Das vibrierende Gefühl am Gaumen

2014 haben Anna und Martin Arndorfer sich ein Ziel zur Neuausrichtung ihres Betriebs gesetzt...

Gelagerte Weinfässer beim Weingut Arndorfer.
Im Laufe ihrer Karriere begannen Anna und Martin Arndorfer, sich mehr mit Naturweinen auseinanderzusetzen. Bild: Regina Hügli

Anna und Martin Arndorfer können ihren individuellen Zugang zum Wein leicht verständlich nachvollziehbar machen, brechen dabei mit oft gehörten Ansichten und erwecken dabei nicht den Eindruck, belehren zu wollen. Seit 2002 macht Martin Arndorfer Wein auf dem von seinen Eltern übernommenen Weingut in Straß im Kamptal. Auch Anna kommt aus einer Winzerfamilie. Die ersten Jahre nach ihrer Ausbildung haben sie noch ganz klassisch gearbeitet: »sehr kontrolliert, mit Reinzuchthefe und Enzymen«, fasst es Martin Arndorfer zusammen, aber »wir haben dann aber zunehmend gemerkt, wie sehr diese Art der Arbeit im Keller die Unterschiede in den Rebsorten und der verschiedenen Weingärten reduziert und nivelliert«. Auf Reisen, in Gesprächen mit ImporteurInnen und Sommeliers folgte das Eintauchen in die Welt der Naturweine.

Weine, über die geredet wird

Besonders einprägsam für Martin Arndorfer war seine Zeit im Friaul. »Der Vater der Betriebsleiterin eines Weinguts, auf dem ich gearbeitet habe, war Genussmensch und ist mehrmals in der Woche essen gegangen. Ich wurde wie ein Teil der Familie behandelt und durfte mitgehen. Das war für mich eine vollkommen neue Welt – hier wurde noch am nächsten Tag nicht nur über das Essen, sondern auch vom Wein geschwärmt, er war Gesprächsstoff. Das war inspirierend und ich wollte von da an charaktervollen Wein produzieren, der nicht nur Erwartungen erfüllt, sondern der berührt und über den gesprochen wird, weil der jenen, die ihn genießen, etwas bedeutet«, erinnert er sich. Weitergebildet haben sich Anna und Martin auf Reisen, bei der Mitarbeit auf Weingütern und so ihren eigenen Weg entwickelt. Sie waren auf Weingütern in Australien und in Italien und haben gesehen: »Man kann im Keller so arbeiten, dass unabhängig vom Ort der Stil des Weines sehr ähnlich ist. Wir aber wollen den Geschmack unserer Weingärten transportieren und uns deswegen auf die Arbeit im Weingarten konzentrieren«, erzählt Martin. Und Anna ergänzt: »2014 war das entscheidende Jahr, in dem wir entschlossen haben, den gesamten Wein so ursprünglich wie möglich zu produzieren, indem wir im Keller nichts dazugeben und nichts wegnehmen. Unser Wein ist unfiltriert und soll den ursprünglichen Geschmack der Traube betonen – denn die trägt ja eigentlich die Unterschiede zwischen Regionen, Ländern und auch Rebsorten.«

»Low Intervention bedeutet zwar, dass wir nichts hinzufügen und nichts wegnehmen. Aber wir treffen dennoch viele Entscheidungen – diese geben dem Wein seinen Charakter.«

Martin Arndorfer

Rahmen für Persönlichkeitsentwicklung

Martin Arndorfer widerspricht dann aber jenen, die in der reduzierten Arbeitsweise im Keller, wie beim Naturwein, eine reine Rückbesinnung auf die Arbeitsweise der Vorfahren sehen: »Es hat schon mit Tradition zu tun, aber eigentlich hat diese heutige Arbeitsweise im Keller nichts mit der Arbeit unserer Vorfahren zu tun. Wir hätten viele Möglichkeiten, um einzugreifen, aber wir entscheiden bewusst, ohne Eingriff zu arbeiten. Und Low Intervention bedeutet zwar, dass wir nichts hinzufügen und nichts wegnehmen. Aber wir treffen dennoch viele Entscheidungen während der Verarbeitung der Trauben und der Reifung der Weine im Keller. Diese Entscheidungen sind Ausdruck unserer individuellen Persönlichkeit und geben dem Wein seinen Charakter.« Eine Ansicht, die immer mehr Naturwein-WinzerInnen betonen. »Wir wollen den Freiraum, einen für uns geschmackvollen und ursprünglichen Wein zu machen. Es ist wertvoll und respektvoll, wenn jedeR entscheiden kann, was ihm schmeckt oder gefällt. Wir wollen auch nichts aufdrängen oder recht haben in unserem Tun. Die Welt ist zum Glück so groß, dass es sich auch in Nischen gut leben lässt, dieses Marktsegment Naturwein gibt es in jedem Land der Welt – größer oder kleiner. Das Schöne ist, dass in dieser Nische meist sehr genussverliebte, neugierige Menschen sind«, sind Martin und Anna überzeugt. Es mag klischeehaft klingen, aber der Vergleich ist nachvollziehbar: »Der Wein ist wie ein Kind. Wir versuchen, die optimalen Rahmenbedingungen zu schaffen, aber die Persönlichkeit entwickeln sie selbst.«

