön von anderen Leuten zu erfahren, die das bloße Schimpfen und Kritisieren hinter sich gelassen und sich nun praktisch an die Ausgestaltung einer Alternative gemacht haben. Gleichzeitig waren wir aber auch erstaunt, dass wir von vielen dieser Initiativen bis dato noch nichts gewusst haben. So sind wir auf die Idee gekommen, diese Projekte mehr ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Es sind dann 35 Initiativen geworden, die wir in die Bereiche „Gärten & Felder“, „Häuser & Räume“ sowie „Bewusst wirtschaften – Verantwortungsvoll konsumieren“ eingeordnet haben. Es sind zumeist Projekte, bei denen es um die selbstbestimmte, gemeinschaftliche Gestaltung des direkten Lebensumfelds geht. Ob Lebensmittelversorgung, Freiraumbelebung, Komplementärwährungen, freie Medien etc. Die meisten fördern den Aufbau regionaler Strukturen und mindern gleichzeitig die Abhängigkeit von globalen Warenströmen.

Ihr verbindet den Begriff „nachhaltig leben“ mit Projekten wie Ethify yourself, ein Online-Portal für ethisches Leben und Wirtschaften, oder Ein guter Tag hat 100 Punkte, eine Idee, wo man anhand des ökologischen Fußabdrucks Punkte zählt und am Tag maximal 100 erreichen sollte. Benötigt nachhaltiges Leben Regeln?

Adrian: Ich bin der Meinung, dass jede Lebensform, besonders wenn es um Kultur in so hoch technologisierten Formen geht, Regeln braucht. Ich bin jedoch der Ansicht, dass diese Regeln jederzeit durch alle diskutier- und veränderbar sein müssen. Dass alle, die von einer bestimmten Thematik betroffen sind, ein gleichberechtigtes Diskussions- und Mitbestimmungsrecht haben. Das erfordert jedoch eine extrem politische Gesellschaft.

Nina: Solange unser Lebensstil so zerstörerisch ist, braucht es Regeln.

Florian: Die knifflige Frage lautet: Schaffen wir den Wandel zu einer Kultur der Nachhaltigkeit über persönliche Regeln, gute Vorsätze oder brauchen wir Gesetze?

Nina: Solange es so viele Möglichkeiten gibt, so unökologisch zu leben, ist es für jeden Menschen bei uns in Mitteleuropa beinahe unmöglich, keinen zu großen ökologischen Fußabdruck zu haben. Wenn wir aber darauf warten, dass die entsprechenden Gesetze von oben angeordnet werden, ist es vielleicht schon zu spät.

Florian: Doch wenn eine Zivilisation so zerstörerisch wütet wie die unsere, frage ich mich manchmal schon, ob Biofood, Radfahren und persönliches Maßhalten wirklich noch reicht, um die Welt zu retten. Ohne die verbindlichen Gesetze auf globaler Ebene wird auch dem nachhaltigsten Lebensstil irgendwann seine Grundlage, also das intakte Ökosystem, entzogen.

Bild: Wandeltreppe

Bild: Wandeltreppe

Generell findet man auf der Website ein sehr breites Angebot an Themen, Inspirationen und Initiativen. Es fühlt sich an, wie eine kleine Bibliothek für ein besseres Leben. Ist es das?

Florian: Ja, in der Art ist es beabsichtigt. Die Seite soll einen Informationsinput geben. Unsere Mitmenschen anregen, inspirieren und dazu ermutigen, für die Welt die sie sich wünschen einzustehen.

Wandel-Pessimisten und -Pessimistinnen haben meist das Hauptargument, dass man die Masse zum Wandel braucht. Gelingt es mit der Wandeltreppe, die Masse zu erreichen?

Nina: Einen Teil der Masse wird man sicher erreichen. Es ist ja gar nicht möglich die ganze Masse zu erreichen. Es ist ab durchaus möglich, dass wir in Vorarlberg einen größeren Anteil der Masse erreichen. Vielleicht erreichen wir ja jemanden, der von unserem Projekt angeregt wird und mit seinem Tun dann die Masse erreicht!

Adrian: Es kann nur ein kleiner Beitrag für die Bildung einer kritischen Masse sein. Die Masse muss die Masse selbst erreichen. Sich aus sich selbst heraus transformieren.

Florian: Statt „Masse erreichen“ finde ich den Begriff „Masse anreichern“ hier passender. Jedes Individuum als Teil der Masse kann seinen Beitrag leisten damit sich die allgemeine Stimmung hier verändert.

Was passiert nach dem Wandel? Bzw. wie sieht es nach dem Wandel aus?

Nina: Wann ist der Wandel vollzogen? Zu dem Zeitpunkt, wo wir uns gemeinsam aufmachen eine Welt zu schaffen in der alle gut leben können oder erst dann, wenn alle gut leben? Wir werden mal damit beschäftigt sein, gemeinsam das, was wir auf der Erde kaputt gemacht haben, wieder zu reparieren.

Adrian: Ich kann es nicht wissen. Will es auch nicht. Wichtig ist, dass der Wandel immer weiter geht und stets neu definiert wird wie es weitergehen soll. Aufbauend auf den gut gemachten Erfahrungen.

Florian: Ich glaube, dass wir gelernt haben werden, zu kooperieren – untereinander und mit der Erde als Ganzes. Auch kann ich mir vorstellen, dass man den Genuss von echten Begegnungen, von Selbstgemachtem und der Langsamkeit an sich wieder mehr zu schätzen weiß.

Wie kann ich am Wandel teilnehmen?

Adrian: Tritt einer Initiative der Wandeltreppe bei oder noch besser: Gründe selbst eine! Versuche kleine Dinge im Leben bewusst besser zu machen. Wie du es besser findest.

Nina: Hör auf dein Herz.

Florian: Hör auf die Landschaft.

Bild: Wandeltreppe

Bild: Wandeltreppe

www.wandeltreppe.at

VERWANDTE ARTIKEL