Die Vermessung des Bodens

Günther Aust weiß um die Vielfalt der österreichischen Böden wie kaum ein Zweiter. Und er hat ein Ziel: Bis zu seiner Pensionierung soll die digitale österreichische Bodenkarte vollständig sein.

Günther Aust untersucht am Tag ungefähr 40 Böden. Bilder: Christian Bruna.
Günther Aust untersucht am Tag ungefähr 40 Böden. Bilder: Christian Bruna.

Wer Günther Aust eine E-Mail schickt, erfährt womöglich durch eine automatische Antwort, dass dieser »bis auf Weiteres im Außendienst« ist und die Nachricht auch »zu einem späteren Zeitpunkt nicht bearbeitet werden kann«. Und dass man einen Bodenkundler, dessen Mission die Sammlung von Bodendaten ist, bei halbwegs akzeptablem Sommerwetter nicht im Büro findet, sondern im wahrsten Sinne des Wortes »im Feld«.

Die Dynamik eines Bodens

Als Geländekundler wäre es ihm am liebsten, »alle würden den Boden in Ruhe lassen – und wenn bearbeiten, dann nur sehr extensiv«, gibt Aust zu und wirft einen kritischen Blick auf niederösterreichischen Boden. Aber es gebe eben auch wirtschaftliche Interessen: »Die meisten bewirtschaften Böden ja nicht als Hobby«, bringt Aust es auf den Punkt. Wird der Bodenkundler vom Bundesforschungs- und Ausbildungszentrum für Wald, Naturgefahren und Landschaft (BFW) plump gefragt, was das Faszinierendste am Objekt seiner Erforschungsleidenschaft ist, gerät er ins Schwärmen von der Vielfalt der Böden und lässt sich kaum mehr bremsen.

Zwischendurch fällt ihm ein, dass der dunkle Oberboden, also das, was man beispielsweise sieht, wenn man auf ein unbestelltes Feld blickt, für die meisten Menschen immer sehr ähnlich aussieht – für ihn ist das aber eben anders. Er sieht schon aus der Ferne Farben, Vegetation und Höhenlagen und aus der Nähe Risse und Struktur und das befähigt ihn dann bereits zum educated guess.

»Es ist – wie so oft im Leben – die gute Mischung, die man will«, sagt er und erklärt: Die Art eines Bodens wird durch das Verhältnis von Sand und Schluff und Ton bestimmt, die Rede ist dann auch oft von leichten (also stark sandhaltigen) und schweren (stark tonhaltigen) Böden. Diese Zusammensetzung bestimmt wiederum die Bodenstruktur mit.

Wenn Aust sagt, »Ich seh am Tag ungefähr 40 Böden«, meint er damit, dass er bei der Bodenkartierung 40 Mal am Tag den Bohrstock mit einem Hammer in einen Boden schlägt und wieder herauszieht. Dann kratzt er mit dem Taschenmesser eine Schicht Erde vom Bohrstock und betrachtet die Schichten, die die Bodenzusammensetzung Zentimeter für Zentimeter abbilden. In der Probe wird »die Dynamik eines Bodens« erkennbar, und zwar anhand der Farbe, der Flecken und der Risse,die sie aufweist – und anhand dessen, wie sich die Probe durch die Entnahme gedreht hat. Diese Dynamik lässt Schlüsse auf Textur, Struktur und den Wasserhaushalt zu.

Humus schützt vor Wind und Wetter

Beides interessiert bisher vor allem LandwirtInnen. Nicht alle im angemessenen Ausmaß, merkt Aust an, gesteht aber ein: »Das Interesse der LandwirtInnen an ihrem Boden hat sich auf jeden Fall schon zum Besseren verändert, das ist von Region zu Region sehr unterschiedlich. Oft funktioniert es im Schneeballprinzip: Einer beginnt etwas Neues, es funktioniert, den Rest kennt man ja.« Wenn man die Zusammensetzung seines Bodens kennt, dessen Wasserhaltekapazitäten, dessen Bodenstruktur, dann weiß man auch, was in und auf ihm gedeiht, wie man seinen Boden pflegen sollte und was man dem Boden wann zumuten kann. Die größten Feinde des gesunden Bodens sind schweres Gerät, starker Einsatz von Düngern und Pestiziden sowie häufige und intensive Bodenbearbeitung.

Die digitale Bodenkarte ist über bodenkarte.at abrufbar.

Denn all das verringert den Sauerstoffgehalt im Boden, das Bodenleben und führt zu Bodenverdichtung. Abhängig von ihrer Zusammensetzung (Stichwort Sand – Schluff –Ton) seien Böden unterschiedlich anfällig für Verdichtung, betont Aust, aber viel hänge eben davon ab, wie der Boden behandelt werde.