Anna und Martin Arndorfer.
Anna und Martin Arndorfer kommen beide aus Winzerfamilien. Bild: Michael Büchling
Eine Weinflasche des Weingut Arndorfers.
»Martha Rouge« – Zweigelt auf Sauvignon Blanc – ist ein Wein, über den man gerne spricht und viel sagen kann. Bild: Laurin Barthofer

Seit 2016 ist das Weingut Arndorfer biozertifiziert. »Die Umstellung fiel uns leicht, weil wir vorher schon so gearbeitet haben. Wir haben uns wie viele mehr mit Bio und der Herkunft unserer Lebensmittel beschäftigt, als wir unsere Kinder bekommen haben. Uns war schnell klar, dass wir von systemischen Spritzmitteln weggehen wollen – und mit der Zeit haben wir Erfahrung gesammelt. Auch Erfahrung, wie die Weine sich im Keller entwickeln. So haben wir Vertrauen und Sicherheit gewonnen und konnten feststellen, dass  das Ergebnis von Biowirtschaftsweise für uns lebendiger und vielschichtiger ist. Letztlich war die Zertifizierung eine Erleichterung – so hat sich alles zusammengefügt«, erzählt Anna.

Rot und Weiß in einer Flasche

Die variantenreichen Weine von Anna und Martin Arndorfer sind spontan vergoren, viele bleiben auf der Maische und sind nicht filtriert. Die Arbeitsweise ist das Ergebnis der Erfahrungen. Auch die Inspiration für den ungewöhnlichen »Martha Rouge« kommt aus dem Ausland – die Loire hat dabei wohl eine Rolle gespielt. Das Ziel ist ein leichter, kühler, eleganter Rotwein mit Tiefgang und wenig Alkohol: »Im Kamptal gibt es mehr Zweigelt und weniger Pinot Noir, dafür aber etwas Sauvignon Blanc. Wir nehmen die Maische vom Sauvignon Blanc und geben am zweiten Tag den Zweigelt drauf«, erzählen Anna und Martin über die Kombination aus Weiß- und Rotwein. Mittels Macération carbonique gären die ganzen Trauben von innen. Die Kombination bringt kühle Aromatik, Säure und beerige Tiefe. Das Ergebnis ist komplex, überfordert aber nicht. Es ist nicht das Ziel, Grenzen auszuloten, sondern Weine herzustellen, deren Genuss ein Erlebnis ist, über die man spricht.

»Das Marktsegment Naturwein gibt es in jedem Land der Welt. Das Schöne ist, dass in dieser Nische meist sehr genussverliebte, neugierige Menschen sind.«

Anna Arndorfer

Der Zugang der Arndorfers scheint ein sehr grundsätzlich undogmatischer und so überrascht es nicht, dass Martin Arndorfer abschließend meint: »Ich kann heute nicht sagen, wie wir in 15 Jahren Wein produzieren werden. Wenn ich mir die letzten 20 Jahre ansehe, wird sich wohl auch in Zukunft noch viel verändern. Maische oder direkt – der Geschmack unserer Weine ist unterschiedlich, aber die Botschaft und der Stil sind gleich: der lebendige Boden und ein sensibler Umgang mit der Pflanze, der Traube und dem Wein – vom Weingarten bis in die Flasche. Daher kommt das lebendige, vibrierende Gefühl am Gaumen.«

Weingut Martin und Anna Arndorfer
Weinbergweg 16
3491 Strass im Strassertale
ma-arndorfer.at

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