Keine Avocadobrötchen im VIP-Bereich
Wien wurde 2023 als »Best Organic City« ausgezeichnet – nun findet dort der ESC statt...
Über ungelegte Bioeier möchte Norbert Köck nicht sprechen. Der Geschäftsführer von Bio Austria geht dieser Tage in der Wiener Argentinierstraße 30A ein und aus. Dort, im alten Funkhaus des ORF, hatte nach dem Abzug der Belegschaften von Radio Wien, Ö1 und FM4 zuletzt nur ein Restposten des Öffentlich-Rechtlichen die Stellung gehalten. Doch über einen unscheinbaren Seiteneingang hat sich hier wieder eine stoßkräftige Sondereinheit des ORF einquartiert. Von außen erkennbar ist ihre Anwesenheit nur durch einen bunt beklebten Kleinwagen, der einen Hauch Glamour in den grauen Innenhof bringt und für den Eurovision Song Contest (ESC) wirbt, der im Mai zigtausende Gäste nach Wien bringen wird. Und wenn es nach Norbert Köck geht, soll das Publikum auf den zahlreichen offiziellen ESC-Veranstaltungen in der Stadt nicht nur feiern und im Wettsingen mitfiebern, sondern auch richtig gut essen. Seine Vision für das internationale Wettsingen: möglichst viele Speisen und Getränke in möglichst regionaler Bioqualität. Einer von Köcks wichtigsten Gesprächspartnern beim ORF ist Matthias Friedrich. Und die Gesprächsbasis zwischen dem Biobauernvertreter Köck und dem Event-Organisator Friedrich dürfte eine gute sein. Denn Friedrich war nicht nur Organisator des Donauinselfests und bereits nach dem Sieg von Conchita Wurst Teil des ORF-Teams, das 2015 den Song Contest in Wien abgewickelt hat. Er hat auch eine Vergangenheit als Interessensvertreter. In seinem früheren Leben war er Bundessprecher der SPÖ-Bauern. Friedrich hat also Verständnis für die Anliegen der Ökobauern, die ihre Produkte am Song Contest vertreten wissen wollen. »Wir werden keine Avocadobrötchen servieren«, verspricht Matthias Friedrich. Details kann auch er noch keine sagen. Die Ausschreibungen für das Catering der verschiedenen Veranstaltungsorte und die Verpflegung der Länderteams laufen erst seit Dezember. Die Bewerbungen laufen bis Mitte Jänner. Entschieden wird erst im Februar, also drei Monate vor dem ESC. Für das VIP-Catering in der Stadthalle wurde eine genaue Biomindestquote festgelegt. »2015 waren wir bei einem Bioanteil von 50 Prozent. Jetzt verlangen wir mindestens 60 Prozent und achten dabei stärker auf Regionalität. Außerdem schauen wir uns den Fußabdruck diverser Speisen genau an, setzen klar auf Mehrweg und eine Voraussetzung ist, dass die Cateringunternehmen Green-Event- und biozertifiziert sind«, sagt Friedrich. Im Vergleich zu 2015 sei vieles leichter geworden. »State of the art sind Green Events erst danach geworden«, sagt er. Alle Anbieter und Bewerber seien besser und professioneller geworden.
»Es heißt zwar immer, die Politik pfeift auf Nachhaltigkeit, aber in Wien ist wirklich das Gegenteil der Fall«, sagt Friedrich, der auch sechs Jahre stellvertretender Bezirkssprecher der SPÖ in Hietzing war. »Wir sind in der Pflicht, als Vorreiter zu zeigen, dass Bio machbar ist, ohne dass die Kosten explodieren«, sagt er.

»Eurovision Village« als Öko-Event
Doch Norbert Köck verhandelt nicht nur mit dem ORF über die Bioquote beim Song Contest. Auch die Stadt Wien ist als Gastgeberin involviert. Sie verantwortet alle Side-Events, also beispielsweise das sogenannte »Fan Village« oder die »Opening Ceremony« für 2000 geladene Gäste im Rathaus. Von Vorteil für Köcks Verhandlungsposition ist, dass sich die Stadt Wien beweisen muss – und möchte. Immerhin wurde sie 2023 von der EU als »Best Organic City« ausgezeichnet. Auch seitens des Büros des zuständigen Umweltstadtrats Jürgen Czernohorszky hält man sich mit Auskünften noch zurück. Der Prozess sei am Laufen. Nur so viel verrät Mediensprecherin Michaela Zlamal: »Die Veranstaltungen, die die Stadt Wien verantwortet, werden – wie schon 2015 – ein Öko-Event, jene des ORF inklusive Stadthalle werden ein Green Event.« Die versprochene Durchführung der Veranstaltungen als Öko-Event war einer der Gründe, warum der ORF sich für Wien als Austragungsort entschieden hat. »Was gegessen wird, ist wichtig. Wir wissen alle, dass das wirklich Entscheidende ist, wie die Gäste anreisen und wie sie sich in der Stadt bewegen«, sagt Anita Malli, die als Nachhaltigkeitsverantwortliche des ORF in die Abwicklung des ESC eingebunden ist. Seitens der Stadt Wien ist das Stadt Wien Marketing für die Organisation zuständig. Diese hat einige Erfahrung im Biobereich. Der Christkindlmarkt am Rathausplatz verfügt mittlerweile über eine Bioquote von 80 Prozent, die Verpflegung der Standln beim »Wiener Eistraum« liegt als »Öko-Event Plus« sogar bei 100 Prozent Bio. Vielversprechend für den Biolobbyisten Norbert Köck: Die Gastro-Ausschreibung für das 2026 stattfindende »Eurovision Village« findet zeitgleich mit jener für das alljährliche sommerliche Filmfestival am Rathausplatz statt. Auf Letzterem spielte Bio bislang keine besondere Rolle. »Für das Filmfestival bewerben sich GastronomInnen, Ziel sei es, am Rathausplatz »eine kulinarische Weltreise« zu ermöglichen«, sagt Paul Weis, Geschäftsführer der Stadt Wien Marketing. Er betont, dass mit Geschirr, das abgewaschen wird, gearbeitet wird und nicht mit Papptellern und Einwegbechern. Bei Veranstaltungen dieser Größenordnung sei das keine Selbstverständlichkeit. Für die Biolobby ist das natürlich zu wenig. Im Song Contest sieht Köck somit die »einmalige« Chance, Bio noch stärker in der Stadt zu verankern.
Dieser Text wurde im Dezember 2025 als Teil des Bookazines BIORAMA BIOKÜCHE 2026 verfasst.
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