Refuse – Reduce – Reuse – Recycle – Rot

Die Umwelteinwirkungen von Verpackungen sind nicht zu übersehen. Sie einfach wegzulassen ist oft schlicht keine Option. Ein Dilemma, aus dem es einen Ausweg gibt.

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Verpackungen werden oft nur als der Rest, der von unseren Lebensmitteln überbleibt, wahrgenommen. Die lästige Hülle, die bald ihren Nutzen verloren hat und unsere Mistkübel vollstopft. Dennoch haben Verpackungen auch sinnvolle Eigenschaften, die vor allem für Logistik, Verkauf, aber auch für die KundInnen eine Rolle spielen. Für den Einzelhandel müssen Produkte identifizierbar und registrierbar sein. Zudem gibt es gesetzliche Hinweise, wie beispielsweise den Alkoholgehalt bei Getränken oder Allergenhinweise. Die Schutzfunktion ist ein weiteres Argument für Verpackungen, denn das Produkt will vor Druck, Staub und Temperatur geschützt sein. Durch die Verpackung kann ein Lebensmittel in einer bestimmten Atmosphäre gehalten werden (Vakuum, Gasgemisch), um die Haltbarkeit zu verlängern und lange Transportwege zu überdauern. 

Praktisch und umweltschädlich

Das klingt alles sehr plausibel, wären da nicht die massiven Umwelteinwirkungen. Österreich produziert jährlich 2,6 Millionen Tonnen Verpackungsmüll, 18 Millionen Tonnen sind es in Deutschland. In den EU-28 werden 170 kg pro Kopf und Jahr produziert, das sind beispielsweise 51 kg in Kroatien und 222 kg in Deutschland. Das ist nicht nur eine ganze Menge Müll, sondern auch ein massiver Ressourcenverbrauch. In Kunststoffen, bunt bedruckten Kartons, Klebeetiketten und Aluminiumdosen kommen fossile Rohstoffe zum Einsatz. Also über Jahrtausende entstandene Stoffe, die nach einer relativ kurzen Nutzungsphase verbrannt oder deponiert werden.

Raus aus der Verpackung!

Die große Frage, die sich KonsumentInnen, HändlerInnen und ProduzentInnen stellen müssen: Wie können wir die Menge an Verpackungen, die durch schnell verbrauchte Konsumgüter entsteht, reduzieren? Wie kommen wir zu machbaren Lösungen, die die negativen Umwelteinwirkungen langfristig minimieren? Welche Verpackungssysteme passen zu unseren Lebensstilen? Können KonsumentInnen mit Mehrwegverpackungen noch umgehen oder ist diese Alternative angesichts der weit gereisten Waren völlig veraltet?

PET-Mehrweg lautet der Sieger vieler Ökobilanzen. Als Endverbraucher ist es allerdings nicht immer leicht, Mehrweg-PET-Systeme von Recycling-PET zu unterscheiden. Bild: iStock.com

Die Abfallhierarchie

Die Zero-Waste-Pionierin Bea Johnson bietet mit den 5 »R« (Refuse – Reduce – Reuse – Recycle – Rot) eine Vorgehensweise für Abfälle an, die auch bei Verpackungen Sinn macht. Als Erstes muss man lernen, »Nein!« zu sagen. Nein zum Werbeprospekt, zur Duftprobe, zum Gratissackerl und anderen Dingen, die einem täglich aufgedrängt werden. Generell empfiehlt Bea Johnson eine Reduzierung des Konsums, um auf diesem Wege weniger Abfall und auch Verpackungsmüll zu produzieren. Um Rohstoffe so lange wie möglich im Kreislauf zu halten, sollten auch viele Dinge möglichst lange wiederverwendet werden. Abfälle, die sich mit keiner der genannten Methoden vermeiden lassen, kommen zum Recycling oder auf den Kompost. Erfunden wurde dieses Mantra nicht von Bea Johnson, sondern das Modell ähnelt der fünfstufigen Abfallhierarchie der ​EU-Abfallrichtlinie 2008/98/EG, die seit 2011 auch auf nationaler Ebene gültig ist. Neben Vermeidung, Wiederverwendung und Recycling empfiehlt die Richtlinie die energetische Verwertung von Abfällen.

