Noch eine Runde!

Lange wurde getüftelt: Nun ist die Mehrwegweinflasche in Österreich erhältlich...

Ein Mann steht vor einem Tagada (Kirmes-Fahrgeschäft) und hält zwei Flaschen hoch.
Bild: Nadja Hudovernik.

Ein Schritt in Richtung Nachhaltigkeit ist gewiss nicht zwangsweise, doch immer wieder ein Schritt zurück, ein Rückgriff auf bereits Bekanntes: »Bis vor zwanzig Jahren hatten wir eine Waschanlage am Hof und für meinen Vater war es ganz normal, dass quasi alle verkauften Weinflaschen ihren Weg auch wieder zurück zu uns finden«, sagt Stephan Mehofer vom Weingut Mehofer vom niederösterreichischen Wagram. In weiterer Folge wurden die Vertriebswege zentralisiert und es wurde irgendwann auch billiger, eine neue Weinflasche zu kaufen, statt eine alte zu waschen. Außerdem hat die Bedeutung von Export für österreichische Weingüter zugenommen und es wäre sehr kompliziert, eine ins Ausland, vielleicht nach Übersee, verkaufte Weinflasche zurückzubekommen. Das Weingut Mehofer ist nun eines der ersten Weingüter in Österreich, die mit der neuen 0,75-Liter-Mehrweg-Weinflasche experimentieren und diese nutzen. Darin abgefüllt wird der Grüne Veltliner Gebietswein, der in der Region an EndkundInnen und die Gastronomie verkauft wird. Abnehmer größerer Mengen sollen bedient werden, wenn im Sommer die 6er-Kiste für die Weinflaschen erhältlich ist und so auch Paletten gut befüllt werden können. Viele der Weingüter, die nun dabei sind, sind biozertifiziert oder tragen das im Bezug auf die ökologische Arbeit im Weingarten wenig aussagekräftige »Nachhaltig Austria«-Logo. Dazu gehört auch der Demeter-Winzer Matthias Hager aus dem Kamptal. Er hat sich vom Kreislauf-Gedanken inspirieren lassen und ist dabei bei einem Bild seiner Jugend gelandet, die er gerne im Tagada im Wiener Prater verbracht hat. Und so bringt er nun drei Weine in der Mehrwegflasche auf den Markt, die in Namen und Design Tagada aufnehmen: »Als biodynamischer Winzer mit einem tiefen Verständnis für die Natur ist es mir wichtig, einen kleinen Fußabdruck zu hinterlassen. Was man gibt, kommt auch wieder zurück. Ein Kreis, der sich dreht, der uns dreht – ein Tagada des Lebens.« Klar ist: Da fast die Hälfte des CO2-Ausstoßes für eine Flasche Wein auf die Verpackung fällt, liegt hier die relevante Schraube für Einsparungen in der Klimabilanz des Produkts. Gut 90 Prozent des CO2-Ausstoßes für die Flaschen sollen durch die Mehrwegflasche eingespart werden – sie ist mindestens zwölfmal wasch- und wieder nutzbar.

Green Events als Vorbilder

In Deutschland wurde in den letzten Jahren bereits eine Mehrwegweinflasche eingeführt – diese ist derzeit unter anderem in über 200 Kaufland-Filialen, bei Edeka-Südwest, in Bioläden oder auch einem Teil des Getränke-Hoffmann-Netzwerks erhältlich. Seit 2026 beginnt auch der Lebensmittelhandel in Norddeutschland Weine in der Mehrwegflasche zu listen. Die regionalen Schwerpunkte liegen oft in der Nähe der Weingüter, die sich an dem Projekt beteiligen. Der Wein-Mehrweg eG gehören aktuell 14 Mitgliedsbetriebe an – diese erstrecken sich über die Anbaugebiete Württemberg, Baden und Pfalz. In Deutschland wurde eine Flasche mit auffälligem Design entworfen, die recht unverwechselbar ist. Die dazugehörige 6er-Kiste ist aus Recyclingmaterial.

Emissionen

Eine Studie der HBLA und Bundesamt Klosterneuburg zeigt: Der
Energie- und Materialeinsatz in einem Weinbaubetrieb in Österreich führt zu Treibhausgas-Emission von rund 1,04 kg pro Liter abgefülltem Wein. Rund 48 % davon stammen von der Produktion der Weinflasche. 

In den letzten Monaten hat sich in Österreich beim Thema Mehrwegweinflasche viel bewegt. So wurden – finanziert von der Abfallvermeidungsförderung der Sammel- und Verwertungssysteme für Verpackungen – Logistik und Pool-Management entwickelt und eine Arbeitsgemeinschaft, die Arge Österreichischer Mehrweg-Weinflaschen-Pool, gegründet. 366.000 Flaschen wurden von Vetropack produziert und an die ersten WinzerInnen ausgeliefert. Noch werden diese in erster Linie im Direktvertrieb und für die Gastronomie genutzt. Auch einzelne WeinhändlerInnen machen mit und Bioläden, deren Kundschaft es gewöhnt ist, leere Verpackungen zurückzubringen. Um ein System wie die Mehrwegweinflasche zu unterstützen, helfen Umfelder, die diese quasi zur Pflicht erklären – so wie zertifizierte Green Events. Für die neuen Richtlinien für »Green Meetings & Events« des Österreichischen Umweltzeichens kommt das System knapp zu spät, hier werden Mehrweggebinde beim Wein nur empfohlen. Mit größerer Verfügbarkeit könnte hier aber nachgeschärft werden. Regionale Regelwerke in den einzelnen Bundesländern, die eigene Regeln für Green Events haben, sind hier weiter und machen Mehrweg auch beim Wein – sofern verfügbar – auch jetzt schon zur Pflicht. Etwa in Wien, Oberösterreich oder Salzburg.

Zwei Flaschen.
Beide Flaschen wurden gestaltet, um den verschiedenen Logistikanforderungen zu entsprechen und Wiedererkennbarkeit zu garantieren: links die österreichische Mehrweg-Weinflasche, rechts die deutsche. Bild: Jansenberger, Wein Mehrweg

Nachfrage

Einmal mehr ist der österreichische Lebensmitteleinzelhandel (LEH) in der Frühphase einer Mehrweginitiative noch nicht dabei – er nimmt die Flaschen auch nicht zurück. Philipp Haderer, Koordinator von »Mehrweg Weinflasche«, hofft hier auf die Macht der Nachfrage der KonsumentInnen: »Hofer hat wegen der hohen Nachfrage die Glasmilchflasche wieder ins Sortiment gebracht, bevor die Rückgabe-Infrastruktur entwickelt war. Ich bin zuversichtlich, dass der LEH auch bei der Mehrweg-Weinflasche einsteigt, wenn er sieht, dass die KonsumentInnen danach fragen.« In den folgenden Monaten soll das System ausgebaut werden, die Kombi-Kiste macht die Belieferung des Großhandels einfacher, das System wird um neue Flaschenformen erweitert und in der Organisation der Arge wird an einer stabilen Struktur gearbeitet. Als KonsumentIn kann man die Augen nach der neuen Flasche offen halten, diese kaufen – und auch wieder zurückbringen!

mehrwegweinflasche.at

BIORAMA #103

Dieser Artikel ist im BIORAMA #103 erschienen

Biorama abonnieren

VERWANDTE ARTIKEL