Kampf für Zeit

Die Zeit im Kampf gegen den Klimawandel lässt sich kultivieren, will uns Florian Schwinn sagen. Der Autor des Aufrufs »Rettet den Boden!« erklärt im Interview, warum es sich für uns lohnt, um den Boden zu kämpfen.

Vier Promille mehr Humus müsste die Menschheit jährlich aufbauen, um ihren jährlichen Kohlendioxidausstoß in den Böden zu speichern und dadurch einerseits Zeit für die Anpassung an den Klimawandel zu gewinnen und andererseits dessen Voranschreiten in Grenzen zu halten. Diese Forderung wurde bereits bei der Pariser Klimakonferenz, im internationalen Jahr des Bodens 2015, gestellt. Passiert ist seither wenig, KritikerInnen mahnen, dass das Ziel der Speicherung von CO2 in den Landwirtschaftsböden möglicherweise von der Notwendigkeit der Reduktion der Emissionen ablenkt. Der Journalist Florian Schwinn hat sich die Fähigkeit der Böden, die Klimaerwärmung zu bremsen, 2019 noch einmal ganz genau angesehen und in Form eines Buchs zur Rettung des Bodens aufgerufen.

Florian Schwinn hat 2017 den deutschen Umwelt-Medienpreis erhalten und 2018 den Eduard-Bernhard-Preis des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Hessen.

BIORAMA: Mit dem Aufbau von vier Promille mehr Humus im Jahr auf der landwirtschaftlich genutzten Fläche könnte der weltweite jährliche Kohlendioxidausstoß im Boden gespeichert werden. Woher kommt diese Zahl? Was ist in Paris passiert?

Florian Schwinn: Die Franzosen haben das vorgeschlagen bei der COP in Paris. Die Rechnung ist die folgende: Der Boden ist nach den Ozeanen, also vor allem nach der Tiefsee, der größte Kohlenstoffspeicher der Erde. Da, wo die Landwirtschaft auf der Welt industrialisiert ist, verlieren wir Humus: Die organische Substanz, die dort eingearbeitet ist und dort dauerhaft bleiben könnte, wird durch diese Form der Landwirtschaft verringert. Das hat zur Folge, dass wir immer mehr Kunstdünger verwenden müssen, weil die Böden weniger fruchtbar werden, aber auch, dass das CO2,das im Boden gespeichert ist, freigesetzt wird.

Die Forderung der französischen Regierung von 2015 wurde mittlerweile auch vom deutschen Bundeslandwirtschaftsministerium nachgerechnet: Wenn wir pro Jahr vier Promille mehr gesunden Boden aufbauen, können wir den CO2-Ausstoß der Menschheit (das, was über den natürlichen Kohlenstoffkreislauf auf der Erde hinausgeht) durch Speicherung im Boden ausgleichen.

Wie speichert ein Boden Kohlendioxid?

In einem Kubikmeter gesundem fruchtbaren Boden gibt es mehr Lebewesen, als es Menschen auf der Erde gibt – der Boden ist das vielfältigste Biotop der Erde, mehr als der Regenwald. Auf diesen Boden fällt ein Blatt, die Tiere raspeln es klein, dann frisst es das nächste Lebewesen – zum Beispiel ein Regenwurm –, seine Ausscheidungen sind letztlich frische Erde. Einen Teil dieses Humus nehmen sich die Pflanzen, der Rest bleibt als Dauerhumus im Boden, er ist ein Kohlenstoffspeicher, weil die Pflanzen sich zuvor diesen Kohlenstoff aus der Luft geholt haben.

Was ist mit den anderen Treibhausgasen?

Viele Treibhausgase, auch Methan, sind langfristig im Klima. Der Boden aber kann durch Aufbau relativ schnell Kohlendioxid aufnehmen. In Mitteleuropa, in der DACH-Region, können wir mit einfachen Maßnahmen revitalisieren, was beschädigt ist. Frau von der Leyen hat dementsprechend angekündigt, die Förderstrukturen der Landwirtschaftspolitik auf europäischer Ebene umzubauen. Wenn wir etwa LandwirtInnen nur fördern, wenn sie den Boden das ganze Jahr bedeckt halten mit Nahrung für das Bodenleben und uns, werden wir die Effekte schnell sehen.

Es gibt allerdings Gebiete, etwa in Südspanien, wo es zu spät ist. Genau dort, wo unser Gemüse zu einem erheblichen Anteil herkommt, ist Spanien verwüstet. Außerhalb der Plastikwüste ist eine echte Wüste entstanden. Viele Meter der ehemaligen Böden sind abgetragen. Das wiederherzustellen ist eine Jahrhundertaufgabe, dieses Land ist eigentlich verloren.

»Bei LandwirtInnen, die darauf achten, die Würmer zu pflegen und zu füttern, wie sie auch ihre Kühe füttern, leben auf einem Quadratmeter mitunter über 300 Regenwürmer.«

zitiert Florian Schwinn den Freisinger Biolandwirt Sepp Braun

Passiert die Landwirtschaft der Humuswende extensiv oder intensiv?

Die Frage ist, was wir produzieren. Deutschland braucht die Hälfte seiner Ackerbaufläche (ohne Weidefläche) noch einmal zusätzlich im Ausland, um seine Lebensmittel zu produzieren, hauptsächlich für Futtermittel. Wir müssen also aufhören, mehr Fleisch zu produzieren, als unsere eigenen Böden hergeben. Das bedeutet eine Ernährungsumstellung. Es bedeutet aber auch, nicht mehr weiter zu exportieren. Das, was wir brauchen, können wir im Wesentlichen produzieren, auch wenn man die ein oder andere Orange trotzdem importiert und dafür anderes exportiert. Wenn wir dann noch auf Bio umstellen, haben wir das auch noch nachhaltig.

