BIORAMA:Der Food Campus will die Transition zu einer nachhaltigeren Lebensmittelproduktion fördern. Woran fehlt es?
Lia Carlucci: Seine Kernaufgabe ist, Innovation voranzubringen – und zwar positive, die zu einem umweltverträglicheren und gesünderen Lebensmittelsystem beitragen. Die Ernährungswende ist genauso relevant wie die Energiewende. Sie endet nicht an Stadt- oder Landesgrenzen. Wir haben mit dem »Unternehmertum« der Technischen Universität München und der Unternehmensberatung Institut für Innovation und Change Methodik (ebenfalls München), dem Swiss Food Valley (Lausanne) und dem Wiener AWS eine Ökosystemkarte veröffentlicht, in die wir kleine Unternehmen und Mittelständler einzeichnen, um jenen, die Kollaboration suchen, zu zeigen, wo es dazu Potenzial gibt. Wir sitzen in Berlin, aber wirken international.
Hat die Lebensmittelindustrie selbst nicht ausreichend Interesse, innovative Ideen aufzugreifen und zur Marktreife zu bringen?
Es existieren bereits viele Lösungen. Startups entwickeln Technologien, haben aber kaum Kapital und Marktzugang. Konzerne und Mittelständler haben vielleicht die Möglichkeiten, aber mitunter die Ideen nicht. Die Verbindungen fehlen – der Campus soll ein physischer Ort sein, wo wir das zusammenbringen.
Was fehlt konkret hierzu in Berlin und Deutschland?
Es gibt Probleme auf drei Ebenen: Erstens das Mindset. In Gesprächen mit potenziellen Mietern für den Campus fragen mich deutsche Unternehmen oft ›Wer ist noch aus meiner Branche da?‹, weil sie Exklusivität haben wollen. Wenn niederländische Unternehmen das fragen, wollen sie das wissen, weil sie zusammenarbeiten wollen. Zweitens leidet die Branche unter der Langsamkeit des regulatorischen Prozesses. Der ist undurchsichtig und kostenintensiv. Das dritte Problem betrifft die Finanzierung: Wir haben einen Growth Gap. Das bedeutet, Startups, die in Europa entwickeln, wachsen dann in den USA, weil sie dort das nötige Geld bekommen. Der Wert wird also hier generiert, die Wertschöpfung findet woanders statt. Zwischen 2020 und 2025 hat Deutschland 79 Millionen Euro in die Forschungsförderung von alternativen Proteinen investiert – das ist weniger als 1 Euro pro Kopf. Das reicht lange nicht. Also entweder die öffentliche Hand nimmt was in die Hand – oder man erleichtert die Investitionsmöglichkeiten. Positiv ist, dass die deutsche Bundesregierung alternative Proteinquellen in ihrer Hightech Agenda verankert hat und einen nationalen Innovationshub für biotechnologisch hergestellte Lebensmittel einrichten will.
Mitunter stehen Innovationen Regulationen im Weg, mitunter Skepsis der KonsumentInnen. Ist nicht beides berechtigt? Warum sind Cultivated Meat und Milch, die nicht aus Kuhställen kommt, nicht längst in unseren Supermärkten erhältlich?
Die Novel-Food-Verordnung ist dazu da, dass wir sichere Lebensmittel haben – und tatsächlich haben wir in Europa die weltweit sichersten Lebensmittel. Doch der Zulassungsprozess ist für Unternehmen eine Herausforderung. Viele neue Zutaten und Produkte gibt es einfach nicht, weil die Unternehmen es sich nicht leisten können, sie auf den Markt zu bringen. Die großen Konzerne haben den langen Atem, aber als Startup ist es sehr schwierig, mit seinem Produkt jahrelange Prüfprozesse zu durchlaufen, bei denen man zu keinem Zeitpunkt weiß, wie lange es dauern wird und welche Anforderungen noch auf einen zukommen werden. Etwa weil man nach einem Jahr Warten erfährt, dass noch eine Studie nachzureichen ist. Sebastian Rackers, dem Gründer von Bluu Bioscience (Ein Unternehmen, das an zellkultiviertem Fisch arbeitet, Anm.), hat das einmal mit folgender Metapher zusammengefasst: »Wir bauen das Flugzeug, während wir es fliegen«. Das führt dazu, dass Innovation, die im DACH-Raum entwickelt wird, in Singapur oder in den USA auf den Markt kommt.
Wie könnte man das besser organisieren?
Die EFSA (Europäische Agentur für Lebensmittelsicherheit) ist hier zuständig. Es gibt Verbände (der Lebensmittelindustrie, Anm.), die sich engagieren, zum Beispiel die Verbände Cellular Agriculture Europe und Food Fermentation Europe – die könnte man in die Gestaltung der Prozesse einbinden und fragen, was es ihnen leichter machen würde.
Wie kann man der Biobranche über diese Schwelle helfen, um Food Tech als Chance, nicht als Gefahr zu sehen?
Die Biobranche war immer superinnovativ, das konnte und kann sie sein, weil dort nicht jeder alleine kämpft. Es gibt die Verbände (der Biolandwirtschaft, Anm.) – die müssen das Thema auf die Agenda bringen.