Abfälle sollen erst gar nicht entstehen

Was bedeutet die Abfallhierarchie für den Verpackungsbereich und wie können KonsumentInnen diese Vorschläge im Alltag umsetzen? In der Obst- und Gemüseabteilung gibt es viele Artikel, die eigentlich ganz gut ohne Plastikfolie auskommen. Kauft man direkt bei ProduzentInnen ein, können sogar die Transportverpackungen eingespart werden. Spezielle Unverpackt-Läden oder Zero-Waste-Shops bieten viele Produkte offen und lose an. Das Mitbringen eigener Behälter hat einen enormen Effekt auf die Abfallmenge, was auch beim morgendlichen Coffee to go sichtbar wird. Beim Einkaufen im stationären Einzelhandel fällt deutlich weniger Verpackung an als beim Online-Shopping. Auch die Wahl des Produkts hat Auswirkungen. Obwohl der Nutzen gleich ist, stellen feste Shampoos und Seifen eine weit kleinere Abfallmenge dar als die flüssigen Varianten.

Die nachhaltigste Getränkeverpackung ist aus Plastik

Leider können Verpackungen in vielen Fällen nicht einfach weggelassen werden. In diesem Fall sind Mehrwegverpackungen eine ökologisch sinnvolle Alternative. Vor allem Getränke wurden bis in die 1990er-Jahre fast ausschließlich in der Mehrwegflasche konsumiert. 1994 lag der Anteil des Pfandgebindes in Österreich bei rund 80%. Bis heute ist der Mehrweganteil am inländischen Getränkemarkt leider drastisch gesunken und liegt derzeit bei ca. 22% – mit Bier und Mineralwasser als Spitzenreitern. In Deutschland ist zwar der Mehrweganteil mit 44% deutlich höher, aber auch hier sinkt die Quote. 1991 wurden noch 73% der Getränke im Mehrweggebinde konsumiert. Bei den Gründen für diese Entwicklung schieben sich Handel und KonsumentInnenvertreterInnen gegenseitig den schwarzen Peter zu. Der Handel sagt, dass die KonsumentInnen die Mehrwegflasche nicht wollen. Die wiederum sagen, sie hätten keine Wahl. Bei einer genaueren Untersuchung des Lebensmitteleinzelhandels fällt auf, dass Diskonter kein einziges Produkt im Mehrweggebinde anbieten. Wie es dazu kommen konnte, erklärt ein Beschluss der österreichischen Wirtschaftskammer aus dem Jahr 2000. Durch die »Freiwillige Selbstverpflichtung zur Wiederbefüllung und umweltgerechten Verwertung von Getränkeverpackungen« kann der Handel selbst entscheiden, ob und wie viele Produkte er im Mehrweggebinde anbietet. Man wollte den Handel nicht zwingen, sondern hat auf ökologisch sinnvolle Entscheidungen gehofft. Das Modell ist leider gescheitert, wie man an der sinkenden Mehrwegquote ablesen kann. Verpflichtende Vorgaben, wie beispielsweise 50% Mehrweganteil im Getränkebereich, könnten diese Entwicklung bremsen und den KonsumentInnen mehr Auswahl bieten.

Bier und Mineralwasser sind die Spitzenreiter, insgesamt liegt der Mehrweganteil aber in Österreich nur mehr bei 22%, in Deutschland bei 44%, beides sinkend.

Aber macht es Sinn, Mehrweggebinde für jedes Produkt einzusetzen? Die Ökobilanz für Getränkeverpackungen des Umweltbundesamts Deutschland belegt, dass bis zu einer Transportdistanz von rund 750 Kilometern zwischen Abfüllanlage und Verkauf Mehrwegflaschen aus ökologischer Sicht besser als Einwegflaschen abschneiden. Das entspricht etwa der Entfernung Wien–Bregenz oder Hamburg–München. In einer Ökobilanz zur PET-Einwegflasche in Österreich des Ifeu-Instituts aus dem Jahr 2004 wurde für Mineralwasser eine mittlere Transportentfernung von 197 Kilometern von der Abfüll- zur Verkaufsstelle berechnet. Daher ist bei österreichischem Mineralwasser Mehrweg immer besser als Einweg. Vor allem PET-Mehrweg geht in allen Ökobilanzierungen als der klare Favorit hervor, dies gilt auch für kurze Transportwege. Die Kunststoffflaschen aus PET (Polyethylenterephthalat) verursachen nur 43 Tonnen CO2pro eine Million Liter Wasser. Im Vergleich dazu verursacht die Glas-Einwegflasche 500 Tonnen CO2. Leider findet sich auf dem österreichischen Getränkemarkt seit 2009 kein einziges Getränk im PET-Mehrweg. Das »PET2PET«-Logo auf Getränkeverpackungen lässt zwar vermuten, dass die Flaschen wiederbefüllt werden, jedoch handelt es sich hier um ein Unternehmen im burgenländische Müllendorf, das PET-Flaschen sammelt und recycelt.