Verdichtung bedeutet ab einem gewissen Grad einen humusarmen Boden und der ist nicht nur landwirtschaftlich wertlos, sondern auch von Erosion gefährdet. »Genauso wie auch Böden, die offen sind. Weil das ein unnatürlicher Zustand ist«, erklärt Aust.

»Mir ist es ein Anliegen, dass das Bodenbewusstsein steigt und die Leute, wenn sie Boden hören, nicht nur Fußboden verstehen.«

Günther Aust

Bodenverlust findet allerdings gleichzeitig auch im ganz großen Ausmaß durch Versiegelung statt. In der Raumplanung beginne man erst, sich ernsthaft Gedanken darüber zu machen, wo Böden sind, die erhaltenswert ist, und wo andere mit »niedrigerem Funktionserfüllungsgrad«, wie es der Fachmann nennt. Und der will vor allem, dass vermieden wird, besonders wertvolle Böden etwa durch Gewerbegebiete, die auch woanders errichtet werden könnten, zu versiegeln.

Was den Bodenkundler außerdem schmerzt: dass der beste Ackerboden im Vergleich zum schlechtesten Bauland immer noch nichts »wert« ist. Ob das die richtige Anreizstruktur ist, um der schnell voranschreitenden Flächenversiegelung etwas entgegenzusetzen, stellt er infrage und deutet an, dass er die Möglichkeit, durch Umwidmung von Ackerland in Bauland, eine Veränderung »auf dem Papier« ohne eine des Bodens, massive Wertsteigerung zu erfahren, für ein grundlegendes Problem hält.

Boden der Stunde null

Und der Bodenverlust ist bekanntermaßen nicht zuletzt ein Problem für die Nahrungsmittelversorgung, vor allem der des Oberbodens, betont Aust.

»Den kann man in manchen Fällen sogar mit einem Bagger von dort holen, wo es ihn hingeschwemmt hat, und wieder draufschütten, aber bei einem Rohboden, der auf Entwicklungsstunde null steht, dauert es Jahrzehnte, bis man wieder einen normalen Boden sieht.«

Durch Gründüngung und andere Maßnahmen könne es schon nach 10–15 Jahren so weit sein. Vorausgesetzt, es tritt während dieser Zeit kein weiterer Starkregen ein, denn dadurch würde der Boden wieder weggetragen werden. Es ist ein Teufelskreis, dessen Einsetzen es möglichst viel entgegenzusetzen gelte – zum Beispiel Wissen – und auf Basis dessen dann Maßnahmen wie etwa Bodenbedeckung folgen müssten.

Entscheidungsbasis

Die Kartierung österreichischer Böden wurde ab den 1950er-Jahren im großen Stil betrieben. »Da sind 20 Kartierer gleichzeitig in Österreich herummarschiert und haben mindestens alle 100 Meter mit ihrem Bohrstock eine Bodensondierung vorgenommen«, beschreibt Aust den Aufwand. Anfang der 2000er wurde dann damit begonnen, die Daten zu den österreichischen Böden zu digitalisieren. Seit 2006 ist die digitale Bodenkarte, liebevoll kurz eBod genannt, online, aber sie ist noch nicht vollständig.

Wien-West und Klosterneuburg werden von einem Kollegen sehr bald fertiggestellt sein, erwartet Aust. Doch er erklärt zerknirscht: »/Meine/ große weiße Lücke liegt im Bezirk Melk, im ehemaligen Gerichtsbezirk Mank. Das ist umso schlimmer, weil das ein landwirtschaftlich besonders interessantes und wichtiges Produktionsgebiet ist.« Die Daten seien großteils erfasst, aber es warte noch die redaktionelle Arbeit – etwa die Plausibilitätsprüfung der gesammelten Daten. Der größte Teil von Austs Arbeit ist dann zwischen Oktober und Mai also doch wieder Schreibtischarbeit. Mit Unterbrechungen arbeitet der Bodenkundler nun seit 18 Jahren an der Kartifizierung Österreichs, ursprünglich sein Hauptprojekt, aber wie es so geht: Laufend kämen andere Aufgaben hinzu.

Doch Aust bleibt zuversichtlich: »Ich habe die Hoffnung, dass ich in drei Jahren eine engagierte Mitarbeiterin oder einen Mitarbeiter bekomme, damit ich mich vor den anderen Arbeiten verstecken und bis zu meiner Pensionierung mein Mank ins Internet bringen kann. Das ist mir wichtig, denn diese landwirtschaftliche Bodenkarte bietet eine so tolle Datenlage, dass es sehr schade wäre, wenn sie nicht weiter aktualisiert würde. Und die Zugriffszahlen bestätigen das Interesse. Es ist mir ein Anliegen, dass das Bodenbewusstsein steigt und die Leute, wenn sie Boden hören, nicht nur Fußboden verstehen.«

Dieser Artikel ist im BIORAMA-Magazin #62 erschienen

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