Novel Food
Die Verordnung (EU) 2015/2283 regelt das Inverkehrbringen „neuartiger Lebensmittel“.
Bio, vegan, proteinreich, fair gehandelt, regional, personalisiert oder clean – was macht Lebensmittel für die VerbraucherInnen der Zukunft wertvoll und als solche erkennbar?
Wir haben hier mit regional oder clean ja auch sehr vage Begriffe dabei, das macht es schwierig für KonsumentInnen. Sie sind aufgeklärt und wollen nun wissen, wie ökologisch und sozial gerecht ihre Lebensmittel produziert werden. Die Technologien zur Rückverfolgbarkeit werden sich nun verbreiten, denn sie sind da. Und Vertrauen ist die Währung der Zukunft. Personalisierung ist auch kein kleiner Trend: Im Moment steht sie noch nur ein bis zwei Prozent der Bevölkerung zur Verfügung. Doch allein in Deutschland belaufen sich die gesundheitlichen Folgekosten schlechter Ernährung auf 16 Milliarden im Jahr. KI und Machine Learning ermöglichen es, personalisierte Ernährung zu demokratisieren.
Wie geht das?
Wenn ich als Ernährungsexpertin die Ernährungsdaten einer Person sammle – was sie isst und welche Unverträglichkeiten sie hat, kann ich damit viel machen, vorausgesetzt, die Informationen sind nicht zu lückenhaft – wir Menschen vergessen vieles von dem, was wir konsumieren, das relevant ist. KI kommt überall da ins Spiel, wo es einerseits schon große Datenmengen gibt oder die künftig erfasst werden. Sie wird einerseits helfen, indem sie die Aufzeichnung einfacher macht, etwa wenn über Apps einfach fotografiert werden kann, was gegessen wird, statt alles einzeln händisch einzugeben. Andererseits, weil sie diese Informationen mit anderen kombinieren und auswerten kann – etwa denen eines Glucosetrackers am Arm oder eines Rings am Finger, der auch misst, wie gut man geschlafen hat. Wearable Tech ermöglicht hier vieles.
Wie neu ist neu?
Die Novel-Food-Verordung wurde zwar bereits mehrfach überarbeitet, als neu gilt allerdings bis heute, was nicht vor dem 15. Mai 1997 in »nennenswertem Umfang« in der EU für den menschlichen Verzehr verwendet wurde.
Von Startups aus welchen Bereichen werden wir demnächst viel hören?
Zwei Bereiche: Einerseits KI entlang der ganzen Wertschöpfungskette. Die Lebensmittelbranche ist hier noch verhältnismäßig unbeackert, das beginnt gerade. Eingesetzt werden kann sie von der Produktentwicklung bis zur Prognose von Konsumverhalten. Das Münchner Startup Delicious Data etwa berücksichtigt auch Wetter und Feiertage, um etwa der Gastronomie zu helfen, ihre Kapazitäten besser zu planen – das hilft letztlich auch, Lebensmittelabfall zu reduzieren.
Andererseits Nebenstromveredelung: Das ungenutzte Potenzial von Rohstoffen wird mehr und mehr genutzt werden. Seien es Nusschalen oder Biertreber – alles, was derzeit als Abfall in der Lebensmittelproduktion anfällt, wird unter die Lupe genommen, wie es doch bestmöglich genutzt werden kann.
Ihr Job ist der einer Brückenbauerin zwischen Forschung und Markt. Sie können vermutlich auch viel kosten – Was würden Sie Menschen mit traditionellem Speiseplan empfehlen, im Sinne der Planetary Health auszuprobieren?//
Verhaltensänderung funktioniert am besten, wenn sie nicht zu radikal ist. Ich möchte das Konzept »one meal a day« empfehlen: Sich eine Mahlzeit des Tages auszusuchen, bei der man versucht, etwas umzustellen – beim Frühstück oder beim Mittagessen für etwas Vertrautes zu schauen, was es an Alternativen gibt und sie auszuprobieren. Ich will eine Lanze für die Kategorie brechen.
Bild: Food Campus Berlin.
Für die von pflanzlichen Alternativen, oder, wie man früher sagte, Fleischersatzprodukten?
Wir haben tierische Produkte über Jahrtausende perfektioniert. Viele Leute sagen, sie mögen Fleischalternativen nicht, haben aber kaum was probiert. Der erste pflanzliche Burger von Beyond Meat ist vor 17 Jahren auf den Markt gekommen. Den würde heute niemand mehr essen, weil enorme Innovation seit der ersten Generation von Fleischersatzprodukten stattgefunden hat. Nicht nur geschmacklich und ökologisch hat sich hier viel getan, sondern auch im Proteingehalt können diese mittlerweile mit tierischen Lebensmitteln mithalten.
Lia Carlucci hat Ernährungswissenschaften studiert und einen MBA mit Fokus auf Strategy, Innovation und Entrepreneurship. Sie hat unter anderem ein Startup für pflanzliche Nahrungsergänzungsmittel gegründet und verkauft, bei der Marke Jägermeister Venture Capital verwaltet, bevor sie 2024 die Geschäftsführung des Food Campus Berlin übernommen hat. foodcampus.berlin
BIORAMA Wien–Berlin #6
Dieser Artikel ist im BIORAMA Wien–Berlin #6 erschienen