Online-Shopping ohne Schachtel

Unternehmen wie Original Repack bieten Mehrwegverpackungen für den Versandhandel an – inklusive Abwicklung des Rücklaufs und der Reinigung der benützten Taschen. Bild: Repack.com.

Ein Bereich, der in den letzten Jahren sehr stark zugenommen hat, ist der Versandhandel. Die jährlichen Ausgaben in Onlineshops haben sich von 2006 bis 2016 verfünffacht. 2017 wurden in Österreich über 105 Millionen Pakete zugestellt. Hier kommen zwar hauptsächlich Recyclingmaterialien auf Basis von Altpapier zum Einsatz, dennoch ist es eine beträchtliche Abfallmenge. Alternativen gibt es kaum, bis auf die hier noch nicht sehr bekannte Marke Original Repack. Sie bietet wiederverwendbare Versandtaschen an, die mindestens 20 Umläufe aushalten. Repacks KundInnen sind Webshops, die wiederum ihren KäuferInnen diese Versandtasche als Alternative zum Einwegkarton anbieten. Wer seine Lieferung in der Repack-Tasche erhält, kann diese gratis per Post zurückschicken. Repack reinigt die Taschen, überprüft sie auf Schäden und verteilt sie wieder an die Online-Vertriebspartner. Bekannte Modemarken wie Filippa K, MUD Jeans und Skunkfunk versenden ihre Produkte schon mit Original Repack und sparen dabei bis zu 80% der CO2-Emissionen ein.

Mülltrennen und Recycling

Nach der Wiederverwendung ist das Recycling ein wichtiger Schritt zur Abfallreduzierung. Durch den Entschluss Chinas, Importe von Kunststoffabfällen aus Europa zu stoppen, blüht die europäische Recyclingindustrie. 24 Abfallarten, darunter die am häufigsten genutzten Kunststoffe, dürfen seit Jänner 2018 nicht mehr eingeführt werden. Allein 2016 hat China rund sieben Millionen Tonnen Plastikmüll importiert. Nun muss der Plastikmüll innerhalb der EU entsorgt werden, wodurch sich die Situation für Recyclingunternehmen verbessert hat. Sie wurden auf einen Schlag deutlich rentabler. Schon vor dem Importstopp hat das zunehmend schlechter werdende Image von Kunststoffen Politik und Industrie beschäftigt. Durch verbesserte Recyclingtechnologien sollen einerseits mehr Kunststoffe recycelt werden, andererseits soll der Anteil des eingesetzten Rezyclats erhöht werden.

Bild: iStock.com.

Rot. Rot. Rotten.

Lebensmittelabfälle oder andere biogene Stoffe zu kompostieren ist aus ökologischer Sicht äußerst sinnvoll. Die Idee der Verpackung, die auf dem Kompost zu Wurmnahrung wird, ist schön, aber in der Praxis nicht umsetzbar. Man muss schon selbst für die Kompostierung sorgen, denn in der über die Gemeinde entsorgten Biotonne haben Bioplastikverpackungen nichts zu suchen. Die Verwechslungsgefahr mit herkömmlichen Kunststoffen ist zu hoch. Außerdem werden Biokunststoffe nicht zwingend auf Basis nachwachsender Rohstoffe hergestellt. Nylon-4 heißt ein Material, das häufig für die Borsten von Bambuszahnbürsten eingesetzt wird. Es ist zwar abbaubar, besteht aber, wie auch alle anderen Nylon-Arten, aus Erdöl.

Diese Ansätze können jedem Einzelnen helfen, Abfälle und speziell Verpackungen zu vermeiden. Dennoch ist es nicht nur die Aufgabe der KonsumentInnen, sondern es braucht gesetzliche Regelungen. Mit 1. 1. 2019 tritt in Deutschland die neue Verpackungsverordnung in Kraft. Eine wichtige Neuerung ist die Einrichtung zentraler Stellen, an denen jedeR InverkehrbringerIn die Verpackungen registrieren muss. Diese »Erweiterte Produktverantwortung« bedeutet, dass diejenigen, die verpackte Waren in den Warenverkehr bringen, gleichzeitig die Verantwortung dafür übernehmen, dass diese Verpackungen die Umwelt möglichst wenig belasten. Ein Modell, das auch für Österreich sinnvoll erscheint.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #58 erschienen

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