In welcher Dimension geht derzeit Boden verloren?

Unter den deutschen Bundesländern beobachtet Niedersachsen seine Bodenerosion am längsten: seit fast 20 Jahren. Und nach zehn Jahren wurde Bilanz gezogen und festgestellt: 1,2–2,5 Tonnen Humus gehen pro Hektar und Jahr in Niedersachsen verloren – bei einzelnen Starkregen waren es bis zu 50 Tonnen pro Hektar. In der Wirkungsspanne von LandwirtInnen, also in etwa 50 Jahren, kann die ganze Humusschicht, der ganze fruchtbare Boden, weg sein. Man muss sich vor Augen führen: Die nächste Generation hat womöglich keinen Boden mehr, auf dem etwas wächst.

In anderen Weltteilen ist es noch viel schlimmer, in Afrika oder den USA beispielsweise, da wächst zum Teil nur mehr etwas, wenn mit Kunstdünger gedüngt wird.

Welche Rolle spielt biologische Bewirtschaftung der Böden, um das 4-Promilie-Ziel überhaupt erreichen zu können?

Fest steht: Die HerstellerInnen von Pestiziden, wie Bayer/Monsanto, behaupten, dass ihre Pestizide das Bodenleben nicht schädigen. Es ist mittlerweile belegt, dass sie das doch tun.

Biologische Bewirtschaftung ist nicht der einzige Faktor. In der Weide ist mehr Bodenleben als im Acker. Wer nicht pflügt, hat einen gesünderen Boden als der, der pflügt. Doch generell ist der Biolandbau besser im Humusaufbau als der konventionelle.

Der Regenwurm ist hier auch ein guter Zeiger: Wo viele Regenwürmer sind, weiß man, dass es dem Bodenleben gut geht. Untersuchungen des Bayerischen Amts für Landwirtschaft zur Regenwurmdichte haben gezeigt: In konventionell bewirtschafteten Böden gibt es etwa 60 Regenwürmer pro Quadratmeter. Und bei Bio sind es 120. Und bei jenen LandwirtInnen, die darauf achten, die Würmer zu pflegen und zu füttern, wie sie auch ihre Kühe füttern (ein Zitat von Sepp Braun aus Freising), leben auf einem Quadratmeter bis zu 300 Regenwürmer und mehr.

Sie schreiben: »Die Landwirtschaft könnte vom Klimazerstörer zum Klimaretter werden«. Ist die Landwirtschaft die Klimazerstörerin?

Sie ist eine der KlimazerstörerInnen. Das liegt an ihren Emissionen, sie setzt CO2 frei durch die Bodenbearbeitung, durch die Regenwaldabholzung für Futtermittel, Methan durch die Viehhaltung und den Reisanbau. Die Landwirtschaft ist vielfältig an der Emission von Treibhausgasen beteiligt. Eine humusbildende und humusbindende Landwirtschaft könnte bis zu einer natürlichen Grenze – der Bodensättigung – das Klima sehr entlasten und der Menschheit Zeit geben, den Klimawandel zu stoppen. Die Landwirtschaft könnte der Motor sein, den Klimawandel aufzuhalten.

Wie kann der Rollenwechsel/Imagewechsel angetrieben werden?

Wir sollten eine humusbildende Landwirtschaft fördern. Die Gesellschaft muss die Subventionen umbauen. Die Flächensubvention – alle LandbesitzerInnen bekommen 300 Euro pauschal für jeden Hektar – ist unsinnig. Weil hier nicht gefördert wird, dass etwas getan wird. Sondern als Fördergrundlage reicht es, dass der Boden da ist. Es sollte gefördert werden, dass etwas Sinnvolles gemacht wird.

Wie wecke ich Interesse am Thema Boden? Auf der Bildebene ist Boden ja nicht unbedingt catchy.

Es beginnt schon bei der sprachlichen Problematik. Wir haben keinen anderen Begriff für das, wovon wir uns ernähren, als für das, wo wir etwas draufstellen: Dachboden. Boden. Fußboden. Wenn wir die Relevanz des Schutzes von Auenlandschaften vermitteln wollen, sprechen wir ja auch selten von Auwald und Wiesen. Sondern im Zentrum stehen meist die Tiere, die diese Lebensräume bewohnen. Und der Boden hat den Regenwurm. Und das macht in Mitteleuropa auch wirklich Sinn, hier als Symbol den Regenwurm zu nehmen. Man muss den Blick nach unten auf den Boden richten und es schaffen, das, was dort stattfindet, spannend darzustellen. Die Ausstellung des Senckenberg Museums für Naturkunde Görlitz ist hier zum Beispiel vorbildlich. Bei einem virtuellen Rundgang – mit VR-Brille auf Asselgröße/Regenwurmgröße geschrumpft – kann ich mich durch den Boden bewegen.

Früher mussten die Leute weiterwandern, wenn der Boden ausgelaugt war. Heute glauben wir, wir können die Boden übernutzen und das regeln. Das ist ein Irrtum.

Das Buch »Rettet den Boden! – Warum wir um das Leben unter unseren Füßen kämpfen müssen« ist 2019 im Westend Verlag erschienen.

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #62 erschienen

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